Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke
Photo by Thought Catalog on Unsplash

Zu viel Mantra? Da knurrt am Ende nur der leere Magen.

(Foto: Thought Catalog on Unsplash)

Food-Kolumne „Abgeschmeckt“ Bitte beim Essen mehr Bauchgefühl und weniger Mantra

Heute vegetarisch, morgen vegan, übermorgen hungern. Die eine Lebensweisheit widerspricht der anderen. Wie wäre es mit Entspannung am Küchentisch?
Kommentieren

DüsseldorfWir alle werden angetrieben von der Idee, die Dinge gut zu machen, besser zu machen, wenn nicht gar perfekt zu machen. Das gilt für den Job im Allgemeinen wie für die Ernährung im Besonderen – aber das im Speziellen habe ich satt. Andauernd schlägt ein neues Super-New-Schlank-Happy-Wohlfühl-Topgesund-Kochbuch auf meinem Schreibtisch (oder dem des Kollegen) auf.

Kein Tag, an dem sich nicht irgendwer im Büro oder Bekanntenkreis einer neuen „Challenge“ verpflichtet: „Vegan for Fit“ à la Attila Hildmann, Intervallfasten, „Dry January“, 33 Tage zuckerfrei und so weiter. Plötzlich kann man froh sein, wenn nur der Vegetarier und die Laktoseintolerante zur gemeinsamen Mittagspause zusagen. Ansonsten würde sich ja kein Place to be, geschweige denn to eat, für alle finden – die Kantine traue ich mich nicht zu erwähnen.

Der Knaller aller Challenger und Foodtrend-Follower aber sind jene, die sich gleich alles auf einmal auf den Teller laden – beziehungsweise: meiden. Zum Beispiel: #zuckerfrei, vegan und #zerowaste. Absoluter Detox, von allem.

Oder: simultaner Gluten-, Soja-, Milchprodukte-, Fleisch- und Mineralwasserverzicht. (Okay, das mit dem Mineralwasser ist nicht ganz ernst gemeint, das ergibt immer Sinn: Deutsches Leitungswasser ist top.)

Müssen wir jetzt alle dauernd unseren Magen challengen? Können wir beim Essen bitte mal wieder das Bauchgefühl einschalten? Eins vorneweg: Ich habe nichts gegen Weltverbesserer, im Gegenteil.

Ich bin in extremo für Weltverbesserung, Klimaschutz, Nachhaltigkeit, Tierschutz, gesunde Ernährung, Humor und Herausforderungen. Aber ich bin auch bekennende Anhängerin der Bewegung „Bauchgefühl“. (Gibt es vielleicht noch nicht, sollte mal gegründet werden!) Sonst wird einem ja irgendwann ganz blümerant.

Ein Beispiel: Vor Kurzem habe ich einen jungen Gründer aus Berlin getroffen, der plastikfreie Produkte vertreibt – ein idealistischer Unternehmer, der nach einem Plastikerlebnis mit einem Müllberg am Strand vor zwei Jahren beschlossen hat, unnötiges Plastik zu vermeiden – darüber hat er nun auch ein Buch geschrieben.

Und da sitzt er nun an seinem Küchentisch, vor sich die Holz-Obstschale und das wiederverwendbare Gemüsenetz, wir sprechen über das Einkaufen auf dem Wochenmarkt und den Gang mit der Tupperdose zur Käsetheke und dass er nun viel bewusster konsumiere und überdies auch fast kaum noch Fleisch esse, ja, fast schon vegan lebe. Und dann bekennt er: Er habe sich am Tag zuvor eine Nussmilch im Tetra-Pak gekauft.

Plastik! Der Plastikfrei-Mann!

Ja, weil er eben gerade mit seiner Freundin „so eine Zucker-frei-Challenge“ mache, 30 Tage ohne Zucker. Nun weiß jeder, der mal versucht hat, auf Zucker zu verzichten: Das Zeug steckt überall drin, sobald wir in die Tiefen der industriellen Fertigfutterwarenwelt eindringen. Zuckerfrei ist schon für sich Challenge genug. Aber in Kombi mit Veganismus, nachhaltigem Konsum, Intervallfasten, Fairtrade-Geboten, Alkohol-Askese und plastikfreiem Lebensstil wird es für Menschen, die nicht den ganzen Tag Zeit haben, selber Nüsse zu Milch zu verarbeiten, mehr als komplex. Oder schon mal Reisdrink oder Sojajoghurt im Glas gekauft? Eben.

Das geht nicht, allen guten Ratschlägen gleichzeitig zu folgen. Wir können ja jetzt nicht nur noch selbst angebaute Kartoffeln, Kohl, Nüsse und Äpfel essen, die idealerweise selbst vom Baum gefallen sind (und ich esse sehr gern Kartoffeln, Kohl, Nüsse und Äpfel aller Art). Man bräuchte sonst wenigstens eine Ordnung: Vegan schlägt vegetarisch, das ist klar – aber was ist höherwertig: plastikfrei oder zuckerfrei? Bio oder zerowaste? Sticht regional fairtrade?

Das soll keine Ausrede sein, um nix zu tun – im Gegenteil. Jedes Glas regionaler Imkerhonig statt aus Südamerika eingeflogenem hat seinen Wert, ebenso jede Bio-Falafel statt eines in Alu verpackten Döners, jede Fairtrade-Banane versus Chiquita und jede Brotbox, die Plastiktüten ersetzt. Wer sich bemüht, soll sich nicht fertigmachen müssen, nur weil er auch mal eine Plastiktüte Chips kauft.

Ja, bevor wir uns in unseren eigenen anspruchsvollen Essensidealen, die teilweise komplizierter sind als Trainingspläne von Profisportlern, so verheddern, dass wir vor lauter Ansprüchen stundenlag im Supermarkt verbringen und am Ende zu spät dran sind, um unsere Linsen noch lange genug einzuweichen, damit wir sie am nächsten Morgen in unsere Superfood-Bowl packen und mit Sprossen garniert ins Büro tragen zu können – ja, wo hat der Satz noch mal angefangen? Also irgendwann ist Ende.

Ich finde es legitim, idealistisch zu sein. Aber wo bleibt das Bauchgefühl, was in Ordnung ist? Wenn wir die Welt retten wollen, müssen wir – vor allem die Fanatiker – uns auch ein wenig vor uns selbst retten. Sonst enden wir wie der Kollege, der neulich total verzweifelt aus der Mittagspause kam.

Er wollte nicht mit dem üblichen Tross zum gemeinsamen Mittagessen aufbrechen – Angst vor dem nicht-idealen Konsum. Er wollte sich was Gesundes gönnen. Also irgendwie frisch und regional und vegan und unverpackt und Superfood und superhip und fairtrade, dabei nicht zu viele Kalorien, aber auch nicht zu wenige und mit den richtigen Fettsäuren und ohne falsche Eiweiße – und obendrein sollte es auch noch schmecken. Und Möhren mag er nicht.

Am Ende stand er noch vorm Regal, als die Kollegen im Bistro schon den Espresso tranken. Und saß später mit knurrendem Magen und einer Packung Reiswaffeln am Tisch – bis ihm jemand ein doppelt in Plastik verpacktes, vor tierischen, ungesättigten Fettsäuren und chemischen Stoffen nur so strotzendes schokoladiges Monstrum aus irgendeiner Fertigbackwelt rüberschob.

Klingt furchtbar. Aber ich sag mal so: Das lag schon seit Wochen im Kühlschrank der Teeküche, und es war höchste Zeit, dass das mal einer aufaß und nicht wieder Lebensmittel verschwendet wurden und das nicht en bloc in die Umwelt gelangte.

In ihrer Kolumne „Abgeschmeckt“ macht sich Corinna Nohn Gedanken über Foodtrends und Fragen des guten Geschmacks.

Die wichtigsten Neuigkeiten jeden Morgen in Ihrem Posteingang.
Startseite

Mehr zu: Food-Kolumne „Abgeschmeckt“ - Bitte beim Essen mehr Bauchgefühl und weniger Mantra

0 Kommentare zu "Food-Kolumne „Abgeschmeckt“: Bitte beim Essen mehr Bauchgefühl und weniger Mantra"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.