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Zitrone, vegan und vitaminreich

Schluss mit dem Süßen: ein beliebter Vorsatz zu Jahresbeginn.

(Foto: rawpixel on Unsplash)

Food Kolumne „Abgeschmeckt“ Neues Jahr, gute Vorsätze – so klappt es (nicht)!

Ab morgen zuckerfrei leben? Auf Kohlenhydrate oder Alkohol verzichten? Veganer werden? Bitte weniger Radikalität bei Fragen der Ernährung!
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DüsseldorfKeine zwei Wochen ist 2019 alt, und wer hat sie nicht, die guten Vorsätze? Also, wer hat sie nicht schon hinter sich gelassen?

Ganz oben auf der Hitliste stehen in Deutschland ja immer Ernährungsmantras: Kein Alkohol mehr. Neun Kilo abnehmen. Null Schokolade – wobei Verzichtsparolen vergleichsweise reaktionäre Vorsätze sind. Old school. 90er-Jahre. Die Dinge werden ja stetig komplexer.

Zeitgemäßer ist es, „Schokolade“ in obigem Satz beispielsweise durch einen der folgenden Begriffe zu ersetzen: Zucker, Koffein, Kohlenhydrate, schlechte Kohlenhydrate, ganz schlechte Kohlenhydrate. Gesättigte Fette, Weizenmehl, Gluten oder Lactose (und hier sind gar nicht die wirklichen Allergiegeplagten gemeint), oder – jetzt zu den wahren Trends – „Früchte aus Südamerika“, „Avocado wegen des hohen Wasserverbrauchs“, „Fleisch aus Massentierhaltung“, „in Plastik verpackte Lebensmittel“, „Dinge, die einen Schatten werfen“.

Aber viele zielen nach wie vor aufs große Ganze und wollen sich pauschal kasteien: endlich gesund ernähren und schlank und schön werden und dabei natürlich prima Laune haben (wobei sie alle Erkenntnisse, dass sich das per se ausschließt, ausblenden).

Klingt gut, aber: Same procedure as every year?! Sollen wir das also alles sein lassen mit den guten Vorsätzen?

Es ist wirklich nicht meine Absicht, jemanden von einem guten Plan abzubringen. Oder irgendwem abzusprechen, dass er sein Leben ändern kann. Über den Sinn und Unsinn, so eine Lebensänderung gerade zum 1.1. umsetzen zu wollen, haben sich in den vergangenen Tagen ohnehin bereits genug andere ausgelassen.

Nein, wirklich: Ich liebe Vorsätze, Tatendrang, positives Denken! Ein Hoch auf alle guten Pläne und ihre Umsetzung! Aber leider schafft es jeder zweite gute Vorsatz nicht über die ersten paar Monate hinaus.

Es ist natürlich faszinierend, dass jedes Jahr aufs Neue Menschen glauben, von heute auf morgen vom Morgenmuffel zum Frühaufsteher, vom Intriganten zum perfekten Chef, vom Moppelchen zum austrainierten Profisportler mutieren zu können. Ja, diese stetig neu auflebende innere Überzeugung zum Jahreswechsel ist bewundernswert.

Allerdings schadet an dieser Stelle eine gewisse Portion Realismus nicht. Wie bei Schlafgewohnheiten, Charakterstärken oder Beziehungskram gilt gerade beim Essen: Es sollte gut gemacht sein, inklusive Vorbereitung und Zeitplan. Sprich: Das ganze Rezept muss den eigenen Fähigkeiten, was Fleiß, Willensstärke und (körperliche sowie kulinarische) Voraussetzungen angeht, angemessen sein. Realistisch.

Ich empfehle da als Anschauungs- und Lehrbeispiel einen Auftritt von Hagen Rether. Der ist schon lange Veganer und zudem Kabarettist. Ungeniert und zuweilen böse führt er seinem Publikum vor Augen, was es mit seinem Fleisch- und Tierproduktekonsum und dem bergeweise Kauf von in Plastik verschweißten, industriell erzeugten Ramschessen anrichtet. Wenn zum Beispiel 10.000 Liter Wasser für die Produktion eines Kilogramms Rindfleisch draufgehen.

Aber Rether ist nicht nur fatalistisch, sondern durchaus auch konstruktiv. Leute mit Ernährungsplänen könnten sich von Rether, um im Bilde zu bleiben, ruhig eine Scheibe abschneiden. Er sagt zum Beispiel auf der Bühne: „Sie müssen ja nicht über Nacht Veganer werden. Bloß nicht immer so preußisch-deutsch 150-prozentig!“ Ja, man könnte auch die „ganzen Lederscheißsachen“ ruhig auftragen, halte ewig, das Zeug.

Aber: „Essen Sie einfach immer weniger Tierprodukte, immer weniger und weniger, bis sie in zwei Jahren dann Veganerin und Veganer sind. Sie wissen gar nicht, wie ihnen geschieht. Die Blutwerte normalisieren sich endlich wieder, die Gelenke tun nicht mehr weh, die alten Klamotten passen wieder, sie haben ein einheitliches Hautbild und sie riechen nicht mehr wie ein Iltis!“

Das ist doch eine wunderbare Vorstellung. Also nicht das mit dem Iltis. Sondern: Nicht gleich radikal einsteigen, da könnte man ja schon mit dem Champagner-Kelch um Mitternacht auch gleich auf das Scheitern der guten Vorsätze anstoßen. Schrittweise an die Veränderung herantasten und dann irgendwann überrascht sein, was aus einem geworden ist.

Je nach Vorsatz heißt das: immer weniger Zucker in den Kaffee kippen, nur noch jede zweite Woche Thunfisch kaufen. Statt plötzlicher totaler Askese immer nur noch ein Glas Wein, dann ein kleines, dann nur noch am Wochenende. Öfter mal im Unverpackt-Laden einkaufen – aber nicht direkt hinschmeißen, wenn mal doch nur Zeit für die plastikverschweißte Fertigpizza aus dem Supermarkt ums Eck war. Nicht direkt den Wocheneinkauf auf „bio“ oder „local“ umstellen, aber zum Beispiel beim Honig einsteigen.

Den Prozess im eigenen Tempo vorantreiben, vielleicht mal auf einer Stufe pausieren. Auf diese Weise lebt es sich irgendwann, fast unbemerkt und ohne Verzichtsgefühle, (fast) zuckerfrei, kommt der Speiseplan (nahezu) ohne gefährdete Fische aus, ist der Griff zum alkoholfreien Bierchen oder Bio-Glas ganz normal.

Das Step-by-step-Konzept lässt sich natürlich auf alle möglichen anderen mit guten Vorsätzen gepflasterten Lebensbereiche übertragen. Sport, Familie, Büro. Aber bitte: Vorsicht Ihr Übereifrigen, jetzt nicht gleich wieder alle Problemzonen auf einmal angehen!

Wer nur noch von veganer, zuckerfreier Bio-Kost leben und seine Arbeit effizienter erledigen will, zudem ein aufmerksamerer Partner oder besserer Chefin sein möchte, künftig immer ausgeschlafen und achtsam sowie mit Bauchmuskeln, ohne Rückenschmerzen und in nachhaltig gewirkten Kleidungsstücken durch die Welt schreiten (natürlich autofrei) will – der sollte das mit den guten Vorsätzen zu Jahresbeginn wirklich vergessen und eine Bucket-List fürs ganze Leben erstellen.

In ihrer Kolumne „Abgeschmeckt“ macht sich Corinna Nohn Gedanken über Foodtrends und Fragen des guten Geschmacks.

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