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Gesundes Zeug

Stress im Büro, und dann mal nicht zum Schokoriegel greifen, sondern zu Banane, Kiwi, Salatblatt. Wäre das was?

(Foto: Vitalii Pavlyshynets on Unsplash)

Food Kolumne „Abgeschmeckt“: Nudging Das Drama mit dem Essen und der Moral

Stress im Büro und dann schnell einen Schokoriegel schnappen – wie wertvoll wäre da ein Angebot an gesunden Snacks im Büro. Oder?
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DüsseldorfIn der zurückliegenden Woche hat mich ein gescheitertes sozial-kulinarisches Experiment ein wenig, nun, desillusioniert zurückgelassen. Es ging um gesunde Ernährung im Büro, gemischt mit ein wenig „Nudging“, und es entwickelte sich ein Drama in fünf Akten.

Prolog

Nudging kommt von „to nudge“, also schubsen, stoßen. Geprägt haben den Begriff zwei Verhaltensökonomen aus den USA, Richard Thaler und Cass Sunstein. Die Idee beim Nudging ist, Menschen zu klugen Entscheidungen zu verleiten, ohne ihnen etwas vorzuschreiben oder zu verbieten.

Ein Klassiker: Wenn der Drucker standardmäßig auf den ressourcenschonenden Modus „beidseitig ausdrucken“ eingestellt ist, stellt ihn kaum ein Nutzer extra auf „einseitig“ um – es sei denn, es ist wirklich nötig. So lässt sich viel Papier und Geld sparen.

Ohne diesen Nudge würde kaum jemand extra auf „beidseitig“ umstellen, obwohl es in den meisten Fällen Verschwendung ist, nur einseitig auszudrucken. Unabhängig von der Frage, ob wir im digitalen Zeitalter nicht überhaupt viel zu viel ausdrucken, klingt das Konzept des sanften Schubsens in die richtige Richtung simpel und verlockend.

Erster Akt

Warum also das Ganze nicht anwenden in Richtung gesundheitsförderlichem und klimaschonendem Obstkonsum im Büro? Wir kennen das ja alle: diese schwarzen Löcher im Berufsalltag, die uns Energie raussaugen und irgendwie mit Koffein, ganz oft auch mit Zucker oder einem Schokoriegel aus dem firmeneigenen Snackautomaten gestopft werden. Eigentlich würden ja alle immer total gern was Gesundes essen. Obst und Rohkost und Nüsse und so.

Das müsste man sich aber einpacken, das wäre ja mindestens so aufwendig wie das Einstellen der Druckerkonfiguration (Wo finde ich das? Wie aufwendig ist das? Ist es nicht bequemer, einfach so weiterzumachen wie bisher, auch wenn ich dann immer dieses schlechte Gewissen habe?).

Zweiter Akt

Eine Bekannte dachte sich also: Nimm‘ den anderen ein bisschen Aufwand ab – und lenke sie mit Nudging in Richtung nachhaltige Lebensweise. Ein bisschen Weltverbesser eben, sie hat garantiert auch ein Fahrrad und kauft beim Biometzger ein.

Sie kaufte Äpfel, Birnen, Bananen, alles regional oder bio und keine plastikverschweißte Discounterware, arrangierte alles in einer Kiste mitten auf dem Tisch in die Teeküche ihrer Abteilung. Daneben platzierte sie ein Sparschwein und einen Zettel: Solange das Schwein ordentlich gefüttert werde, komme Nachschub.

Dritter Akt

Die erste Woche war überwältigend, das Schwein war übersatt, die Initiatorin berichtete: „Ich komme kaum hinterher, die Kiste nachzufüllen.“ In der zweiten Woche machte sich eine gewisse Zahlungsmüdigkeit breit – sie hängte eindringliche, aber humorvolle Botschaften zur Zahlungsmoral an die Kiste und begann, genaue Angaben zu den Kosten darauf zu notieren. Ein Kollege sagte: „Ah super, das konnte man gar nicht abschätzen, wie viel so eine Biobanane wert ist.“ Das half kurzfristig.

Vierter Akt

Die vierte Woche ließ die Frau desillusioniert mit einem Haufen Fünf-Cent-Stücken und einer leeren Kiste zurück. Sie grübelte: Offenbar war das Interesse an nachhaltigem Obst groß. Gleichzeitig waren Geiz oder finanzielle Bedürftigkeit in diesem Unternehmen auszuschließen.

Waren die Trittbrettfahrer dieselben, die immer ihr dreckiges Geschirr einfach auf die Ablage statt in die Spülmaschine stellten? Wie kann man denn im Büro, wo doch Ansehen und Karriere auf dem Spiel stehen, aufs Trittbrettfahren setzen? War die Idee mit dem Nudging Firlefanz?

Wollten die Leute einfach billiges Obst? (Vielleicht, weil sie ja doch weiterhin Schoko- und Zuckerkram kauften und diese Zweigleisigkeit irgendwie gegenrechnen mussten?) Oder kommt das Fressen, pardon, tatsächlich vor der Moral?

Episode am Rande: Parallel hatte ein Kollege in einer anderen Abteilung eine ähnliche Idee, aber mit anderem System: Dort geht der Obstdienst reihum, das ganze wird mit Excel-Tabelle und Kalendereintrag in Outlook festgehalten. „Läuft super“; sagte der Mann.

Fünfter Akt

Die Bekannte kam zu dem Schluss: Offenbar läuft in deutschen Büroetagen nix ohne Excel. Aber sie hatte keine Lust, die Ordnungsprinzipien ihres Arbeitsalltags auf das soziale Miteinander auszudehnen. Das Experiment mit der Obstkiste war gescheitert.

Epilog

Just, als sie diese Entscheidung getroffen hatte, lief ein Vorgesetzter über den Gang und fragte nach dem tollen Obst. Als sie das Aus verkündete, sagte er sofort: Nein, weitermachen! Das Verhalten der anderen sei zwar unglaublich, aber er werde die Differenz aus eigener Tasche ausgleichen.

Mittlerweile steht die Kiste nicht mehr in der Küche, sondern im Großraumbüro; statt einer humorvollen Zahlungsaufforderung prangt lediglich ein Schild mit dem Durchschnittspreis pro Obststück an der Kiste – und die Sache funktioniert.

Die Kollegin grübelt immer noch über die Mechanismen von sozialer Kontrolle und anonymer Trittbrettfahrerei, sie zweifelt an der Nudging-Theorie, und sie hat mittlerweile mehr Lust auf Schokolade als auf Obst. Ein anderer Grundsatz fürs Büro aber hat sich derweil bewahrheitet: Die Weichen fürs Wohlfühlklima werden an der Spitze der Abteilung gestellt.

 

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