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Optimierte Selbstversorgung

Oft ist sie nur Ausdruck des schlechten Gewissens, sich nicht genug um sich selbst zu sorgen.

(Foto: Charles PH on Unsplash)

Food-Kolumne „Abgeschmeckt“ Warum der Hype um Selbstversorgung nervt

Kaum einer widersteht dem Mantra, Gemüse auf Garten und Balkon selbst anzubauen. Was wir davon haben? Ein schlechtes Gewissen.
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DüsseldorfEs ist dieser Tage zu einer leichten Kontroverse in der redaktionseigenen Kaffeeküche gekommen, als die Kaffee erzeugende Maschine beharrlich den Dienst verweigerte und nach Antippen eines rot leuchtenden Warndreiecks auf der digitalen Anzeigentafel kundtat: „Kaffeemühle verstopft, Handlungsanweisung siehe Benutzerhandbuch“.

Etwa ratlos, mit leeren Kaffeepötten in den Händen und gleichzeitig angefüllt mit Ungewissheit ob der Sicherung unserer weiteren Arbeitsfähigkeit, standen ein Kollege und ich nun vor dem Display, starrten das Warndreieck an und kamen überein, nicht das Benutzerhandbuch herauszukramen – man weiß ja, wie so etwas endet –, sondern ins Gespräch.

Die Kontroverse ergab sich dann nämlich gar nicht aus dem weggebrochenen Koffeinnachschub, sondern durch die Frage: „Hat sich wohl ausgeschrieben, die Kolumne, oder?“ Natürlich nicht!, lautet da die Antwort. Die gab ich aber nicht, sondern ich starrte weiter auf das Display, während mein Hirn geflutet wurde von Bildern verbrannter Bratwürste, Superfood-Bowls, veganer Bienenstichtörtchen – ja, wäre das Thema Ernährung ein Restaurant, käme ja quasi fortlaufend und ununterbrochen, dem Fließband einer Sushi-Bar gleich, Nachschub ganz unterschiedlicher Couleur und Güteklasse.

Während ich schwieg, betrachtete mein Gehirn also Phänomene der Lebensmittelbeschaffung und -vertilgung und versuchte gleichzeitig, bedrängt vom benachbarten schlechten Gewissen, eine Antwort zu finden, was mich davon abgehalten haben könnte, einige Wochen lang zu diesen Phänomenen geschwiegen zu haben.

Es gab Gründe, gewiss, aber reichten die als Entschuldigung? Hätte ich das nicht anders handhaben können? Und das ist schon Ausdruck der ganzen Misere und typisch gerade für das Thema Ernährung: Müssen wir immer so leicht ein schlechtes Gewissen bekommen beim Thema Essen?

Die Kontroverse brach dann aus, als ich versuchte, den Affront lapidar abzumoderieren: „Weißt Du, ich war die letzten Wochen halt enorm intensiv damit beschäftigt zu eruieren, wie wir unsere Dachterrasse hier kulinarisch und biodivers ideal nutzen können. Selbstversorgung und so. Da müsste doch was gehen, finde ich – und das ist halt mega kompliziert, da erst mal ein Konzept zu erstellen, mit optimaler Fruchtfolge und so.“

Der weitere Verlauf der Unterhaltung tut an dieser Stelle nichts zur Sache, und ich will auch klarstellen: Das war eine Ausrede – ich habe, trotz der direkten Sonneneinstrahlung auf die herrliche, großzügig gestaltete Dachterrasse des Verlagshauses, keine konkreten Anbaupläne für Erdbeeren und gelbe Riesenmöhren in petto.

Es gibt sicherlich viele Leute, die genau aus Ermangelung konkreter Anbaupläne für Erdbeeren und gelber Riesenmöhren ein schlechtes Gewissen haben. Weil sie einfach immer in den Supermarkt gehen – ja, nicht mal auf den Wochenmarkt, eventuell sogar zum Discounter, wo sie dann Durchschnittskarotten kaufen. Es wäre doch so viel besser und gesünder und bodenständiger und achtsamer, die Möhre von klein auf, von der Bodenbringung des Samens über die monatelange Reifung bis hin zur ausgewachsenen, schmackhaften, gesunden und lagerfesten Wurzel zu begleiten und sie dann in dem Bewusstsein, alles über dieses Gemüse und seine Wirkung in unserem Körper zu wissen, zu vertilgen.

In Zeiten wie diesen, wo wir versuchen, Intervallfasten und Plastiktüten (beziehungsweise deren Verbrauch und Recycling) gleichzeitig in den Griff zu kriegen, während wir obendrein per Gadget die für uns optimierte Kalorienzufuhr erfassen, gehört es ja zur Abrundung des täglichen Termin- und Speiseplans, möglichst viel selbst zu machen. Zumindest morgens das selbstgemixte Müsli eigenhändig anrühren. Wer sogar das fortgeschrittene Stadium des Meal Preppings erfolgreich erfüllt hat, für den bleibt doch nur die eine Konsequenz: Selbstversorgung.

Die fängt beim Basilikumtöpfchen auf der Küchenfensterbank an, aber uns allen wird spätestens bei der Durchsicht der täglichen Wurfladung mit Gartencenter- und Baumarktprospekten auf unserer Fußmatte klar: Da geht noch viel mehr. Größere Töpfe, größere Pflanzen, „auch was für den kleinen Balkon“, gefolgt von Tipps fürs Einmachen „der üppigen Ernte“, kurzum: größerer Grad an Selbstversorgung.

Dem kann sich keiner entziehen. Ja, ich stand neulich abends neben der Douglas-Chefin Tina Müller, die von Himbeer- und Johannisbeeren aus eigener Ernte von Büschen in Töpfen auf ihrer Dachterrasse erzählte und scherzte, sie sei da unter die Selbstversorger gegangen. Nur mal so: Müller ist die Herrin über eine Handelskette mit mehr als 20.000 Mitarbeitern.

Und sie ist ja kein Einzelfall – wer beim Frisör durch die feilgebotenen Magazine blättert, findet auf Anhieb zahlreiche Tipps von Schauspielerinnen und B-Prominenten, die dem Konzept der Selbstversorgung, diesem durch Hygge und Wohlfühlbildberichterstattung getriebenen Ideal, erlegen sind. Die berichten da über Wanderungen zu Bärlauch-Sammelstellen und die anschließende Verarbeitung ihrer Beute zu Pesto, sie teilen Rezepte für den perfekten Rhabarberstreuselkuchen oder Tees aus Wildkräutern, die rechts und links des Wegesrandes dahinwuchern. Und offenbar kaufen sie gleich reihenweise Weingüter und Bauernhöfe – Hygge und Selbstversorgung im großen Stil.

Für mich ist das alles Ausdruck einer unerfüllbaren Erwartung an persönliche und selbstgerichtete Optimierung, fast schon ein Wahn, der bei weniger an Pflanz- und Erntedingen interessierten oder auch begabten Menschen oft eines auslöst: das schlechte Gewissen, sich nicht genug um sich selbst zu sorgen.

Andererseits: Wenn selbst eine Topmanagerin, deren Terminkalender sicherlich nicht viele Lücken für das zeitaufwändige Zupfen von Johannisbeerstrippen lässt, so ein bisschen Selbstversorgung macht… Ich habe leider versäumt, nach Anbauflächen für Erdbeeren und gelbe Riesenmöhren zu fragen.

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