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Küche sollte Küche bleiben, Besprechungsraum Besprechungsraum und Telefonzelle Telefonzelle.

(Foto: Andrew Neel on Unsplash)

Food-Kolumne „Abgeschmeckt“ Warum die Teeküche nicht als Büro missbraucht werden sollte

Manche nutzen sie als Telefonzelle, andere für Meetings, dritte für Pingpong. Das geht gar nicht! Ein Aufruf gegen die Zweckentfremdung der Teeküche.
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DüsseldorfModerne Büroetagen zeichnen sich gemeinhin durch drei Merkmale aus: große Glaswände samt automatischer und durch die dahinter arbeitende Menschheit nicht zu bändigende Rolladenarchitektonik, Open-Space-Landschaften inklusive Bitte-hier-nicht-krümeln-Beschilderung sowie, um den Bedürfnissen individueller Flüssigkeits- und Nahrungsaufnahme nachzukommen, die sogenannte Teeküche.

Dort wird aber längst nicht nur Tee gekocht. Teeküchen landauf, landab sind offensichtlich beliebte Meeting Points. Dort treffen sich die Kollegen zum Schwätzchen, zum Plausch über den optimalen Siedepunkt von Grüntee und Assam, die trickreiche Bedienung des obligatorischen Kaffeevollautomaten sowie, quasi als Side Dish im Menü der täglichen Workload, über Geschmacksfragen und die Verteilung der großen Brocken bei der Arbeitsgestaltung.

So weit, so gut. Aber immer öfter wird die Küche zweckentfremdet. Es ist ein schleichender Prozess, der damit beginnt, dass einer die Idee hat, zum Jour Fixe in die Teeküche zu laden. Die nächste geleitet einen Kunden zum Gespräch dorthin und demonstriert während der Unterhaltung seine Kunstfertigkeiten beim Bedienen des Vollautomaten.

Der dritte schließlich schließt die Tür hinter sich, um dem Großraumlärm zu entfliehen und endlich in Ruhe telefonieren zu können – und wieder andere schließen die Türe leider nicht, während sie Pingpong auf dem Tisch spielen.

Müssen die anderen diese Zweckentfremdung dulden? Unsere Karaffen jetzt im Waschraum mit Wasser befüllen? Auf den Kaffee verzichten, weil wir ja nicht das Kundengespräch stören oder zum Pingpong-Fall werden möchten?

Früher war die Küche ja eher so aus Versehen an die Arbeitsstätte angeheftet. Zum Beispiel, weil das Gebäude ursprünglich fürs Wohnen vorgesehen war. Die Küche war halt da, und irgendwie hatte auch ein Wasserkocher Platz – daher Teeküche. Viel mehr passierte dort auch nicht.

Das hat sich grundlegend geändert. Längst hat die Teeküche ihren festen Platz bei der Planung neuer Büroeinheiten, nicht zu klein darf sie sein, dafür aber praktisch ausgestattet – und sie muss Platz zum Niederlassen sowie Untergründe zum Vollbröseln und somit leichtem Reinigen bieten.

Damit die Mitarbeiter sich auch zurechtfinden, wenn sie mal auf einer anderen Etage landen, oder vielleicht auch, um in Großkonzernen direkt überall ein bisschen kulinarische Corporate Identity zu spüren, sind die Küchen, würde man das Gebäude von außen betrachten, schön übereinandergestapelt. Kennst Du eine, kennst Du alle.

So ist es durchaus nachvollziehbar, dass in der Teeküche längst nicht mehr nur Tee gekocht wird. Egal ob auf der fünf oder auf der 13, man weiß sofort, wo man sich ein Wasserglas füllen und eventuell auf einen hilfsbereiten, den Weg weisenden Kollegen trifft: dritte Tür nach dem Aufzug links. Im Idealfall platziert der Arbeitgeber dort sogar Schokoriegel (Start-up im Silicon Valley) oder Obstkörbe mit ökologisch und regional kultiviertem Inhalt (Start-up im Berlin).

Das alles ist zu begrüßen, und natürlich ist es auch eine feine Sache, dass sich manche im Job so wohl fühlen, dass sie Pingpong-Gefühle für Kollegen entwickeln. Andere wiederum, die mit dem Großraumlärm, sind zu bemitleiden, und ihr Wunsch nach ungestörter Telefonkommunikation ist durchaus begründet.

Doch genauso wenig, wie die Teeküche mit dem heimischen Wohnzimmer zu verwechseln ist, darf sie als rein dienstliches Raumwunder angesehen werden. Die unternehmenseigene Teeküche ist, büro- und kulinartechnisch betrachtet ein Zwitterwesen.

Das lässt sich direkt an der Ausstattung erkennen: Der Kühlschrank ist obligatorisch, die Mikrowelle ebenfalls – aber Kochtöpfe und Backofen, Standardelemente jedes originär genutzten Kochzimmers, sucht man vergebens.

Wer sich an seine Studentenjahre erinnert, weiß zudem: Die Küche war das Epizentrum jeder guten Party. Hier war Kommunikation. Hier entstanden neue Beziehungen, also quasi die Fäden eventuell langlebiger Netzwerke – natürlich lässt sich hier immer noch hervorragend networken. Aber, auch hier die Warnung: Bitte nicht zu viel! Für das typische Während-eines-Espressos-mal-eben-die-Beförderung-eingetütet ist die Teeküche zu Recht in Verruf geraten, transparente Personalpolitik sieht anders aus.

Wollte einer den Knigge für die Teeküche schreiben, müsste der Kernsatz in etwa lauten: nicht zu viel Party, nicht zu viel Dienstgespräch.

Klar, das ist eine Herausforderung. Aber nun arbeiten wir in Zeiten, wo auch dank Digitalisierung Privat- und Arbeitswelt immer mehr in einander greifen. Wo jeder aufgefordert ist, sich sinnvolle Grenzen zu setzen. Warum also nicht auch im Hinblick auf die Teeküche? So wie Schnaps Schnaps und Dienst Dienst ist, sollte die Küche Küche bleiben und der Besprechungsraum Besprechungsraum.

Wer seine Teambesprechung trotzdem in die Teeküche verlegt, muss eben damit rechnen, dass jeder, um im kulinarischen Sprachbild zu bleiben, seinen Senf zur Arbeitsgestaltung der kommenden Woche dazu gibt – oder sich mit seiner Chia-Goji-Müsli-Sojajoghurt-Bowl und der aufgeschlagenen Zeitung schmatzend neben den sich Treffenden niederlässt.

Bliebe nur das Problem des ungestörten Telefonierens. Das tut mir jetzt Leid, hier hat die Digitalisierung die gangbare Alternative, die Telefonzelle, leider der Garaus gemacht. Wie wäre es da, mal den Kollegen mit Einzelbüro zu bitten, sein Zimmer für die Trinkdauer einer behutsam aufgebrühten Tasse Tee zu räumen – und zwar in Richtung Küche. Die ist ja dann auch frei für solche originären Genüsse.

In ihrer Kolumne „Abgeschmeckt“ macht sich Corinna Nohn Gedanken über Foodtrends und Fragen des guten Geschmacks.

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