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Ei auf Toast

Auch hier, lehrt uns Marie Sophie Hingst, lässt sich aus einem anderen Blickwinkel Meisterliches erkennen.

(Foto: Leti Kugler on Unsplash)

Food-Kolumne „Abgeschmeckt“ Warum wir im Büro öfter Brote schmieren sollten

Zwischen Computer und Kantine kreativ, kollegial und wissensdurstig zu bleiben ist eine Kunst. Ein kulinarischer Klassiker bewirkt hier Wundersames.
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DüsseldorfKeine Ahnung, wie es bei Ihnen mittags ist. Oder besser: Wie es sich so isst. Ob Sie eher der Kantinen-, der Meal-Prep- oder der Auf-dem-Weg-ins-Büro-beim-Bäcker-eine-Brezel-abgegriffen-Typ sind.

Manche nehmen auch gar nichts zu sich, oder sie bringen die Etage mit Intervallfasten in Wallung. Ich bin da weder noch. Regelmäßig huldige ich der Zeremonie des gemeinsamen Kantinengangs mit Kollegen, aber wenn wir vom Grillfest noch lecker Nudelsalat übrighaben, nehme ich mir auch mal eine Tupperdose mit und verbringe die Mittagspause allein, idealerweise im Sonnenschein auf der büroeigenen Dachterrasse.

Und manchmal, wenn morgens nur Zeit für Kaffee ODER Frühstück war, klappe ich mir wenigstens zwei Scheiben Brot über einem Stück Käse zusammen. Nicht gerade kreativ, gebe ich zu. Ich hatte mir nie Gedanken darüber gemacht – auch nicht darüber, wie die Kollegen das wohl interpretieren würden.

Insofern ließ es mich erst mal zusammenzucken, als ich neulich ein kleines Büchlein auf meinem Platz fand. Auf dem Cover Vermeers „Mädchen mit dem Perlenohrring“ sowie ein Foto einer essbaren Kopie aus Vollkornbrot, Birne, Fleischwurst, Pflaume, Aubergine, Lauch, Apfel, und Tic Tac. „Vielleicht was für Dich“, hatte eine Kollegin auf einem angeklebten Post-it vermerkt.

Darf man in Zeiten von Super Food, Low Carb und High Potential nicht länger simpel zusammengeklappte Käse- und Brotscheiben mit ins Büro bringen? Müssen wir Stullenschmierer uns mehr Mühe geben?

Bei dem Büchlein handelt es sich um die haptische Visualisierung eines Kunstprojekts, mit dem die Bloggerin, Historikerin und Ostasienwissenschaftlerin Marie Sophie Hingst im Juli 2018 innerhalb von Tagen auf Platz eins der deutschen Twitter-Trends landete: #KunstGeschichteAlsBrotbelag.

Angetrieben mit dem Wissen, dass viele Künstler von der Hand in den Mund leben, dem Glauben daran, dass Kreativität auch am Küchentisch Platz haben kann, und dem Wunsch, das Internet als ernst zu nehmenden Ort für Formen und Fragen der Kunst zu begreifen, hatte Hingst zum Brotbelegen und -beschmieren aufgerufen.

Die ungezählt vielfältigen, wundersamen, wunderschönen Ergebnisse sind nach wie vor im Netz abrufbar und nun eben, neben dem jeweiligen Original, in „Kunstgeschichte als Brotbelag“ abgebildet.

Da wurde mit Schwarz- und Toastbrot, mit Beeren und Sirup, mit verquirlter Lebensmittelfarbe und gemeißelter Leberwurst gearbeitet, da drechselte die Crowd hingebungsvoll Gemüsestifte oder arrangierte geduldigst Petersilienblättchen. Ein Augenschmaus!

Die Brotkunstgeschichten umfassen Klassiker aus dem niederländischen Barock, eine Komposition Piet Mondrians, ein Gemälde Gabriele Münters (unter anderem mit Käse, Blaubeeren, Kiwi, Teewurst), Yves-Klein-Blau, Werke von Picasso, Manet, Klimt, und und und.

Das alles ist höchst geschmackvoll und appetitanregend, und zwar vor allem, was die Freude am Experimentieren und Querdenken, aber auch die Detailverliebtheit betrifft. Ganz nebenbei taugt das Büchlein in jeder Situation zum Gesprächsöffner: Ich habe es fast immer griffbereit in der Tasche, um es einfach mal hervorzuziehen.

Und egal, ob Kunstliebhaber oder Museumshasser, Brotesser oder Kohlenhydratverweigerer – die abgebildeten Werke kennt jeder, die verzehrbaren Kopien entlocken sofort Assoziationen, und wer warum welches Lieblingsbild hat, ist ja ein Thema für sich.

Es hat sich dann zum Glück auch schnell herausgestellt, dass das Büchlein auf meinem Tisch keineswegs als Rüffel zu verstehen war, sondern dass die Kollegin einfach nur an meine Kolumne, also mitgedacht hatte. Und tatsächlich lässt sich aus diesem vermeintlich so simplen Projekt, dass im vorigen Jahr im Netz für Furore und in so vielen Küchen für wahre Kreativitätsausbrüche sorgte, viel für unseren Büroalltag ziehen.

Denn wie oft gehen uns zwischen Computer und Kantinengang die Blicke für die Details, die den entscheidenden Unterschied machen, verloren. Ziehen wir auf den immer gleichen Wegen unsere Kreise. Und verordnen uns dann Kreativität, um mit dem Bleistift vor dem leeren Blatt Papier zu erkennen, dass es einfach nicht auf Kommando fluppen will.

So eine verrückte Brotscheibe kann da ganz schön was in Bewegung bringen. Für mich zeigen die großartigen Brotkunstwerke zudem: Mit Perfektion und Hingabe kann aus kleinen Dingen ganz Großes entstehen. Auch im vermeintlich letzten Mist (etwa einer verbrannten Toastscheibe) lässt sich aus einem anderen Blickwinkel Meisterliches erkennen. Es lohnt immer, eingefahrene Denkmuster („brotlose Kunst“) zu hinterfragen. Und, last, but not least: Mitdenkende Kollegen sind ein Segen.

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