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Pfanne, Reis, Geschnibbeltes

Schnibbeln übernimmt der Thermomix ohnehin nicht!

(Foto: )

Food Kolumne „Abgeschmeckt“ Zoff um den Zauberkocher Thermomix? Ran an die Messer!

Das Netz kocht vor Wut auf Vorwerk. Der Ärger über den neuen Thermomix birgt aber auch eine Riesenchance: die Renaissance des eigenen Kochvergnügens.
1 Kommentar

DüsseldorfKennen Sie Leute mit Thermomix? Ich lebe im wunderbaren Wuppertal, Stammsitz des von Rainer Strecker geführten Familienunternehmens und Thermomix-Herstellers Vorwerk, quasi im Mekka der Zaubertopf-Fangemeinde. Ich kenne mich also aus.

Zwar profitiere ich von den Gewerbesteuern, die das Thermomix-Gewese (noch) in die Stadtkasse spült – aber ich bin doch skeptische Beobachterin des Hypes. Denn dessen Eigner gerieren sich zuweilen so, als sei durch die Erfindung dieser Maschine das Leben ein zweites Mal nach dem Urknall auf die Welt gebracht worden.

Ja, es ist ganz so, als wüssten sie nicht, wie Menschen wie ich, die keinen Thermomix besitzen, das Dasein managen. Als das erste Mal die Vokabel „Thermomix“ in meiner Gegenwart fiel, war ich so ahnungslos wie ein Stück Brot und hatte das Gefühl, hier müsse es um ein Wunderding gehen. Siri, Apple, Alexa, Tesla, KI – sie alle mussten wohl einpacken.

Der Thermomix schien kein Multifunktionstopf zu sein, sondern ein Tausendsassa, ein Alleskönner, ein Rundum-sorglos-Paket. Ein unabdingbar Begleiter im Alltag eines jeden von Nahrungsaufnahme abhängigen Menschen. Ich fragte mich ernsthaft: Kann ich dieses Leben ohne Thermomix bestehen?

Der Zaubertopf sollte nicht nur selbstständig garen können, während man zum Beispiel ein Selfie macht oder lachend ein Baby hochhebt (das entnehme ich einem aktuellen Promo-Video). Mehr noch, ohne ihn schien etwa die Aufzucht eigenen Nachwuchses nicht mehr möglich – nur mit Thermomix, versicherten mir Mütter, lasse sich gesundes Essen, das die Kinder auch garantiert nicht verschmähten, rechtzeitig auf den gedeckten Tisch bringen.

Keine Grillparty, auf der ich auf die Frage nach dem Rezept für einen Dip oder Salat nicht ein Thermomix-Rezept aufs Handy gespielt bekam, gefolgt von einem gestammelten: „Äh, du hast keinen Thermomix? Oh. Geht bestimmt auch so … also irgendwie.“

Irgendwie zog der Zaubertopf sogar das männliche Publikum – Typus „Wir kippen beim Grillen Bier aufs Fleisch“ – in seinen Bann, als Rezepte über endgeiles Tartar, perfekten Leberkäse oder eisgekühlte Cocktails die Runde machten. Mir wurde schnell klar: Thermomix ist keine Küchenmaschine, es ist eine Lebenseinstellung.

Angehörige dieser Community fachsimpeln auf einer Metaebene des Daseins, erhaben über uns primitiven Improvisateuren, die sich noch trauen, eine Schokocreme auf den Tisch zu stellen, die tatsächlich nicht exakt wie beim vorherigen Mal schmeckt.

Bei all den zweifelsfrei kulinarisch erhebenden Ergebnissen geht es den Anhängern selten um sachdienliche Küchentipps – wie denn auch. Egal ob vegetarische Vorlieben des pubertierenden Sohnes, Schokogelüste der Schwiegermutter, Christstollen oder Lunch to go: macht ja alles der Zaubertopf.

Die schwärmerischen Ausbrüche erwecken bei Unbedarften fälschlicherweise den Eindruck, der Thermomix könne nicht nur schnibbeln und garen, sondern auch einkaufen, mit den Brotdosen von Vorschulkindern kommunizieren sowie kompostieren und die Steuererklärung machen. Ja, in der Schwebebahn hörte ich ein Kind sagen, dessen großer Bruder über seinen Hader mit dem Lösen von Gleichungen klagte: „Mama kriegt das bestimmt mit dem Thermomix hin.“

Auch ich war fast so weit, die mehr als 1000 Euro auf den Tisch zu legen, als ich gerade noch rechtzeitig vor Entsorgung sämtlicher übriger technischer Geräte und Schneidebretter erfuhr: alles heiße Luft, von wegen Steuererklärung oder Kommunikationsgenie. Nicht mal das Schnibbeln ist Teil des Zaubertopf-Menüs, das beim neuen Modell „TM6“ laut verheißungsvollem Social-Media-Aufgebot „40.000 Rezepte mit Gelinggarantie“ vereint.

Selbst die treuesten Mitglieder der Vorwerk-Community müssen ja alle Jahre wieder feststellen, dass ihr verehrter Begleiter, ach was, bester Freund auf der Küchenanrichte, nicht alles kann – nämlich immer dann, wenn ein neues Modell auf den Markt kommt. Gerade war es wieder so weit, mit M6 wird sich braten und karamellisieren lassen, wozu „TM5“ von der Thermomix-Goddess nicht befähigt worden war.

Ich habe, zumal ob des vierstelligen Kaufpreises, vollstes Verständnis für diese Enttäuschung, die gerade auf den Social-Media-Plattformen von Vorwerk hochkocht, respektive die Hotline flutet wie heiße Himbeersoße das kalte Eis – irgendwann ist alles Brei.

Und doch sehe ich eine große Chance in dem ganzen Aufruhr: zur Erkenntnis, dass sich jeder mit ein paar Schneidebrettern, scharfen Küchenmessern und Edelstahltöpfen gegen so einen herben Schlag mit der Breitseite der Wirklichkeit schützen kann. Lasst uns das Vergnügen am Kochen und die Handlichkeit der eigenen Bratpfannen wiederentdecken, die eigene Edelstahltöpfe wieder mit Soßen füllen!

Einfach in der Küche mal selber ausprobieren, Geschmäcker entdecken, mixen, schnibbeln – ach, pardon, ich vergesse immer, dass das der Thermomix Letzteres sowieso nicht übernimmt. Vielleicht kann das dann TM7. Aber das kann dann ja keinen mehr böse überraschen.

In ihrer Kolumne „Abgeschmeckt“ macht sich Corinna Nohn Gedanken über Foodtrends und Fragen des guten Geschmacks.

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1 Kommentar zu "Food Kolumne „Abgeschmeckt“ : Zoff um den Zauberkocher Thermomix? Ran an die Messer!"

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  • Vielen Dank für diesen Kommentar!
    Ein scharfes Messer und ein Brett, eine vernünftige Pfanne und ein Topf - fertig ist meine Küche und ich kann loslegen. Und dass mein Essen nicht jedes Mal exakt gleich schmeckt ist mE ein Segen!