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(Foto: Charles Deluvio on Unsplash)

Kolumne Abgeschmeckt: Crowdfarming Ein Klick und schon ist man Orangenbauer

Gen-Food, Gifte und andere Geschmacklosigkeiten machen Lust auf den eigenen Bauernhof. Weniger romantisch, aber realistischer: Crowdfarming.
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DüsseldorfGerade geht die „Grüne Woche“ in Berlin zu Ende, und das Spektakel ist soweit bekannt: Bauern lenken Traktoren durch die Hauptstadt und schimpfen auf die Agrarsubventionen der EU. Die CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer ist, während sie mit Brezelteig um die richtige Form kämpft, voll des Lobes über das deutsche Bäckerhandwerk. Und hinter Biosiegel-Aufstellern stehen Menschen mit naturbelassenem Haar, die den Besuchern klarzumachen versuchen, dass gutes Essen seinen Preis hat.

Ja, das ist wie auch bei jedem neuerlichen Ekelfleischskandal (wobei hier „Fleisch“ wahlweise durch „Fisch“, „Ei“, „Erdbeere“ zu ersetzen ist) die große Überraschung: Die Endverbraucher ahnen nicht, dass gutes Essen seinen Preis hat. Oder, auch so eine Erkenntnis: dass teures Essen nicht unbedingt gut sein muss.

Aber was tun? Müssen wir uns jetzt alle einen Schrebergarten zulegen? Oder gleich einen Acker pachten und uns alles selbst anbauen?

Zugegeben, auch in meinem Kopf poppen ab und an diese romantischen Bilder auf von einem Dasein auf dem Land: die rot gestrichene Holzbank vor dem alten Hofgebäude. Freilaufende Hühner. Ein pestizidfreier Gemüsegarten mit singenden Meisen und einer kompliziert abgestimmten Fruchtfolge von sich gegenseitig beim Wachstum und bei der Abwehr von Schädlingen unterstützenden Pflanzen – spätestens hier ist Schluss mit der Träumerei.

Für frische Kräuter auf dem Balkon, eine Handvoll Beeren und ein paar Radieschen reicht es. Aber es ist natürlich völlig unrealistisch, einfach mal so zum Selbstversorger zu werden. Das weiß jeder, der schon mal vor einem verfaulten Tomatenstrauch stand, in den er zuvor viele Wochen Pflege und Hoffnungen investiert hatte.

Die Alternativen für alle, die keine Lust auf Massentierhaltung, Gifte im Essen oder gepanschtes Industriefutter haben, sind das Vertrauen in die Bio- und Gütesiegel – oder, noch besser, die Suche nach Landwirten und Lebensmittelproduzenten in greifbarer Nähe. Denn was schmeckt besser als der Apfel, das Brötchen oder die Wurst aus der Hand eines Produzenten, dem man tatsächlich diese Hand schütteln kann? Soll heißen: über deren Herkunft und/oder Produzenten man Bescheid weiß.

Nun gibt es Dinge, die können auch die Bauern auf dem Nachbaracker nicht zum Gedeihen bringen. Zitrusfrüchte zum Beispiel. Oliven. Kaffee. Wein und Essig auch nicht unbedingt, die Liste lässt sich fortsetzen.

Dem Internet sei Dank (ja lieber Einzelhandel, hier ist gar nicht alles schlecht!), können wir aber doch zu Bauern werden. Oder zumindest zu Quasi-Landwirten. Und zwar ohne, dass Expertenwissen nötig wäre, ja, sogar ohne die Couch zu verlassen, falls das jemandem wichtig sein sollte: Crowdfarming heißt das Zauberwort.

Das könnte der Laie jetzt mit Massenlandbewirtschaftung übersetzen, aber das ist natürlich nicht gemeint. Es geht darum, Geld bei der Masse im Netz einzusammeln und damit eine Landwirtschaft zu ermöglichen, die auf konventionelle Art nicht zu finanzieren ist. Dazu gibt es ein bisschen Storytelling, wer da mit welchen hehren Zielen (zum Beispiel biologisch) was anbaut. Vielleicht darf man sogar einem Schaf, Clementinen- oder Olivenbaum einen Namen geben.

Ich bin, ganz primitiv, durch eine hartnäckig aufpoppende Internet-Anzeige darauf gekommen. Ein spanischer Plantagenbesitzer, der seine Clementinen und Orangen ohne Pestizide und Wachs heranzieht. Ich solle Pate eines Baumes werden, die Ernte gehöre mir, frisch geerntet, ohne Zwischenhändler, ohne Schnickschnack.

Die Geschichte hat mir gefallen, ich mag kein Schnickschnack. Aber ich war skeptisch. Einmal die Sache mit den Internetbestellungen an sich, ich schüttele ja gern Hände. Und der Transport – was macht so eine Zehn-Kilo-Kiste mit meinem ökologischen Fußabdruck?

Ich hatte auch meine Vorbehalte gegen spanische Orangen, weil viele billige spanischen Orangen den europäischen Markt fluten – selbst Supermärkte auf Sizilien, wo ich die köstlichsten Zitrusfrüchte gegessen habe und nun heimische Orangen an den Bäumen vergammeln.

Aber seit der Paketbote das Monstrum die Treppe zu meiner Haustüre hochgehievt hat und ich den dicken Pappdeckel (nur Pappe dran, kein Plastik!) gelüftet habe, sind die Bedenken verflogen. Warum?

  1. Vielfalt: Ich erhalte eine Kiste mit Früchten der Sorte „Navelina“, und keine gleicht der anderen. Kleine, mittelgroße, riesige 500-Gramm-Kugeln, knubbeligere, glattere.
  2. Geschmack: Ich hatte meine Vorbehalte, s.o., aber diese erntefrischen Früchte schmecken fantastisch. Ich nehme ein paar mit und lege sie auf der Arbeit in die Teeküche, mein persönlicher Nudging-Beitrag zu gesundem Snackverhalten im Büro. Ein Kollege kommt und sagt: „Ich mag eigentlich gar keine Orangen, esse sonst immer nur Clementinen. Aber die sind einfach gut!“
  3. Beziehung: Am Boden der Kiste hat „mein“ Landwirt ein Zettelchen beigelegt. Wann er welche Sorten erntet, ein bisschen Basics in Orangenwissen, wie ich am besten mit meinen Früchten umgehen soll. Ach ja: Für den Fall, dass mal was matscht, hat er mir 500 Gramm extra eingepackt.
  4. Transport: Ja, das ist so eine Sache, die Lieferung mit DHL. Aber auf der Homepage lese ich nach, wie der Transport bei den großen Fruchtproduzenten normalerweise abläuft, wie die Kisten durch Europa kutschiert werden. Die Crowdfarmer beteuern, alles dafür zu tun, um ihrerseits Transporte zusammenzulegen und Waren möglichst effizient von A nach B zu bringen.
  5. Farmer-Feeling: Crowdfarmerin bin ich eigentlich noch nicht – dafür hätte ich den Orangenbaum adoptieren und mir seine Ernte sichern müssen. Aber ich bin schon nah dran am Gefühl, unmittelbar für die Art und Weise, wie mein Essen heranreift, verantwortlich zu sein.
Manches können auch die besten Bauern auf dem Nachbaracker nicht zum Gedeihen bringen. Quelle: Edgar Castrejon on Unsplash
Zitrusfrüchte

Manches können auch die besten Bauern auf dem Nachbaracker nicht zum Gedeihen bringen.

(Foto: Edgar Castrejon on Unsplash)

Ich habe dann gleich noch zehn Kilogramm Clementinen geordert. Und dann kann ich mir gut vorstellen, Patin eines Olivenbaums (für Öl) und eines Kaffeebaums zu werden. Nur beim Honig ist Crowdfarming wirklich nichts für mich. Nicht nur, weil man in Deutschland wirklich überall an guten Honig von einem Imker aus der Region kommt und dieser Honig gerade mit Blick auf Allergien am besten ist.

Eine Freundin hat sich im vorigen Jahr zur Imkerin ausbilden lassen und hat nun ihr eigenes Völkchen. Irgendwo da draußen, am Rande einer Wiese. Da poppen bei mir im Kopf direkt wieder romantische Bilder von der Eigenversorgung auf…

In ihrer Kolumne „Abgeschmeckt“ macht sich Corinna Nohn Gedanken über Foodtrends und Fragen des guten Geschmacks.

 

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