Wasserglas

Nicht gerührt, nicht geschüttelt: Einfach nur Wasser trinken? Das macht die Mitmenschen oft misstrauisch.

(Foto: Joseph Greve on Unsplash)

Kolumne „Abgeschmeckt“ Die beste Zeit für den „Alcohol Detox“? Jetzt!

Keine Droge wird öffentlich derart goutiert wie Alkohol. Warum es kollegial wäre, den kollektiven Konsum von Wein, Bier und Sekt aus dem Büro zu verbannen.
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DüsseldorfZeitumstellung, Dunkelheit, Bodenfrost. Wir spüren es in unseren steifen Händen, an den tauben Zehen, es ist soweit: Die Daunen, Filzpuschen- und Glühweinsaison hat begonnen.

Glühwein ist ja ein ziemlich abscheuliches Gebräu. In der großen Masse – jeder Bundesbürger kauft im Schnitt allein im Einzelhandel jedes Jahr eine Dreiviertelliterflasche davon! – zumindest gilt in etwa folgendes Rezept: billigen Rotwein mit abgestandenen Gewürzen aufkochen, ordentlich Zucker rein, bei Verfügbarkeit noch Hochprozentiges dazu, fertig.

Allein vom Gedanken daran bildet sich ein Pelz auf der Zunge, der alle anderen Geschmackskomponenten zwei Tage lang überdeckt, aber egal. Klar ist: In ganz Deutschland werden auch diesen Winter wieder Hektoliter Glühwein im Namen der Geselligkeit oder gern auch „für den guten Zweck“ hinuntergekippt, feilgeboten in vorderster Linie von Rotary- und Lions-Clubs, die mit dem Erlös zum Beispiel dem örtlichen Akrobatikteam neue Trikots beschaffen.

Spätestens zu Beginn der Adventszeit ist der Gang zum örtlichen Weihnachtsmarkt samt kollektivem Glühweinkonsum dann beliebt als kuscheliges After-Work-Event oder Team-Building-Maßnahme. Und jetzt wird es schwierig, „Nein“ zu dem Gesöff zu sagen. Aber müssen wir da wirklich immer alle mittrinken?

Die Stellung von Alkohol ist in dieser Gesellschaft und gerade auch im Berufsleben einmalig – und zwar lästig. Jeder weiß: Alkohol ist ein Gift, die Sucht ist weit verbreitet. Fast acht Millionen Deutsche trinken regelmäßig mehr als die empfohlene Höchstmenge, jeder vierte davon ist ernsthaft alkoholkrank.

Auch die angeblichen positiven Auswirkungen vom täglichen Glas Rotwein auf die Gesundheit sind längst als Fehlinterpretation enttarnt: In alten Studien wurde vernachlässigt, dass jene Teilnehmer, die angaben, „nie“ Alkohol zu trinken, oft ehemalige Alkoholiker waren.

Dass ihnen jene Befragten, die ab und an Alkohol tranken, in puncto „körperliche Gesundheit“ überlegen waren – wen wundert’s? Längst weiß die Wissenschaft: Ab und an ein (!) Glas zu trinken, schadet nicht, aber gar nichts trinken ist der Königsweg.

Und doch werden bei jedem Ausstand, jeder Auszeichnung, jeder Akklamation Sekt, Wein oder Bier gereicht. Keine andere Droge wird derart nonchalant und öffentlich goutiert.

Ja, während beim Business-Dinner längst keiner mehr ein Problem damit hat, wenn Veganer den Fleischgerichten entsagen oder die Kollegen aufs Dessert verzichten, werden all jene, die nicht mittrinken, misstrauisch beäugt. Sie müssen schon irgendwie einen plausiblen Grund haben: Mit dem Auto unterwegs zu sein, reicht schon nicht (da geht doch wenigstens ein Gläschen, oder?); akzeptabel sind aus meiner Erfahrung nur offensiv vorgetragene Schwangerschaft oder semiprofessionelle sportliche Ziele (Ironman aufwärts).

Sonst fragt bestimmt einer: „Hast Du’s am Wochenende übertrieben?“, oder die Bürogemeinschaft spekuliert heimlich: „Die ist bestimmt schwanger.“ Einfach nicht mittrinken? Geht nicht. Da muss was nicht stimmen – zumal man doch weiß, wie wichtig das jovial-gelöste After-Work-Geplänkel für die Karriere ist.

Nichts trinken wollen, weil man vielleicht gemerkt hat, dass man sich auch als nicht Ironman/Ironwoman ohne Alkohol besser fühlt, besser schläft, ausgeglichener ist, Geld spart, weiß der Geier was – ein ständiger kommunikativer Spießroutenlauf.

Es gibt Frauen, die ihre Schwangerschaft im frühen Stadium nicht kundtun wollen – und sich auf der Weihnachtsfeier trotzdem ein Weinglas nehmen, dessen Inhalt sie dann, Schluck um Schluck, heimlich in die Hydrokulturen im Eingangsbereich entleeren. Weil sie wissen: Wenn sie nichts trinken, geht das Getuschel los.

Ein weiterer Ausweg hat sich für alle Abstinenzler in den vergangenen Jahren etabliert: Der „Dry January“. Initiiert in Großbritannien von der Kampagnenorganisation „Alcohol Concern“ im Jahr 2013, wird das Programm seit 2015 von der britischen Regierung gestützt und hat seitdem, wie so viele Trends aus Großbritannien, auch in Kontinentaleuropa zahlreiche Anhänger gefunden.

Alkoholischer Detox, das wurde plötzlich nicht nur goutiert, sondern regelrecht hip. Auf einmal ist es – in diesem beschränkten Zeitraum – seltsam, doch Alkohol zu trinken, und manch einer, der im Januar etwas zu feiern hat, überlegt mittlerweile ernsthaft, damit bis Februar zu warten.

Verzicht zu Jahresbeginn passt natürlich bestens zum alljährlich am Jahresende einsetzenden Drang zur Selbstoptimierung. Ich hätte da aber, mit Blick auf die alsbald zu errichtenden Glühweinstände, einen Vorschlag: Wie wäre es, den „Dry January“ vorzuverlegen. Man kann das zum Beispiel so sehen: Warum sich erst die Kilos anfuttern und -trinken und mit einem letzten Kater ins neue Jahr zu starten, um sich dann umso mühsamer in Askese zu üben?

Keine andere Droge wird gesellschaftlich und gerade im Berufsleben derart goutiert. Quelle: Aikin on Unsplash
Alkohol trinken in der Öffentlichkeit

Keine andere Droge wird gesellschaftlich und gerade im Berufsleben derart goutiert.

(Foto: Aikin on Unsplash)

Verlegt den Detox also doch einfach vor das Weihnachtsfest. Jetzt. Dry Advent. Happy dry End of the Year. „Jahresende im Trockenen“ oder so. Umso mehr lässt sich dann die Schlemmerei über die Feiertage genießen, und es lässt sich ohne Not zum letzten Sektgelage ins neue Jahr starten.

Wer obendrein dann schon gemerkt haben sollte, dass es ihm dauernüchtern besser ergeht – herrlich, da kann, ohne über ein frisches Jahresanfangsgelübde grübeln zu müssen, ins Jahr 2019 starten.

Das hätte einen höchst kollegialen und gesellschaftlich nicht zu unterschätzenden Nebeneffekt: Allen Abstinenzlern, Schwangeren und sonstigen Mitmenschen, die aus irgendwelchen Gründen Vorbehalte gegen oder Probleme mit Alkohol haben, und vor allem all jenen, auf deren Zungen sich beim Gedanken an heißen Billigrotwein mit abgestandenen Gewürzen ein Pelz bildet, würde das Erleben der Vorweihnachtszeit erheblich konfliktfreier, ja, geradezu besinnlich gestaltet. Wohl bekommt’s!

In ihrer Kolumne „Abgeschmeckt“ macht sich Corinna Nohn Gedanken über Foodtrends und Fragen des guten Geschmacks.

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