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Küchenkram

Fleischlos kochen – das schmeckt nicht jedem, Klimawandel hin oder her.

(Foto: icons8-team für unsplash)

Kolumne Abgeschmeckt: Klimaneutralität Wie Greta Thunberg plötzlich mit am Küchentisch sitzt

Die junge schwedische Klimaaktivistin fordert Panik – und ihre Aufforderung trägt im Wortsinne Früchte. Denn sie berührt uns bis ins Mark: beim Essen.
2 Kommentare

Düsseldorf Seit Jahresbeginn hat eine junge Schwedin für ziemlich viel emotionale Aufwallung in meiner Lebenswirklichkeit gesorgt: die Klimaaktivistin Greta Thunberg.

Zuallererst natürlich medial, als sie mit dem Zug von Schweden nach Davos tuckerte, ein Tweet von ihrer veganen Zwischenmahlzeit Aufsehen erregte und sie dann, baaaam, auf dem Weltwirtschaftsforum ihre Zuhörerschaft aus der saturierten westlichen Hemisphäre ganz schnörkellos zu Panik und sofortigen Maßnahmen gegen den Klimawandel aufrief.

Dieser Appell raste durch sämtliche Timelines, wurde dort gefeiert, auseinandergenommen, wieder zusammengesetzt, um nun, um mal einen Begriff aus der Ernährungswelt zu gebrauchen, auch Früchte im echten Leben zu tragen. Vor ein paar Tagen erst wieder, im Supermarkt.

Die Szene im Kurzen: Familie an der Wursttheke, Vater ordert Salami, Verkäuferin bietet der geschätzt elfjährigen Tochter und dem kleinen Bruder je eine Scheibe Fleischwurst an. „Ich kann doch nicht streiken wollen und jetzt weiter Wurst fressen!“, ruft das Mädchen, stampft mit dem Fuß auf.

Die Verkäuferin saugt hörbar Luft ein, der Vater wird rot, entschuldigt sich in alle Richtungen, während er Einkaufswagen, Salami und Kinder eilig aus dem Sichtfeld der Wurstthekenverantwortlichen schiebt. Minuten später treffe ich das Trio erneut an, vor dem Regal mit Milchprodukten, zu meinen Ohren wabern Wortfetzen wie „CO2“, „Weltklima“, „Schuld“.

Also müssen wir jetzt wirklich alle Panik schieben? Auch beim Essen? Müssen wir jetzt, unseren Kindern zuliebe, etwa doch unser Leben ändern und unsere Ernährung umstellen? Käfer statt Carbonara, Bohnen statt Burger? (By the way: Nichts gegen Bohnen!)

Ich finde die Vorstellung ganz schön, dass die nächste Generation, die Gretas und Finns der westlichen Welt, jetzt etwas in Bewegung bringt, woran wir uns trotz aller Warnungen durch renommierte Experten, trotz aller Bilder von untergehenden Inselparadiesen, trotz besseren Wissens geklammert haben. Zumindest war der klimabewusste Nachwuchs vor dem Altar der tierverarbeitenden Lebensmittelproduktionskette, also der Wursttheke, kein Einzelfall.

Zur selben Zeit ging nämlich in meiner virtuellen Blase ein Posting viral: zwei Eltern, die die Vorwürfe ihrer – freitags nach Greta Thunbergs Vorbild streikenden – Teenager-Kinder, die Erwachsenen sollten gefälligst für eine gesündere Welt sorgen, wie folgt konterten: Ok, dann werde jetzt vegan gekocht.

Mehr noch: Es würden die Diesel-Autos verkauft, die Smartphones durch einen Festnetzanschluss ersetzt, und und und. „Tiefkühlpizzen, Burger, Fast Food, Getränke in Plastikflaschen und abgepackte Lebensmittel werden reduziert bis abgeschafft.“

Wer sieht die Gesichter dieser Teenager vor sich, als ihnen bewusst wird, dass ihre Eltern das wirklich ernst meinen? Und die der Freunde der Eltern, als sie merken: Die machen das jetzt nicht nur, um ihre Kinder zu foppen? Womit dann auch klar wäre, dass Greta Thunbergs Botschaft oft zu Unrecht auf ihren Verzicht auf Flugzeuge und Schule an Freitagen reduziert wird.

Die Debatten, die die bezopfte und so unverkrampft auftretende Schwedin auslöst, treffen uns durch die Direktheit und Einfachheit ins Mark: in der Küche. Greta Thunberg steigt ja nicht nur in den Zug statt ins Flugzeug, sie macht noch ganz andere Dinge, jeden Tag.

Immer wieder trifft sie Entscheidungen, um ihrem Ideal gerecht zu werden – ein echtes Rolemodel für alle Anhänger von Bequemlichkeit und (kulinarischem) Alltagsluxus der westlichen Welt. Man kann sich nicht vorstellen, dass Greta Thunberg im Winter aus fernen Regionen eingeflogene Erdbeeren essen würde (oder solche, die in spanischen Regionen mit dramatischer Wasserknappheit gezogen worden sind). Sie ist ja sogar um des Klima willen Veganerin, auch ihre Eltern sind ihr zuliebe Veganer, respektive Vegetarierin geworden.

Und so kommt es, dass uns allein dieses viel diskutierte Bild mit dem Toastbrot aufzeigt, wie wir alle gerade beim Essen im Kleinen ganz viele Entscheidungen treffen, die in der großen Masse Auswirkungen haben, die definitiv Panik erregen sollten. Immerhin haben laut Angaben des Bundesumweltministeriums die durch Ernährung verursachten Treibhausgasemissionen einen Anteil von 15 Prozent – und damit unwesentlich weniger als die durch Verkehr erzeugten Emissionen.

Aber wie nun mit dieser Erkenntnis umgehen? Ich bleibe dabei: Es muss ja nicht jeder direkt vegan leben (diese Vorstellung, wir wissen es seit der Debatte um den Veggie-Day, löst ja bei vielen eine Panik ganz anderer Art aus). Es gibt viele Möglichkeiten, einen Beitrag zu leisten.

In diesem Sinne: Es ist völlig in Ordnung, wenn der Nachwuchs die Scheibe Wurst im Supermarkt verweigert. Bitte nicht für den Idealismus der nächsten Generation entschuldigen – zumindest den können wir ihnen doch unbeschädigt hinterlassen.

 

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2 Kommentare zu "Kolumne Abgeschmeckt: Klimaneutralität: Wie Greta Thunberg plötzlich mit am Küchentisch sitzt"

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  • Vielleicht sollte sich Greta beraten lassen, was vegane Ernährung bei Heranwachsenden für Mangelerscheinungen und Mangelschäden verursachen kann. Diese trägt man dann ein ganzes Leben mit sich und belastet die Krankenversicherung der Gemeinschaft. Es wäre allerdings wirklich nicht schlecht, sich ausgewogener zu ernähren, wieder mehr selber zu kochen, jahreszeitlich angepasst einzukaufen und heimisches Gemüse und Obst wieder zu schätzen. Warum muß alles immer vom einen in das andere Extrem fallen? Und.. Panik ist völlig unangebracht: Die Welt war auch ohne uns schon mal wärmer und kälter.

  • Schön dass Greta Bananen aus schwedischen Ökoanbau isst. Bananen aus Faretrade wären ja auch eine Umweltbelastung. Toll Greta. Ist eigentlich schon ein Buch geplant?

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