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Schokolade und Himbeeren

Wer wirklich genießt, muss gar nichts bereuen – dann hat sich der Genuss doch gelohnt.

(Foto: Joanna Kosinska on Unsplash)

Kolumne Abgeschmeckt: Schokolade Das unsinnigste Versprechen des Jahres – Genuss ohne Reue

Die Superfrucht „Schwarze Sapote“ soll Schokogenuss ohne Gewissensbisse ermöglichen. Klingt verlockend. Aber: Um Kalorien geht es hier doch gar nicht.
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Düsseldorf Harte Wochen liegen hinter uns. Das Jahresende samt Weihnachtsbäckerei, gefolgt von bereits wieder verworfenen Vorsätzen für ein gesundes neues Jahr – und gleich im Anschluss die weltweit größte Messe für Süßwaren und Snacks in Köln.

Währenddessen wurden unsere Sinnesorgane tagelang mit Bildern und Berichten kulinarischer Einmaligkeiten gefüttert, die sicherlich enorm zucker-, fett- und/oder kalorienreich sind. Wobei: Zwischen all den Fotos von rosa Schokolade, lila Chips und pastelligen Confiserie-Schachteln in allen denkbaren Formaten poppte eine Mitteilung zu „Foodtrends 2019“ auf meinem Bildschirm auf, wonach „Genuss ohne Reue“ das neue große Ding werde.

Ja, genau: Süße, die weder dick, noch die Zähne kaputt macht. Nach all den Flops mit Süßungsmitteln, die doch dick machen, und Zuckerersatzstoffen, die doch nicht gut schmecken, soll 2019 endlich das Jahr werden, in dem der Jahrzehnte währende Traum der westlichen industrialisierten Konsumwelt vom kalorienarmen Naschwerk in Erfüllung gehen wird.

Können wir uns also demnächst tatsächlich ohne Hemmungen dem Schlemmen hingeben?

Der Kollege gegenüber greift angesichts meiner Offenbarung noch mal in die Pralinenpackung und schüttelt ungläubig den Kopf. (Die Packung ist übrigens ein Überbleibsel aus der Weihnachtszeit – ein Geschenk eines Dritten, der offenbar die die räumliche Trennung von Genussmitteln als einzig gangbare Alternative zur Vermeidung von Reue betrachtet.)

Worum geht es? Gehuldigt wird im konkreten Fall der „Schwarzen Sapote“, auch bekannt als „Schokoladenpudding-Frucht“, die – wie könnte es anders sein – dank Vitamin- und Nährstoffgehalt als Superfood zu bezeichnen sei und angeblich wie Schokolade schmecke.

Angebaut werde das Wunderding zuvorderst in Mexiko, Guatemala und auf den Philippinen, aber man könne sich auch selbst einen Baum kaufen und das kalorienarme Schokovergnügen selbst heranziehen. Fazit: „So macht gesundes Essen Spaß!“

Nun denn. Die Frucht gibt es wirklich. Ob sie es geschmacklich tatsächlich mit Schokolade aufnehmen kann und dabei auch die gleiche Wirkung entfaltet, Stichwort Glücksgefühle? Das soll mal jeder für sich herausfinden.

Ich will hier keinen Traum zerstören, aber es geht doch um etwas ganz anderes. Genuss hat nichts mit Schlemmen und In-sich-hineinstopfen zu tun. Genuss hatte ursprünglich die Bedeutung von „Nutznießen, Nutzen, Gewinn“, worunter man sicherlich zu Zeiten des Dreißigjährigen Kriegs die schnelle Aufnahme großer Kalorienmengen verstehen konnte.

Aber spätestens im 18. Jahrhundert wandelte sich die Bedeutung in Richtung „auskosten“. Heute gilt als Genuss, was uns „Freude, Wohlbehagen, tiefe Befriedigung“ bereitet. Reue ist also ohnehin fehl am Platz beim echtem Genuss (in dessen Fall sich die Kalorien doch gelohnt haben).

Jetzt mal zur Schokolade. Neun Kilogramm isst jeder Deutsche im Schnitt pro Jahr, was so ungefähr einer Tafel alle vier Tage entspricht. Das ist schon grenzwertig im Sinne der oben genannten Genussdefinition.

Ich behaupte: Wer wirklich genießt – also ein Stückchen abbricht und den Zucker, das Fett, die Kalorien bewusst in kulinarisches Wohnbehagen dahinschmelzen lässt –, der muss sich ohnehin nicht um die Kalorien sorgen. Denn auf diese Weise schafft man im Regelfall keine ganze Tafel en bloc.

„Ruby Kakaobohnen“ für rosa Schokolade werden laut Callebaut in Brasilien, Ecuador und in der Elfenbeinküste angebaut. Bitter: Kakaobauern erhalten laut der Initiative „Make Chocolate Fair“ nur etwa sechs Prozent des deutschen Verkaufspreises. Quelle: Kölnmesse / Thomas Klerx
Bunt und süß

„Ruby Kakaobohnen“ für rosa Schokolade werden laut Callebaut in Brasilien, Ecuador und in der Elfenbeinküste angebaut. Bitter: Kakaobauern erhalten laut der Initiative „Make Chocolate Fair“ nur etwa sechs Prozent des deutschen Verkaufspreises.

(Foto: Kölnmesse / Thomas Klerx)

Zur Wahrheit gehört allerdings auch: Die Reue kann trotzdem eintreten, in Form des schlechten Gewissens. Nicht wegen der Kalorien, sondern wegen der Verwerflichkeit des Konsums. Kakao, der Grundstoff für Schokolade, mag ein Superfood sein – seine Anbaubedingungen sind es nicht.

14 Millionen Menschen weltweit verdienen ihren Lebensunterhalt mit der Kakaoproduktion, aber 70 Prozent der Ernte stammt aus zwei Ländern: Elfenbeinküste und Ghana. Hier reift laut Experten von Menschenrechtsorganisationen kaum eine Kakaobohne ohne Kinderarbeit heran.

Laut Unicef arbeiten dort mehr als eine Million Kinder auf den Feldern. Schon Fünfjährige schleppen schwere Wasserbehälter und Säcke, verletzen sich mit Macheten, werden durch die Pestizide krank, sind Bissen von Insekten und Schlangen ausgesetzt.

In Deutschland wiederum werden zehn Prozent der weltweiten Kakaoernte weiterverarbeitet. Jedes Jahr werden Schokoladenwaren für mehr als sechs Milliarden Euro umgesetzt, Tendenz steigend. Und trotz ihres relativem Reichtums müssen die Bundesbürger im internationalen Vergleich für Süßwaren laut Preisbarometer des Datenanalysten Nielsen so wenig wie kaum ein anderer Weltbürger bezahlen. Da stimmt doch was nicht, oder?

Zwar hat Bundesentwicklungsminister Gerd Müller bei der Eröffnung der Agrarmesse Grüne Woche in Berlin im Januar erst wieder die Lebensbedingungen von Kakaobauern in Westafrika bemitleidet und bekräftigt: „Hungerlöhne, Armut, Kinderarbeit und Abholzung der Regenwälder müssen endlich der Vergangenheit angehören.“

Bereits im vorigen Jahr hatte Bundeswirtschaftsministerin Julia Klöckner bei einem Kakaogipfel erklärt: „Mein Ziel ist, den Anteil nachhaltig erzeugten Kakaos in den in Deutschland verkauften Schokoladenwaren bis zum Jahr 2020 auf 70 Prozent zu erhöhen“, einem zu diesem Zweck gegründeten „Forum Nachhaltiger Kakao“ seien auch schon zahlreiche Produzenten beigetreten.

Experten für fairen Handel kritisieren die Initiative als zu wenig ambitioniert. Und auch wenn sich mittlerweile selbst in Discountern viel Schokolade mit Nachhaltigkeitshinweisen findet: Siegel wie „UTZ Certified“ oder „Rainforest Alliance“ werden von der Stiftung Warentest in ihren Anforderungen nur als mittelmäßig („befriedigend“) eingestuft.

Sie gelten Menschenrechts- und Umweltschutzorganisationen im Vergleich zu „Naturland Fair“-, „Transfair“- oder „Hand in Hand“-Siegel als „Billigsiegel“. Das lässt sich auch am Preis erkennen, denn UTZ-Schokolade ist bei Discountern für etwa einen Euro pro 100-GrammTafel zu haben, die meisten Sorten der „Fair Trade Company“ Gepa kosten mehr als doppelt so viel.

Aber sind wir nicht bei Pralinen auch bereit, mehr zu zahlen? Dann sollten uns doch Anbaubedingungen, bei denen weder Kinder noch die Natur geschunden werden, mindestens ebenso viel wert sein. Der hohe Preis bewahrt uns dann automatisch davor, sie tafelweise in uns hineinzustopfen.

Insofern: Schokolade genießen und nachher keine Reue empfinden müssen ist nichts Neues. Dieser Genuss darf aber nach den oben genannten Kriterien gern zum Dauertrend werden.

In ihrer Kolumne „Abgeschmeckt“ macht sich Corinna Nohn Gedanken über Foodtrends und Fragen des guten Geschmacks.

 

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