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Tomaten

Muss die Lebensmittelindustrie wirklich alles ermöglichen?

(Foto: Vince Lee on Unsplash)

Kolumne „Abgeschmeckt“: Tomaten im Winter Deutsche Tomaten auch im Winter – ist das lecker oder total verrückt?

Neuerdings gibt es das ganze Jahre über frischen Nachschub aus deutschem Anbau. Das ist doch genauso schizophren wie Glühwein im Juli.
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DüsseldorfAch, Tomate. Du bist so wunderbar. Wir kennen Dich als Pizzasoße, gratiniert oder, ganz simpel, als treuste Begleiterin der Makkaroni. Kaum ein Kantinengericht kommt ohne Dich aus, und seitdem Du in Kirschgröße die Gemüseabteilunge flutest, bist Du einer unserer liebsten Snacks fürs Büro.

Man muss Dich nicht erst schnibbeln oder schälen, einfach waschen und ab in die Dose, das passt optimal in unseren Tagesablauf. Dabei ist uns ja allen klar: Im Winter frische Tomaten? Das ist wie Glühwein im Sommer oder Weißwurst nach 12 Uhr – das ist die falsche Zeit.

Ja, klar, natürlich liegen sie trotzdem im Supermarkt, aber herangeflogen aus weiter Ferne, was einem eventuell schon den Appetit verderben könnte. Oder eben als geschmacksloses, wässriges Etwas aus einem holländischen Gewächshaus.

Hier soll nun Abhilfe geschaffen werden: Diese Woche hat ein Supermarkt vermeldet, nun auch durchgängig Tomaten aus deutschem Anbau zu vertreiben. Rechtzeitig zur Weihnachtszeit, in der in jeder Teeküche Plätzchen und Printen lauern, ist in Sachsen ein entsprechendes Gewächshaus in Betrieb gegangen. Damit ist unsere handliche Zwischenmahlzeit also auch ohne lange Transportwege zu haben – und ist regional nicht längst das neue Bio?

Tja. Abgesehen davon, dass die Sache mit Aroma und Wassergehalt noch nicht beantwortet ist, denke ich da sofort: Muss die Lebensmittelindustrie wirklich alles ermöglichen? Ja, müssen überhaupt frische Tomaten im Winter sein?

Als ich diese Frage laut stelle, ruft eine Kollegin aus dem Nachbarbüro sofort: „Und ob! Ich will zu jeder Jahreszeit alles essen können!“ Freie Kost für freie Bürger.

Nun wissen wir, seit Kolumbus einst Zuckerrohrsetzlinge in die Karibik verbrachte und damit Europa ein Leben mit Süße ermöglichte, die Globalisierung der Lebensmittelproduktion zu schätzen Nur hat das ganze mittlerweile groteske Züge angenommen.

Wer sich zum Beispiel für den Lebensrhythmus der Tomate interessiert, sollte unbedingt „Das Tomatenimperium“ des französischen Journalisten Jean-Baptiste Malet in die Hand nehmen. Darin schildert er minutiös, wo eine Tomate, die auf unserem Teller landet, einst von wem angebaut, geerntet, dann verarbeitet, verschifft, verkauft wurde.

Immerhin 177 Millionen Tonnen Tomaten wurden 2016 produziert, fast jede dritte davon in China. Malets preisgekrönte Reportage ist ein Meisterwerk, das sich wie ein Krimi liest und uns die Absurdität des globalen Lebensmittelkapitalismus‘ und damit auch die Folgen unserer Gier nach beständiger Verfügbarkeit vor Augen führt.

Doch neben den umweltkatastrophalen und inhumanen Begleiterscheinungen (Transportkosten, Co2-Ausstoß, Verpackungsmüll, Arbeitsbedingungen in den Anbauländern) haben wir ja ernährungstechnisch völlig die Orientierung verloren. Erdbeeren im Winter, Spinat im Hochsommer, Maiskolben zum Neujahrsangrillen? Da wundert es keinen, einfach zugreifen.

Erdbeeren das ganze Jahr über – nicht normal!

Über Dominosteine im August (typischer Kommentar: „Wir kamen aus dem Urlaub, und ich dachte: Ich seh` wohl nicht richtig ?“), Merlot von der Mosel (Spinnerei oder das Geschäft der Zukunft?) oder die Verschiebung der Jahreszeiten („Richtig Frühling gibt es ja nicht mehr!“) hingegen lässt sich zwischen zwei Löffeln aus der Quinoa-Avocado-Bowl in der Kantine herrlich streiten.

Was wäre wiederum los, wenn die Viertklässler im Sachunterricht auf die Frage nach typischem Wintergemüse angeben: „Paprika, Zucchini, Tomate“! Wobei die Tomate, auch Paradeiser oder Liebesapfel genannt, ein Nachtschattengewächs, ja, eine Beere ist – also gar kein Gemüse, sondern eine Frucht.

Dieses an Schizophrenie grenzende menschliche Verhaltensmuster, das auch in vielen anderen Situationen des Berufsalltags zu beobachten ist (Chef antwortet nicht auf E-Mails des einen Kollegen, aber sehr wohl auf die des anderen), muss wohl irgendwie der Symptomatik des hybriden Konsumenten eingeordnet werden.

Eigentlich ist damit gemeint, dass ein Kunde zum Beispiel Kleidung möglichst günstig erwirbt, seine Lebensmittel aber im Delikatessengeschäft ersteht.

Ich finde: In unruhigen Zeiten, in denen dank VW plötzlich eine Diesel-freie Zukunft kein Science Fiction-Szenario ist, in denen selbst Angela Merkels Regentschaft zu Ende gehen soll, in denen der FC Bayern München nicht die siebte Meisterschaft in Folge holen wird, in solchen Zeiten also täten Verlässlichkeit und klare Strukturen gut.

Bewusster Verzicht zahlt sich später durch umso größeren Genuss aus – das wissen nicht nur alle, die mal eine Detox-Phase oder einen „Dry January“ eingelegt haben. Das wissen auch die Marketingstrategen von Ferrero.

Ganz im Sinne der Sommerpause von Mon Chéri und Raffaelo rufe ich hiermit zur Winterpause für Nachtschattengewächse und zum Revival der Karotte als Bürosnack auf.

In ihrer Kolumne „Abgeschmeckt“ macht sich Corinna Nohn Gedanken über Foodtrends und Fragen des guten Geschmacks.

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