Knackige Brokkoliröschen

Als ungesunde Ergänzung empfiehlt sich ein Rezept aus dem Kochbuch für Puddingveganer: Pommes mit Ketchup.

(Foto: Foodism360 on Unsplash)

Kolumne: Abgeschmeckt Veganer und Nicht-Veganer – bitte nicht so verbissen!

Heute schon tierisch konsumiert? Ist doch Weltvegantag! Warum wir uns nicht an jeden Geschmack anpassen müssen – und wie es trotzdem allen schmeckt.
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Düsseldorf„Die vegane Lebensweise etabliert sich in unserer Gesellschaft zunehmend als eine Lebensform, die nicht nur leicht, sondern vor allem auch ohne die Notwendigkeit, für die eigene Ernährung und Kleidung Tierleid zu verursachen, praktizieren lässt.“ Der Satz klingt erst mal gut, er steht auf der Homepage weltwegantag.org. Weltvegantag ist seit 1994 der 1. November.

Während also an diesem Tag Menschen auf der ganzen Welt eine Lebensweise propagieren, bei der der Konsum aller Tierprodukte abgelehnt wird, muss man auch sagen: Veganer sind ein Problem. Das klingt erst mal kaltherzig, ist aber nicht so gemeint!

Auf den ersten Blick sind Veganer natürlich die Lösung. Sie sind in der Regel mit hehren Überzeugungen gesegnet und tragen durch ihr Nein zu tierischen Produkten und Regenwaldrodung für pupsende Kuhherden zum Kampf gegen den Klimawandel bei – und überhaupt, Verzicht passt doch super in diese konsumüberflutete Zeit.

Die wachsende Gruppe der Veganer, die sich auch dank Vertretern wie dem veganen Kochbuch-Papst Attila Hildmann längst nicht mehr in der Körnerfresser-Leinsack-Ecke verstecken muss, ist allerdings ein Problem für ihre nicht-veganen Mitmenschen. Wenn zum Beispiel ein Allesfresser einen Veganer zum Kaffeetrinken einlädt, wird ihm sein eigenes, unreflektiertes und askesefreies Genussverhalten wie ein Spiegel vors Gesicht gehalten („Milch oder Zucker? Oups, Haferdrink ist grade, ähm, aus. Und ach so: Im Schokokuchen ist ein Ei drin.“).

Oder diese Verzweiflung, wenn er mit ihnen im Urlaub daran scheitert, in einer fremden Sprache die Grundidee veganer Ernährung zu erklären. Dieser Aufwand, wenn er schlicht mit ihnen die Mittagspause genießen möchte und dafür zwei Kilometer die Straße zu irgendeiner veganen In-Bude schlappen muss.

Noch größer sind die Sorgen einer Leserin, die in einer Zuschrift vom neuerdings angespannten Verhältnis zu ihrem Bruder berichtet: Dem sei sie zweifelsohne sehr zugetan, doch vor Kurzem habe er über den Vegetarismus den Weg zum Veganismus gefunden, und jetzt sei sie, die Leserin, ratlos.

Als einfühlsame Schwester und gute Gastgeberin habe sie selbstverständlich ihre Vorräte um Buchweizen, Karotten und Nüsschen aller Art ergänzt. Es sei ja auch unstrittig, dass es sinnvoll sei, den Fleischkonsum zu reduzieren.

„Aber“, fragt sie: „Kann er erwarten, dass er während seiner Besuche in unserem Haus kein Stück Fleisch sichtet? Dass ich vor seinen Kindern, die auch mal Salami probieren möchten, die Wurst im Kühlschrank verstecke? Müssen wir ihm zuliebe jetzt alle Veganer werden?“

Quelle: Dana DeVolk on Unsplash
Rübenvielfalt: Der Vegetarierverband ProVeg Deutschland schätzt die Zahl der Veganer hierzulande auf 1,3 Millionen.
(Foto: Dana DeVolk on Unsplash)

Nun hat die vegane Küche viel mehr zu bieten als Linsen und Haferdrinks. Es gibt ungezählte Kulturen weltweit, die ohne Fleisch und/oder Milchprodukte auskommen (müssen). Auch ich habe in der veganen In-Bude, die ich einst nur widerwillig betrat, mit jedem Bissen meine Vorurteile gegen Soja-Geschnetzeltes und Tofu-Burger ein Stück weit abgebaut – ja, heute schleppe ich dort Leute hin.

Aber den Plan, die an knackigen Gemüsestücken reichen und mit wohlschmeckenden Soßen verfeinerten Köstlichkeiten selbst nachzukochen, habe ich schnell verworfen – einerseits aus Liebe zu Spaghetti Carbonara, andererseits, weil die Grundlage einer wohlschmeckenden veganen Küche eine komplett andere Gewürzpalette als die in unserer Küche auffindbare ist.

Ich bin bequem, klar, aber ganz ehrlich: keine halben Sachen! Wenn man sich statt des Schnitzels vom Schwein eines aus Soja auf den Grill legt und das Ei in Omas Apfelkuchenrezept durch eine halbe Banane ersetzt, ist das doch ein Akt der Verzweiflung. So, als ob man nicht richtig loslassen kann.

Mit dieser ewigen Ersatzeritis – da gibt es übrigens seitenweise Tipps im Netz - wird man auf Dauer kein echter Veganer, weil man doch bei jedem Essen, das natürlich nicht mehr genau so schmeckt wie vorher, das Gefühl hat, auf etwas zu verzichten.

Man sollte ehrlich sein und sagen: Wenn schon vegan, dann richtig, mit neuen Gerichten, Gewürzen, Geschmäckern. Genau in dieser konsequenten veganen Haltung tut sich nun auch für jeden Karnivoren eine große Chance auf: Lasst sie Euren Tisch bereichern. Ihr müsst nicht Veganer werden, aber der Blick durchs kulinarische Schlüsselloch in diese Welt lohnt!

Mit den mir bekannten Veganern handhabe ich es daher derart, dass ich vor jeder Party, jedem Kaffeeklatsch, jedem Brunch auf die obligatorische Frage „Soll ich etwas mitbringen?“ mit „Ja – etwas, was Ihr selbst gern esst. Und vergesst Euren Haferdrink nicht“, antworte.

Und wenn es ein Geburtstag ist, wünsche ich mir explizit Beiträge zum Buffet. Das ist direkt – aber wir wissen stillschweigend darum, dass es das Beste für unsere Freundschaft ist.

Wie aber verfahren mit jenen so dogmatischen – um nicht zu sagen: verbissenen – Veganern, die nicht mal ein Brokkoliröschen, das sich mit einer Flasche Milch ein Kühlschrankfach geteilt hat, zu sich nehmen würden?

Wer die Lehre streng auslegt, hält ja auch Abstand zu allen Nahrungsmitteln, die einmal im Laufe ihrer Herstellung Kontakt zu einer tierischen Zelle hatten. (Kleiner Exkurs: Haben Sie sich schon mal gefragt, warum auf Wein oder Apfelsaft ein „vegan“-Button pappt?

Ich will an dieser Stelle gar nicht so tief einsteigen, aber nur so viel: In der industriellen Lebensmittelherstellung passieren Dinge, die der Allesfresser gar nicht ahnt.)

Ich sage nicht: Warum ladet Ihr solche Eichhörnchen überhaupt ein? Stattdessen empfehle ich ein Rezept aus dem Handbuch für Puddingveganer (das sind solche, die ohne großartige Überzeugung vegan essen): Pommes mit Ketchup, das futtern alle gern.

Quelle: Uljana Maljutina on Unsplash
Eichhörnchen essen auch gern Nüsse.
(Foto: Uljana Maljutina on Unsplash)

Alternativ: Ladet sie doch zu einem Garten-fit-fürs-Frühjahr ein, mit Umgraben der Kartoffelbeete, Himbeerbüsche schneiden, Löwenzahn ausmachen. Auf den Tisch kommt, was der Garten hergibt – Brennnesseltee. Das sollte ganz nach dem Geschmack eines echten Veganers sein und gibt auch mal dem Nicht-Veganer Gelegenheit, sich ein wenig in Askese zu üben. So haben alle etwas vom Tag.

In ihrer Kolumne „Abgeschmeckt“ macht sich Corinna Nohn Gedanken über Foodtrends und Fragen des guten Geschmacks.

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