Kaffee mit Milch

Kaffee und Koffein? Die gehören doch zusammen, wie der Name schon sagt.

(Foto: Justin Leibow on Unsplash)

Kolumne: Abgeschmeckt Verteufelt nicht das Koffein!

Kaffee-Detox? Koffein ist doch unsere liebste Alltagsdroge! Sucht in Maßen ist dabei völlig in Ordnung – und obendrein eine Chance, die Welt zu verbessern.
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Düsseldorf77.000 Tassen Kaffee trinkt der Deutsche im Schnitt in seinem Leben. Anfang der Woche war Weltkaffeetag, und diese Zahl ist bei mir hängengeblieben. Wenn man da noch Kinderjahre und Teetrinker rausrechnet, kommt man auf eine Tassenzahl pro Tag, die mich kaum schlafen lässt.

Tatsächlich ist auch die Grundlage dieses Textes ausgiebiger, mehrmaliger und sich tassenweise von Hektik zu Genuss steigernder Kaffeekonsum. Ja, Sie kennen bestimmt auch so jemanden, der morgens in die Küche wankt – idealerweise vor dem verbalen oder auch nur Blickkontakt mit anderen Lebewesen – und erst nach dem Verzehr einer Minimaldosis Koffein zu einem gesellschaftsfähigen, energiegeladenen, empathischen und kreativen Artgenossen wird.

Als mir just am Weltkaffeetag der Glaseinsatz meines Kaffeebereiters in der Spüle zersprang, flutete heiße Panik Körper und Geist – nicht nur bei mir, auch bei den der Szene beiwohnenden Familienmintgliedern.

Zum Glück fand sich in der hinteren Ecke eines Schranks noch ein alter Melitta-Porzellanfilter, und in der Bastelkiste ein Pack Papierfilter. Die waren zwar uralt, „aber besser als Klopapier“, wie mir mein Büronachbar später aus einschlägiger Erfahrung zu berichten wusste.

Im Büro dann der nächste Kaffee, irgendwann Mittag, Espresso, und so weiter. Schöne Routine, wie uns dieses braune Heißgetränk mit Wellen der Acht- und Wachsamkeit durch den Tag begleitet, wie es uns die Kollegen um uns herum in Kaffeepausenbegleiter, Schwarztrinker und Kuhmilchverweigerer unterteilen lässt.

Kaffeekultur ist Unternehmenskultur, Koffein ist doch der Kitt, der ganze Büroetagen zusammenhält. Aber neulich druckste ein Kollege nach dem Kantinenbesuch plötzlich herum und sagte: „Könnten wir vielleicht mal in die Café-Bar einen Kilometer die Straße runter? Die haben da koffeinfreien Cappuccino.“

Ich habe ja nichts gegen Bewegung in der Mittagspause, aber koffeinfrei? Im Ernst? Wir dürfen jetzt keinen Kaffee mehr trinken?

Koffein und Kaffee, das gehört schließlich zusammen, sagt ja schon der Name. Das Kopfkino springt an, Bilder von einem schmalzigen Anzugträger auf der Pferderennbahn, der eine Grazie im roten Kleid anbaggert, poppen auf.

Er fachsimpelt von „Temperament und Leidenschaft“ beim Kaffeetrinken, aber dann, bätschie, schlürft er doch genussvoll die ihm untergeschobene Tasse mit „Kaffee Hag“-Aufdruck aus, und am Ende lachen beide dümmlich. Kaffee ohne Koffein, das kann doch keiner ernst nehmen.

Ich weiß gar auch nicht, ob noch Werbung mit unterschobenen Tassen läuft, auf der Homepage von Jacobs Kaffee muss man jedenfalls lange suchen, um Hag zu finden. Aber der Kollege beharrt: „Echt, Koffein ist völlig schräg, was das mit Deinem Körper macht. Da hilft nur Detox. Musst Du auch mal probieren.“

In Zeiten, in denen in jeder Fußgängerzone zwei Baristas konkurrieren, allerorts regionale Kaffeeröster ins Geschäft einsteigen und gefühlt jedermann über den Kauf von Siebträgermaschine und 350-Euro-Mühle fachsimpelt, verwirrt das.

Aber tatsächlich: „Caffeine Detox“ heißt der Trend, der im zweitgrößten Kaffeekonsumland, den USA, schon weite Verbreitung gefunden hat; der Journalist Murray Carpenter vergleicht die Kaffeetrinker in seinem Buch „Caffeinated“ denn auch mit Laborratten, die sich ihre tägliche Giftdosis selbst verabreichen.

Kleiner Exkurs: Komischerweise sind die USA auch genau die Nation, die gefühlt gerade erst entdeckt hat, dass sich Kaffee nicht nur abgestanden und warmgehalten von nonstop betriebenen, gigantischen Filtermaschinen konsumieren lässt. Davon zeugen Phänomene wie der „Deconstructed Latte“, also der „Auseinandergebaute Latte“, der zum Beispiel in New Yorker Cafés enormen Zuspruch erfährt.

Der wiederum ist eine totale Mogelpackung.

Die Dinge werden nicht dekonstruiert, sondern einfach nicht vermischt und dann getrennt serviert: Mini-Latte, Espresso, Wasser. Diese Handhabung soll angeblich erst den puren Genuss der einzelnen Bestandteile ermöglichen

Das Prozedere sorgt aber vor allem für eine größere Menge verdreckten Geschirrs und in erster Linie, dank Gaga-New-York-New-York-Hype und horrender Preise, für vollere Kassen der ausschenkenden Etablissements.

Im Gegensatz zu den idyllischen Instagram-Bildern koffeinhaltiger Dekonstruktionen stehen im Netz jene ungezählten, zum Teil grauenerregenden Erfahrungsberichte mit Koffeinentzug: Kopfschmerzen, Schläfrigkeit, Muskelschmerzen, Gewichtszunahme, Grippesymptome… Uff, harte Kost.

Zurück zum Entzug: Je nach Konstitution soll es dann ein paar Tage oder auch zwei Monaten dauern, bis die körperliche Katharsis eintritt und damit: besserer Schlafrhythmus, weniger Nervosität, innere Ruhe, langfristig mehr Energie, weniger Magenbeschwerden (so der Detoxierende denn welche hatte).

Klingt auch verlockend. An dieser Stelle lohnt aber ein kurzer Rückblick auf die Historie des weltweit beliebtesten Suchtmittels, mit dessen Anbau, Verarbeitung und Handel mehr als 25 Millionen Menschen ihren Lebensunterhalt verdienen.
Die Legende, wie der Mensch zum Kaffee kam, ist ja einfach köstlich: Ein junger Ziegenhirt soll im Jahr 850 im ehemaligen Königreich Kaffa, das heute Teil von Äthiopien ist, beobachtet haben, dass ein paar Ziegen kirschenähnliche Beeren von den Sträuchern fraßen und an diesem Abend im Gegensatz zum Rest der Herde noch lange umhersprangen. So ging es los.

Wer kann diese putzigen Ziegen vor seinem inneren Auge hopsen und sich fröhlich von den Hinterbeinen abstoßen lassen, unermüdlich, frisch und fröhlich, und tatsächlich dem Kaffee entsagen?

Außerdem sind bis zu zwei Tassen am Tag sogar gesundheitsfördernd: Kaffeegenießer, das zeigen medizinische Studien, erkranken seltener an Herz-Kreislauf-Leiden und bestimmten Krebsarten, Kaffee stärkt die Leber und macht potenter.

Es kommt also, wie so oft, auf das richtige Maß an. Das würde auch in Bezug auf ganz andere Schwachstellen des Kaffeekonsums helfen. Denn damit wir im Supermarkt so günstig an die Bohnen kommen, uns beim Barista den richtigen Mahlgrad oder im New Yorker Trendcafé den auseinandergebauten Latte ordern können, haben sich oft anderswo auf der Erde Menschen schinden lassen, schwere Säcke durch chemiekalienversaute Plantagen geschleppt, für einen Hungerlohn.

Für die Ernte schinden sich oft Menschen zu Hungerlöhnen auf chemieverseuchten Plantagen. Die Lösung? Bio- und Fair-Trade-Kaffee. Quelle: Rachel Clark on Unsplash
Kaffeebohnen

Für die Ernte schinden sich oft Menschen zu Hungerlöhnen auf chemieverseuchten Plantagen. Die Lösung? Bio- und Fair-Trade-Kaffee.

(Foto: Rachel Clark on Unsplash)

Wie wäre es also damit: weniger Kaffee trinken, ja, dafür aber fair und ökologisch angebauten und dadurch pestizidfrei aufgebrühten. Das Leben ist zu schön, um sich schlechten Kaffee zu leisten.

In ihrer Kolumne „Abgeschmeckt“ macht sich Corinna Nohn über Foodtrends und Fragen des guten Geschmacks Gedanken.

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1 Kommentar zu "Kolumne: Abgeschmeckt: Verteufelt nicht das Koffein!"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

  • Der Kaffeegenuss wird nun noch ausgiebiger... ich freue mich nun auf die 3. Tasse am Tag.
    Fair und ökologisch wünsche ich mir meinen Kaffee, leider klappt es m.E. mit der Auszeichnung nicht immer.
    Ich wäre auch bereit hierfür etwas mehr zu zahlen, da der Ertrag doch etwas geringer und mit Mehrarbeit verbunden ist, aber die Kaffebohnen dafür weniger Schadstoffe enthalten.
    Ist das die realistisch oder wird hier doch etwas geschummelt? Wer kontrollliert das?
    Leider ist m.W. der Hinweis auf der Verpackung "Fair geernteter Kaffee" wohl nicht geschützt.

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