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Schüssel, Joghurt, Beeren

Gekonnte Meal Prepper verstehen sich darauf, ihren Joghurt-Beeren-Müsli-Mix so zu schichten, dass vor Verzehr nichts durchmatscht.

(Foto: Rawpixel on Unsplash)

Kolumne: Abgeschmeckt Wie der Tupperwahnsinn unsere Bürohygiene bedroht

Heute schon aus der Dose gefuttert? Warum der Trend zum Vorkochen höchst bedenklich ist und wir unbedingt weiter in die Kantine gehen sollten.
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DüsseldorfFür tägliche Nutzer öffentlicher Verkehrsmittel ist es ein vertrauter Anblick: Zwischen Zeitung lesenden oder aufs Handy starrenden Begleitpendlern sitzt irgendwo im Regionalexpress immer auch jemand mit Tupperdose auf dem Schoß und Löffel in der Hand. Und am Ende bleibt ein Joghurtfleck am Sitz zurück – Joghurt im Zug ist echtes Sauzeug.

Umso nachdenklicher muss es da stimmen, dass sich die Anhänger des öffentlichen Leerlöffelns von Plastikgeschirr geradezu exponentiell zu vermehren scheinen.

Ja, sie sitzen längst nicht mehr nur im Zug zur Arbeit, sie stellen die Behältnisse demonstrativ neben ihrem Bildschirm im Büro ab, marschieren mittags in die Teeküche – oder gleich raus in den Park. Gemeinsames Mittagessen? Gar in der Kantine? Man kommt sich blöd vor, wenn man fragt.

Müssen wir jetzt alle unser Essen in Schüsseln mit uns herumtragen?

Nun ist Tupperware nichts Neues. Earl Silas Tupper begann vor 80 Jahren, erst die Amerikaner und dann die ganze Menschheit mit Plastikbehältnissen für Lebensmittel zu versorgen. Seine luft- und wasserdichten Schüsselchen revolutionierten unseren Umgang mit leicht verderblichem Essbaren.

Aber was gerade in deutschen Küchen vorgeht, ist mehr als kollektives Gemüseschnippeln und Plastikdosenstapeln. Der Trend heiß „Meal Prep“, was natürlich hipper klingt als das, worum es eigentlich geht: das „Vorkochen“.

Wie früher, als Haferpampe und Graupensuppe die ganze Woche gestreckt wurden. Anleitungen und anschauliche Tipps gibt es reichlich, einschlägig in den sozialen Medien ist der Hashtag #mealprep. Als ideale „Basics“ werden zum Beispiel empfohlen: Haferflocken, Quinoa, Zwiebeln, Reis, Nüsse, Senf, Gemüse, Obst, Avocado, Erdnussbutter. Letztere wegen der Proteine, nehme ich an.

„Richtige“ Meal Prepper, lese ich auf einer einschlägigen Seite, kochen einmal in der Woche „gesundes Food“ für sieben Tage im Voraus. Meal Prepper haben gelernt, Dressing, Hülsenfrüchte und Gemüse so gekonnt zu schichten, dass auch nach Tagen „nichts durchsuppt“.

Meal Prep, sagt mir eine Frauenzeitschrift, „hilft Dir, abzunehmen“, und, so eine Männerzeitschrift, die mir auch das zehnteilige Dosenset zum Sonderpreis offeriert, „bewahrt Dich vor Kantinenfraß und fettiger Fertigpizza“. Meal Prep ist offenbar das kulinarische Rundum-Sorglos-Paket der Selbstoptimierer.

Wer seine Meals preppt, brilliert wahrscheinlich auch beim regelmäßigen Gebrauch von Zahnseide, nutzt Fitnesstracker zur Kontrolle des täglichen Schrittpensums und steuert die Heizung seiner praktisch und gleichzeitig stilvoll eingerichteten Wohnküche per App von unterwegs.

(Kleiner Exkurs: Meal Prepper müssen auch einen Riesenkühlschrank haben und gut in Tetris sein, denn die Tupperdosen, die großen Schneidebretter und die gigantischen Töpfe wollen irgendwo verstaut werden.)

Ich habe nichts gegen gekonnt geschichtete Hülsenfrüchte. Aber mit ihren Vorbehalten gegen das Essen in Kantinen begeben sich die Meal Prepper auf suboptimales Terrain.

Abgesehen davon, dass die Fertigpizza und ihr kulinarischer Stiefbruder, der in Currysauce ertränkte Wursthaufen, in vielen Betriebsrestaurants höchstens noch als Deluxe-Version serviert werden: Wann erfährt man mehr über die Strategien der kommenden Monate, als zwischen dem Geplauder über den Speiseplan der nächsten Woche?

Kantinen sind Orte der Kommunikation und Wärme. Kantinen sind Räume ohne Hierarchieebenen und gläserne Decken. Kantinen sind, im Hinblick auf den büroalltäglichen Wahnsinn, zwischenmenschliche Waschstraßen.

Hier schieben alle ihr Tablett im selben Tempo, hier sitzt der Assistent auf gleicher Höhe mit der Chefin. Zwischen zwei Löffeln heißer Erbsensuppe fällt der Ausbruch über Herrn X aus Abteilung Y gedämpfter aus – und wird obendrein eher verziehen. Sobald der Teller auf dem Laufband Richtung Spülmaschine steht, sind auch Gewissen und Geist wieder rein, pure Katharsis. Ohne Kantine leidet die Bürohygiene.

Vielleicht bin ich zu harsch in meinem Urteil. Ich versuche, mich in einen Meal Prepper hineinzuversetzen, sehe ihn sonntags am Küchentisch, das Messer in der Hand, vor sich einen Haufen Brokkoli. Vielleicht ist es so: In komplexen Zeiten, wie wir sie durchleben, vermitteln viele bunte Vorratsbehältnisse im Schrank das wohlige Gefühl, für jede Eventualität gerüstet zu sein und zumindest in der eigenen begrenzten Küchenwelt für jedes Problem eine saubere Lösung anbieten zu können.

Ich werde das mal mit Kollegen besprechen. Beim nächsten Gang in die Kantine.

In ihrer Kolumne „Abgeschmeckt“ macht sich Corinna Nohn über Foodtrends und Fragen des guten Geschmacks Gedanken.

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