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(Foto:  Sambazon on Unsplash)

Kolumne „Abgeschmeckt“ Wie einem der Hype ums Superfood den Appetit verdirbt

Heute schon super gespeist? Mit Chia, Goji, Quinoa? Warum Superfood oft nicht super ist und Sauerkraut oder Johannisbeeren es auch tun.
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Düsseldorf Wer etwas auf gesunde Ernährung hält, kann ja heutzutage aus dem Vollen schöpfen. Anders als zu Großelterns Zeiten, als Auswahl sowie finanzieller Spielraum in der Regel bescheiden und die Beinscheibe in der Graupensuppe wahrer Luxus waren, kündet heute in jeder Bahnhofsbuchhandlung der Block der Kochzeitschriften wöchentlich, wenn nicht gar täglich, von neuen kulinarischen Heilsbringern.

Seit geraumer Zeit sind wir alle ganz scharf auf Superfood. Das sind Speisen, die einfach nur großartig sind. Weil ihr Nährwert mehr als optimal ist, weil sie unsere Energie auf ungeahnte Level hochfahren und den Vitaminhaushalt boosten, weil sie Krankheiten abwehren, weil sie diese fiesen freien Radikale einfangen wie der Kammerjäger Kakerlaken.

Und weil sie wahlweise schön oder schlank beziehungsweise schön und schlank machen und zu guter Letzt – im Zweifel liegt es nur an der richtigen Zubereitung in einer Superfood-Superbowl – auch noch super schmecken.

Stillen diese ernährungstechnischen Alleskönner den Hunger der Welt? Müssen wir jetzt alle Granatapfelkerne lutschen und zerstoßene Moringa-Blätter in unsere Suppe bröseln? Hat man in der Küche eigentlich noch was zu suchen ohne Superfood in der Speisekammer?

Erst mal vorweg ist die Frage zu klären, wer überhaupt teilhat am Hype. Auf den ersten Blick sind es vor allem Produkte der Natur, mit denen unsere Groß- und Urgoßeltern nicht viel hätten anfangen können – ist ja logisch: Wären sie in der westlichen industrialisierten Welt seit Einführung des Frauenwahlrechts verbreitet gewesen, hätte man sich ja kein neues Buzzword dafür ausdenken müssen.

Das sind zum Beispiel exotische Samen (Chia) und Getreidesorten (Quinoa), Beeren mit fremdklingenden Namen (Açai und Goji), Vitamin-C-Bomben (Acerola-Kirsche), Krümel exotischer Pflanzen (Moringa), wobei auf der Liste Avocado, Mandeln und Ananas fast schon erschreckend langweilig anmuten.

Je nachdem, ob der Fokus in der Küche gerade auf Omega-3-Fettsäuen (Chia!), Aminosäuren (Goji!), Probiotik (Ghee!), Eiweiß (Quinoa!) oder Antioxidantien (Açai!) liegt, schnellen unterschiedliche Substanzen, Kernchen und Körnchen auf der Superfood-Bestenliste nach oben.

Der Hype muss und kann gar nicht näher beschrieben werden, aber er ist ja allgegenwärtig – meist propagiert von Mitmenschen, die stets den richtigen Rat(geber) parat und den Instagram-Account samt Hashtag #superfood geöffnet haben. Und natürlich von den Superfood-Lieferanten.

Nun ist die Mär, dass sich – schwuppdiwupp – mit ein paar klitzekleinen Additionen im Speiseplan, die man praktisch gar nicht merkt, das Lebensgefühl von „Ich träger Sack“ auf „Yipeeh Yeah“ drehen lässt, fester Bestandteil des Nahrungsmittelmarketingmainstreams. Aber wir sind ja alle groß und wissen, dass es nicht reicht, Chia-Samen quellen zu lassen und ins Müsli zu rühren, um Körper, Geist, Familie und Beruf in Einklang zu bringen.

Was richtig nervt, ist dieser Weltrettungsanspruch der Superfood-Propaganda. Angeblich muss ja alles auch möglichst naturbelassen sein, bio, nah dran am Ursprung eben – also am besten irgendein Korn, das den Ureinwohnern einer kargen Steppe einst das Leben sicherte.

Diese kargen Steppen sind aber meist so weit entfernt von der westlich zivilisierten und nach Ur-Nahrungsmitteln gierenden Welt, dass das Zeug um den halben Globus geschippert werden muss, bis es in unseren Superfood-Bowls landet. Allein beim Gedanken an die dafür notwendigen Mineralölseen vergeht einem doch der Appetit.

Açai-Beere? Kommt meist aus Brasilien und kostet ein Vermögen. Acerola? Frucht eines subtropischen Baumes. Moringa? Wächst schwerpunktmäßig in Ostafrika und kann hierzulande nur in Form von Pulver genossen werden. Quinoa? Trägt nicht umsonst den Beinamen „Gold der Inkas“. Die großfruchtige Moosbeere, besser bekannt als „Cranberry“, ist im östlichen Nordamerika beheimatet. Topinambur? Würde in Europa gedeihen, wird hier aber kaum noch angebaut. Papaya, Mango, Shiitake-Pilze – noch Fragen?

Das heimische Superfood punktet mit reichlich Vitaminen, Mineralstoffen und Ballaststoffen. Quelle: Monika Grabkowska on Unsplash
Kohl

Das heimische Superfood punktet mit reichlich Vitaminen, Mineralstoffen und Ballaststoffen.

(Foto: Monika Grabkowska on Unsplash)

Hinzu kommt: Die Nachfrage nach Superfood lässt den Marktpreis in den Herkunftsländern steigen – was vielleicht auch dazu führt, dass zum Beispiel bolivianische Bauern ein besseres Leben haben. Vor allem aber kann sich der Großteil der Bevölkerung das traditionelle Allround-Nahrungsmittel Quinoa nicht mehr leisten.

Und Avocado? In die Produktion eines Kilos fließen 2000 Liter Wasser, weshalb unser Appetit ganze Landstriche in Chile austrocknen lässt. Obendrein werden die Super-Früchte oft unreif geerntet oder werden auf ihrem langen Verarbeitungsweg verunreinigt oder mit Pestiziden verseucht.

Das ist ganz schön harter Tobak dafür, dass die Superfood-Community im Hintergrund ihrer anmutigen Superfood-Postings auf Instagram beständig die Leier von der Selbstoptimierung und Weltverbesserung dudeln lässt. Ich hätte da einen Vorschlag zur Güte: Entdeckt doch mal die heimischen Superspeisen.

Da gibt es durchaus Exotisches, was unsere Großeltern nie und nimmer freiwillig gegessen hätten: Lupinensamen lassen sich an jeder Sommerwiese ernten. Die Blätter von Brennnesseln und Löwenzahn strotzen nur so vor Vitalstoffen und Antioxidantien. Oder Giersch: Das vermeintliche Unkraut wuchert in jedem Roundup-freien Garten und ist nicht totzukriegen, „aufessen“ ist seit jeher die einzig gangbare Alternative.

Überhaupt, was so alles an Superfood am Wegesrand gedeiht, das sind literweise grüne Smoothies. Dann noch: Gerstensaft und Buchweizen. Oregano und Sellerie. Heidel- und Johannisbeeren können es mit Acerola locker aufnehmen, Zwiebeln machen den Darm schön, und Sauerkraut ist Powerkraut!

Wer mehr Inspiration braucht, kann vielleicht noch bei Omma und Oppa nachfragen, was früher so auf dem Tisch kam. Und so manches in Vergessenheit geratene Kohlgericht kann sicher auch ganz schön exotisch wirken. Bei der Gelegenheit aber bitte nicht vergessen, nach dem Graupensuppenrezept zu fragen – hübsch angerichtet, könnte es ein Hit auf Instagram werden.

In ihrer Kolumne „Abgeschmeckt“ macht sich Corinna Nohn Gedanken über Foodtrends und Fragen des guten Geschmacks.

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