Alberto Alessi im Porträt Wie der Alessi-Chef aus einem Handwerksbetrieb ein Designimperium formte

Alessi – der Name steht für klassisches und bisweilen verrücktes Design made in Italy. Die Erfolge der Familienfirma haben viel mit dem Patriarchen zu tun.
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„Ich bin ein Sammler.“ Quelle: Stephanie Füssenich für Handelsblatt Magazin
Alberto Alessi

„Ich bin ein Sammler.“

(Foto: Stephanie Füssenich für Handelsblatt Magazin)

OmegnaDie Weihnachtszeit beginnt in Omegna sehr früh. Eigentlich schon im April. Ab dann wird das wichtigste Geschäft des Jahres vorbereitet. Der Dezember ist traditionell der umsatzstärkste Monat für Alessi. Und deshalb fräst gerade eine der drei Lasermaschinen in der großen Werkshalle die nächste Fuhre Weihnachtsbäume aus den Edelstahlplatten.

Hier, am Stammsitz im Piemont, direkt am Ortasee, dem kleinen und beschaulicheren Bruder des Lago Maggiore, brummen und quietschen die Maschinen auch jetzt im Frühherbst ununterbrochen.

Alle Metallobjekte werden aus flachen Platten gefertigt. Drei Meter sind sie lang, 1,15 Meter breit. Das Material kommt aus Deutschland, Frankreich, Fernost. Alessi fühlt italienisch, denkt europäisch und arbeitet global. In der großen Produktionshalle nebenan sitzen Dutzende Mitarbeiter an Maschinen, um die künftigen Tabletts, Kannen oder Körbe zu formen, zu schneiden und zu prägen.

Einer von Alessis Bestsellern, der über 1,5 Millionen Mal verkauft wurde, ist der Wasserkessel mit Vogelpfeife von Michael Graves. Allein für dessen stählernen Körper sind neun Arbeitsschritte nötig, für die Tülle sogar 22. Design hat auch viel mit Handwerk zu tun. Und die Metallverarbeitung ist eine Kunst, die sie am Ortasee schon seit Jahrhunderten beherrschen.

Firmenchef Alberto Alessi, der das Unternehmen in dritter Generation führt und es von einem traditionellen Handwerksbetrieb in einen weltweiten Designlieferanten verwandelt hat, verfolgte die Geschichte seiner Familie bis ins Jahr 1641 zurück. Damals gingen viele italienische Handwerker nach Deutschland, um dort die Zinnverarbeitung zu lernen. Als sie im 19. Jahrhundert zurückkamen, entstanden rund um Omegna die ersten Metallbetriebe.

Heute haben die meisten großen Firmen ihre Produktion wieder abgezogen. Bialetti etwa, bekannt geworden durch die kleine Caffettiera und gegründet einst von Alessis Großvater mütterlicherseits, produziert mittlerweile in China. Alessi aber ist geblieben.
Das Unternehmen, 1921 gestartet, zählt zu den angesehensten Designadressen Europas und lässt die Metallwaren für Tisch und Küche immer noch von Hand in Norditalien produzieren. Die Produktlinien sind mal klassisch edel, dann wieder schreiend bunt und verspielt.

Antidesign nebst modernen Klassikern

Im Katalog, der mittlerweile mehr als 2 000 Produkte umfasst, finden sich moderne Klassiker neben augenzwinkerndem Antidesign – etwa eine Salatschüssel von Lluís Clotet, deren Witz in ihrer zerbeulten Form liegt. Das Unternehmen will heute auch für zeitgenössisch-mutige Objekte stehen, die spielerisch und ironisch gegen die Dogmen des Spießertums verstoßen – und die eigenen Wurzeln lieber selbst hinterfragen, bevor es andere tun.

„Die Dinge erzählen bei Alessi eine Geschichte von Freude und Glück“, sagt der Patriarch. Er hat seinem Unternehmen nicht nur Humor beigebracht, sondern auch den Umgang mit immer neuen Materialien wie Plastik, Holz und Porzellan. Vor neuen Ideen – etwa einer Uhrenkollektion oder jüngst einer Duftserie – schreckte er noch nie zurück.

Die nüchternen Firmengebäude liegen direkt am Ortasee. Quelle: Stephanie Füssenich für Handelsblatt Magazin
Firmensitz in Omegna

Die nüchternen Firmengebäude liegen direkt am Ortasee.

(Foto: Stephanie Füssenich für Handelsblatt Magazin)

In schwarzem T-Shirt, Jeans und schwarzen Slippern führt der 79-Jährige jetzt durch sein heiligstes Reich: das Museo Alessi, beheimatet im zweiten Stock der Firmenzentrale. Hier lässt sich tief in die Entstehungsgeschichte von Hunderten von Objekten und Tausenden von Entwurfsstadien blicken – ein Paradies für Designfreunde. Natürlich habe er eine Kuratorin, die hier alles archiviert, sagt Alessi. „Aber die meisten Notizen dazu sind in meinem Kopf.“

Mit den Händen streicht er zärtlich über die Regalböden. „Die Zwanzigerjahre sind hier oben, die Dreißiger darunter, hier die Vierziger“, sagt er. „Alles von meinem Großvater.“ Ein Regal weiter kommen die Fünfziger- und Sechzigerjahre, die Zeit seines Vaters. Jedes Jahrzehnt vor Alberto, so scheint es, passt auf einen kleinen Regalboden.

Für all die Kreationen und Entwürfe, die er selbst nach seinem Eintritt ins Unternehmen 1970 auf den Markt gebracht hat, reicht der Platz hier oben kaum noch aus. Die verschiebbaren Glasvitrinen sind alle rappelvoll, die nächsten Produkte liegen schon auf einem großen Arbeitstisch, um archiviert zu werden.

Hier lagern viele Jahrzehnte Designgeschichte. Quelle: Stephanie Füssenich für Handelsblatt Magazin
Einblick in die Alessi-Archive

Hier lagern viele Jahrzehnte Designgeschichte.

(Foto: Stephanie Füssenich für Handelsblatt Magazin)

Alessi läuft ein paar Schritte weiter, kurbelt die nächste Vitrine hervor, steht jetzt vor Richard Sappers „Coffee Pot 9090“. Der erste Entwurf ist ein noch konisches Papiermodell, waagerecht sind zwei Bleistifte hindurchgesteckt. Drei Jahre hat es gedauert von der ersten Skizze bis zur Produktion. „Der Clou bei ihr ist, dass man hier zum Aufschrauben nur eine Hand braucht“, erzählt der tiefenentspannte Alessi.

Alltagsgegenstände als Kultobjekte

Von Sapper stammt auch die Idee für einen poetisch pfeifenden Wasserkessel. Er wollte, dass er sich wie ein Flussschiff anhört, das er in seiner Stuttgarter Kindheit immer wieder gehört hatte. Als endlich ein Produzent für die Flöte aus Kupfer im Schwarzwald gefunden war, stellte sich heraus, dass nur ein „A“ herauskommt.

Entschieden zu wenig für zwei Perfektionisten wie Sapper und Alessi. Also vergingen weitere Jahre, bis es möglich war, zwei Dampftöne in den Tonlagen „E“ und „H“ zu verbinden. So spricht der Kessel gleich mehrere Sinne an. Und auch Klang will eben designt sein.

Ein anderes Erfolgsmodell steht ein paar Regalböden weiter. Die hochbeinige Zitronenpresse „Juicy Salif“ von Philippe Starck. Auch das ein millionenfach verkaufter Bestseller voller Widersprüche. „Es war verabredet, dass uns Philippe ein Tablett entwirft“, erzählt Alessi.

„Es mag chaotisch aussehen, aber ich weiß genau, wo ich die Dinge alle ablege.“ Quelle: Stephanie Füssenich für Handelsblatt Magazin
Einblick in die Alessi-Archive

„Es mag chaotisch aussehen, aber ich weiß genau, wo ich die Dinge alle ablege.“

(Foto: Stephanie Füssenich für Handelsblatt Magazin)

Aber erst zwei Jahre später kam ein Brief mit Skizzen an. Erstaunlicherweise nicht für ein Tablett, sondern für eine Zitronenpresse, notiert auf dem gebrauchten Papiertischtuch eines Restaurants. Darauf hatte Starck sich offenbar von Tintenfischen inspirieren lassen, die er zum Mittagessen verspeiste.

Auch das Tischtuch von 1990 wurde sorgsam archiviert, so wie fast alles hier. Denn Alessi leuchteten schon damals Kühnheit und Statement dieses kultigen Objekts unmittelbar ein. „Ich wusste sofort, dass das ein disruptiver Entwurf ist“, erinnert er sich. Dass der Zitrussaft dann ungesteuert herunterkleckert – geschenkt. Die meisten Käufer schätzen die Presse als pures Küchen-Statussymbol.

Alberto Alessi hat Geduld, egal, mit welchem Architekten oder Designer er zusammenarbeitet. Jedem Künstler gibt er die Freiheit, die der benötigt. „Die Designer wollen jede Kleinigkeit ihres Entwurfs umsetzen, das können manchmal Hunderte Details sein“, sagt Alessi. Architekten dagegen zeichnen manchmal nur eine Form auf dem Reißbrett – und lassen Alessis Techniker ans Werk. „Meine Leute arbeiten lieber mit Architekten zusammen. Da können sie sich mehr ausleben.“

Gelassenheit im Scheitern

Und kaum ein anderer Firmenchef spricht wohl mit solch einer Gelassenheit auch vom Scheitern, von ökonomischen Flops und missratenen Entwürfen. Alessi weiß, dass sich Erfolg und Misserfolg beim Massenpublikum nicht planen lassen. Und so nennt er die Fiaskos, wie er sie nennt, lieber „Erfahrungswerte“ für neue Projekte.

Im Firmenmuseum finden sich daher zahlreiche Fehltritte und Unmengen an unrealisierten Projekten. Etwa eine Kaffeemaschine für Reisende oder eine Espressokanne in Form einer Madonna mit Jesuskind. Hätte ja klappen können, oder? Hin und wieder bedauert Alessi es zutiefst, dass selbst in seinen Augen perfekte Entwürfe nicht gut ankommen – wie etwa die hohe Pfeffermühle des Architekten Peter Zumthor, die seiner Meinung nach so gut in den Händen liegt.

Die Tür zum Chef steht immer offen. Quelle: Stephanie Füssenich für Handelsblatt Magazin
Alessi in seinem bunten Büro

Die Tür zum Chef steht immer offen.

(Foto: Stephanie Füssenich für Handelsblatt Magazin)

Oder auch Zumthors windschiefes Set für Salz und Pfeffer, Essig und Öl. Die Prototypen, die der berühmte Schweizer dafür einst aus Seife geschnitzt hat, sind trotzdem schick und liegen hier selbstverständlich in einem Pappkarton parat.

Als Erzieher der Kunden oder gar Oberlehrer versteht sich der Senior aber nicht. Ein bis zwei Jahre lässt er den Produkten Zeit. Laufen sie dann nicht, verschwinden sie aus der Kollektion. „Die ganz großen Erfolge gehen ohnehin sofort durch die Decke“, weiß er aus Erfahrung – und die ist durchaus global, auch wenn Italien noch immer der größte Markt der Marke ist.

40 Prozent des Umsatzes macht Alessi in der Heimat. Dahinter rangieren Deutschland, Belgien, die Niederlande. Aber auch die USA und Japan sind große Absatzmärkte. China gilt als großer Zukunftsmarkt, vor Kurzem wurde eine Kooperation mit dem Onlineriesen Alibaba geschlossen.

Es geht auch um Zahlen, aber es geht eben auch um Gefühle. Alessi selbst wollte eigentlich Künstler werden, sein Vater Carlo versuchte, ihn in Richtung Betriebswirtschaft zu drängen. Am Ende fanden sie gemeinsam einen „Kompromiss“: Alberto studierte Jura.

Der Firmenchef erinnert sich bei allen Erfolgen auch gerne an furiose Flops. Quelle: Stephanie Füssenich für Handelsblatt Magazin
Alessi-Designobjekte

Der Firmenchef erinnert sich bei allen Erfolgen auch gerne an furiose Flops.

(Foto: Stephanie Füssenich für Handelsblatt Magazin)

„In Italien ist das ein humanistisches Fach, das lag der Kunst am nächsten“, sagt er rückblickend. Trotzdem: Manchmal bedauere er, dass er zu sehr der Familie gefolgt ist. „Es fühlte sich für mich wie eine Bestimmung an, ins Unternehmen zu gehen.“
Entsprechend unprätentiös regiert er hier: Sein Büro liegt am Ende eines langen Ganges, der vorbeiführt an seiner eigenen Bibliothek.

Rund 4000 Werke hat er hier zusammengetragen, alle über Design und dessen Geschichte. „Ich bin ein Sammler“, sagt Alessi fast entschuldigend, als er sein Arbeitszimmer betritt, das ohne „Direttore“-Schild auskommt.

Die Tür ist immer offen. Hier darf jeder rein. In der Mitte steht ein riesiger Tisch, vollgestellt mit Objekten, einer Pfanne, alten Nussknackern, Büchern, Zeitschriften. „Es mag chaotisch aussehen, aber ich weiß genau, wo ich die Dinge alle ablege“, betont Alessi. Zweimal im Jahr räumt er auf, sortiert aus, arrangiert alles neu. Man muss sich auch trennen können, um der Zukunft Raum zu lassen.

Zwei Töchter hat Alessi, die eine ist 46 Jahre alt, die andere 16, von seiner zweiten Frau. Die Ältere hat sich nie fürs Unternehmen interessiert. Und die Jüngere? „Weiß noch nicht, was sie mit ihrem Leben anfangen soll“, sagt Alessi. Trotzdem macht er sich keine Sorge um die Nachfolge.

Der Familienclan ist groß, schon heute führt er den Konzern mit zwei Brüdern und einem Cousin. Und auch die vierte Generation ist bereits im Unternehmen: Einer seiner Neffen arbeitet im Verkauf, der andere in der Produktentwicklung – und damit ganz nah beim Onkel Alberto. In der Firma sehen sie den Neffen schon als potenziellen Nachfolger des Alten.

Ein bis zwei Jahre lässt Alberto Alessi den Produkten Zeit. Was dann nicht läuft, verschwindet aus der Kollektion. Quelle: Stephanie Füssenich für Handelsblatt Magazin
Alessi-Designobjekte

Ein bis zwei Jahre lässt Alberto Alessi den Produkten Zeit. Was dann nicht läuft, verschwindet aus der Kollektion.

(Foto: Stephanie Füssenich für Handelsblatt Magazin)

Ans Aufhören denkt Alessi aber noch lange nicht. Dafür mache es ihm viel zu viel Spaß. Wenn er Urlaub hat, bleibt er am liebsten zu Hause. „Das ist der schönste Ort für mich“, sagt er. Wer einmal sein Heim gesehen hat, einen umgebauten Bauernhof, von wo der Blick weit über den Ortasee fliegen kann, versteht seine Beweggründe.

Nur zweimal im Jahr fahre er weg, „in die Bretagne, mit dem Auto“, sagt er. Eine Woche lang macht er dann Diät. „Aber auf dem Hin- und Rückweg werden die Stopps sehr sorgfältig nach den Restaurants ausgesucht.“ Und obwohl er Design erschafft, das quasi welttauglich ist – er selbst fliegt nicht um den Planeten, selbst Kunstmessen oder -museen besucht er selten.

Alessi hofft darauf, dass die Designer und ihre Inspirationen einfach zu ihm kommen. Und was soll man sagen: Bisher hat das ganz gut geklappt.

Dieser Text ist entnommen aus dem Handelsblatt Magazin N°6/2018. Das komplette Handelsblatt Magazin als PDF downloaden – oder gedruckt mit dem Handelsblatt vom 12. Oktober 2018 am Kiosk erwerben.

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