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Alkohol und Schwangerschaft Noch nicht geboren – schon betrunken

Laut aktuellem Drogen- und Suchtbericht wissen 44 Prozent der Bevölkerung nichts über die Zerstörungskraft von Alkohol auf werdendes Leben. Wie kann das sein?
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Alkoholkonsum während der Schwangerschaft ist weit verbreitet – und eher bei Frauen über Dreißig mit hoher Bildung und guten Jobs. Quelle: Jacalyn Beales on Unsplash
Das Gläschen in Ehren

Alkoholkonsum während der Schwangerschaft ist weit verbreitet – und eher bei Frauen über Dreißig mit hoher Bildung und guten Jobs.

(Foto: Jacalyn Beales on Unsplash)

Hamburg Warum trinken mindestens vier bis 20 Prozent der werdenden Mütter Alkohol? Warum lassen sie es nicht einfach? Weil sie noch nichts von der Schwangerschaft wissen. Weil sie aus diversen Gründen unter Hochstress stehen. Weil sie abhängig sind. Weil „Social Drinking“ kulturell tief verwurzelt und das schlimmste Zellgift Alkohol eine legale Droge ist, deren Zerstörungskraft nach wie vor verharmlost wird.

Es gibt mehrere Antworten, keine macht es besser. Durch den Konsum von Alkohol offenbaren sich nicht selten Abgründe nach der Schwangerschaft. Jedes Jahr werden in Deutschland mehrere tausend Kinder geboren, die schon im Mutterleib mit Alkohol in Kontakt kamen. Die Folgen sind verheerend und keineswegs auf „einschlägige Milieus“ beschränkt.

Das legendäre „Sektchen in Ehren“, das Glas Wein, Bier und darüber hinaus sind laut Robert Koch-Institut vor allem bei Frauen über Dreißig mit hoher Bildung und guten Jobs verbreitet. Schwangere mit niedrigem Sozialstatus rauchen eher. Gleichwohl riskieren alle die millionenfache Vernichtung der Zellen des sich entwickelnden Menschen. Und sie unterschätzen das Ausmaß der Schädigungen.

Schon geringe Mengen erreichen das Kind ungefiltert und wirken direkt und vielfältig: als Störfaktor bei der Gehirn-, Organ- und Gewebebildung, als Nervengift, als späteres Suchtmittel, als Vitamin- und Mineralstoff-„Fresser“. Das wirkt sich unter anderem negativ auf das Sehvermögen, die Knochenreifung und die Muskulatur aus.

Größere Alkoholmengen schädigen das Ungeborene entsprechend stark – beim gelegentlichen Exzessivtrinken, dem „Binge-Drinking“, ist die Gefahr besonders groß. Laut dem Drogen- und Suchtbericht vom Oktober 2018 der Bundesregierung wissen 44 Prozent der Bevölkerung nichts davon.

„Der Embryo ist derselben Alkoholkonzentration bis zu acht Mal länger ausgesetzt als die Mutter, da die kindliche Leber noch unreif ist“, erläuterte Dr. Christian Albring, Präsident des Berufsverbandes der Frauenärzte, im vergangenen Jahr auf einem Kongress in Düsseldorf. „Während bei der Mutter durch einen Rausch zahllose vorhandene Gehirnzellen zugrunde gehen, können sie sich beim Embryo erst gar nicht bilden.“

Für das Neugeborene bedeutet das: ein Leben mit Behinderungen in unterschiedlichen Ausprägungen, die irreparabel sind. Der Fachbegriff dazu lautet Fetale Alkohol-Spektrumsstörungen oder Fetal Alcohol Spectrum Disorders (FASD). Unter diesem Dach finden sich alle Schweregrade, das Fetale Alkoholsyndrom (FAS) mit allen Anzeichen oder einzelnen Symptomen (partielles Fetales Alkoholsyndrom, pFAS), und alkoholbedingte neurologische Entwicklungsstörungen.

Die Kinder sind vielschichtig beeinträchtigt. Ein kleiner schmächtiger Körperwuchs und auffällige Gesichtsmerkmale sind beim FAS ebenso Kernsymptome wie eingeschränkte Fähigkeiten im Bereich der Feinmotorik und im Verhalten. Das heißt: Sprache und Wahrnehmung, Lern- und Leistungsfähigkeit, Aufmerksamkeit und Aktivität, Gedächtnis und Reflexion, emotionale und soziale Kompetenz sind unterentwickelt.

Lauter Funktionen, die zum Strukturieren des Schulalltags und später des Arbeitslebens – und überhaupt im Leben gebraucht werden. Hier haben die Kinder fast immer große Schwierigkeiten. Sie scheitern daran, sich mit den Dingen zu arrangieren und benötigen auch im Erwachsenenalter intensive Betreuung. Und sowieso: ein stabiles, liebevolles Umfeld.

Langzeitstudien von vor 20 Jahren zeigen: 90 Prozent aller betroffenen Jugendlichen und Erwachsenen haben gesundheitliche Probleme; 60 Prozent unterbrechen die Schule oder brechen sie vorzeitig ganz ab; ebenfalls 60 Prozent werden kriminell. Je 50 Prozent landen im Gefängnis und in kinder- und jugendpsychiatrischen Kliniken wegen psychiatrischer Störungen, Alkohol- und Drogenproblemen, sexueller Übergriffe. Heute können die Prognosen durch frühere Diagnostik und adäquate Unterstützung verbessert werden.

Das ganze Thema ist seit 1973 bekannt und kein Randphänomen. Aktuelle Daten hat Professor Ludwig N. Kraus vom Münchner Institut für Therapieforschung kürzlich im Fachmagazin BMC Medicine veröffentlicht. Kraus hat mit Kollegen internationale Arbeiten bis 2014 ausgewertet und für Deutschland errechnet, dass in jenem Jahr von 714.927 Geburten 12.650 Kinder mit FASD und 2.930 mit FAS geboren worden sind.

„Diese Zahlen sind deutlich höher als frühere Schätzungen“, so die Autoren. „Da es hierzulande keine Meldepflicht für die Diagnosen gibt, wurde auf Grundlage veralteter Erhebungen bis dato die jährliche Zahl der Neugeborenen mit FAS hierzulande auf 600 bis 1.200 und mit FASD auf 3.000 bis 4.000 geschätzt.“

Belastungen für die „Systemsprenger“

Hinzu komme eine Dunkelziffer, weil sich die Schäden häufig erst nach Jahren zeigen. „Selbst dann sind die vielen Ausprägungen ausgesprochen schwierig festzustellen, weshalb auffällige Heranwachsende oft zu einer ganz anderen Krankheit oder Störung zugeordnet werden“, heißt es in der Studie. In der Tat, gerade in den Bereichen Ablenkbarkeit, Impulsivität und quälende Getriebenheit gibt es Schnittstellen zu AD(H)S.

Das klingt alles nach immensen Belastungen: für die nicht immer sichtbar behinderten „Systemsprenger“ selbst, für deren Familien, die meist Pflegefamilien sind, für die Kinder- und Jugendmedizin, deren therapeutisches Konzept letztlich „so viel Lebenstauglichkeit wie möglich“ lauten muss.

Allerdings war noch vor vier Jahren eine deutsche Expertengruppe der Ansicht, dass die Dimensionen des Dramas weder bei Ärzten und Psychologen noch bei Erziehern und Lehrern angekommen oder akzeptiert seien. Nur ein Fünftel der Fälle werde überhaupt sofort erkannt. Die Gruppe hatte seinerzeit den Gesundheitsausschuss des Bundestages aufgefordert, das FAS als „absolut kritisches Zukunftsthema“ systematisch anzugehen.

Was hat sich seither getan? Das Bundesgesundheitsministerium fördert nach eigenen Angaben zahlreiche Maßnahmen, zum Beispiel Informationskampagnen, die europäische FASD-Konferenz 2018 sowie FASD-Fachtagungen. Mit dem Projekt „Schwanger? Dein Kind trinkt mit! Alkohol? Kein Schluck – Kein Risiko!“ wurden von April 2015 bis März 2018 Schüler, Eltern und Lehrer der Klassen 8 bis 13 aufgeklärt.

Auf Initiative der Drogenbeauftragten Marlene Mortler ist 2016 das Handbuch „Fetale Alkoholspektrumsstörung – und dann?“ erschienen, das sich erstmalig speziell an die Betroffenen richtet, Informationen und Tipps für den Alltag und das Zusammenleben mit anderen bietet, und 2017 ein Handbuch zum Coaching von Bezugspersonen.

Das jüngste, mit 720.000 Euro unterstützte Vorhaben der Gesundheitsministerien von Bund und Bayern ist das Deutsche FASD Kompetenzzentrum Bayern in München. Es soll die Aufklärung der Fachkräfte weiter vorantreiben und die Versorgung der jungen Patienten verbessern.

„Voraussichtlich im Juli dieses Jahres wird es eröffnet und eine Anlaufstelle für Familien und Mediziner, Psychologen, Pädagogen, Mitarbeiter von Jugendämtern und Justiz etcetera sein. Es ist ein Pilotprojekt mit dem Ziel des Transfers in andere Bundesländer“, sagte Dr. Mirjam N. Landgraf vom Haunerschen Kinderspital des Klinikums der Universität München dem Handelsblatt. Die Kinder- und Jugendärztin und Psychologin ist Autorin der ersten wissenschaftlichen Leitlinie, die seit 2016 die große Chance für eine frühzeitige und korrekte FASD-Diagnostik bietet.

Und nach wie vor gibt es eine aktive FASD-Community, deren Mitglieder praxisorientierte Workshops und Veranstaltungen für die verschiedensten Berufsgruppen durchführen. Alle sind sicher: „Die häufigste Behinderung bei Neugeborenen ist zugleich jene, die zu 100 Prozent vermeidbar wäre.“ Es gibt keinen unbedenklichen Alkoholkonsum.

Das Dilemma besteht laut Mirjam Landgraf darin, dass es in Deutschland eine breite gesellschaftliche Akzeptanz von Alkohol in quasi allen Lebenslagen gibt. Wichtig wäre daher auch eine sensible, nicht stigmatisierende Beratung der Schwangeren, im übrigen ebenso der Männer.

Die Gesundheitsschutzbehörde der USA, die Centers for Disease Control and Prevention (CDC), ist da wenig zimperlich: Angesichts von (2016) geschätzten 3,3 Millionen Frauen, die riskante Mengen Alkohol trinken, auch wenn sie gerade keinen Kinderwunsch haben, sollten alle Frauen im gebärfähigen Alter, die sexuell aktiv sind und keine Empfängnisverhütung betreiben, komplett auf Drinks verzichten.

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