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Arbeitskatalog vorgelegt „Fahrplan“ gegen Missbrauch – Papst verlangt konkrete Taten

Missbrauchsopfer drängen auf Konsequenzen in der Kirche. Der Papst verlangt von den Spitzen der katholischen Kirche konkrete Taten statt vieler Worte.
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Seit die ersten Missbrauchsskandale ans Licht kamen, sind mehr als 30 Jahre vergangen. Quelle: dpa
Papst Franziskus

Seit die ersten Missbrauchsskandale ans Licht kamen, sind mehr als 30 Jahre vergangen.

(Foto: dpa)

Rom Der Papst hält den Kopf wie in Demut gesenkt. Vor ihm ein Meer aus lila und scharlachroten Kappen. Sie gehören den Bischöfen und Kardinälen aus aller Welt, die Franziskus zu der historischen Konferenz zum Thema Missbrauch nach Rom beordert hat. Unmissverständlich stimmte er sie am Donnerstag auf die kommenden drei Tage ein:

„Das Volk Gottes schaut auf uns und erwartet von uns keine einfachen und vorhersehbaren Verurteilungen, sondern (...) konkrete und wirksame Maßnahmen“, sagte das Katholikenoberhaupt. „Hören wir den Schrei der Kleinen, die Gerechtigkeit verlangen.“ Dann legte er ein 21-Punkte-Papier zum Kampf gegen den sexuellen Missbrauch von Kindern vor, das nun als eine Art Fahrplan diskutiert werden soll.

Erstmals sitzen sie alle hier zusammen: Der Papst, die Chefs der Bischofskonferenzen, Ordensvertreter und die Spitzen der römischen Kurie. Seit die ersten Missbrauchsskandale ans Licht kamen, sind mehr als 30 Jahre vergangen. Die Bischöfe müssten Verantwortung übernehmen, es brauche „Konkretheit“ gegen das „Übel“, so der Papst. „Die Jungfrau Maria möge uns erleuchten, um diese schweren Wunden zu heilen, die der Skandal der Pädophilie sowohl den Kleinen als auch den Gläubigen zugefügt hat.“

Die Opfer und viele Gläubige erwarten mehr als Erleuchtung. „Ihr seid die Heiler der Seele (...) - und in manchen Fällen habt ihr euch in Mörder der Seele, in Mörder des Glaubens verwandelt“, heißt es in einer Zeugenaussage eines anonymen Missbrauchsopfers, die den Teilnehmern vorgespielt wurde. Um Missbrauch zu beenden, müsse der ganze Krebs, nicht nur der Tumor entfernt werden. „Du brauchst Chemotherapie, Bestrahlung, du brauchst Behandlungen.“

Eine Frau erzählt in einer zweiten Aussage, wie sie über 13 Jahre von einem Priester vergewaltigt wurde. Immer und immer wieder. Dreimal sei sie gezwungen worden, abzutreiben - „ganz einfach, weil er keine Kondome oder Verhütungsmittel wollte“.

Bis Sonntag sollen die Kirchenmänner - es sind lediglich 10 Frauen unter den etwa 190 Teilnehmern - einen Ausweg aus der Krise finden. Der erste Tag steht unter dem Motto Verantwortung, am zweiten Tag wird Rechenschaftspflicht diskutiert und am dritten Transparenz.

Zur Debatte stehen nun verschiedenen Punkte, die der Papst als „Roadmap“ vorgelegt hat. Darin ist von kirchenunabhängigen Stellen die Rede, die mit Klerikern und Laien besetzt sind und bei der Opfer Missbrauch anzeigen können. Auch ein psychologisches Screening für Kandidaten für das Priesteramt wird erwähnt.

Zudem soll überlegt werden, wie Laien bei den Ermittlungen eingebunden werden können. In einem Punkt heißt es auch, die staatlichen Behörden und die übergeordneten kirchlichen Stellen bei Missbrauchsfällen nach „geltendem kanonischen und bürgerlichen Recht“ zu informieren.

Doch tiefgreifende Reformen der Kirche etwa in der Sexualmoral, bei Zölibat oder Frauenweihe sind nicht zu erwarten. Bindende Beschlüsse können die Teilnehmer sowieso nicht fassen. Auch eine Abschlusserklärung steht bisher nicht auf der Agenda. Der Papst wird das Treffen am Sonntag mit einer Messe und einer Rede beenden.

„Ich befürchte, dass wir große Reformschritte nicht von einer solchen Tagung erwarten können“, sagte der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, Thomas Sternberg, den Zeitungen der Funke-Mediengruppe.

Kardinal Reinhard Marx, der als Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz in Rom dabei ist, erhofft sich „Impulse“ für die gesamte Gesellschaft, damit Kinder und Jugendliche überall geschützt würden. „Wir sind schon einen Weg gegangen, in Deutschland sind wir spätestens seit 2010 intensiv in der Arbeit, aber wir wissen, die Arbeit ist nicht zu Ende“, sagte er.

Der Katalog der Forderungen der Opfer ist lang. Das Kirchenrecht muss geändert werden, damit pädophile Geistliche nicht mehr als Priester arbeiten dürfen. Es soll eine neutrale Kommission für die Aufklärung von Missbrauchsfällen geben. Auch Gewaltenteilung, unabhängige Berater an der Seite von Bischöfen und stärkere Zusammenarbeit mit staatlichen Ermittlern wird gefordert. Andere wollen eine Akteneinsicht über pädophile Täter beim Vatikan.

Vereinzelt wird sogar die Forderung nach einem Konzil laut, also eine Bischofsversammlung, die Entscheidungen zur kirchlichen Lehre trifft. Das letzte Konzil fand von 1962-1965 statt. Es gilt als wegweisend für die Erneuerung der Kirche.

Doch im Vatikan ist zu hören, dass das nicht zur Debatte steht. Die Auftaktworte des Papstes gaben zumindest einigen Hoffnung, dass am Ende des Gipfels doch mehr als nur Worte herauskommen. „Gut zu hören, dass Papst Franziskus konkrete Ergebnisse von dem Gipfel verlangt“, twitterte Anne Barrett Doyle von der Organisation Bishop Accountability.

„In den letzten Wochen hat er konkrete Reformen heruntergespielt und Gebet und Einsicht (als Ziele) hervorgehoben. Es gibt keinen Grund dafür, warum Bischöfe nicht gleichzeitig beten und Probleme lösen können sollten.“

  • dpa
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