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Architektur Was Geld- und Gotteshäuser gemeinsam haben

Banken und Kirchen haben viel von ihrem Einfluss verloren. Ihre einst monumentalen und einschüchternden Bauten bekommen mehr und mehr neue Funktionen.
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Das Kloster aus dem 12. Jahrhundert in der niederländischen Universitätsstadt ist mittlerweile eine Buchhandlung. Quelle: Pressefoto/ Bücherei Selexyz Dominicane
Maastricht

Das Kloster aus dem 12. Jahrhundert in der niederländischen Universitätsstadt ist mittlerweile eine Buchhandlung.

(Foto: Pressefoto/ Bücherei Selexyz Dominicane)

München Es kommt immer häufiger vor, dass wir uns in Kirchen und Klöstern, aber auch in Banken aufhalten. Aber nicht, um zu beten oder Geldgeschäfte zu betreiben, sondern um dort zu schlafen, zu essen, zu lesen, zu schwimmen oder auch zu tanzen. In New York City war es schon in den Achtzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts angesagt, in einer neugotischen Kirche in die Disco zu gehen.

In Berlin schläft man seit Anfang dieses Jahrtausends feudal im Hotel de Rome, der ehemaligen Dresdner Bank. Im Tresor der Bank schwimmt man jetzt nicht mehr in Geld, dafür im goldenen Bisazza. In Wien diniert man in der prächtigen Schalterhalle der einst von Otto Wagner im Jugendstil erbauten Länderbank. In Maastricht schläft man unter den gotischen Spitzbögen des Kreuzherrenklosters und kauft Bücher in einer Dominikanerkirche.

Im westfälischen Münster turnt man gar in der Elisabethkirche. Der Kirchenraum, in dem es ursprünglich um die Heilung von Geist und Seele ging, dient nun der Ertüchtigung des Körpers, der einer anderen Schul-Doktrin zufolge – „Mens sana in corpore sano“ stand über den Turnhallen der Großväter – zu einem gesunden Geist führen sollte.

Räume, die funktionslos geworden sind, haben nun eine andere Funktion bekommen. Die Kirchen und Klöster leeren sich, weil es weniger Ordensschwestern und -brüder, vor allem aber weniger Gläubige gibt und die Kirchensteuern folglich auch ausbleiben. Schon der Säkularisation vor 200 Jahren sind Kirchen massenweise zum Opfer gefallen. Unter Napoleon wurden sie zu Pferdeställen oder Munitionslagern. Den Bankpalästen geht es heute nicht anders: Die große Öffentlichkeit des Geldes hat ihre Selbstherrlichkeit verloren.

Der digitale Geldverkehr nimmt deutlich weniger Platz in Anspruch; die Leute sitzen nicht mehr im gemeinsam geteilten Marmor, sondern im stillen Kämmerlein vor dem Bildschirm. Die großen geistlichen Mächte, die in Kathedralen und Kirchen bis ins 19. Jahrhundert präsent waren, und die ihnen entgegengesetzten weltlichen Mächte, die es ihnen in der Pracht der Banken gleichtaten und neben oder an die Stelle der alten, geistlichen Mächte traten, sind ausgezogen.

Damit haben diese Räume, auch wenn sie „säkularisiert“ sind, aber ihre Symbolkraft nicht verloren; Architektur ist schließlich Programm. Und die Frage ist, wie sich dieses Programm übersetzt. Diese Übersetzung, Umbesetzung der transzendenten Räume in säkulare Räume, ist schon für die historistische Architektur des 19. Jahrhunderts zentral.

Ihr ging es von vornherein nicht um die Übertragung bedeutungsloser Formen, sondern um die Usurpation und Umdeutung von Ansprüchen. In dieser Architektur sollte der Sieg der Aufklärung über ein angeblich finsteres Mittelalter in den Formen ebendieses finsteren Mittelalters gefeiert werden.

Bücherlesen statt Beten

Die Sterling Library der Universität von Yale ist vor bald 100 Jahren einer gotischen Kathedrale nachgebaut worden; an die Stelle „Unserer Lieben Frau“ ist eine Allegorie der Weisheit über dem Hochaltar der Buchausleihe getreten. Mancher Katholik mag beim Eintreten unwillkürlich nach dem Weihwasserbecken tasten.

Die ideologische Aussage ist so klar wie die Nachfolge der säkularen Universität zur Klosterschule: Dies ist eine Kathedrale, die allerdings nicht einer Magie wie der Transsubstantiation gewidmet ist, sondern dem transparenten Wissen, der aufgeklärten Vernunft, der Weisheit, um die fortwährend in geduldiger, geistiger Arbeit gerungen werden muss.

In der Beinecke Library in Yale werden die Bücher atomgeschützt beherbergt. Sie ist aus durchscheinendem Alabaster und erinnert an ein riesiges Reliquiar. Gefolgt wird der aufgeklärten Maxime: Nicht tote Knochen und blinde Magie, sondern lebendiger Geist weht hier, in der neuen, und gründlich reformierten Welt.

In der Pfarrkirche Herz Jesu aus dem 19. Jahrhundert fanden hochwertige Apartments Platz. Quelle: Artur Images/Mark Wohlrab
Mönchengladbach

In der Pfarrkirche Herz Jesu aus dem 19. Jahrhundert fanden hochwertige Apartments Platz.

(Foto: Artur Images/Mark Wohlrab)

Nun ist der Symbolraum Kathedrale, der Symbolraum Reliquiar selten so triumphal optimistisch umbesetzt und einer neuen Mission der Wissenschaft dienstbar gemacht worden wie in den historistischen Tempeln der nordamerikanischen Eliteuniversitäten. Die Kritiker der Institutionen Kirche und Bank sahen diese schon immer in der von ihrer Architektur beabsichtigten Form bedroht. Dem Kirchenraum war diese, sagen wir: Besessenheit der Verkehrung von Reinem in Unreines immer schon eingeschrieben.

Am schönsten bringt dies das Reden von der schwarzen Messe auf den Punkt, die ja kontrafaktisch ihren Genuss aus der Perversion des Messopfers zieht. Aus reiner Liebe wird dunkler, sadistischer Sex, aus dem sich hingebenden Mess- ein Schlachtopfer Unschuldiger.

Die Solidität der Bank hingegen wird von der Phobie des Falschgeldes unterspült, von Spekulationen bedroht, die alles zu nichts werden lassen. Und heimgesucht von dem Traum der Alchemisten, Gold zauberhaft gewinnen zu können, zumindest solange der Goldstandard galt.

Tempel der Konsumkultur

In Victor Hugos „Der Glöckner von Notre-Dame“ kommen beide Perversionen in der Kathedrale der Kathedralen zusammen: Der Priester brennt in unkeuscher, vergewaltigender Liebe zu einem jungen Mädchen, die er, als sie sich ihm verweigert, aufhängen lässt, um sich an ihren letzten Zuckungen – nicht der Lust, sondern des Todes – zu weiden. Derselbe Priester tanzt in der Kathedrale um das Goldene Kalb; ganz hingegeben ist er dort der alchemistischen Herstellung von Gold.

Marx, Freud und Zola, die Denker des modernen Kapitalismus, stehen in dieser Tradition. Sie waren wesentlich weniger optimistisch, was den Sieg der Aufklärung über die Finsternis anging, wie er in den neugotischen Bibliotheken in Stein gemeißelt ist. Emile Zola hat die Umwidmung der antiken Venustempel in die Kathedralen „Unserer Lieben Frau“ bis hin zu den Börsen und Tempeln des Konsums, den Galeries Lafayette oder des Bon marché vorgezeichnet.

Die Martini-Kirche aus dem 19. Jahrhundert beherbergt heute ein Restaurant. Quelle: Artur Images/Mark Wohlrab
Bielefeld

Die Martini-Kirche aus dem 19. Jahrhundert beherbergt heute ein Restaurant.

(Foto: Artur Images/Mark Wohlrab)

Sein Roman „Das Paradies der Damen“ verdichtet diese verheerende Übertragung. Das Fazit hier: Heidnische Idolatrie, die Tempelprostitution und der Tanz um das Goldene Kalb sind vom Glauben der Kathedralen nicht überwunden worden. Sie wüten vielmehr in den Kathedralen fort, die nichts als schwülstig-schwüle Nachfolger sind.

Die neuen Tempel des Konsums, ob Börse oder Kaufhaus, leben den Götzenrausch mit hundertfacher technischer Potenz aus. Erst jetzt, in der kapitalistischen Moderne, entwickle der antike Götzendienst im orgiastischen Konsumrausch des Suchtkaufens, in der ruinösen Anbetung des Geldes seine totale Faszination.

Gegen Zolas Kritik der europäischen Geschichte von der babylonischen Antike hin zu den Tempeln des modernen Kapitalismus als eines immer schwindelerregenderen Suchtrausches wirken die von Marx erkannten „mystischen Mucken der Ware“ und sein Warenfetischismus fast harmlos.

Beide sind sich allerdings darin einig, dass es in der kapitalistischen Konsumkultur nicht um ein wohlverstandenes Eigeninteresse aufgeklärter Vernunft geht, sondern – wie schon von ihnen angeprangert in den katholischen Kirchen, Stichwort: Opium für das Volk – um Sucht und Kult zur Erhaltung der Macht. Grundlage des modernen Kapitalismus wie der alten Religion ist finstere Verblendung: Götzendienst in Bank und Börse wie auch Kirche.

Entweihung und Umbesetzung von Räumen

Heute sind die harten Kämpfe um die Symbolik von Räumen, deren Entweihung und Umbesetzung verebbt. Die Umwandlung des Kreuzherrenklosters in Maastricht in ein Hotel hat gegen die Brutalität der napoleonischen Armeen, die hier hausten, etwas geradezu Bewahrendes. Der eine oder andere mag sich am Tabubruch weiden.

Das Ned Hotel residiert in der früheren Zentrale der Midland Bank. Quelle: akg / VIEW / Anthony Weller
London

Das Ned Hotel residiert in der früheren Zentrale der Midland Bank.

(Foto: akg / VIEW / Anthony Weller)

Einen Kick in dem Sex finden, den er in einer Klosterzelle hat, oder in dem blutigen Steak, das er im Altarraum verzehrt. In der Regel ist so viel kulturelle Bewusstheit eher unwahrscheinlich.

Im Großen und Ganzen haben die Umwidmungen nichts Blasphemisches, sondern als Denkmalpflege etwas Rettendes, Bewahrendes – und sei es in der fernen Ahnung vergangener Bedeutung. Sie erhalten Sakralräume von beeindruckender Schönheit, die sonst bald verfallen wären. Sie öffnen die Geheimtresore weniger für viele. Die Götzen, von denen man einmal fürchtete, dass sie in Banken und Kirchen herrschten, sind verblasst und im neuen, lebensnahen Ambiente gebannt.

Als Bibliothek oder Buchhandlung, als Café, als Restaurant, als Hotel bieten die einst leer stehenden Räume einen friedlichen, gemeinschaftsbildenden, schützenden, beherbergenden Lebensraum. Sie sind eine Zuflucht geworden, ein Zuhause.
Und selbst wenn da nicht zwei oder drei in Seinem Namen zusammen sind, so ist er doch vielleicht auch dort mitten unter ihnen.

Dieser Text ist entnommen aus dem Handelsblatt Magazin N°3/2019. Das komplette Handelsblatt Magazin als PDF downloaden – oder gedruckt mit dem Handelsblatt vom 26. April 2019 am Kiosk erwerben.

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