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Armin Mueller-Stahl im Interview „Ost und West sind sich noch immer fremd“

Der Schauspieler und Ost-West-Wanderer spricht im Interview über den Mauerfall vor 30 Jahren, den Zustand der Republik und die Schwächen der deutschen Nationalhymne.
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Der Schauspieler wurde zu DDR-Zeiten selbst von einem Freund bespitzelt. Quelle: imago stock&people
Armin Mueller-Stahl

Der Schauspieler wurde zu DDR-Zeiten selbst von einem Freund bespitzelt.

(Foto: imago stock&people)

Lübeck30 Jahre nach der Beginn der friedlichen Revolution in der DDR sieht der Schauspieler Armin Mueller-Stahl noch immer eine große Kluft zwischen Ost- und Westdeutschland. „Ost und West sind sich immer noch fremd“, sagte er im Interview mit dem Handelsblatt. „Diese Einheit ist ein Prozess, der noch lange nicht abgeschlossen ist. Vielleicht wird er nie beendet sein.“

Als Ursache für die Fremdheit zwischen Ost und West sieht er die Überlegenheitsgefühle der Westdeutschen: „Die Westdeutschen waren lange in einer privilegierten Situation und haben die Menschen im Osten eher als minderwertig wahrgenommen, wenn man es mal ganz brutal sagen will.“

Mueller-Stahl, der 1980 aus der DDR nach Westdeutschland ausgereist war, fühlt sich selbst keiner der beiden Hälften zugehörig: „Ein echter Ossi war ich ja nie, denn ich habe einst in West-Berlin Musik studiert und wechselte dann in den Osten der Stadt, weil dort schlicht das Theater besser war.“ In keinem Deutschland habe er sich bislang wirklich wohlgefühlt, „im aktuellen Gesamtdeutschland immerhin noch am ehesten.“

Mittlerweile hat der 88-Jährige mit der Schauspielerei aufgehört („zu anstrengend, immer das Warten auf den nächsten Dreh“) und widmet sich in seinem Haus an der Ostsee der Malerei, in der er manchmal auch Trost findet. Denn glücklich stimmt ihn die Gegenwart nicht.

Lesen Sie hier das gesamte Interview:

Herr Mueller-Stahl, 2019 jährt sich zum 30. Mal die Maueröffnung und damit das Ende der deutsch-deutschen Teilung. Wie weit ist die Einheit wirklich gediehen?
Diese Einheit ist ein Prozess, der noch lange nicht abgeschlossen ist. Vielleicht wird er nie beendet sein. Da geht es auch um Gefühle, die man immer wieder neu diskutieren muss.

Hätten Sie erwartet, dass sich Ost- und Westdeutsche 30 Jahre nach dem Mauerfall in vielem immer noch so fremd sind? Oder stimmt das vielleicht gar nicht?
Leider teile ich Ihre Beobachtung. Ost und West sind sich immer noch fremd. Um die vorhandenen Differenzen zu sehen, ist es ganz gut, bisweilen die Perspektive zu verändern, wie ich das tue.

Sie leben hier an der Ostsee, aber auch in Los Angeles und haben diese Suche nach einer gewissen Distanz auch zum Thema Ihres jüngsten Buchs gemacht: „Der wien Vogel fliegen kann“.
Die Vögel sehen nun mal vieles besser als wir. Und so sehe ich manchmal auch Deutschland und Europa aus der Distanz genauer. All die Egomanen und Autokraten, die wir derzeit überall beobachten können, schrumpfen auf ihre wahre Größe, wenn man sie von oben betrachtet. Auch die Hitzköpfe hier in Deutschland, das nun wirklich ein kompliziertes Land ist.

Spüren Sie in sich selbst diese Ost-West-Zerrissenheit?
Ein echter Ossi war ich ja nie, denn ich habe einst in West-Berlin Musik studiert und wechselte dann in den Osten der Stadt, weil dort schlicht das Theater besser war. Ich muss ganz ehrlich sagen: In keinem Deutschland habe ich mich bislang wirklich wohlgefühlt, im aktuellen Gesamtdeutschland immerhin noch am ehesten.

Armin Mueller-Stahl – Der wien Vogel fliegen kann
Hatje Cantz Verlag
Berlin 2018
96 Seiten
28 Euro
ISBN: 978-3775744928

Worin wurzelt die Fremdheit zwischen Ost und West?
Die Westdeutschen waren lange in einer privilegierten Situation und haben die Menschen im Osten eher als minderwertig wahrgenommen, wenn man es mal ganz brutal sagen will. Das mag heute anders sein. Und es wächst ja auch einiges zusammen. Aber dieser Geburtsfehler wirkt bis heute fort.

Immerhin haben wir bereits einen Ex-Bundespräsidenten aus der früheren DDR – und eine Kanzlerin, die in Ostdeutschland groß geworden ist …
… sowie viele bekannte Gesichter etwa im Kulturbereich. Ich darf mich wohl ebenso zu jenen zählen, die auch im alten Westen Erfolg hatten. Das sind aber nach wie vor die Ausnahmen.

Sie waren schon in der DDR ein großer Theater- und TV-Star, legten sich damals aber zusehends mit der SED an. 1975 stiegen Sie aus der TV-Serie „Das unsichtbare Visier“ aus, in der Sie als Stasi-Agent eine Art Ost-James-Bond spielten. Ein Jahr später unterschrieben Sie noch den Protest gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns …
… womit dort der Ofen endgültig aus war, ja. Aber erst 1980 wurde meinem Ausreiseantrag in die Bundesrepublik stattgegeben.

Von Ihnen stammt der schöne Satz: „Lieber einen Knick in der Karriere als im Rückgrat.“ Wo fehlt es heute am meisten an Haltung?
Überall, wenn man bedenkt, dass für eine Haltung ja heute nicht mal annähernd ein Preis zu zahlen ist wie in früheren Zeiten. Ich habe ja erst lange nach meiner DDR-Zeit erfahren müssen, dass ausgerechnet ein sehr guter Freund mich für die Stasi jahrelang bespitzelt hatte. Trotzdem ist er mir ein sympathischer Mensch geblieben, auch wenn ich ihm nie mehr wieder begegnet bin.

Ich dachte immer: Wenn ich schon das Opfer einer Sauerei werden sollte, dann wenigstens durch einen Freund wie ihn. Und das meine ich gar nicht kokett. Ich nehme auch Leute in Schutz, von denen ich weiß, dass sie sich irgendwann nicht ganz fair verhalten haben. Solche Leute sind wie Strohhalme im Wasser, nichts, worauf Verlass ist. Aber über die allermeisten davon kann ich wirklich nicht den Stab brechen …

… auch weil Sie wissen, dass es da für manche, die Ihr Leben irgendwann kreuzten, ums nackte Überleben ging?
Da ich auch das Nazi-Reich schon hautnah erleben musste, habe ich mir oft die Frage gestellt: Wie hätte ich selbst mich verhalten, wenn…? Ich weiß noch, wie ich am Ende des Kriegs als Junge auf der Flucht aus Mecklenburg an den Leichen deutscher Soldaten vorbeiwandern musste – gehenkt von ihren eigenen Landsleuten, weil sie nicht mehr kämpfen wollten. Oder denken Sie an das KZ-Schiff Cap Arcona …

… das kurz vor dem Ende des Krieges in der Lübecker Bucht von britischen Flugzeugen bombardiert wurde.
Mein Schauspielkollege Erwin Geschonneck hat als einer von ganz wenigen den Untergang überlebt. Und was machten die Deutschen damals? Gaben den Befehl aus: „Erschlagt und erschießt alle, die es noch an Land schaffen!“ Aus meinem Haus an der Ostsee schaue ich heute direkt auf diesen Strand und das Meer. Wie gesagt: Die deutsche Vergangenheit ist unglaublich komplex. Man darf das niemals vergessen. Eigentlich merkt man das sogar an unserer Nationalhymne.

Wieso das?
Als Frank-Walter Steinmeier Bundespräsident wurde, lud er mich zu der Feierstunde ein, und ich durfte dann zwischen seinen Vorgängern sitzen. Als die Hymne angestimmt wurde, fiel mir erst auf, dass ich den Text nicht wirklich parat hatte. Also habe ich ihn danach mal einstudiert. Und wissen Sie was: Ich finde den Inhalt eher schwach.

Was stört Sie daran?
Nicht nur die erste Strophe, die heute natürlich zu Recht keine Rolle mehr spielt. „Einigkeit und Recht und Freiheit“ sind ja noch okay, aber daneben ist vieles schon rein sprachlich recht verunglückt: „Glückes Unterpfand“, „Blüh im Glanze“… Man könnte seine Ideale einer freien Gesellschaft wirklich einfacher und klarer artikulieren, finde ich.

Sind wir Deutschen selbst da zu kompliziert?
Zumindest ist auch die Musik von Haydn arg schwer im Vergleich etwa zu den fröhlichen Hymnen in Frankreich oder auch den USA.

Apropos Amerika: Ist Donald Trump ein Betriebsunfall oder doch der Beweis für eine viel tiefer sitzende Veränderung – nicht nur in der amerikanischen Gesellschaft?
Ich kann nur hoffen, dass er eher ein Unfall ist, bin mir aber nicht sicher. Trump ist zumindest der Beweis dafür, dass ein einzelner Mensch eben doch Geschichte umschreiben kann. Oft kommt er mir vor wie ein Mann, der im Porzellanladen Polterabend feiern will.

Diese Einheit ist ein Prozess, der noch lange nicht abgeschlossen ist. Vielleicht wird er nie beendet sein.

Ein Egomane?
Der allerdings nicht allein ist. Überall auf der Welt wird wieder aufgerüstet. Da wird mir dann schon angst und bange vor einem Trump, der mal gesagt hat: „Wofür haben wir denn Atomwaffen, wenn wir sie nicht benutzen?“ Das Übel ist nicht Trump allein, sondern die Vielzahl an Gegenreaktionen, die er seit seiner Amtsübernahme provoziert. Um mich mache ich mir da keine Sorgen mehr. Aber um meine Enkelkinder, um deren Zukunft fürchte ich in einer solch gereizten Welt wie der heutigen durchaus.

Gibt es auch Politiker, die Ihnen Vertrauen einflößen?
Ich beobachte Emmanuel Macron mit großem Interesse und würde ihm wünschen, dass er Erfolg hat. Erscheinungen wie Willy Brandt oder Nelson Mandela sind leider selten geworden.

Was ist Heimat für Sie?
Ich bin Deutscher von Geburt und Weltbürger aus Überzeugung. Heimat ist kein Ort, sondern ein Gefühl. Heimat, das ist Familie, auch Sprache. Und obwohl ich kaum Englisch konnte, habe ich es nach meiner Zeit in Ost- und West-Deutschland ja sogar noch in Hollywood geschafft.

Als 1989 die Mauer fiel, drehten Sie in den USA gerade unter Barry Levinson „Avalon“ …
… verrückterweise als wahrscheinlich erster Deutscher in der Rolle eines Juden, ja. Ich kam spätabends von den Dreharbeiten. Weil ich niemanden wecken wollte, drehte ich den Ton am Fernseher ab und sah berühmte US-Journalisten an der Berliner Mauer. Da dachte ich noch: Verrückt, Hollywood gehen wirklich die Stoffe aus, wenn sie jetzt schon auf die deutsch-deutsche Teilung als Fiction ausweichen.

Am nächsten Tag beglückwünschten mich am Set alle. Erst da verstand ich. Und nicht nur ich hatte Tränen in den Augen, sondern auch die jüdischen Kollegen. All jene, die wirklich Schlimmstes mitgemacht hatten wegen Deutschland. Und auf einmal war eingetreten, wovon ich selbst einst hinter dem Eisernen Vorhang ja immer geträumt hatte.

Wie würden Sie den Zustand der Republik heute, 30 Jahre später, beschreiben?
Gut und schlecht. Gut sind: Wohlstand, Freiheit. Schlecht aber sind Armut, Rechtsruck und Antisemitismus. Erst jüngst habe ich wieder dieses ikonische Foto aus Rostock-Lichtenhagen gesehen, wo ein junger Mann 1992 seine Hand zum Hitlergruß hob – als Protest gegen Asylbewerber.

30 Jahre danach sind sich Ost und West in vielem noch immer fremd. Quelle: AP
Mauerfall 1989

30 Jahre danach sind sich Ost und West in vielem noch immer fremd.

(Foto: AP)

Das Bild des hässlichen Deutschen ging damals um die ganze Welt. Solche Exzesse erleben wir neuerdings wieder. Das schmerzt ungemein, dass Geschichte sich doch zu wiederholen scheint und die Menschen so dumm sind, nicht zu verstehen, was Hass und Krieg wirklich bedeuten.

Die Generation der Zeitzeugen verschwindet allmählich …
… und das ist für das kollektive Gedächtnis einer Nation immer gefährlich. Wir dürfen nicht vergessen: In beide von Deutschland angezettelte Weltkriege sind auch Intellektuelle mit großem Hurra marschiert. Und heute? Selbst die TV-Bilder aktueller Kriege erleben wir eher wie Filme.

Stumpfen wir ab?
Durchaus, ja. Wir leben in einem Gewitter aus Stimmen und Bildern und sind womöglich dazu verdammt, alle Dummheiten zu wiederholen, weil die menschliche Erinnerung schneller verblasst als in früheren Zeiten. Krieg ist aber kein Entertainment. Die Frage bleibt: Was können wir tun?

Und Ihre Antwort?
Ich sehe ratlos, wie etwa die AfD wächst. Politisch gibt es viele, die in den aktuellen Debatten ihre kluge Stimme besser erheben können als ich. Die Kraft, die mir persönlich hilft, ist eher die der Poesie und der Malerei. Kunst hat die Möglichkeit, über den Tellerrand des Lebens hinauszuschauen.

Sie arbeiten nicht mehr als Schauspieler, malen aber weiterhin. Das sei der einzige Job, bei dem Sie fliegen könnten, sagten Sie mal. Wie haben wir uns das vorzustellen?
Diese Flugmomente bedeuten Augenblicke völliger Freiheit – auch wenn es in der Garage, in der mein Atelier ist, recht wenig Platz zum Fliegen gibt. Niemand macht mir dort irgendwelche Vorschriften. Ich bin dann ganz auf mich allein gestellt.

Macht Ihnen eigentlich das Älterwerden etwas aus?
Wenn ein Tag gut ist, ist er gut. Ich will mich nicht beklagen, zumal ich von Medizinern umzingelt bin: Meine Frau ist ebenso Arzt wie mein Sohn. Im Übrigen war ich schon mal im „Deep Blue“…

… Sie hatten also eine Art Nahtod-Erfahrung …
Insofern habe ich keinerlei Angst mehr vor dem Tod.

Stattdessen vielleicht Hoffnung? Kommt dann noch was?
Ich möchte gerne glauben. Aber der liebe Gott hat uns ja auch beeindruckend klug in unserer Dummheit gelassen. Wir können nur begreifen, was wir verstehen. Und wir verstehen ja doch noch immer sehr wenig. Gott ist eine Größe, die im menschlichen Gehirn nicht genug Platz findet.

In Ihrer langen Schauspielkarriere haben Sie meist sehr ernste Rollen gespielt. Hätten Sie im Nachhinein vielleicht gern öfter mal was Komisches gedreht?
Oh ja. Innerlich war ich immer schon ein Tragikomiker. Ich habe durchaus beides in mir. Es fehlte aber schlicht an Angeboten. Humor traut man uns Deutschen vielleicht einfach nicht zu.

Herr Mueller-Stahl, vielen Dank für das Interview.

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