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Buchbesprechung Zwischen lässig und lästig: Warum Anstand cool ist

Wer wissen will, was ein moderner Ritter braucht, findet in „Die Kunst des lässigen Anstands“ den Tugend-Guide eines Rebellen wider die Bequemlichkeit.
14.07.2019 - 16:50 Uhr Kommentieren
Jenen etwas entgegenzusetzen, die menschliches Zusammenleben nach angemessenen und allgemein akzeptierten Maßstäben für gänzlich überbewertet halten – auch darum geht es in Alexander von Schönburgs Buch. (Foto: Nik Shuliahin on Unsplash)
Wehrhaftigkeit

Jenen etwas entgegenzusetzen, die menschliches Zusammenleben nach angemessenen und allgemein akzeptierten Maßstäben für gänzlich überbewertet halten – auch darum geht es in Alexander von Schönburgs Buch.

(Foto: Nik Shuliahin on Unsplash)

Hamburg Das Wort eines Ritters gilt auch im tiefsten Wald. Robin Hood jedenfalls führt uns unverdrossen vor, wie man hilfsbereit ist und nicht gönnerhaft, selbstsicher und dabei nicht arrogant, Schwäche zeigt und doch nicht auf sich herumtrampeln lässt – schlicht, wie man wehrhaft ist.

Ausgerechnet diese Eigenschaft fehlt in Alexander von Schönburgs aktuellem Buch „Die Kunst des lässigen Anstands“: Wehrhaftigkeit. Doch auch die braucht es im Dschungel der Gesellschaft von heute, und sei es, um jenen etwas entgegenzusetzen, die menschliches Zusammenleben nach angemessenen und allgemein akzeptierten Maßstäben für gänzlich überbewertet halten.

Immerhin geht es auf knapp 400 Seiten um diese Botschaft – aber auch darum, auf keinen Fall perfekt sein zu können. „Perfektion ist unrealistisch. Und kalt.“ Schönburg, Mitglied des Hochadels und der Chefredaktion von „Bild“, hat 27 Tugenden zusammengetragen, die einladen, sich selbst zu adeln.

Bewahrer zu sein, ist rebellisch

Denn Adel im Allgemeinen und Besonderen hat viel mit Werten zu tun, die man sich aneignen kann: mit Höflichkeit etwa, Toleranz und Gerechtigkeit, Mut und „die gezügelte Kraft“ Bescheidenheit. Und ja, auch mit Verzicht, Ungemach, gegen Drachen kämpfen – gegen die in der Welt und gegen die eigenen inneren.

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    „Man muss Kollisionen zulassen, um Erkenntnis zu gewinnen“, ist der Mann überzeugt, in dessen über 500-jähriger Familienhistorie „die Kunst des stilvollen Verarmens“ zu den existenziellen Herausforderungen gehörte, um sich aufs Wesentliche zu reduzieren. Entsprechend geht es ihm nicht nur um Manieren als sozialen Kitt und in ihrer banalen Form um Tischmanieren.

    Zentrale Bedeutung haben die nicht sichtbaren Merkmale von etwas Tieferem: zeitlos wirksame (Über-)Lebensstrategien in einer Hypermoderne, in der „die Mehrheit dabei ist, alles Bewährte und Gelehrte aus dem Fenster zu schmeißen.“ Nichts gilt mehr, anything goes.

    Das allgemeine Credo in dieser alles-ist-okay-Gegenwart heißt Rüpeligkeit, Ignoranz und Egozentrik. „Wenn alle um uns herum kulturell abgleiten und nur noch mit Bildschirm vor der Nase und wahlweise Jogginghose oder Rollkoffer durch die Welt rauschen, ist das kein Grund, mit abzugleiten. Im Gegenteil: Bewahrer tradierter Vorstellungen zu sein ist … die rebellischere Haltung.“

    Alexander von Schönburg: Die Kunst des lässigen Anstands
    Piper Verlag
    2018
    368 Seiten
    20 Euro
    ISBN: 978-3492055956

    Dieser subversive Geist durchzieht das Tugendbuch, das nur vordergründig zum Ratgeber taugt. Mit einem Fuß tief in der Philosophie, mit dem anderen im Heute, sieht der Journalist seine Aufgabe darin, vermeintlich altmodische Qualitäten vom Gouvernantenhaften zu befreien und zum Üben anzuregen.

    Das tut er gedankenwuchtig, Bonmot-süffig, zuweilen zynisch. Das Ziel heißt Ritterlichkeit. Das Wort vereint für Schönburg auf ziemlich unwiderstehliche Art ethische Mündigkeit mit Ästhetik und Stärke. Wobei, ein d’Artagnan ist nicht per se ein Mr. Nice Guy, der nur gemocht und anerkannt werden will. Aber er ist immer Herr der Lage, beißt auch mal zu und sieht dabei noch gut aus.

    „Wenn Sie wissen wollen, was ein moderner Ritter braucht, schauen Sie sich ‚A Star is born‘ an. Der zutiefst konservative Film zeigt, worum es geht.“ Um das Geben nämlich, nicht ums Nehmen. Wer andere positiv beeinflusse, könne mit einem guten Gefühl ein guter Mensch sein. Das sei cool, besonders, wenn das Ganze gewürzt wird mit Nonchalance. Die Italiener sagen: Sprezzatura.

    „Die Italiener sind Großmeister dieser Disziplin, die Engländer tun so, als hätten sie nie davon gehört und die Deutschen denken an italienisches Gebäck“, hat ein Kenner in den Tiefen des Internets über jenes lässige Element der Eleganz geschrieben, das Schönburg überaus wichtig ist: in der Optik, im Habitus, in der Gesinnung.

    Optimierung als Daseinszweck

    All das lässt sich lernen. Oder auch nicht. Auf jeden Fall möchte er Impulse geben: einer „modernen Elite“, die in ihrem Tausendsassa-Alltag fortwährend versucht, sich zu optimieren und darin den einzigen Sinn und Zweck ihres Daseins sieht; denen, die sich schwertun, mal Fünfe gerade sein zu lassen; jenen, die sich in Komfortzonen eingekuschelt haben.

    „Damit es uns gut geht, muss alles möglichst immer bequem sein, von der Kleidung bis zum Einkaufen. Nein, muss es nicht. Das Dasein ist kein ewiges Kinderkrabbelparadies, in dem jeder nur macht, worauf er gerade Bock hat.“ Je besser der Mensch sein Potenzial ausschöpft, so das klassische Denken, je mehr gelingt ein Leben, auf das er stolz sein kann.

    Das bedeutet auch, sich regelmäßig zu verausgaben und über sich hinauszuwachsen, um die bestmögliche Version seiner selbst aus sich zu kitzeln. Bei dem Versuch helfen ideelle Werte, hilft Anstand, sofern man diesen als etwas Schönes und richtig Cooles versteht und nicht als einen spießigen Maßnahmenkatalog.

    Mut gehört ganz sicher dazu, auch Freundlichkeit („Seid freundlich!“), Dankbarkeit als „Schlüssel zum Glück“, das Maßhalten – laut Schönburg die schwierigste aller Qualitäten und deshalb nur für Fortgeschrittene. Wer da allein auf seine athletische Kraft vertraut, der überhebt sich, schreibt er im Tipp, der jedes Kapitel abschließt und sinnigerweise heißt: Was geht´s mich an?

    Raus aus der Komfortzone

    Und dann ist da noch der Humor. Humor ist praktizierte Lässigkeit, vor allem aber ein Zeichen von Intelligenz. „Wirklich witzig kann man nur über etwas sprechen, das man bis in die letzten Winkel durchschaut hat.“ Da wiederum kommt die Klugheit ins Spiel, oder?

    Nö, Klugheit, befindet Schönburg, hat nichts mit Intelligenz zu tun, sie ist überlegte Schnelltat: die Fähigkeit, komplexe Situationen sofort zu erfassen und flexibel zu handeln. Immer auf Basis verschiedener Tugenden, versteht sich. Dazu muss man sich jedoch geistig und körperlich aus seiner Bequemlichkeit bewegen. Herausforderung Nummer eins.

    Mehr: Anstandsregeln gelten auch im digitalen Zeitalter: Der Knigge ist aktueller denn je, auch im Business. 

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