Die Zukunft des Sitzens

Der klassische Drehstuhl hat bald ausgedient, gearbeitet wird künftig eher auf loungeartigen Möbeln wie hier von Walter Knoll.

Büro Der klassische Drehstuhl hat bald ausgedient

Der Arbeitsalltag wird auch räumlich immer dynamischer. Die Hersteller von Büromöbeln reagieren und bieten neue Lösungen an.
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MailandBei der Büroeinrichtung herrschte lange eine klare Hierarchie. Im Mittelpunkt stand stets der Drehstuhl, der mit raffinierten Mechaniken möglichst perfekt an den Körper angepasst werden sollte. Verschwunden ist er zwar noch nicht. Doch er verliert deutlich an Terrain, weil sich die Arbeit immer mehr an andere Orte verlagert.

„Der klassische Schreibtisch-Arbeitsplatz ist tot“, behaupten die Londoner Designer Edward Barber und Jay Osgerby. Für den Büromöbelhersteller Vitra haben sie das Sitzsystem „Soft Work“ vorgestellt. Auf den ersten Blick wirkt es wie ein normales Sofa, das mit einer ungewöhnlichen Breite aufwartet.

„Immer mehr Menschen arbeiten in Hotellobbies, die nicht nur für die eigenen Übernachtungsgäste da sind“, erklärt Edward Barber. „Auch Freelancer und Unternehmer aus der Umgebung nutzen diese Orte als inspirierendes Umfeld, um mitunter einen ganzen Tag lang dort zu arbeiten.“ Die Sitzhöhe von „Soft Work“ ist auf die eines normalen Drehstuhls angehoben worden, während die innere Struktur der Sitzpolster verstärkt wurde. Das modulare System kann mit normalen Arbeitstischen ebenso kombiniert werden wie mit Esstischen.

Eine zusätzliche Lösung bieten kleine, runde Tische, die aus dem Sofa-Sockel herauswachsen und zum Abstellen eines Laptops geeignet sind. Der Entwurf richtet sich explizit nicht nur an Hoteleinrichter. Er soll als vollwertiger Arbeitsplatz die Büroetagen erobern und dort zum kommunikativen wie komfortablen Arbeiten gleichermaßen animieren.

„Um Menschen auf ihrem Weg durch ein Bürogebäude dafür zu gewinnen, miteinander ins Gespräch kommen, braucht es überraschende Plätze, die Neugier wecken und auch langfristig Attraktivität entwickeln“, erklärt Burkhard Remmers, Kommunikationschef vom Büromöbelhersteller Wilkhahn.

Die gemütliche Koje ist mit einem schmalen, seitlich angeordneten Tisch ausgestattet.
Eleven High Back von Alias

Die gemütliche Koje ist mit einem schmalen, seitlich angeordneten Tisch ausgestattet.

Der vom Designbüro RSW konzipierte „Sitzbock“ aus Polypropylen lässt an ein stilisiertes Pferd denken, das in Längsrichtung „geritten“ oder quer gesessen werden kann. Die informellen Sitzhaltungen durchbrechen klare, hierarchische Muster und schaffen eine lockere Atmosphäre für Meetings oder spontanen Austausch. Eine zunehmend wichtigere Rolle spielt Intimität. Die Hersteller setzen hierbei auf eine Typologie, die voluminöse Sessel mit gepolsterten Rück- und Seitenwänden verschmilzt.

Entwürfe wie „Floater“ von Cor (Design: Pauline Deltour) oder „Eleven High Back“ von Alias (Design: PearsonLloyd) sind mit schmalen, seitlich angeordneten Tischen ausgestattet, die Laptops und Notizblöcken Halt bieten. Die gemütlichen Kojen dienen als Ruhepole im Großraumbüro, in die man sich zum konzentrierten Arbeiten, zum Telefonieren oder einfach nur zum Entspannen zurückziehen kann.

Der Drehstuhl existiert zwar immer noch. Doch auch hier sorgen Einflüsse aus der Welt des Wohnens dafür, dass sich Arbeit nicht mehr wie Arbeit anfühlt. Beim Stuhl „Elinor“ von Pedrali (Design: Claudio Bellini) ist die Verstell-Technik komplett unsichtbar in den mit Leder oder Textil bezogenen Sitz integriert. Mit einer sinnlichen Haptik punktet der Chefbüro-Sessel „Cercle“, den das Designbüro Lievore-Altherr-Park für Poltrona Frau entworfen hat. Das Möbel kontrastiert eine Schale aus robustem Sattelleder mit weichen, stoffbezogenen Sitzpolstern, die zum Verweilen einladen.

Beide Sessel sind zweifelsohne fürs Büro konzipiert. Doch mit ihrer ruhigen Formensprache und warmen Materialität sind sie ebenso für die heimischen vier Wände geeignet.

Eine Abkehr von der Sitzmaschine verfolgt auch Konstantin Grcic, der für Vitra den Stuhl „Rookie“ gestaltet hat. Damit wird eine bislang von den Herstellern eher vernachlässigte Zielgruppe ins Visier genommen: junge Start-ups, die mit wenig Budget starten, doch schnell und extensiv wachsen können. „In solchen Unternehmen hat niemand einen festen Sitzplatz. Man nimmt sich seinen Stuhl und okkupiert ihn für einen gewissen Moment und zieht dann an einen anderen Ort im Büro weiter“, sagt der Berliner Designer.

Auf eine komplizierte Verstell-Mechanik wurde verzichtet, um das Möbel einerseits kostengünstig herzustellen. Andererseits kann es sich unterschiedlichen Körperformen schnell anpassen: nicht für die Ewigkeit, doch für Arbeit in stetig wechselnden Konfigurationen.

Konstantin Grcic ist überzeugt: „Am ergonomischsten zu sitzen heißt, in Bewegung zu bleiben. Denn das trainiert die Muskeln und hält einen konzentriert und wach.“ Mit diesem Plädoyer zur Bewegung bringt er die räumliche Neuerfindung des Arbeitsplatzes treffend auf den Punkt.

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