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Plastikzahnbürste

Warum nicht Holz statt Plastik nutzen, wie einst bei Oma?

(Foto: Alex on Unsplash)

Care-Elite-Chef Christoph Schulz „Plastikfrei leben ist sexy“

Holzzahnbürste, Gemüsenetze und Tipps aus Omas Alltag: Christoph Schulz erklärt, wie sich Plastik im Alltag vermeiden lässt – und man dabei auch noch Geld spart.
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Christoph Schulz ist gerade mit seiner Freundin in Berlin umgezogen. In der stilvoll eingerichteten Wohnung sieht es eigentlich so aus wie bei vielen jungen Paaren: große graue Couch, weiße Küchenfront, viel Holz und Edelstahl. Aber: kein Plastik. Keine Tüte, kein Plastikbecher, keine Plastikzahnbürste im Bad. Nur die Tastatur des Laptops auf dem Schreibtisch – Schulz' Büro – ist aus Kunststoff. Der Gründer vertreibt mit seinem Unternehmen Care-Elite plastikfreie Produkte.

2018 hat der gelernte Bankkaufmann einen sechsstelligen Umsatz gemacht und kann von seiner Arbeit leben – anders als bei seinem ersten Gründungsversuch für einen Waschmaschinen-Verleih. Beständig erhält er nun Anfragen von Unternehmern, die mit ihm kooperieren möchten.

Dabei ist der 30-Jährige, der sich trotz der schönen neuen Wohnung als „digitalen Nomaden“ bezeichnet, oft unterwegs – er liebt die Arbeit und Atmosphäre in Co-Working-Spaces, wo sich alle gegenseitig unterstützen. Überhaupt: Ausleihen, teilen, Wissen weitergeben – das sind ja Grundprinzipien, die er auch in seinem druckfrischen Buch „Plastikfrei für Einsteiger“ beschreibt.

Herr Schulz, ich habe heute eine Plastikzahnbürste benutzt, Wasser in einer Plastikflasche dabei, und bei der Anreise im Zug saßen um mich herum viele Leute, die ihren Kaffee aus Wegwerfbechern tranken. Wie plastikbelastet war Ihr Tag bislang?
Ich habe eigentlich die ganze letzte Woche keinen Plastikmüll produziert… Doch, ich habe mir mal eine Nussmilch gekauft im Tetra-Pack. Meine Freundin und ich machen gerade eine Zuckerfrei-Challenge, also 30 Tage ohne Zucker. Da wird es dann mit dem plastikfreien Leben tatsächlich ein bisschen schwieriger. So eine Nussmilch gibt es noch nicht in der Flasche, also hat man nur die Wahl: selber machen, verzichten, oder doch mal Plastik.

Selber machen kostet Zeit.
Genau, das ist dann, wie so oft, eine Frage der Effizienz. Da ich selbst Unternehmer bin, muss ich auch darauf achten, dass ich nicht zu viel Zeit verbrauche, um mein Ideal vom plastikfreien Leben umzusetzen. Aber eigentlich kriege ich das ganz gut hin.

Sie haben sich vor etwa zwei Jahren bewusst für dieses Ideal entschieden. Was war am schwierigsten zu ersetzen?
Eigentlich war gar nichts schwierig. Es ging Schritt für Schritt. Käse war zum Beispiel so eine Sache, bei der ich gesagt habe: Auf den kann ich nicht verzichten. Den habe ich mir früher immer in einer Plastikpackung gekauft.

Wie machen Sie das denn jetzt?
Jetzt gehe ich hier einmal die Woche auf den Markt, bringe meine Dose mit und lasse mir am Stand die Scheiben da reinlegen. Ich muss also nicht verzichten, wenn ich plastikfrei leben will. Ich muss aber auch keinen doppelt in Plastik verpackten Käse im Supermarkt kaufen, sondern bekomme ihn hier, regional erzeugt, unverpackt. Und er schmeckt richtig gut.

Wenn alles so einfach ist: Sind Plastiknutzer einfach nur gedankenlos?
Nein, es ist die Gewohnheit. Und das fehlende Wissen. Oder: das verlorene Wissen. Da muss man im Kopf den Schalter umlegen. Weil es aber so tief verankerte Gewohnheiten sind, fällt das am Anfang schwer – das war bei mir ja auch so, das ging Schritt für Schritt. Ich habe mich dann bei allem gefragt: Was kann ich hier anders machen? Wo mache ich den meisten Müll? Das kann sich jeder selbst mal vor Augen führen, das ist ziemlich krass.

Wie denn - den eigenen Mülleimer auskippen und analysieren?
Genau, das habe ich am Anfang mal gemacht. Man kann sich das auch sinnbildlich vor Augen führen – das Leben wie im Zeitraffer auf einer Straße, auf der man den Müll zurücklässt. Durchschnittlich macht jeder von uns im Jahr 21 große Müllsacke mit Plastikmüll voll. Das ist ein richtiger Müllstrom – und dann ist da jemand wie ich, der in einem Jahr ab und an mal eine Nussmilchpackung fallenlässt.

Heute geben Sie anderen Tipps, jetzt haben Sie ein Buch zum Leben ohne Plastik geschrieben, mit mit Ihrem Unternehmen Care-Elite vertreiben Sie plastikfreie Produkte. Aber auch Sie brauchten einen Aha-Moment, um Ihre Gewohnheiten zu hinterfragen. Wie war das?
Das war vor gut zwei Jahren, im Urlaub auf Sri Lanka. Ich gehe dort am Strand spazieren und dann sehe ich plötzlich diesen ganzen angeschwemmten Müll – wir alle kennen diese Bilder mittlerweile. Aber mittendrin eine Flasche mit deutscher Aufschrift und einem Mindesthaltbarkeitsdatum von 1986. Da wurde mir klar: Plastik ist Gift für die Ewigkeit. So geht es nicht weiter.

Wegen dieser Flasche haben Sie Ihr Leben geändert?
Vorher habe auch ich Berge von Plastikmüll gemacht. Es gehörte einfach dazu, es ist ja ganz normal in unsere Gesellschaft. Man denkt: Es wird doch recycelt. Aber ein Großteil wird eben nie recycelt, das hat mir diese Flasche klargemacht. Ich habe dann noch im Urlaub angefangen zu recherchieren. Für mich war das der perfekte Moment, um das mit dem Plastik zu verstehen. Denn ich war gerade dabei, mich beruflich neu zu orientieren – ich hatte ein Start-up mitgegründet, das aber nicht so gut lief. Und nun war klar: Ich will etwas für eine plastikfreie Welt tun, und ich habe angefangen, plastikfreie Produkte herstellen zu lassen und zu vertreiben.

Das erste Produkt war ...
... eine Holzzahnbürste. Beziehungsweise: 1000 Vierersets, gefertigt aus nachhaltigem Bambus, der wächst bis zu einem Meter pro Tag. Die waren sofort ausverkauft. Heute gibt es zig Anbieter auf Amazon, aber damals war ich der einzige. Das hat mir gezeigt: Hey, da gibt es eine Nachfrage, das funktioniert, da mache ich jetzt etwas Cooles draus.

Was „Cooles“? Die Idee, Plastik zu vermeiden, ist ja nicht ganz neu. Aber cool war das noch nie. Holzzahnbürste, Jutetasche, Blechkanne – das hat Utopisten- und Hippie-Nimbus.
Was denn, da denken Sie an Leinensäcke? Oder an Leute, die sich nicht waschen? Das hat sich aber doch endgültig geändert.

Inwiefern?
Plastikfrei ist einfach ein smarter Lebensstil. Es hat auch eine andere Dimension als in den 90er-Jahren, als ich ein Kind war. Das Plastikproblem ist heute allgegenwärtig. Jeder kennt die Bilder von den Plastikstrudeln im Meer, vom Müll am Strand, von den Wegwerfbechern am Straßenrand. Und jeder kann sich etwas darunter vorstellen und muss sich fragen: Ist das sinnvoll, so viel Kunststoff zu nutzen? Ist das gesund, dass wir so viel Plastik um uns haben? In unserer Kleidung, unserem Shampoo, an unserem Essen? Plastikmüll ist weder cool noch sexy. Aber der plastikfreie Lebensstil ist sexy. Aber klar, manche Menschen sind so tief drin, dass es ihnen schwerer fällt, ihre Gewohnheiten zu ändern.

An wen denken Sie da?
Ich hatte zum Beispiel ein Erlebnis in einem Supermarkt. Neben mir stand ein Mann an der Kasse, der wirklich alles einzeln in diese dünnen Tüten, die eigentlich fürs Gemüse vorgesehen sind, gesteckt hatte – auch ein Sixpack Bier und Rasierklingen. Dafür sind die Tüten ja nicht mal gedacht, die halten ja auch nichts aus, das sind reine Wegwerfartikel. Dieser Mann war so fest drin in seiner Plastikgewohnheit, dass er das gar nicht hinterfragt hat. Er wird wahrscheinlich immer so einkaufen – bis die Tüten mal etwas kosten.

Christoph Schulz: Plastikfrei für Einsteiger
Taschenbuch
2019
128 Seiten
14,99 Euro
ISBN 978-3868829938

In Ihrem Buch schreiben Sie auch von einer „Win-win-Situation“ und geben Beispiele, wie sich Geld sparen lässt mit plastikfreiem Lebensstil. Die wiederbefüllbare Wasserflasche, die Brotbox statt des Sandwiches aus dem Kühlregal. Geht diese Rechnung für die Verbraucher auch finanziell auf?
Die Rechnung ist doch ganz einfach: Meine wiederverwendbare Einkaufstasche, die erst mal teurer ist als die Plastiktüte, habe ich schnell wieder raus. Mit Stoffwindeln spare ich auf Dauer viel Geld. Und wenn ich mir zum Beispiel einmal Natron besorge, das im Haushalt unheimlich vielseitig einsetzbar ist, kann ich mir eine ganze Armada an Reinigungsmitteln einsparen – und damit auch Geld.

Aber Obst und Gemüse werden beim Discounter, wo sie meist in viel Plastik eingepackt sind, immer am günstigsten sein.
Ja, das stimmt. Und leider rechnen auch viele nicht so weit, dass sie darauf kommen: Wenn ich mir jetzt einmal die teure Trinkflasche kaufe, die aber jahrelang hält, ist das auf Dauer viel günstiger als die billige Wegwerf-Plastik-Flasche. Aber der plastikfreie Lebensstil ist günstiger, weil er dein Konsumverhalten grundlegend verändert. Das kann ich jedenfalls für mich sagen, und ich bin wirklich kein Pfennigfuchser: Seitdem ich plastikfrei lebe, gebe ich viel weniger Geld aus. Weil ich grundsätzlich weniger Schrott kaufe. Weil ich bewusster konsumiere. Weil ich bei jedem Ding frage: Brauche ich das wirklich?

Nun werden gerade in Bezug auf Ernährung andauernd neue Dogmen gehypt: Vegetarismus, Veganismus, Superfood-Hype. Dann ist gerade „Dry January“ in Mode, und als nächstes der Zucker-Detox. Ist „plastikfrei“ nicht auch so ein Mantra, das vor allem in hippen Akademikerkreisen goutiert wird?
Nein, auf keinen Fall. Ich bin mir sicher, dass es jetzt schon kein Trend mehr ist, sondern eine Bewegung.

Woran machen Sie das fest?
Jeder spricht darüber, denn wir können das Problem nicht mehr übersehen. Und nehmen Sie diese wiederverwendbaren Gemüsenetze: Die gibt es auch schon in vielen normalen Supermärkten, und immer mehr Geschäfte bieten es auch an, dass die Kunden ihre eigenen Tupperdosen für Aufschnitt mitbringen – auch auf meinem Wochenmarkt bringen alle ihre Behältnisse mit, das ist schon ganz normal. Überall eröffnen Unverpackt-Läden, und Crowdfunding-Aufrufe für solche Läden haben immense Resonanz.

Bei all diesen Dingen schwingt ja auch ein bisschen was aus der Aura Ihrer Großeltern mit.
In vielen Bereichen hat mich tatsächlich meine Oma inspiriert. Als sie jung war, gab es ja noch kein Plastik in allen Lebensbereichen. Ich habe sie also gefragt: „Wie habt ihr Euch denn damals die Zähne geputzt?“ Und sie sagte: „Mit der Holzzahnbürste.“ So kam ich zu meinem ersten Produkt. Dann habe ich weitergefragt: Wie habt ihr eingekauft? „Beim Kolonialwarenladen.“ Da gab es dann auch nicht alles jeden Tag, heute vielleicht nur Erbsen, morgen Kartoffeln, und dafür musste man seinen eigenen Behälter mitbringen.

Wie heute im Unverpackt-Laden.
Ja, heute erinnern wir uns da wieder dran – wir gehen also eigentlich ein paar Schritte zurück. Wir holen uns dieses Wissen zurück, diese Lebensweise, die unsere Großeltern durch die Gewohnheiten ja auch vergessen haben. Da können wir uns noch viel mehr Tipps holen.

Schütteln denn die Großeltern nicht den Kopf? Ich denke da zum Beispiel an das Beispiel mit den Stoffwindeln. Sagt die Oma dann nicht: Mensch, die Erfindung der Pampers war schon eine enorme Bereicherung, und jetzt wollt Ihr wieder zurück in den Waschkeller?
Nein, das hat sie nicht gesagt. Das mag auch daran liegen, dass ich noch keine Kinder habe. Aber klar: Man muss für den Lebensstil auch Zeit mitbringen. Und es muss ja nicht jeder von heute auf morgen komplett plastikfrei leben. Es geht erst mal darum, den Schalter im Kopf umzulegen und das Bewusstsein für unnötigen Einsatz von Kunststoff zu schaffen – und ihn dann schrittweise zu ersetzen.

Ich habe ja auch eine Kunststofftastatur an meinem Laptop und schmeiße jetzt nicht meine Tupperdosen weg, weil sie aus Plastik sind. Die benutze ich, solange sie dicht schließen. Und hier gilt die Devise von Kunststoff ja ebenfalls: Die halten ewig.

Herr Schulz, vielen Dank für das Interview.

Mehr: Wie schädlich Mikroplastik auch für den Menschen ist, dem ist Internist Curt Diehm für das Handelsblatt nachgegangen.

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