Chopard-Chef Karl-Friedrich Scheufele „Es ist wichtig, auf zwei gesunden Beinen zu stehen“

Chopard-Chef und -Eigentümer Karl-Friedrich Scheufele über Asiens neue Reiche, das Ende der Uhrenkrise und die Probleme der Luxusgüterbranche mit Trump.
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„Luxusmarken sollen langfristig denken und handeln.“ Quelle: Chopard
Chopard-Chef Karl-Friedrich Scheufele

„Luxusmarken sollen langfristig denken und handeln.“

(Foto: Chopard)

GenfKarl-Friedrich Scheufele, Eigentümer und Chef des Genfer Uhren- und Schmuckhauses Chopard, hält US-Präsident Donald Trump für eine Bedrohung der gesamten Luxusgüterindustrie: „Man kann ihn leider gar nicht einschätzen, weil er unberechenbar ist“, sagte Scheufele in einem Interview mit dem Handelsblatt Magazin. Das mache die Märkte immer anfälliger, „und darunter leidet letztlich die gesamte Luxusindustrie. Es fehlt mancherorts schlicht an Kontinuität.“

Immerhin habe die Uhrenbranche die Krise der vergangenen beiden Jahre überwunden. Bei vielen Marken war aufgrund neuer Korruptionsgesetze in China der Absatz eingebrochen. Nun gehe es „tatsächlich wieder kontinuierlich voran“, so Scheufele. „China spielt als wieder erstarkter Absatzmarkt den Vorreiter, aber auch andere Regionen entwickeln sich erneut positiv“, sagte er.

Aktuell könne man den vorherrschenden Optimismus durchaus verantworten. „Meine Zweifel wachsen allerdings immer dann, wenn ich mir das Geschehen auf der weltpolitischen Bühne genauer anschaue“, so Scheufele weiter, der für sein eigenes Unternehmen dieses Jahr mit einem zweistelligen Wachstum rechnet.

Kritik übte der 60-Jährige auch an der Fachmesse Baselword, in deren Ausstellerbeirat Scheufele sitzt. Die Branche gönnt sich zwar noch immer zwei Messen, denn neben der Baselworld im März findet schon im Januar in Genf immer der SIHH statt. Aber die Baselworld, der zuletzt sogar die Swatch Group (Omega, Breguet, Tissot) den Rücken kehrte, müsse sich „dringend ändern. Ich hoffe, dass da schon fürs nächste Jahr die Weichen in die richtige Richtung gestellt werden“, mahnte Scheufele.

Allein die Zimmerpreise während der Messe in Basel seien ein echtes Ärgernis geworden. „Ich kann den Zorn der Besucher da völlig verstehen.“ Chopard selbst sei schon mehr als 45 Jahre in Basel vertreten und werde „zumindest 2019 wieder dabei sein. Dann sehen wir weiter.“

Chopard gehört zu den größten, noch familiengesteuerten Uhren- und Schmuckmarken der Welt. Gemeinsam mit seiner Schwester Caroline teilt sich Scheufele die Verantwortung für das Genfer Unternehmen.

Lesen Sie hier das ganze Interview

Herr Scheufele, Ihr Genfer Traditionsunternehmen bietet gleichermaßen Schmuck und hochwertige mechanische Uhren an. Was erfreut sich dieses Jahr größerer Beliebtheit?
In beiden Bereichen wächst unser Haus 2018. Die Uhren haben wieder aufgeholt, der Schmuck wächst erfreulich weiter.

Welcher Sektor führt in Ihren Bilanzen?
Normalerweise sind es die Uhren. Im vergangenen Jahr hat sich der Umsatz beim Schmuck aber besonders gut entwickelt. Insofern ist es immer schön und für uns auch wichtig, wenn man auf zwei gesunden Beinen stehen kann.

2017 trübte noch die große Krise die Stimmung in der Haute Horlogerie – vor allem, weil der Absatz in Asien eingebrochen war, nachdem zum Beispiel China neue Anti-Korruptions-Gesetze erlassen hatte. Geht’s nun endgültig wieder aufwärts?
Wie die monatlichen Verkaufsstatistiken des Schweizer Uhrenverbandes zeigen, geht es tatsächlich wieder kontinuierlich voran. China spielt als wieder erstarkter Absatzmarkt den Vorreiter, aber auch andere Regionen entwickeln sich erneut positiv.

Sehen Sie am Horizont womöglich schon neue Probleme für Ihre Branche auftauchen?
Zurzeit kann man den vorherrschenden Optimismus durchaus verantworten. Meine Zweifel wachsen allerdings immer dann, wenn ich mir das Geschehen auf der weltpolitischen Bühne genauer anschaue.

Sie meinen die Handelskriege zwischen den USA und dem Rest der Welt?
Man fragt sich automatisch, was solche Auseinandersetzungen für die Stimmung und die Kaufkraft im einen oder anderen Land dann bedeuten, klar.

Ist Donald Trump die größte Bedrohung?
Man kann ihn leider gar nicht einschätzen, weil er unberechenbar ist.

... was die Märkte umso anfälliger macht.
Das ist leider wahr. Und darunter leidet letztlich die gesamte Luxusindustrie. Es fehlt mancherorts schlicht an Kontinuität.

Apropos: Wie hat sich denn die Kundschaft verändert? Man hat den Eindruck, dass es global gesehen eine ziemlich junge Schicht von „Neu-Reichen“ gibt.
Das unterscheidet sich von Land zu Land. Aber gerade in China gibt es tatsächlich eine sehr junge Generation, die sehr markenbewusst dem Luxus frönt. Die sind im Schnitt erst dreißig, haben andere Lebensgewohnheiten und sind auch digital ganz anders unterwegs als etwa in Europa.

Wie digital kann eine so klassische Marke wie Chopard werden?
Was die Kommunikation angeht, sind wir schon sehr aktiv, finde ich. Da sind wir in allen relevanten Foren und Communitys gut vertreten. Trotzdem vernachlässigen wir nicht die traditionelle Form der Werbung, die von unserer Klientel eben doch weiterhin sehr gut wahrgenommen wird.

Glauben Sie an die Werbekraft von Influencern, die es ja nicht nur in der Mode, sondern auch in der Uhren- und Schmuckbranche mittlerweile gibt?
In Asien spielen sie eine große Rolle. Dort orientieren sich Konsumenten sehr stark an prominenten Beispielen. Auch das ist in Europa wohl immer noch weniger ausgeprägt. Influencer müssen auch zu uns passen. Da geht es oft um ganz kleine Communitys, die ganz spezifische Zielgruppen erreichen. Als wir auf der Fachmesse Baselworld unser Projekt rund um nachhaltiges Gold bekannt machten, haben wir einige Influencer aus China eingeladen. Das war sehr erfolgreich.

Sie kündigten dort im Frühjahr an, fortan nur noch Gold aus fairem Abbau zu nutzen. Macht sich das im Umsatz schon bemerkbar?
Ganz so schnell geht es nicht. Wir haben das Projekt in kleinerem Rahmen schon vor einigen Jahren aufgesetzt. Und es wurde von unseren Kundinnen und Kunden sehr positiv aufgenommen. Uns geht es da anfangs auch weniger um die Umsätze als um Nachhaltigkeit. Die wird von uns als Industrie künftig erwartet, dessen bin ich mir sicher. Da wir unser Gold im eigenen Haus schmelzen, haben wir es sicher auch etwas einfacher, unseren Ansprüchen gerecht zu werden – anders als womöglich manche anderen Anbieter, die mit etlichen Zwischenhändlern arbeiten, die eine wirksame Kontrolle schier unmöglich machen.

Zeit-Reise – Die schönsten Uhren des Jahres für jeden Geldbeutel
Dynamisch
1 von 8

Uhren
Porsche Design „Monobloc Actuator Chronotimer Flyback Limited Edition“, 7950 Euro
Jaeger-Lecoultre „Polaris Chronograph“, 9850 Euro

Accessoires
Lederhandschuhe von Mulberry, über mrporter.com, 260 Euro
Sonnenbrille von Saint Laurent, 665 Euro

Nostalgisch
2 von 8

Uhren
Wempe Glashütte I/SA Zeitmaster „CW4“, 1625 Euro
Glashütte Original „Sixties Panoramadatum“, 7800 Euro
Vacheron Constantin „Fiftysix“ Edelstahl Day Date, 17.000 Euro

Accessoires
Stiftablage „Sellier Vide Poches“ von Hermès, 880 Euro
Korrekturbrille von Mapleton, Modell 1969 aus Acetat, 300 Euro
Lederkoffer von Bally, Preis auf Anfrage

Flach
3 von 8

Uhren
Audemars Piguet „Royal Oak RD#2“, Preis auf Anfrage
Bulgari „Octo Finissimo“ in Titan, Limited Edition: 200 Stück, 13.900 Euro

Sportlich
4 von 8

Uhr
Montblanc „1858 Geosphere“, 5190 Euro

Accessoires
Stiefel von Santoni, 890 Euro

Maritim
5 von 8

Uhren
Omega „Seamaster Diver 300 M“, 4400 Euro
Patek Philippe „Aquanaut Travel Time“, 30.610 Euro

Accessoires
Schlüsselanhänger von Prada, über matchesfashion.com, 250 Euro
Wollpullover von Salle Privée, über matchesfashion.com, 450 Euro

Keramisch
6 von 8

Uhr
Hublot „Big Bang Unico Red Magic“, Limitiert auf 500 Stück, 25.900 Euro

Luftig
7 von 8

Uhren
Tutima „M2 Coastline 6150–02“, 1590 Euro
Rolex „Oyster Perpetual Sky-Dweller“, 13.500 Euro

Accessoires
Eau de Parfum „Tempo“ von Diptyque, 75 ml, 125 Euro
Gürtel von 1017 ALYX 9SM, über matchesfashion.com, 308 Euro

Wie viel eigene Shops unterhält Chopard derzeit weltweit?
Rund 160.

Und welches Umsatzziel verfolgen Sie dieses Jahr?
Ein prozentual zweistelliges Wachstum. Das sieht derzeit auch gut aus.

Haben Sie sich vielleicht vorgenommen, irgendwann noch mal die Marke von einer Milliarde Umsatz zu knacken?
In solch quantitativen Kategorien wie reiner Umsatz oder Zahl der produzierten Zeitmesser denken wir nicht. Uns geht es in allererster Linie darum, qualitativ immer noch besser zu werden.

Dennoch fragen wir mal: Wie viele Uhren produziert Chopard aktuell?
Es sind etwa 70.000 pro Jahr. Auf diesem Level möchten wir uns weiterbewegen.

Seit Anfang der neunziger Jahre baut Chopard seine eigenen Uhrwerke. Gehört so etwas zu wahrer Unabhängigkeit?
So sehen wir das, ja.

Es sind in der Uhrenbranche nicht mehr viele unabhängige Familienunternehmen übrig wie Chopard.
Erfreulicherweise sind die Verbliebenen alles andere als Übernahmekandidaten. Das zeigt auch die Stärke ihres Geschäftsmodells.

Woran erkennt man konzerngesteuerte Marken?
Es werden dort bisweilen strategische Richtungswechsel vorgenommen, die doch ziemlich radikal ausfallen. Das konnte man gerade dieses Jahr beobachten – ohne Namen nennen zu wollen.

Schade eigentlich.
Luxusmarken sollten langfristig denken und handeln. Wir sind ja nicht in der Modebranche tätig, die sich mittlerweile in extrem kurzen Rhythmen immer wieder neu erfinden muss. Uhren und Schmuck bedeuten eigentlich auch Konstanz und Kontinuität, Verlässlichkeit, Dauer.

Welche Trends sehen Sie dennoch, was Farben, Technik oder Ästhetik angeht?
Durchaus positiv finde ich, dass viele Marken wieder verstärkt günstigere Einsteigermodelle anbieten. Andererseits steht auch die Handwerkskunst mehr denn je im Rampenlicht. Es geht auch um technische Raffinesse.

Bei Chopard beginnt die Mille-Miglia-Reihe bei etwa 4000 Euro. Andererseits starteten Sie ausgerechnet im Krisenjahr 2015 eine besonders luxuriöse Marke, benannt nach dem legendären Uhrmacher Ferdinand Berthoud, deren Modelle deutlich sechsstellige Beträge bedeuten. Dieser Spagat klappt?
Beides gehört zu Chopard. Und beides findet seine Kundschaft. Generell wollen wir den Manufakturgedanken pflegen. Das bedeutet auch, dass wir viele alte Handwerksberufe fördern und am Leben erhalten. Das verstehen wir ebenfalls als große Verantwortung unserer Branche...

... die sich verrückterweise noch zwei große Fachmessen gönnt – im Januar die SIHH in Genf, im März dann die Baselworld, die zuletzt einen kräftigen Aderlass der Aussteller und Marken erlebt hat. Sogar die mächtige Swatch Group kündigte schon ihren Abschied aus Basel an.
Wir sind als Chopard schon über 45 Jahre in Basel vertreten und werden zumindest 2019 wieder dabei sein. Dann sehen wir weiter.

Was sollen Sie auch tun? Sie sitzen im Ausstellerbeirat der Messe...
... wo ich und andere durchaus artikulieren: Die Baselworld muss sich dringend ändern. Ich hoffe, dass da schon fürs nächste Jahr die Weichen in die richtige Richtung gestellt werden.

Allein die Zimmerpreise während der Messe in Basel sind ein echtes Ärgernis geworden.
Zu Recht! Ich kann den Zorn der Besucher da völlig verstehen. Und die Hotelbranche muss sich hier dringend wieder an ihren Kunden orientieren. Manche wachen eben erst auf, wenn die Katastrophe schon da ist. Und die einbrechenden Zahlen dieses Jahres sollten allen Beteiligten Warnung genug sein.

Der neue Breitling-Chef Georges Kern hat bereits überlegt, ob er solche Messen überhaupt noch nötig hat oder nicht doch lieber mit Roadshows überall auf der Welt nur für seine Marke wirbt. Ein großer Stand in Basel kann ja allein ein paar Millionen Euro verschlingen.
Grundsätzlich bin ich der Ansicht, dass unsere Branche Messen wie die SIHH und die Baselworld braucht – schon als Networking-Plattform. Es ist der einzige Moment im Jahr, da man – ganz physisch – in wenigen Tagen nicht nur die wichtigsten Medien, sondern auch den Großteil der eigenen Kunden treffen kann. Das direkte Gespräch kann auch durch die ausgefeilteste Hightech noch nicht ersetzt werden.

Als gebürtiger Deutscher haben Sie seit über 35 Jahren den Schweizer Pass. Was ist aus Sicht Ihrer Genfer Freunde noch immer sehr deutsch an Ihnen?
Meine Gründlichkeit, würde ich denken.

Sie sammeln nicht nur Uhren, sondern auch Wein, den Sie seit geraumer Zeit in Bergerac selbst keltern. Wie entwickelt sich das Weingut?
Sehr gut. Ende des Jahres bekommen wir eine Bio-Klassifikation. Ein echtes Etappenziel für uns, weil wir ja auch dort alles der Qualität unterordnen.

Gab’s Rückschläge?
Durchaus. 2013 etwa hatten wir schlimme Hagelschäden. Man lebt natürlich als Winzer ganz anders mit dem Wetter als ein Uhrmacher. Eine neue, aber auch spannende Erfahrung.

Was braucht mehr Geduld: Weinbau oder Uhrmacherei?
Beides braucht Zeit und auch ein großes Quantum Demut. Aber da Sie im Weinbau gewisse äußere Faktoren einfach nicht beeinflussen können, ist dort Geduld noch ein bisschen wichtiger. Die Konstruktion eines neuen Uhrwerks benötigt zwar auch drei bis fünf Jahre. Aber nach dem Anbau einer neuen Rebsorte wissen Sie erst nach sieben bis zehn Jahren, was sie wirklich bringt und ob sie überhaupt die richtige für den gewählten Boden ist.

Wo sind Sie lieber unterwegs – auf roten Teppichen oder in Weinbergen?
Letzteres.

Sie feierten dieses Jahr Ihren 60. Geburtstag und führen Chopard gemeinsam mit Ihrer Schwester, die das Schmuckgeschäft steuert. Wie sieht Ihr eigener Exit-Plan aus? Was machen Ihre Kinder?
Es gibt keinen klar definierten Ausstiegsplan. Aber natürlich beschäftigt sich meine Schwester wie auch ich mit dem Thema. Meine drei Kinder sind zwischen 17 und 23. Da kann man noch nicht beurteilen, wie groß die Begeisterung fürs Unternehmen mal wirklich wird. Das Interesse ist aber bei allen dreien vorhanden.

Herr Scheufele, vielen Dank für das Interview.

Dieser Text ist entnommen aus dem Handelsblatt Magazin N°7/2018. Das komplette Handelsblatt Magazin als PDF downloaden – oder gedruckt mit dem Handelsblatt vom 9. November 2018 am Kiosk erwerben.

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