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Dimorestudio-Gründer im Interview Salci und Moran: „In der Kunst und in der Mode sind uns ein wenig die Ideen ausgegangen"

Das Gründer-Duo spielt mit Objekten und Stilen aus dem gesamten 20. Jahrhundert. Ein Besuch im Headquarter, bevor Corona über Mailand hereinbrach.
21.04.2020 - 14:24 Uhr Kommentieren
Das Duo leitet Dimorestudio, eines der angesagtesten Designbüros in Europa. (Foto: Dimorestudio)
Britt Moran (l.) und Emiliano Salci

Das Duo leitet Dimorestudio, eines der angesagtesten Designbüros in Europa.

(Foto: Dimorestudio)

Emiliano Salci und Britt Moran hatten selbst kaum noch damit gerechnet, dass ihr Besuch aus Deutschland wirklich vorbeischaut. Mailand glich zu diesen Tagen schon einer Geisterstadt. Corona hat eine der lebendigsten Design- und Modeszenen Europas mitten ins Herz getroffen, damit auch das 2003 vom Italiener Salci und dem US-Amerikaner Moran gegründete Büro Dimorestudio.

Den Anfang machte die Verschiebung des Salone del Mobile, der größten und wohl schönsten Möbelmesse der Welt, weil sie nicht nur auf dem Messegelände stattfindet, sondern die ganze norditalienische Metropole mit einbezieht.

Mailand also ist eine Stadt in Schockstarre, aber ohnehin dreht sich die Möbelbranche seit Jahren im Kreis. Die großen Marken spielen auf Nummer sicher. Sie präsentieren eine unverfängliche Formenwelt in gedeckten Farben, die ganz unverhohlen auf den Pfaden der vorherigen Jahrhundertmitte wandelt.

Dimorestudio istanders. Das Büro von Salci und Moran setzt auf sinnliche Farben und kräftige Muster. Die Vergangenheit ist auch hier präsent – omnipräsent sogar. Und doch wirkt sie nie angestaubt, sondern verbindet das Gestern verblüffend präzise mit dem Heute.

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    Der Unterschied liegt freilich in den Nuancen: Retro bedeutet, etwas Neuem den Anschein des Gestrigen zu geben. Dimorestudio – die ersten drei Silben stehen im Italienischen für den Plural von „Zuhause“ – machen kein Retro. Sie lassen neue Dinge nicht alt aussehen. Sie verwenden Originale ihrer Zeit – und mischen sie mit eigenen Entwürfen, die den Geist jener vergangenen Dekade in die Gegenwart projizieren.

    Räume mit Wärme aufladen

    Das Ergebnis ist eine Reise durch prominente und weniger prominente Design-Epochen, getragen vom Blick für das Besondere – abgemischt zu einer elektrisierenden Mixtur, bei der garantiert keine Langeweile in den heimischen vier Wänden zu befürchten ist.

    Emiliano Salci und Britt Moran wollen Räume mit Wärme aufladen. Dazu bewegen sie sich auf verschiedenen Ebenen: Das Herzstück ihres Unternehmens ist das Studio für Design, Inneneinrichtung und Architektur, mit dem sie unter anderem eine Privatwohnung in Berlin, das Hotel Saint-Marc in Paris, das Restaurant Ceresio 7 in Mailand, den Nachtclub Leo’s im Londoner The Arts Club oder die Fendi-Boutique in Monte-Carlo einrichten.

    Unter dem Label Dimoremilano werden Stoffe, Möbel, Leuchten und Objekte vertrieben, die entweder von ihnen selbst entworfen wurden oder in Zusammenarbeit mit jungen Designern entstanden sind. Auch Kooperationen wie der Entwurf eines Barwagens für den zur LVMH-Gruppe gehörenden Spirituosenhändler Clos19 oder eine 14-teilige Wohnkollektion für Dior stammen von dem Duo.

    Ein weiteres Standbein ist eine Galerie für historische Designentwürfe und limitierte Editionen heutigen Datums, die eine elegante Altbauwohnung im Mailänder Viertel Brera bespielt und direkt auf demselben Stockwerk wie die Studioräume liegt.

    In ihrem Studio für Design, Inneneinrichtung und Architektur entstand auch das Interieur dieser Boutique. (Foto: Dimorestudio)
    Fendi in Monte Carlo

    In ihrem Studio für Design, Inneneinrichtung und Architektur entstand auch das Interieur dieser Boutique.

    (Foto: Dimorestudio)

    Alle drei Bereiche – Studio, Möbelmarke, Galerie – sind unmittelbar miteinander verknüpft. Sie formen eine Welt, in der Attribute wie alt oder neu keine Rolle mehr spielen. Neu ist alt und alt ist neu. Auch das Skurrile und Abseitige findet in dieser atmosphärischen Verdichtung seinen Platz.

    Das Wohnen als ein gemütlicher Kokon mit narrativen Qualitäten: Die Interieurs von Dimorestudio sind Erfahrungsräume, die nicht nur mit allen Sinnen erkundet werden wollen. Sie funktionieren wie begehbare Filme, die ihrem eigenen Drehbuch folgen. Salci und Moran haben ihre Philosophie dem Handelsblatt beschrieben.

    Lesen Sie hier das ganze Interview:

    Britt Moran, Emiliano Salci, wenn Möbelstücke einer Hierarchie gehorchen: Welches wäre dann wohl das Wichtigste im Raum?
    Salci: Es hängt davon ab, um was für einen Raum es sich handelt. In einem Speisezimmer ist natürlich der Tisch am wichtigsten. Doch es kann auch ein Gefäß sein oder eine schöne Leuchte, die die Menschen am Tisch ins richtige Licht setzt. In der Realität braucht es nicht allzu viele Elemente. Das ist wie bei der Kleidung: Um gut angezogen zu sein, muss man nicht viele Broschen tragen. Einfachheit hilft in den meisten Fällen. Wenn man es übertreibt, wird ein Raum hingegen hässlich.
    Moran: Die Beleuchtung ist eines der wichtigsten Dinge, auf die man achten sollte. Sie kann einen Raum erheben oder ihn komplett zerstören.

    Wie entsteht ein Interieur-Konzept?
    Moran: Zuerst wollen wir die Räume sehen, vor allem, wenn es sich um historische Gebäude handelt. Es gibt immer Details, die uns inspirieren und somit schon einmal eine Richtung vorgeben. Häufig bekommen wir von den Kunden ein Briefing mit ihren Wünschen. Daraufhin entwickeln wir eine Geschichte, deren Ausgangspunkt eine bestimmten Zeitspanne sein kann.
    Dabei geht es für uns weniger um ein direktes Kopieren dieser Zeit, sondern vielmehr um deren Interpretation. Aus dieser Geschichte heraus stellen wir die Auswahl der Möbel, Farben und Stoffe zusammen. Wenn wir Räume kreieren, wollen wir ein Gefühl von Geschichte darin einbetten. Es geht um das Schaffen von Erfahrungen.

    Also eine Abfolge narrativer Momente?
    Moran: Ja, man stellt eine Art Filmszene zusammen für jemanden, der in diesem Raum wohnen oder zumindest eine gewisse Zeit in ihm verbringen wird.

    Als Sie 2003 Ihr Studio gegründet haben, war Vintage noch ein Nischenthema. Was hat Sie auf die Spur der Vergangenheit geführt?
    Moran: Im Design war damals tatsächlich alles grau, weiß und beige. Es hätte keinen Sinn gemacht, dasselbe zu tun wie alle anderen auch. Denn die waren viel größer und viel organisierter als wir zu der Zeit. Also haben wir nach etwas gesucht, das wichtig für uns ist und worauf wir uns beziehen können.
    Und das war die Liebe für historisches Design: Dinge, zu denen die Leute eine Beziehung aufbauen können, weil sie sie vielleicht an Stücke aus dem Esszimmer ihrer Großmutter erinnern. Wir waren die Einzigen, die damit experimentiert haben, Vintage-Teile mit neuen Objekten zu mischen. Das hat das Interesse der Zeitschriften geweckt, weil es etwas Neues war und zudem auch sehr fotogen. So fing das an.

    Sie bewegen sich an der Schnittstelle von Nostalgie und Gegenwart. Wie würden sie das Zeitgenössische an Ihrer Arbeit definieren?
    Moran: Unsere Räume sind zeitgenössisch, aber mit Möbelstücken, die überwiegend historisch sind. Alles, was wir tun, basiert auf dieser Gegenüberstellung unterschiedlicher Zeitspannen, Materialien, Stoffe. Wir wollen kein Museum für Dinge aus der Vergangenheit schaffen.
    Stattdessen wollen wir sie auf aktuelle Weise interpretieren und in einen anderen Kontext stellen. Das kann über eine stärkere Farbe passieren, die mit dem zu tun hat, was gerade in der Mode zu sehen ist. Oder man verwendet ein Muster, das man in diesem Kontext nicht erwarten würde. Wir wollen Dinge kreieren, bei denen es schwer zu unterscheiden ist, ob sie aus dieser Zeit sind oder doch aus einer ganz anderen stammen. Erst dadurch bekommen Dinge eine Zeitlosigkeit. Sie lassen sich nicht mehr festlegen.

    Welche Dekade zieht Sie am meisten in den Bann?
    Moran: Sehr viel, was wir derzeit machen, ist sicher von den siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts beeinflusst. Wir beziehen allerdings auch viele Inspirationen aus den Dreißigern, bei denen es eine Verbindung mit den 1970ern gibt. Es waren zwei sehr hedonistische Zeitspannen mit einer hohen Konzentration an Nachtleben. Im Design gab es diese sehr schöne Einfachheit der Dinge. Zur selben Zeit existierte ein hohes Level an Dekoration und Details.

    Salci: Das gesamte 20. Jahrhundert ist für uns eine Referenz. Denn jede Dekade hat etwas Gutes, das man verwenden kann. Doch einige stechen natürlich heraus. In den Sechzigerjahren zum Beispiel ist der Modernismus sehr stark geworden. Die Möbel aus dieser Zeit sind sehr konzeptionell. Sie sind das Ergebnis kreativer Kopfarbeit, die damals immer auch politisch war. Man wollte sich von all den überflüssigen Dingen befreien. Man wollte den Kopf reinigen.

    Zuerst kam die Idee, dann die Ästhetik?
    Salci: Ja, für Gestalter wie Achille Castiglioni stand vor allem die Idee im Vordergrund. Dennoch sind Entwürfe wie die Leuchte „Tojo“ (für den Hersteller Flos 1962, Anm. d. Red) auch wunderschön. Viele heutige Designer machen es genau umgekehrt: Zuerst entsteht eine Zeichnung und dann überlegen sie sich, wofür sie dienen soll. Ich denke, dass diese Haltung nicht nur für Möbel gilt. Auch in der Kunst, in der Mode, in der Architektur sind uns heute ein wenig die Ideen ausgegangen. Früher hat man erst die Idee gesucht und ihr dann eine Form gegeben. Darum sind viele historische Dinge noch immer sehr stark.

    Das Möbel wurde für den zur LVMH-Gruppe gehörenden Spirituosenhändler Clos19 gefertigt. (Foto: Dimorestudio)
    Exklusiver Barwagen

    Das Möbel wurde für den zur LVMH-Gruppe gehörenden Spirituosenhändler Clos19 gefertigt.

    (Foto: Dimorestudio)

    Nach welchen Kriterien schauen Sie auf die Dinge: Fasziniert Sie nur das Schöne, oder darf es auch mal hässlich sein?
    Salci: Was für andere hässlich ist, kann für uns schön sein. Sehr viele unserer Wettbewerber demolieren Objekte der Vergangenheit und machen aus ihnen etwas Neues. Für mich ist das falsch. Denn das Alte ist oft viel schöner als das Neue. Nehmen Sie alten Stuck, alte Türrahmen oder alte Heizkörper: Die sind nicht hässlich. Die neuen sind hässlich.

    Wie arbeiten Sie zusammen?
    Moran: Als wir begonnen haben, waren wir nur zu zweit und haben alles zusammen gemacht. Inzwischen sind wir auf ein Team von fast 40 Mitarbeitern angewachsen. Wir durchlaufen gerade eine Reorganisation des Studios und führen eine klarere Hierarchie ein. Emiliano übernimmt nun die Rolle des Kreativdirektors, ich entwickle mehr die Business-Seite. So haben wir unsere Zeit besser aufgeteilt. Es ist gut, wenn man zu zweit ist. Denn man hat jemanden, mit dem man Ideen austauschen kann. Wir führen ständig Diskussionen untereinander.

    Die Mailänder Möbelmesse ist das wichtigste Design-Event der Welt. Seit Jahren zeigen Sie spektakuläre Installationen, für die die Besucher geduldig Stunden in der Schlange stehen. Wie wichtig waren diese Auftritte für Sie bislang?
    Moran: Wir mögen es, die Leute zu überraschen. Und das ist es auch, was die Leute von uns erwarten. Der Druck ist enorm, weil die Messlatte jedes Jahr ein wenig höher gesetzt wird. Aber es ist auch ein großer Spaß. Schließlich ist es das eine große Projekt im Jahr, bei dem wir selbst die Kunden sind und alles entscheiden können. Das macht es sehr spannend.
    Salci: Wir wollen aus der Reihe tanzen, ohne allzu verrückt zu sein. Wir arbeiten an Dingen ohne Zeit, die heute gemacht sein könnten oder vor 30 Jahren oder in 30 Jahren. Perfekte, schöne Dinge, die nicht von dieser Welt sind.

    Mehr: Wie die Möbelmarke Minotti ihre Zukunft auf dem Weltmarkt gestaltet

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