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Grand Hotel Kronenhof

Eine historische Aufnahme des Hotels in Pontresina. Lorenz Gredig hat es 1848 gekauft.

(Foto: Kronenhof)

Experiment Ich habe allein in einem leeren Hotel übernachtet, um das Fürchten zu lernen

Von Horrorgeschichten hält unser Autor wenig. Darum hat er eine Nacht ganz allein in einem leeren Luxushotel in den Schweizer Bergen verbracht.
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Es gibt da die Geschichte vom Geist von Lorenz Gredig. Knarz Knarz Knarrrrrz. Marc Eichenberger schreitet über den Eichenboden durch die Gänge seines Hotels. Der dunkelblaue Teppich vermag es kaum, die Geräusche seiner Schritte zu schlucken. Würde der Mann mit dem schwarzen Haarkranz und der langen, spitzen Nase jetzt mit seiner Taschenlampe an seinem Kinn vorbei nach oben strahlen, sein Gesicht wäre voller dunkler Schatten.

Er müsste dann nur noch ein paar finstre Worte flüstern, und schon stünde er leibhaftig da: „Der Geist vom Loooorrrenz Grrrredich.“

Aber Marc Eichenberger leuchtet nach vorne in einen Gang, der die dürren Lichtkegel seiner und meiner Taschenlampe beinahe verschluckt. Er flüstert auch nicht, sondern sagt nur: „Ach, ein ehemaliger Mitarbeiter will mal seinen Hauch gespürt haben.“ Und es liegt nur so viel Spott in seiner Stimme, wie ihn der Direktor eines Luxushotels, ein Schweizer zudem, eben aufbringen kann. Ein Hauch.

Aber immerhin: Die Gruselgeschichte über die vermeintlich untote Seele des Gründers des Hotels Kronenhof liegt in der Luft. Ich bin am Abend des 30. Oktober in das Fünfsternehotel in Pontresina gekommen, um dort als einziger Gast eine Nacht zu verbringen. Um mitternachts allein durch die verwinkelten Gänge und finsteren Räume zu streifen, 112 Zimmer, ein fresken-verziertes Grand Restaurant, den verwaisten Spa mit seinem leergepumpten Pool. Kurz: um das Fürchten zu lernen.

Denn die Angst, die düstere Räume und klappernde Fensterläden vielen in die Glieder jagen, finde ich verwunderlich und irrational. Auf den Geschmack von Horrorfilmen bin ich nie gekommen. Auch gehöre ich nicht zu den Verrückten, die einen Tag später, am 31. Oktober Kürbisse aushöhlen und ihre Mitmenschen erschrecken.

Als Teenager habe ich „Scary Movie“ gesehen, eine Abrechnung mit dem Genre, seinen Marotten und schal gewordenen Schock-Strategien. Seither halte ich mich für immun gegen diese Art von Angst.

Das fresken-verzierte Restaurant war beim Aufenthalt des Autors so verlassen wie die anderen Räume. Quelle: Kronenhof
Das Grand Restaurant im Kronenhof

Das fresken-verzierte Restaurant war beim Aufenthalt des Autors so verlassen wie die anderen Räume.

(Foto: Kronenhof)

Vor zehn Tagen ist der letzte Gast aus dem Kronenhof abgereist. Marc Eichenberger hat seinen feinen Anzug beiseitegelegt und sich einen dunkelblauen Pullover übers Hemd gezogen, als er mich vor seinem Büro im dritten Stock begrüßt. Meine Ankunft wenige Minuten zu früh wollte ich ihm eigentlich noch ankündigen, aber nach dem Stromausfall in der vergangenen Sturmnacht funktioniert die Telefonanlage des Hauses nicht.

Der Gang vor der weißen Schwingtür mit den goldenen Lettern „Bureau“ sieht wüst aus: An der Wand lehnt eine Reihe Liegestühle, die Gemälde wurden mit schneeweißen Tüchern verhängt. Als Eichenberger aus seinem Büro kommt, entschuldigt er sich für die äußere Erscheinung seines Kronenhofs. In der Zwischensaison lasse er Parkett und Teppiche reinigen.

Von hier bricht der Hoteldirektor jeden Abend gegen 19 Uhr auf, um in dem hufeisenförmigen Hotelpalast nach offenen Türen oder laufenden Wasserhähnen zu sehen. Der dunkelblaue, mit Rosetten verzierte Teppich führt die Treppen hinauf ins Restaurant, wo antike Götter auf Deckenfresken tanzen. Er führt weiter hinab zum Weinkeller, wo neben vier Meter hohen Fässern ein Paar uralter Holzski mit dem Namensschild eines Mr. Davidson hängen, der sie nach einer Langlauf-Saison vor vielen Jahrzehnten hier ließ und nie mehr abholte.

Der Geist in der Blumengalerie

Irgendwo kommen wir an einer Wäscherei vorbei, in der zwei Frauen in Schürzen noch die letzten Arbeitskleider waschen. Ein anderer Mitarbeiter, fällt dem Hoteldirektor da ein, sei vielleicht auch noch in einer der Dienstwohnungen. Der Sturm hatte seinen Abreiseplan durchkreuzt.

Das Spa bietet einen schönen Blick auf die umliegenden Berge – vielleicht eher nicht, wenn man ganz allein ist. Quelle: Kronenhof
Pool im Spa

Das Spa bietet einen schönen Blick auf die umliegenden Berge – vielleicht eher nicht, wenn man ganz allein ist.

(Foto: Kronenhof)

Wieder hinauf gehen wir durch die Blumengalerie. Ein Schlauch von einem Raum, in dem schneeweiße Blumentöpfe auf braunen Brettern lagern. Hier will besagter Hotel-Mitarbeiter einst Lorenz Gredigs Geist gehört haben. Wohin auch immer wir den Lichtkegeln unserer Lampen folgen, kriecht die Kühle des unbeheizten Hotels unter die Kleidung. „Gewisse Mitarbeiter wollen diesen Rundgang nicht machen“, sagt Eichenberger plötzlich. Will er mir Angst einjagen?

Zu meinem Zimmer 421 gelangen wir über den Hof des Hotels. Eichenberger blickt in den Sternenhimmel. Der Wind bläst nur noch leicht. „Sie werden eine ruhige Nacht haben“, sagt der Hoteldirektor, kein Blitz und Donner, kein Sturm, der an den Jalousien rüttelt. Dann lässt er mich allein.

Als Nachtlektüre hat mir Eichenbergers Assistentin ein Buch über den Kronenhof bereit gelegt. Darin ist auch die Geschichte von Lorenz Gredig zu lesen, ein 20-jähriger Weinhändler aus Davos, der 1848 das damalige Gasthaus Rössli zu Pontresina kaufte. Die Herberge mit fünf Zimmern lag günstig an der Zufahrt zum Berninapass, um Postkutscher oder Händler auf dem Weg nach Italien einzuquartieren.

Wegen des Ausblicks auf die majestätischen Berge des Hochtals Val Roseg kamen bald auch Touristen: Engländer, Deutsche, Amerikaner. Bald hieß es in Pontresina über den geschäftstüchtigen jungen Mann: „Lorenz Gredig kaufte sich die Aussicht – und das Haus in der Einfahrt“.

Gut 120 Jahre blieb das Hotel in Besitz der Gredigs. Während im nahen St. Moritz mit Aktionärsgeld nagelneue Hotelschlösser hochgezogen wurden, in denen fortan der Jet-Set logierte, baute die Familie ihr Haus, inzwischen Kronenhof genannt, Salon um Salon aus. Sie gaben ihm eine neobarocke Fassade mit goldener Krone auf dem Kuppeldach. Einen Todesfall im Jahr 1989 überlebte das Familienunternehmen nicht, weil einer der 16 Erben lieber ausgezahlt werden wollte. Heute gehört der Kronenhof einer griechischen Reeder-Dynastie.

Es ist halb 10 Uhr abends, als ich aus meinem Zimmer trete. Ich gehe drei Schritte, bis der Eichenboden mit einem Quieken unter meinen Füßen nachgibt. Ich leuchte den Weg bis zur Treppe, die hinunter in den dritten Stock führt. Als ich auf dem ersten Absatz stehe, höre ich einen dumpfen Schlag. Nicht laut, aber unerwartet. Ein Buch? Drei, vier Stufen weiter höre ich Papier rascheln. Was ist das?

Unten angekommen, sehe ich Licht durch die Glasscheibe einer Tür. War der Mitarbeiter doch nicht abgereist? Das Licht fällt auf die Liegestühle. Ich verharre auf der untersten Treppenstufe, bis aus der weißen Schwingtür ein Mann tritt. Wir stehen zehn Meter entfernt in fast völliger Dunkelheit. Dann erkenne ich ihn: Eichenberger. „Was machen Sie denn noch hier?“ „Ja, noch im Büro gewesen.“ „Jetzt hätte ich mich fast erschreckt.“ Eichenberger lacht. „Schönes Nachtwandeln wünsche ich.“

Vor dem Büro ist die Wandelhalle, eine wohnungsgroße Parkettfläche, von der die Gäste auf samtenen Couches Deckenmalereien bestaunen können. Von meinem bläulich-weißen Lichtstrahl abgetastet, wirken die badenden Engel auf dem Fresko, als frören sie bitterlich.

Ein Gruselfilm, um die Dosis zu erhöhen

Ich laufe in irgendeine Richtung. Die Wege, auf denen ich Eichenberger gefolgt bin, habe ich vergessen. Ich gehe vorbei an zugehängten Spiegeln. Durch mit beiseite geräumten Möbeln vollgestopfte, gläserne Salons, aus denen bestickte Sofabezüge schimmern wie Perlmutt. Mit einem Mal erreiche ich wieder das Grand Restaurant. Es ist, als hätte ich mich mit geschlossenen Augen fünfmal gedreht, bevor ich losgelaufen bin.

Ich suche den Weg zurück zu Zimmer 421. Im Treppenhaus sehe ich weiter unten plötzlich wieder Licht brennen. Der Boden ächzt wie das Deck eines Piratenschiffs. „Hallo?“, rufe ich. Keine Antwort. Lorenz?

Ich kehre um. Weiter unten werden die Requisiten profaner. Leere Wäschewagen, ein Staubsauger, dann endet sogar der dunkelblaue Teppich. Ich laufe an einer Stelle, die ich bestimmt noch nicht kenne. Rechts eine Glastür, auf der die mit Glitzer bestrichenen Buchstaben „Kid’s Club Wochenprogramm“ kleben. Und links: ein Spiegel, in dem ich eine Minute lang mich und meine schmalen Augen betrachte.

Um kurz nach zehn kehre ich ins Zimmer zurück, um die Dosis zu erhöhen. Auf meinem Laptop habe ich „Shining“ gespeichert, angeblich einer der gruseligsten Filme aller Zeiten. Und er spielt – wie passend – in einem Hotel. Jack Nicholson alias Jack Torrance soll mit seiner Frau und seinem Sohn über den Winter auf das Overlook Hotel in den Bergen Colorados aufpassen. Sein Vorgänger, erfährt er, ist dort verrückt geworden und hat seine ganze Familie mit einer Axt ermordet. Was Torrance schließlich auch versucht.

Mir dämmert, dass der Film besser zu meiner Nacht passt als ich vorher dachte. Das Overlook ist luxuriös, verwinkelt, bei Tag majestätisch, bei Nacht etwas morbide – genau wie der Kronenhof, in dem ich gerade herumirre. Dort wie hier gibt es unendliche Möglichkeiten, Opfern aufzulauern. Und der Tag, an dem die Torrances im Overlook ankommen, ist: der 30. Oktober.

Auf der Suche nach Zimmer 237

Ich schaue den Film bis zu einer Szene, in der Jack Torrance im Badezimmer des Zimmers 237 eine Frau trifft, die als schöne Junge aus der Wanne steigt. Erst als er sie küsst, erkennt er den verwesten Körper der Untoten. Das soll meine Prüfung für den Rundgang um Mitternacht sein: Zimmer 237 des Kronenhofs. Der Eichenboden knarzt wieder. Zwei Geräusche mit jedem Schritt, als eilte noch jemand hinter mir durchs Hotel. Höre ich mich atmen, weil ich so schnell gehe?

Wieder wähle ich einen anderen Weg. Am Ende eines Ganges blicke ich durch eine Glastür, hinter der an Saisontagen Kinder spielen. An die Wand hat jemand einen muskulösen Batman gemalt. Auch die Spielsachen sind mit weißen Tüchern abgehängt. Hatte ich die Leichentuch-Assoziation schon vorher? Schließlich gehe ich in den zweiten Stock. Selbst das Klicken eines Bewegungsmelders, das Rauschen der Lüftung hinter einer Tür spüre ich nun in den Eingeweiden.

247, 245, 243, 241, dann stehe vor einer weißen Notfalltür. Sie zu öffnen, traue ich mich nicht. Löst das nicht manchmal einen Alarm aus?

Ich kehre um, nehme den holzvertäfelten Aufzug in den vierten Stock und verschwinde in meinem Zimmer. Neben meinem Bett hat der Direktor einen mobilen Heizkörper stellen lassen, damit ich nicht friere. Er knackt, jede Minute zwei Mal. Egal. Ich kann jetzt ohnehin nicht einschlafen.

Am Morgen fällt mir Lorenz Gredig wieder ein. Auf der Straßenseite gegenüber gibt es eine Bäckerei, die den Familiennamen noch trägt. Im Schaufenster liegen sogenannte Spitzbuben, zwei große, runde Plätzchen, die mit Himbeermarmelade aufeinander geklebt sind. Im oberen Plätzchen ist ein Gesicht ausgestochen. Er grinst mich an mit seinem großen, roten Mund. Der Spitzbube.

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