Familienunternehmen Wie sich der venezianische Edel-Stoffhändler Rubelli für die Zukunft rüstet

Seit fünf Generationen handelt Rubelli in Venedig mit kostbarsten Stoffen. Um den Anschluss zu behalten, muss sich das Familienunternehmen ständig neu erfinden.
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Nicolò Favaretto Rubelli bespricht sich mit dem am Tisch sitzenden Kunsthistoriker und Dozenten Francesco Zampieri, der seit 21 Jahren das Firmenarchiv hütet. Quelle: Stefano Dal Pozzolo/contrasto/la
Im Kaminzimmer

Nicolò Favaretto Rubelli bespricht sich mit dem am Tisch sitzenden Kunsthistoriker und Dozenten Francesco Zampieri, der seit 21 Jahren das Firmenarchiv hütet.

(Foto: Stefano Dal Pozzolo/contrasto/la)

VenedigAlle Palazzi in Venedig hatten stoffbespannte Wände, das gehörte seit den Zeiten der Serenissima einfach dazu“, sagt Nicolò Favaretto Rubelli und streicht sanft über den gemusterten dunkelblauen Seidendamast, mit dem das Kaminzimmer in der Beletage des Palazzos seiner Familie bespannt ist. Der Canal Grande ist nur zehn Meter entfernt.

Alles hier atmet große Geschichte, und doch sind die Rubellis ganz in der Gegenwart zu Hause, denn ihr Geschäft ist gefragter denn je, und das nicht allein in Italien.

„Nur der Geschmack hat sich geändert: Statt aufwendiger historischer Muster wollen die Kunden lieber einfarbige Seidenstoffe, vor allem Türkis läuft gerade gut.“ Und wer sich selbst nicht für stilsicher genug hält, bringt zum Shoppen in dem Stoffimperium auch gleich seinen Innenarchitekten mit, verrät Rubelli.

In Venedig habe es ja ohnehin nie nur mit Ästhetik zu tun gehabt, dass die Wände mit derart prächtigen Damast- und Seidenstoffen verkleidet wurden: „Hier in den Palazzi ist alles schief, und alles bewegt sich, die Mauern, die Fußböden, denn wir sind ja auf dem Wasser gebaut.“

Die geraden Linien, die perfekte Geometrie – derlei gehöre nun mal nicht zu dieser Stadt. Tapeten würden in Venedig daher nicht funktionieren, erklärt Nicolò, schon wegen der Feuchtigkeit.

Aber mit den Stoffen an den Wänden konnte man gut Risse und Löcher verbergen. „Und natürlich ließ man tagsüber auch die Fensterläden zu, damit die Sonne nicht die Farben ausbleicht.“

Das Kaminzimmer der Rubellis wäre die perfekte Location für eine Neuverfilmung der Abenteuer Casanovas oder auch für literarische Ermittlungen von Commissario Brunetti in der Adelskaste der Lagunenstadt.

Nicolò Favaretto Rubelli ist die Tradition seiner Firma und der Stadt ebenso wichtig wie textile Innovationen. Quelle: Stefano Dal Pozzolo/contrasto/la
Moderner CEO

Nicolò Favaretto Rubelli ist die Tradition seiner Firma und der Stadt ebenso wichtig wie textile Innovationen.

(Foto: Stefano Dal Pozzolo/contrasto/la)

Edle Möbel, mit rotem Samt bezogene Sessel, ein großer Spiegel, natürlich aus Murano-Glas, schwere Vorhänge und ein riesiger Kristalllüster, dazu der Kamin – alles ergänzt sich.

Nicolò, Chef des Familienunternehmens in der fünften Generation, rückt das Jackett zurecht und die Brille gerade. Er weiß alles über seine Stadt und seine Stoffe. Aber er ist kein verträumter Graf, sondern Geschäftsmann und CEO eines Unternehmens, das mit dem Traum von der Vergangenheit handelt.

Venedig bedeutet Pracht, aber auch Massentourismus, Prunk und Dekadenz. „Größe, Schönheit und Verfall dicht nebeneinander“, sagte schon Richard Wagner über die Stadt, in der er 1883 starb.

Und auch Rubelli muss aufpassen, dass das Unternehmen in seiner Nische erfolgreich bleibt. Nicht immer kann man sich über Aufträge freuen wie jenen für einen neuen Bühnenvorhang des Bolschoi-Theaters in Moskau. „Putin hat ihn bestellt, denn auf dem alten Vorhang waren ihm zu viele Hammer und Sichel“, sagt Nicolò augenzwinkernd.

„1200 Meter wollten sie haben, ein gewebter Traum aus Rot und Gold.“ Er holt eine zwei Meter lange Probe des schweren Stoffes aus der Schublade des Archivs und legt sie sich über die Schulter. Es glänzt bei jeder Bewegung. Auch im venezianischen Theater La Fenice und in der Mailänder Scala sind Rubelli-Stoffe verarbeitet.

Nicolò ist Ästhet und Connaisseur und in die historischen Schätze seines Unternehmens verliebt, aber er ist nicht weltfremd. „Der Markt der Dekorationen ist kein leichter“, sagt er, „denn die Textilien sind alle handgefertigt, an Webstühlen, das hat natürlich seinen Preis.“

Die Menschen kaufen heute viel weniger Stoffe für ihr Heim. Und wenn, tunʼs doch auch ein paar Quadratmeter aus dem Möbeldiscounter, oder?

Deshalb hat er das Portfolio um stoffbezogene Möbel erweitert und kooperiert mit anderen Unternehmen, auch wenn die Stoffe noch 75 Prozent des Umsatzes ausmachen, der im vergangenen Jahr bei 72 Millionen Euro lag. Rubelli entwirft etwa gemeinsame Kollektionen mit Armani Casa und hat 2005 die US-Firma Donghi gekauft, um in Übersee den Lifestyle-Markt zu erobern.

Alle Rubelli-Textilien werden an Webstühlen handgefertigt. Quelle: Stefano Dal Pozzolo/contrasto/la
Edel-Stoffe

Alle Rubelli-Textilien werden an Webstühlen handgefertigt.

(Foto: Stefano Dal Pozzolo/contrasto/la)

„Wir haben verstanden, dass wir mit der Welt der Textilien nicht auf ewige Zeiten wachsen können“, sagt der Firmenchef und vergleicht sein Stoff-Imperium mit der Mode: „Wenn Zegna oder Loro Piana so wie früher nur Stoffe für Herrenschneider verkaufen würden, könnten sie nicht wachsen. Wer trägt denn heute noch maßgeschneiderte Anzüge? Nur sehr wenige. Deshalb machen sie Prêt-à-porter.“

Unterm Dach wohnen die Geschwister

In den Räumen neben dem Kaminzimmer sind die Möbel ausgestellt, denn der Familienpalazzo an der Piscina di San Samuele – die Straße heißt „Schwimmbecken“, weil sie ein zugeschütteter Kanal ist – ist zum Showroom geworden. „Dieser Palazzo ist aus dem 14. Jahrhundert“, sagt Nicolò und zeigt nach oben auf die verzierten hölzernen Deckenbalken.

„Er kam 1860 als Erbe in die Familie. Mein Urgroßvater Lorenzo hat hier gelebt, der die Firma 1889 übernahm.“ Der Patriarch blickt in jedem Zimmer aus dem Bilderrahmen.

Unten ist heute die Boutique untergebracht, im Zwischengeschoss liegen die Stoffproben, darüber wartet das historische Archiv und der Piano Nobile – der Familienpalazzo, der nach der Restaurierung zum Schaufenster des Stoff-Imperiums geworden ist. Dort oben wohnt auch seine Schwester mit ihrer Familie und darüber noch einer seiner Brüder.

Wer sich selbst nicht für stilsicher genug hält, bringt zum Shoppen auch mal seinen Innenarchitekten mit. Quelle: Stefano Dal Pozzolo/contrasto/la
Rubelli-Atelier

Wer sich selbst nicht für stilsicher genug hält, bringt zum Shoppen auch mal seinen Innenarchitekten mit.

(Foto: Stefano Dal Pozzolo/contrasto/la)

Neffe Ludovico, ein schlaksiger Teenager, macht gerade ein Praktikum im Unternehmen. Familie bedeutet hier alles, und die Rubellis sind ein mehr als typischer italienischer Familienclan: Vater Alessandro ist Präsident, er wird im August 87. Der „Kleine“, Andrea, kümmert sich um den US-Markt, Bruder Nummer zwei ist Jurist und folgt dem russischen Markt, die Schwester ist nicht aktiv im Unternehmen.

„Wir hatten früher einen externen Manager, doch der hat die Firma fast in den Ruin getrieben“, erzählt Nicolò. „Deshalb musste mein Vater Ende der 50er-Jahre selbst einsteigen. Er hat die Firma dann internationalisiert.“ Heute werden die Stoffe in Cucciago am Comer See hergestellt, wo auch noch zwei historische Handwebstühle aus dem 18. Jahrhundert im Einsatz sind für die alten Materialien. 65 Prozent der Produkte steuert Rubelli selbst.

Tradition trifft Moderne

Vom Fach ist keines der Geschwister. „Unser Vater hat immer gesagt: Macht, was ihr wollt“, erzählt Nicolò. „Ich bin Ingenieur wie auch mein kleiner Bruder. Aber gegen Ende des Studiums hat mich das Stoffgeschäft dann doch interessiert.“ Nun versucht er, Tradition und Innovation zusammenzubringen. „Wir konsultieren alte Bücher und Bilder und arbeiten mit Historikern und Kunsthistorikern zusammen“, erklärt er, „die müssen aber Neues erfinden.“

Rubelli zeigt Handelsblatt-Korrespondentin Regina Krieger die jahrhundertealten Kostbarkeiten und Muster im Stoffarchiv der Familie. Quelle: Stefano Dal Pozzolo/contrasto/la
In großen Schubladen

Rubelli zeigt Handelsblatt-Korrespondentin Regina Krieger die jahrhundertealten Kostbarkeiten und Muster im Stoffarchiv der Familie.

(Foto: Stefano Dal Pozzolo/contrasto/la)

Er holt ein Stück silberblauen Stoff mit einem asiatischen Motiv aus der Schublade. „Das hier ist zum Beispiel der Seidenstoff ‚Ming‘, eine Chinoiserie, in der wir die venezianische Tradition des 18. Jahrhunderts mit moderner Technik verbinden. Wir suchen immer Neues und wollen dabei dem Stoff, unserer DNA, treu bleiben. Und der Stil passt doch genauso gut in einen historischen Palazzo wie in eine moderne Wohnung, finden Sie nicht?“

Nicolò arbeitet auch mit Designern und Architekten zusammen. „Luca Scacchetti , einer der großen Architekten, der leider nicht mehr lebt, hat uns bei der Rubelli-casa-Kollektion beraten. Er sagte, das Traditionelle reicht nicht, und das Zeitgenössische machen schon andere.“ Also habe er für Rubelli dänischen Rigorismus mit venezianischer Frivolität verbunden. „Das läuft gut.“

Im Archiv, das der Kunsthistoriker und Dozent Francesco Zampieri seit 21 Jahren betreut, liegen die historischen Schätze der Rubellis. In großen, flachen Schubladen lagern Stoffstücke, die ältesten aus dem 16. Jahrhundert, dem goldenen Zeitalter Venedigs. „Erst wurden Seidenstoffe aus dem Orient importiert, dann wurden sie in Venedig hergestellt und zum Markenzeichen der Stadt“, sagt der Archivar, der gerade ein Altartuch katalogisiert. Neben ihm steht der Chef. „Seide mit Gold und Silber, das ist Luxus. Kein Stoff, sondern ein Juwel“, sagt Nicolò.

Im Showroom des Palazzo ist die neue Möbelkollektion der Rubellis zu sehen. Quelle: Stefano Dal Pozzolo/contrasto/la
Vintage auf Venezianisch

Im Showroom des Palazzo ist die neue Möbelkollektion der Rubellis zu sehen.

(Foto: Stefano Dal Pozzolo/contrasto/la)

Venedig sei ja ohnehin „die Stadt des Luxus“. In den Suiten des Hotels Danieli, im Caffè Florian am Markusplatz, aber eben auch im Burj Khalifa in Dubai sind Rubelli-Stoffe verarbeitet. Seit 1985 produziert das Unternehmen zudem Materialien für Hotels und Theater, die schwer entflammbar sein müssen.

Der Hausherr begleitet die Stufen hinab ins Erdgeschoss. Er hat recht, man muss die Seiden- und Damaststoffe einfach anfassen, wie er es im Vorbeigehen selbst mit den Vorhängen macht: „Rubelli ist kurviger, alle unsere Stoffe haben Patina, das ist Venedig. Unsere Stoffe sind nie platt, sondern dreidimensional.“ Das wiederum ist nicht nur für Innenarchitekten interessant. „Gerade haben Dolce & Gabbana Stoffe bei uns gekauft für Taschen“, sagt er an der Tür. „Mal sehen, was dabei rauskommt.“

Dieser Text ist entnommen aus dem Handelsblatt Magazin N°7/2018. Das komplette Handelsblatt Magazin als PDF downloaden – oder gedruckt mit dem Handelsblatt vom 9. November 2018 am Kiosk erwerben.

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