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Flugverspätungen Chaosflug nach Mallorca – Warum Passagiere im Sommer wieder mit Verspätungen rechnen müssen

Unser Autor ist nach einem Chaos-Trip mit zehn Stunden Verspätung auf Mallorca gelandet. Für die nahende Sommerreisezeit befürchten Experten ähnliche Pannen.
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Die Lage an den Flughäfen und in der Luft ist angespannt. Quelle: Imago
Laudamotion-Maschine am Flughafen von Palma

Die Lage an den Flughäfen und in der Luft ist angespannt.

(Foto: Imago)

DüsseldorfEigentlich wollte ich Urlaub machen. Pool, Kaltgetränk, Bratwurst vom Grill: Das war mein Plan für den Nachmittag. Es ist der Freitag vor Pfingsten, ein entspannter Kurzurlaub auf Mallorca steht an. Doch daraus wird vorerst nichts. Denn mein Flieger setzt neun Stunden und 38 Minuten zu spät auf der Insel auf.

Es ist das Protokoll eines Chaos-Trips mit der österreichischen Billigairline und Ryanair-Tochter Laudamotion. Es zeigt aber auch, wie fehleranfällig das System Fliegen ist. Und welche Probleme den Passagieren beim anstehenden Sommerurlaub drohen.

7.13 Uhr, Abflughalle, Düsseldorf Airport

Es sind vier rote Ziffern, die meine Laune vermiesen. 10:05 flackert auf der Anzeigetafel des Düsseldorfer Airports auf. Eigentlich sollte Flug OE522 um 8.45 Uhr Richtung Palma abheben. Was ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht weiß: Es wird nicht die einzige Verspätung bleiben.

Die Pannenliste in Kürze: Der Flieger kommt zu spät in Düsseldorf an. Er ist defekt und verpasst seine Startzeit. Der Pilot verabschiedet sich in den Feierabend. Die neue Crew lässt auf sich warten. Und die Passagiere werden über all das nur schlecht informiert.

Flug OE522 verrät viel über den Zustand des deutschen Luftverkehrs. Die Airlines wollen jeden Cent sparen, da fehlt es an Geld für Ersatzcrews und -flieger. Und am Himmel wird es eng, weil immer mehr Menschen billig fliegen wollen.

Eine Branche am Limit: Flugreisen, einst Symbol von Komfort und Status, werden zusehends zum Horrortrip.

Bis Ende Mai wurden in Deutschland 12.300 Flüge annulliert oder kamen später als drei Stunden am Ziel an. Zu diesem Ergebnis kommt das Fluggastrechteportal EUClaim. Immerhin: Das sind 18 Prozent weniger als im Vorjahreszeitraum.

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An den vergangenen Chaos-Sommer erinnern sich Urlauber und Dienstreisende auch nur ungern zurück. Allein im Juni 2018 waren hierzulande 5.500 Flieger verspätet oder wurden gestrichen – das waren 185 am Tag.

Beobachter rechnen nicht damit, dass sich ein solches Chaos wiederholt. Aber: „Vor allem zur Hauptreisezeit in den Sommerferien sollten Passagiere starke Nerven haben“, sagt Luftfahrtexperte Heinrich Großbongardt, „und sich wieder auf viele Verspätungen einstellen.“

8.39 Uhr, Gate B42

Genervt sind auch die Mitglieder des Kegelclubs „Bärenbrüder“. Die Jungs erfahren gerade vom Personal, dass der Flieger überbucht ist. Und zwei Mitglieder erst den späteren Flug um kurz nach 14 Uhr nehmen können. Entnervt wenden sich die Betroffenen vom Schalter ab. Wie sich später noch herausstellen wird: Die beiden werden vor ihren Kegelkollegen in Mallorca sein.

11.05 Uhr, Gate B42

Ich sitze seit Stunden im überfüllten Abfluggate, mein Bein habe ich auf dem Koffer abgelegt. Ich trinke Kaffee, die meisten Passagiere wirken genervt, andere sind schon angetrunken.

Wo unser Flieger ist? Warum wir um 10.05 Uhr nicht wie geplant gestartet sind? Fragen, die das Personal von Laudamotion nicht beantworten kann. Bis diese Durchsage kommt: „Der Flieger hat seinen Slot in Köln verpasst, der nächste freie ist erst wieder in einer Stunde.“

Ein Slot ist ein Zeitfenster, in dem ein Flugzeug starten darf. Verpasst es der Pilot, darf der Flieger nicht abheben. Gerade an reisestarken Tagen gibt es an Airports kaum freie Startzeiten. „Dann ist im Luftraum unglaublich viel los, sodass ein verspätetes Flugzeug nicht so einfach dazwischen gequetscht werden kann“, sagt Großbongardt. Schließlich müssen Flieger aus Sicherheitsgründen genügend Abstand halten.

Hier wird deutlich, wie Flughäfen und Luftraum an ihre Kapazitätsgrenzen stoßen. Hauptgrund: Immer mehr Menschen wollen mit dem Flugzeug verreisen – und das möglichst billig. 244,3 Millionen Passagiere zählte der Flughafenverband ADV 2018 in Deutschland. Allein in den vergangenen zwei Jahren sind 22 Millionen dazugekommen. Das sind so viele Fluggäste mehr, wie der Flughafen Berlin-Tegel pro Jahr abfertigt.

Dass Flugzeuge Slots verpassen und verspätet starten, lässt sich auch mit den fehlenden Beschäftigten in der Flugsicherung erklären. Die Engpässe werden auch nicht so schnell behoben sein, schließlich müssen neue Lotsen erst einmal ausgebildet werden. Die Behörden haben unterschätzt, wie schnell die Passagierzahlen steigen würden – und wie groß der Bedarf an Luftraum-Überwachern ist.

Flug OE522 sollte eigentlich um 8.45 Uhr starten. Quelle: Michael Scheppe
Anzeigetafel am Düsseldorfer Flughafen

Flug OE522 sollte eigentlich um 8.45 Uhr starten.

Wie groß die Not ist, zeigt die jüngste Einigung der Deutschen Flugsicherung mit ihren Lotsen. Sie sollen Sonderschichten machen – lassen sich diese aber fürstlich bezahlen: 220 Euro bekommen sie für jede Zusatzstunde. Und ab 2020 soll es mindestens 80 Ausbildungsplätze pro Jahr für Lotsen geben.

Beobachter sind skeptisch, ob die Maßnahmen ausreichen. Paul Vaneker, Flugdatenexperte bei EUClaim, rechnet in diesem Sommer mit vielen kurzen Verspätungen. „Dadurch wird es dann zu deutlich mehr verpassten Anschlussflügen kommen.“

12.38 Uhr, Gate B42, Boarding

Auf der Anzeige am Düsseldorfer Flughafen leuchtet eine neue Zeit auf: 12.50 Uhr – die neue Hoffnung der Passagiere von Flug OE522. Und tatsächlich: Diesmal dürfen wir einsteigen. Im Vorfeld durften wir uns auch einen Fünf-Euro-Verzehrgutschein abholen. Immerhin: Für ein Kaltgetränk am Flughafen hat das üppige Geschenk gereicht.

Und einen Zettel gab es auch: „Bestätigung einer Flugunregelmäßigkeit“ stand darauf.

14.23 Uhr, Rollfeld Düsseldorf Airport

Was das Beamtendeutsch in der Praxis bedeutet, zeigte sich dann an Bord des Airbus: Die Mischung aus Hitze, einem leichtem Alkoholgeruch in der Luft und teils laut schimpfenden Fluggästen lässt jegliches Urlaubsfeeling verfliegen.

Zwei Stunden lang saßen wir in dem A320 – ohne abzuheben, versteht sich. Der Pilot wartete auf einen Slot. Als er einen bekommen hatte und losrollen wollte, fiel ein Bordcomputer aus. Auch das Hilfstriebwerk des 13 Jahre alten Fliegers, der früher in Diensten von Air Berlin stand, war kaputt – die Klimaanlage kühlte deshalb nur unzureichend.

Und die Crew sieht sich nicht in der Lage, die Situation zu entschärfen. Beispiel: Eine Mutter, die für ihr Kind um eine Flasche Wasser bat, wurde von der Stewardess mit den Worten „Die Flaschen sind hinten im Flugzeug“ vertröstet. Sie holte keine, reichte stattdessen ihr privates Wasser.

„Hier zeigt sich die Qualität einer Crew. Laudamotion ist nicht dafür bekannt, dass sie ihre Kabinenbesatzung gut bezahlt“, so Flugexperte Großbongardt.

15.03 Uhr, Rollfeld Düsseldorf Airport, vorläufiges Reiseende

Der schlechte Service war kein Grund für die Verspätung. Was allerdings dazu beitrug: Der Pilot machte Feierabend. Wäre er noch bis Palma geflogen, hätte er seine vorgeschriebene Dienstzeit überschritten. Für die Passagiere ging es um kurz nach 15 Uhr zurück ins Terminal.

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Laudamotion plante nun mit 17.15 Uhr. Das dauerte so lange, weil keine neue Crew zur Verfügung stand. Außerdem musste der Flieger repariert werden, ein anderes Fluggerät gab es nicht. Um solche Situationen zu vermeiden, hält die Lufthansa bundesweit 37 Flugzeuge als Reserve vor.

Laudamotion hat insgesamt nur 24 Flieger, kann sich eine Reserve nicht leisten. „Gerade Billig-Airlines, die am Kostenlimit arbeiten, müssen auf jeden Cent schauen. Personal- oder Flugzeugreserven fallen da hinten runter“, sagt Großbongardt.

17.38 Uhr, Flughafenbus, zweiter Boarding-Versuch

Die Passagiere halten sich mit Kaltgetränken bei Laune. Um17 Uhr dann das zweite Boarding. Es bleibt zunächst beim Versuch. Das Bodenpersonal bringt zwar zwei Busse mit Passagieren vor den mittlerweile reparierten Flieger. Um dann festzustellen: Pilot und Besatzung fehlen noch. Die Gäste harren im Bus aus, bis sich die Flugzeugtüren dann doch öffnen.

Warum der Flieger geboardet wird, obwohl der Pilot fehlt; warum die Passagiere nur schlecht informiert werden; warum es für durstige Passagiere kein Wasser gibt – all diese Fragen lassen Ryanair und Laudamotion auf Handelsblatt-Anfrage unbeantwortet.

Immerhin: Die Crew schien nun Mitleid zu haben, jeder bekommt beim Einsteigen Wasser und Schokoriegel.

17.53 Uhr, Rollfeld Düsseldorf Airport

Und als wäre der Tag nicht nervig genug, hält uns jetzt auch noch eine Gewitterfront vom Starten ab. Doch auch die zieht vorbei. Und dann, tatsächlich, das Flugzeug rollt zur Startbahn – ohne technische Schwierigkeiten.

18.33 Uhr, OE522, Düsseldorf – Palma de Mallorca

Um kurz nach halb sieben hebt Flug OE522 dann endlich vom Düsseldorfer Rollfeld ab. Der Flug ist entspannt, Turbulenzen gibt es keine. Die Crew erteilt derweil einigen Passagieren Alkoholverbot. Einige bekommen die Konsequenzen gar nicht mehr mit – sie sind eingeschlafen.

20.48 Uhr, Landebahn, Flughafen Palma de Mallorca

Um 20.48 Uhr setzte der A320 wieder in Palma auf – 9 Stunden und 38 Minuten zu spät. Der Flug dürfte sich für die Wiener Billig-Airline nicht gelohnt haben. Die Zusatzkosten dürften sechsstellig sein: neue Crew, Flugzeugreparaturen – und Entschädigungszahlungen.

Fazit: 250 Euro Entschädigung

Mir stehen für die Verspätung 250 Euro zu. Das ist in der EU-Verordnung 261 geregelt. Bei Verspätungen von mehr als drei Stunden (maßgeblich ist die Ankunft am Zielflughafen), im Falle eines Flugausfalls oder bei unfreiwilliger Nichtbeförderung infolge einer Überbuchung bekommen Passagiere Geld zurück.

Wie viel das ist, hängt von der Entfernung an. Bei Kurzstreckenflügen bis 1.500 Kilometer Luftstrecke, so auch in meinem Fall, sind es 250 Euro. Auf der Mittelstrecke bis 3.500 Kilometer gibt es 400 Euro. Und bei noch längeren Strecken sind es 600 Euro. Knapp jeder Fünfte weiß das nicht, wie eine repräsentative Umfrage des Reiseportals Urlaubspiraten.de und des Fluggastrechteportals Flightright zeigt.

Nach der Rückkehr aus Mallorca habe ich ein Formular auf der Ryanair-Homepage ausgefüllt. Nur wenige Stunden später erhalte ich schon die Antwortmail: Laudamotion zahlt die 250 Euro – ohne Widerrede. Und tatsächlich: Knapp zwei Wochen nach Antragsstellung ist das Geld auch auf meinem Konto eingegangen.

Übrigens: Der Rückflug aus Palma verlief glatt. Der Flieger landete vier Minuten zu früh. Für mich kamen die guten Nachrichten aber zu spät: Es war mein letzter Flug mit Laudamotion.

Mehr: Nach mehreren guten Jahren zeigt die Privatfliegerei erste Schwächen. In Deutschland registrieren Experten deutliche Rückgänge. Der Preisdruck wächst.

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