Füllerhersteller So gewinnt Lamy die besten Designer der Branche für sich

Ob Naoto Fukasawa oder Jasper Morrison: Bei Lamy stehen die weltbesten Designer Schlange. Was reizt sie an dem deutschen Hersteller von Schreibgeräten?
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Die Preisspanne der Lamy-Produkte reicht von fünf bis rund 350 Euro. Hergestellt werden sie alle in Heidelberg.
Lamy-Showroom

Die Preisspanne der Lamy-Produkte reicht von fünf bis rund 350 Euro. Hergestellt werden sie alle in Heidelberg.

HeidelbergFranco Clivio. Naoto Fukasawa. Mario Bellini. Richard Sapper. Jasper Morrison. Fünf Namen, fünf internationale Spitzendesigner. Und alle im Dienste eines, gemessen am Umsatz von 130 Millionen Euro, überschaubaren deutschen Schreibgeräteherstellers, der C. Josef Lamy GmbH in Heidelberg.

Wer im Schatten des berühmten Schlosses nach den Ursachen forscht, wie und warum es der Unternehmensleitung um Geschäftsführerin Beate Oblau bis heute stetig gelingt, weltweit renommierte Gestalter für neue Produkte des Hauses zu gewinnen, der muss zurückblicken auf jene Jahre, als Manfred Lamy die Firma seines Vaters ab 1962 leitete.

Lamy, inzwischen über 80 Jahre, war nach Aussage der heutigen Geschäftsführung Kaufmann durch und durch. Er war selbst nie gestalterisch tätig. Und erhielt doch 2008 den hochdekorierten Designpreis der Bundesrepublik Deutschland. Wie das?

Ganz einfach! Lamy war es über die Jahre seiner Regentschaft an der Spitze der Firma offenbar gelungen, einen teamorientierten Designprozess zu organisieren und zu etablieren, in dem, wie er es wohl einmal ausgedrückt hat, „alle relevanten Disziplinen wie Technik, Marketing und Gestaltung auf Augenhöhe zusammenarbeiten“.

Und das alles orientiert an einer grundsätzlichen Haltung für neue Produkte, die da lautete: „Wir bieten dem Verbraucher nur Produkte an, die in gutem, an der Funktion orientiertem Design gestaltet sind und als innovative, intelligente, ästhetische, qualitätsvolle Problemlösung für das Schreiben mit Hand dem Verwender zuverlässigen Gebrauchsnutzen bringen.“

Was ein bisschen umständlich und sperrig klingt, beinhaltet nicht mehr, aber auch nicht weniger als das inoffizielle Leitbild von Lamy, das der umworbenen Kundschaft vor allem zwei Versprechen macht: Design. Und: made in Germany. Sich in außerordentlicher Weise ergänzend, haben diese Grundhaltungen die Geschichte von Lamy begleitet.

Einer Firma mit inzwischen 350 Mitarbeitern, die sehr erschwingliche Schreibgeräte zum Preis von fünf Euro genauso anbietet wie weitgehend handgefertigte Füllfederhalter zum Preis von fast 350 Euro.

Sowohl die Massenware als auch die feinen Füller im gehobenen Segment werden allesamt am Hochlohnstandort Heidelberg hergestellt. Sogar die Tinte wird selbst produziert, und so erreicht die Fertigungstiefe nahezu 100 Prozent. „Und das wird auch so bleiben, weil es neben dem funktionalen Design wesentlicher Teil des Produktversprechens ist“, sagt Geschäftsführerin Beate Oblau.

Vom Bauhaus inspiriert

Die Managerin kennt die Lamy-Kultur inzwischen seit zwei Jahrzehnten und fühlt sich der Tradition „mehr als verpflichtet“. Man könnte in Anlehnung an das meist puristische Design in diesem Zusammenhang auch von im doppelten Sinne „weniger ist mehr“ sprechen. Denn jedes Jahr kommt allenfalls eine neue Produktlinie auf den Markt, und das mit mindestens drei Jahren Vorlaufzeit.

Der aufwendige Prozess beginnt stets mit der Marktanalyse der Geschäftsführung und der immer ähnlich lautenden Frage: Wo und in welcher Preisklasse müssen wir unser Produktportfolio ergänzen? Es folgt eine detaillierte Beschreibung des gewünschten Modells.

Der erste und einzige Produktionsstandort des Schreibwarenherstellers befindet sich in Heidelberg.
Qualitätsmerkmal „made in Germany“

Der erste und einzige Produktionsstandort des Schreibwarenherstellers befindet sich in Heidelberg.

Und mit diesem Briefing auch die Ansprache der infrage kommenden und stets extern arbeitenden Gestalter. „Die Designer“, so erzählt es Beate Oblau, „kommen meist auf Lamy zu, und wenn wir einen Wunschkandidaten im Kopf haben, muss dieser nicht mehr überzeugt werden.“

Der Japaner Fukasawa, der für Lamy die Serie „noto“ kreierte, drückt es so aus: „Lamy ist ein Unternehmen, das dem Bauhausprinzip und damit der deutschen Designkultur folgt, und ich war deshalb sehr an einer Zusammenarbeit interessiert.“

Und so ähnlich muss es wohl auch bei Jasper Morrison gewesen sein, der schon für Samsung, Alessi, Vitra und Rosenthal gearbeitet hat und die bislang jüngste Lamy-Produktlinie namens „Aion“ gestaltete. Lamy-Chefin Oblau sagt: „Unsere inzwischen lange Historie in der Zusammenarbeit mit den besten Gestaltern der Szene, dazu die meist klare, weil funktionale Produktbeschreibung – da hören uns dann die allermeisten Designer wenigstens schon mal an.“

Neben Gehäuse und Kappen wird auch die Tinte für die Füllfederhalter in Heidelberg produziert.
Nahezu 100 Prozent Fertigungstiefe

Neben Gehäuse und Kappen wird auch die Tinte für die Füllfederhalter in Heidelberg produziert.

In der Regeln sind nach dem Briefing dann vor allem zwei große Fragen mit dem Gestalter in spe zu klären: Lässt sich das Produkt für die von der Unternehmensleitung gewünschte Preisklasse herstellen? Und lassen sich technische Fragen etwa nach dem Material positiv beantworten? Lautet die Antwort zweimal ja, beginnt der rein gestalterische Prozess, in dem die Geschäftsführung dem Designer weithin freie Hand lässt.

So war es, glaubt man den Erinnerungen von Zeitzeugen, auch in den 60er-Jahren, als der ehemalige Braun-Designer Gerd A. Müller erstmals für Lamy einen Füllfederhalter entwickelte. Fasziniert von Walter Gropius, suchte Manfred Lamy nach einem Designer, der die Ideen des Bauhauses in Industriedesign umsetzen konnte.

Das Modell Lamy 2000, im Jahr 1966 auf den Markt gebracht, war entsprechend das erste Schreibgerät des Hauses, das in Kooperation mit einem externen Designer entstand. Und es war sowohl wegweisend für die generelle zukünftige Formensprache der Marke als auch für den gesamten Designprozess.

Der Bestseller wurde 1980 von einer Mannheimer Entwicklungsgruppe unter Leitung von Wolfgang Fabian und Bernt Spiegel gestaltet. Quelle: PR Fotos Lamystifte über Meiré & Meiré
Lamy-Modell „safari“

Der Bestseller wurde 1980 von einer Mannheimer Entwicklungsgruppe unter Leitung von Wolfgang Fabian und Bernt Spiegel gestaltet.

(Foto: PR Fotos Lamystifte über Meiré & Meiré )

Beate Oblau sagt: „Der Bauhausstil wird von uns weiter geschätzt und lebt im Modell Lamy 2000 ja auch bis heute fort, aber natürlich lassen wir inzwischen auch andere Einflüsse ausdrücklich zu.“ Und um genau diese Vielfalt beim Design zu gewährleisten, arbeitet Lamy ausschließlich mit externen Gestaltern zusammen.

Mit dieser grundlegenden Entscheidung ist es Lamy gelungen, auch den German Brand Award zu gewinnen. In der Begründung der Jury heißt es: „Die hochwertigen Schreibgeräte von Lamy sind echte Lifestyle-Produkte, was die seit Jahren überaus konsistente Markenarbeit – vom Design der Schreibgeräte über eine umfassende 360-Grad-Kommunikation bis hin zu museal aufbereiteten Ausstellungen – klar widerspiegelt. Eine beeindruckende Markenentwicklung, die bereits seit mehr als fünf Jahrzehnten andauert.“

Der Geist der Gründerfamilie

Tatsächlich hatte der junge Unternehmer Manfred Lamy früh seine Freude an den Geisteswissenschaften und an der Kultur entdeckt, und zwar während seines Studiums in Heidelberg. Rückblickend hielt er fest: „Der Designprozess wurde bei uns immer von der Unternehmensleitung aus betreut. Es ist der einzige Weg, um bessere und noch dazu stilistisch ästhetische Produkte hervorzubringen. Dabei sind die Familienunternehmen den Konzernen deutlich überlegen.“

Dieser Familiengeist wird weiter gepflegt, gehören der Sippe doch weiter 100 Prozent der Anteile. Dazu passend ist die Familie im Beirat mit Manfred Lamys Kindern Vera und Markus vertreten. Ganz der Tradition verpflichtet, gilt ein Verkauf an externe Investoren als ausgeschlossen. Geschäftsführerin Oblau sagt: „Wir wollen den Namen in die Zukunft tragen, das verlangt die Geschichte dieser Firma.“

Diese begann 1930 unter dem Namen „Orthos Füllfederhalter-Fabrik C.J. Lamy“. 1948 erfolgte die Umfirmierung in C. Josef Lamy GmbH. Mit dem Füllfederhalter Lamy 27 gelang 1952 der erste größere Erfolg als Schreibgerätemarke, ehe 1957 der Umzug des Unternehmens in den Heidelberger Stadtteil Wieblingen stattfand, wo noch heute alle Produkte des Hauses gefertigt und vor allem auch mitgestaltet werden.

Insgesamt neun Millionen Stifte und Füller hat Lamy im vergangenen Jahr verkauft und dabei 200 verschiedene Modelle im Angebot gehabt. Die meisten Kunden gibt es in Deutschland, darunter viele Eltern, die ihren Kindern den ersten Füller für die Schule kaufen, und in China. Überhaupt werden 40 Prozent der Erlöse inzwischen im Ausland erzielt.

In Peking und Schanghai, werden vor allem die hochpreisigen Modelle nachgefragt, wie etwa der Klassiker Lamy 2000 im Bauhausstil, die in der Heidelberger Innovationswerkstatt, wie die Arbeitsplätze bei Lamy intern heißen, noch weitgehend per Hand mit Feile und Hobel bearbeitet werden.

Künftig will Lamy auch in Amerika wieder präsenter werden, um die dortige Erfolglosigkeit zu beenden, wie es selbstkritisch heißt. Dazu wird im Spätherbst am New Yorker Broadway eine aufwendig gestaltete Filiale eröffnet. Lamy-Chefin Oblau verspricht: „Wir werden dort unsere Produkte bestmöglich in Szene setzen.“

Dieser Text ist entnommen aus dem Handelsblatt Magazin N°6/2018. Das komplette Handelsblatt Magazin als PDF downloaden – oder gedruckt mit dem Handelsblatt vom 12. Oktober 2018 am Kiosk erwerben.

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