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Jil Sander 1983

„Ihr Purismus veränderte die Vorstellungen von Schönheit“, sagt Matthias Wagner, Direktor des Museums für Angewandte Kunst in Frankfurt.

(Foto: dpa)

Jil Sanders 75. Geburtstag Die Königin des Weglassens

Die Hamburger Designerin ist mit ihrem schnörkellosen Kleidungsstil international berühmt geworden. Am Dienstag wird die Erfinderin des Hosenanzugs 75.
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DüsseldorfKarl Lagerfeld, Wolfgang Joop und …? Es gibt nur ganz wenige deutsche Designer, die es auf die Laufstege des internationalen Modegeschäfts geschafft haben. Zu diesen Stars gehört als einzige Frau Jil Sander. Sie wird auch „Queen of Less“ genannt. Weil sie sich immer auf klare Schnitte, auf Schlichtheit konzentriert, alle überflüssigen Details weggelassen hat - und damit das Bild der modernen, selbstbewussten Frau bis heute prägt. Am Dienstag wird die Erfinderin des Hosenanzugs 75 Jahre alt.

Jil Sander, bürgerlich Heidemarie Jiline Sander, hatte schon als Kind ein untrügliches Gespür für Mode. „Der schrecklichste Moment war, wenn meine Mutter uns weckte und sagte: ‚Es regnet – heute werden Gummistiefel angezogen‘. Man hat eben als Kind schon Vorstellungen“, erzählte sie mal in einem Interview. Schon damals beriet Sander, die in Hedwigenkoog geboren wurde und in Hamburg aufwuchs, ihre Familie stilsicher, was diese bei Familienfesten anziehen soll.

Doch trotz des sicheren Sinns für Mode und Design startete sie nicht Hals über Kopf in eine Karriere als Modedesignerin. Sie absolvierte erst mal ein ordentliches Studium als Textilingenieurin in Krefeld. Doch dann zog es sie als Austauschstudentin nach Los Angeles.

Diese Zeit hat sie geprägt. Sie wollte etwas von „diesem schönen, dynamischen Leben in europäische Kleidung übersetzen“, hat sie mal formuliert. Dazu gehörten klare, moderne Schnitte. Das passte zur hanseatisch geprägten, jungen Unternehmerin, die später in ihren Verhandlungen mit amerikanischen Kaufhauskonzernen auf Augenhöhe agierte und „nicht als hübsch ausstaffiertes Fräulein“, wie sie erzählte.

Doch zuerst arbeitete Sander als Redakteurin für Modezeitschriften wie „Constanze“ und „Petra“. Schon da nahm sie Einfluss auf Kollektionen, die sie in ihren Modestrecken produzierte. Denn das eine oder andere Mal bat sie die Hersteller, Details an den Stücken zu ändern. Ihre Begründung: So lassen sich die Kleider besser fotografieren. Und irgendwann kann dann der Moment, dass sie dachte: Ich kann es selbst.

Die große Ausstellung im Museum für Angewandte Kunst war dem Lebenswerk der Hamburger Designerin gewidmet. Quelle: dpa
Jil Sander in Frankfurt

Die große Ausstellung im Museum für Angewandte Kunst war dem Lebenswerk der Hamburger Designerin gewidmet.

(Foto: dpa)

Sie eröffnete 1967 in Hamburg-Pöseldorf ihre Modeboutique und ein Jahr später ihre Jil Sander GmbH. Es war anfangs nicht leicht für sie, sich in der Modebranche durchzusetzen. Denn die war in den siebziger Jahren sehr bunt. In der Zeit des Flower Power kamen die minimalistischen Kollektionen, die sich an der Männermode orientierten, nicht an.

Erst als sie Anfang der Achtziger ihren Zwiebellook aus vielen kombinierbaren Teilen für die selbst bewusste Geschäftsfrau herausbrachte, stellte sich der Erfolg für die mutige Hamburgerin ein. Der war in den neunziger Jahren am größten. Da waren ihr Minimalismus und die androgynen Schnitte gefragt.

„Ihr Purismus veränderte die Vorstellungen von Schönheit“, sagt Matthias Wagner, der Direktor des Museums für Angewandte Kunst in Frankfurt, wo sie in diesem Jahr ihre erste große Ausstellung hatte. Auch in Asien kauften immer mehr Frauen ihre Kleider und Hosenanzüge, die Sander mit ihrem eigenen Konterfei bewarb.

Aber der Erfolg hatte auch seine Schattenseiten: Sie hatte immer weniger Zeit für das Kreative. Deshalb verkaufte sie 1999 die Mehrheit am Unternehmen an den italienischen Modekonzern Prada. Doch in der neuen Konstellation war sie auch nicht glücklich.

So stieg sie mehrmals im Laufe der folgenden Jahre in das Unternehmen ein und wieder aus, bis sie 2012 zum letzten Mal als Designerin für ein Jahr zurückkehrte, sich dann aber komplett aus dem Label zurückzog. Seit 2008 gehört Jil Sander über eine Zwischengesellschaft zur japanischen Unternehmensgruppe Onward Holding.

Dass sie mehrmals zu ihrem Unternehmen zurückkehrte und es wieder verließ, verglich sie einmal mit dem Leben einer geschiedenen Ehefrau, die noch Kinder dort habe und sich um sie kümmern wolle. Heute trägt das Modeunternehmen, das ihr nicht mehr gehört, immer noch ihren Namen. Das muss schwer sein für die Designerin, die sich so damit identifiziert hat. „Ich habe mich davon gelöst“, sagte sie im Interview mit dem Handelsblatt im vergangenen Jahr. „Aber ich beobachte die Entwicklung mit Interesse.“

Genauso wie die Modebranche, die sich brutal gewandelt habe. „Heute geht es um Buzz-Phänomene, nicht um Konzepte“, kommentierte sie damals. „Ein erfolgreicher Designer muss heute auch ein Public-Relations-Genie sein.“ Sie selbst hatte vor ein paar Jahren Kleidung für die japanische Modekette Uniqlo unter dem Namen +J entworfen.

Jil Sander jedenfalls, deren Karriere vom kleinen Laden in Hamburg-Pöseldorf über den Börsengang und den ersten Flagshipstore in Paris führte, hat mit ihrer Mode ein Vermögen gemacht. Die Hamburger Morgenpost bezifferte es vor kurzem mit 150 Millionen Euro.

Ihren Ruhm konnte auch die Ausstellung im Frankfurter Museum für Angewandte Kunst mehren, in der sie in raumgreifenden multimedialen Installationen und Tableaus die Einflüsse ihres Werks präsentierte. Mehr als 100.000 Besucher sahen die Ausstellung.

Heute hat sie mehr Zeit als früher, ihren großen englischen Garten zu genießen, den sie in Schleswig-Holstein zusammen mit einem Partner angelegt hat. Den Garten sieht sie auch als Hinweis auf die Natur, die für sie im Design immer eine wichtige Rolle gespielt habe: „Denn ich wollte den unterschiedlichen Naturen der Trägerinnen und Träger eine Hauptrolle geben.“ Kleidung sei wie Gartenarbeit, sie solle den Menschen optimal zur Geltung bringen.

Sie wollte auch sich selbst zur Geltung bringen. „Sie hat immer nur für sich entworfen, für die konkreten Bedürfnisse einer starken wie verletzlichen, einer modernen wie aktiv gestaltenden Persönlichkeit“, sagte Andrej Kupetz, Hauptgeschäftsführer des Rates für Formgebung, als er ihr in diesem Jahr die Personality-Auszeichnung des German Design Award 2018 überreichte.

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