Eine zufällige Ansammlung von Messegästen

Was die Fußbekleidung angeht, ist eine gewisse Neigung zur Uniformität festzustellen – hier auf der Dmexco in Köln.

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Kolumne Haltungsnote Warum tragen jetzt eigentlich alle weiße Sneaker?

Auf der Onlinemesse Dmexco schien es nur einen einzigen akzeptablen Schuh-Typ zu geben: All-White-Sneaker. Auf Spurensuche im Turnschuhland.
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Das waren grausame Zeiten früher. Im Alter von 25 Jahren mussten sich die jungen Menschen auf den windigen Plätzen vor den Hochschulen versammeln, geordnet nach den Abschlussnoten ihrer BWL-Studiengänge. Dann stampften die finsteren Sendboten der Konzernmächte heran und nahmen sich, was ihres war. Die mit den besten Noten kamen zu McKinsey, die anderen zu Bertelsmann, Siemens oder Daimler.

In langen Kolonnen führte man die Absolventen hinaus durch die Tore der Stadt. Auf den sumpfigen Wiesen vor den Mauern entstanden grausige Schindplätze, auf denen die jungen Menschen zum Zeichen ihrer Unterwerfung ihre bunten Converse All Stars abgeben mussten. Manch Träne nässte hier die Heimaterde, die viele der jungen Menschen nie wiedersehen sollten.

Barfuß oder auf Socken erwarteten sie nun den Höhepunkt des grausamen Ritus: Die Füße der jungen Menschen wurden in Schnürschuhe aus beinhartem Rindsleder gepresst. Leder, so schwarz wie die Zukunft. Die Schuhe sollten fortan das Sklavenmal dieser Konzernknechte sein. In allen wachen Stunden mussten sie nun Powerpoint-Präsentationen erstellen, bis sie in Rente gingen, einem Herzinfarkt erlagen oder eine Professur für Allgemeine BWL mit dem Schwerpunkt Rechnungswesen in der Logistik an der Fachhochschule Holzminden-Wintropp übernahmen.

Ja. So grausam war die Welt damals, so vor zehn oder 15 Jahren. Aber daran erinnert ihr jungen Menschen Euch ja nicht mehr.

Ihr kennt ja nur die Freiheit. Keine Konzernmächte zwingen Euch mehr unter das Joch ihres Dresscodes. Ihr Glücklichen könnt wählen aus allen Schuhen dieser Welt oder zumindest aus allen, die Zalando im Angebot hat, was etwa aufs Gleiche herauskommt. Ihr seid Frei-hei-hei-hei. Oh, und wie Ihr diese Freiheit nutzt!

Zu seiner Vereidigung als Umweltminister erschien Joschka Fischer 1985 in weißen Turnschuhen – und löste einen kleinen Skandal aus. Sie werden im Ledermuseum in Offenbach ausgestellt. Quelle: Reuters
Joschka Fischers Turnschuhe

Zu seiner Vereidigung als Umweltminister erschien Joschka Fischer 1985 in weißen Turnschuhen – und löste einen kleinen Skandal aus. Sie werden im Ledermuseum in Offenbach ausgestellt.

(Foto: Reuters)

Ja, wie eigentlich? Das obenstehende Foto hat mein Freund Mark Pohlmann auf der Messe Dmexco in Köln aufgenommen, auf der bekanntlich alles zugegen ist, was irgendwas mit Internet zu tun hat. Wir beobachten beim Publikum eine gewisse Neigung zur Uniformität, was die Fußbekleidung angeht. Dabei handelt es sich hier wirklich um eine zufällige Ansammlung von Messegästen, nicht etwa um einen Flashmob (fragt Eure älteren Geschwister was das ist).

Wir schließen daraus: Der weiße Turnschuh scheint in der digitalen Geschäftswelt heute ähnlich obligatorisch zu sein wie es in der analogen vor zwei Dekaden der schwarze Schnürschuh war – in den Varianten Brogue (mit Lochmuster oben drauf) oder Oxford (ohne).

Wir fragen uns: Sind wir schon wieder soweit? Gibt es im Keller des Café Oberholz oder ganz unten in den Katakomben der einschlägigen Co-Working-Spaces nun dunkle Sendboten von Google, Spotify oder Oliver Samwer, die wimmernde Influencer in weiße Turnschuhe zwängen und ihnen höhnisch zuraunen: „Nur damit Du es weißt, die Dinger heißen All-White-Sneaker. Und Du gehörst jetzt uns, Bitch!“

Reinheit, Unschuld, Ordnung

Nein, ich glaube nicht. Dazu sind wir heute viel zu individuell, lieben unsere Freiheit zu sehr. Wir tragen weiße Sneaker, nicht weil wir es müssen, sondern weil wir es wollen. Weil die Farbe Weiß eine Saite in uns zum Klingen bringt.
Weiße Sneaker stehen für Reinheit, Unschuld, Ordnung. Weiße Sneaker weiß zu halten, das ist anstrengend. Mindestens so sehr wie schwarze Budapester zum Glänzen zu bringen. Bei weißen Turnschuhen schwingt die Erinnerung mit an die wunderbar aufgeräumten 80er Jahre, als die Polohemden von Lacoste waren, das Haarspray von Drei-Wetter-Taft und man auf dem Tennisplatz ständig Angst hatte, sich dreckig zu machen.

Wie weiße Sneaker aussehen, wenn man nicht ständig an ihnen herumwischt, konnten damals Hunderttausende Fernsehzuschauer beobachten, als Joschka Fischer sich in Turnschuhen formerly known as White zum hessischen Umweltminister vereidigen ließ.

Übrigens: Der Joschka, haben wir uns sagen lassen, trägt inzwischen bevorzugt schwarze Brogues. Der alte Sponti.

In seiner Kolumne „Haltungsnote“ beschäftigt sich Christian Rickens mit den großen und kleinen Stilfragen des Lebens.

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