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Kolumne von Richard David Precht Warum das Glück von Hunden für Manager unerreichbar ist

Der Hund ist glücklich, weil er im Moment lebt. Menschen können das oft nicht. Doch reichen drei Minuten Meditation aus, um so glücklich wie ein Hund zu sein?
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In seiner Kolumne „Das letzte Wort“ widmet sich der Philosoph gesellschaftlichen, politischen oder wirtschaftlichen Themen. Quelle: Michael Englert für Handelsblatt Magazin
Richard David Precht

In seiner Kolumne „Das letzte Wort“ widmet sich der Philosoph gesellschaftlichen, politischen oder wirtschaftlichen Themen.

(Foto: Michael Englert für Handelsblatt Magazin)

Warum ist mein Hund glücklicher als ich? Die Frage stellte sich nicht nur Reinhard Mey in seinen Jugendjahren, sondern neuerdings stellt sie sich vielen Managern. Kaum ein Kongress zur Digitalisierung, auf dem nicht Männer und Frauen mit kreativ handgefertigten Berufsbezeichnungen sanft mahnend mit dem Finger dräuen: Der Manager denkt auch in der schönsten Natur stets an sein Smartphone, an Termine, Pläne, Meetings und Tabellen. Sein Hund aber denkt einfach nur an die schöne Natur.

Der Manager ist immer woanders. Der Hund aber lebt im Hier und Jetzt. Der Manager ist unglücklich. Der Hund glücklich. Und schuld daran ist nur die Digitalisierung. So einfach ist das. Doch was dem Manager evident ist, bringt den Philosophen ins Grübeln. Die Digitalisierung ist natürlich irgendwie an vielem schuld, aber gleich an allem? Ein anderer Schuldiger wäre möglicherweise die Evolution.

Sie hat den Menschen darauf gebracht, komplizierte Lösungen für einfache Dinge zu suchen. Man tut nicht, was einem Spaß macht, sondern was einem Geld bringt, weil das Spaß auf Vorrat bedeuten soll, allerdings ohne zu wissen, wie man das Geld wieder in Spaß verwandeln kann.

Man isst auch nicht mehr einfach, was einem schmeckt, sondern achtet auf Kalorien, Gluten, Lactose, Zucker, Alkohol und andere fiese Dinge und hätschelt mannigfache Unverträglichkeiten. All das tut man, um alt zu werden, obwohl man es am Ende gar nicht sein will.

Man fördert seine Kinder, fährt sie zum Frühchinesisch, Geigenunterricht und zum Tennis, um sich am Ende sagen zu lassen, man hätte nie Zeit für sie gehabt und sie hätten dabei ihre Kindheit verpasst. Und man reiht sich mit allergrößtem Aufwand ein in die endlose Kohorte all derjenigen, die alle das Gleiche wollen: anders sein als die anderen.

Je genauer man hinsieht, umso klarer wird: Man macht irgendwie alles falsch. Und dann versucht man, es mit noch falscheren Rezepten zu korrigieren. Wenn man nicht glücklich wie sein Hund ist, dann muss man eben meditieren. So führt es der Kreativcoach, Achtsamkeitsberater, Gesichtsdeuter, Vertiefungsexperte und zertifizierte Empathiemeister dritten Grades auf der Bühne vor: einfach mal drei Minuten an nichts denken!

Nur atmen! Ganz tief spüren! Tatsächlich merkt man dabei vor allem, dass man überhaupt nicht an nichts denken kann, weil die Evolution das nicht vorgesehen hat. Nur der professionelle Yogi schafft es, den Hund zu machen, und dafür braucht er sein ganzes Leben!

Der Mensch kann sich vom Denken nicht befreien

Der normale Mensch aber spürt drei Minuten lang, dass er immer an was denkt – und sei es daran, dass er nicht an nichts denken kann. Man könnte das schöne Bild also erweitern: Der Hund denkt ans Hier und Jetzt, und der Manager denkt an sein Smartphone, an Termine und Tabellen und daran, dass er es nicht schafft, an nichts zu denken.

Was den Philosophen daran am allerwenigsten überzeugt, sind die drei Minuten. Einfach jeden Tag drei Minuten Meditation, und der Stress für den Tag ist weg. So schlicht geht das. Man könnte auch jeden Tag drei Minuten Kommunismus oder Urchristentum spielen, und schon ist der Kapitalismus weg. Oder zumindest ist er nicht mehr schlimm.

Sollten wir, statt auf die digitale Reizüberflutung zu schimpfen, ihr nicht einfach dankbar sein, dass sie uns zeigt, wie doof unser Leben ist, wenn wir alle unsere Wünsche erfüllt kriegen, weil wir dann nur immer mehr und immer unnötigere haben? Aber leider, leider geht das nicht. Sich von unnötigen Wünschen zu befreien zerstört bekanntlich den Wohlstand moderner Nationen, der ja auf nichts anderem beruht.

Warum also drehen wir den Spieß dann nicht einfach rum und befreien uns vom unnötigsten aller Wünsche: dem Wunsch nach Glück?

Frei nach Ludwig Wittgenstein: „Ich weiß auch nicht, warum wir hier sind – aber bestimmt ist es nicht, um glücklich zu sein!“ Ich gebe Ihnen drei Minuten.

Richard David Precht, 54, lehrt Philosophie und schreibt Bücher. Auch sein aktuelles Werk, „Jäger, Hirten, Kritiker: Eine Utopie für die digitale Gesellschaft“ (Goldmann), ist ein Bestseller.

Dieser Text ist entnommen aus dem Handelsblatt Magazin N°1/2019. Das komplette Handelsblatt Magazin als PDF downloaden – oder gedruckt mit dem Handelsblatt vom 22. Februar 2019 am Kiosk erwerben.

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