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Kolumne von Richard David Precht Wie das Neue in der Welt ankommt (II)

Karl Marx kritisierte Charles Darwin gerne für seine Einfallslosigkeit. Dabei stammen auch die wenigsten seiner Ideen tatsächlich von Marx selbst.
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Richard David Precht, 53, lehrt Philosophie und schreibt Bücher. In seiner Kolumne „Das letzte Wort“ im Handelsblatt Magazin, aus dem der nachfolgende Text stammt, widmet er sich aktuellen gesellschaftlichen, politischen oder wirtschaftlichen Themen. Quelle: Michael Englert für Handelsblatt Magazin
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Richard David Precht, 53, lehrt Philosophie und schreibt Bücher. In seiner Kolumne „Das letzte Wort“ im Handelsblatt Magazin, aus dem der nachfolgende Text stammt, widmet er sich aktuellen gesellschaftlichen, politischen oder wirtschaftlichen Themen.

(Foto: Michael Englert für Handelsblatt Magazin)

Ja, die großen Geister und das Neue! Beim letzten Mal habe ich erzählt, wie Darwin vom Kapitalismus auf seine Evolutionstheorie kam. Und während die Liberalen jubelten, grollte nur einen Katzensprung von Darwins Wohnhaus entfernt ein gewisser Karl Marx darüber, dass der Naturforscher überall „unter Bestien und Pflanzen seine englische Gesellschaft mit ihrer Teilung der Arbeit, Konkurrenz, Aufschluss neuer Märkte, ‚Erfindungen‘ und Malthus’schem ‚Kampf ums Dasein‘ wiedererkennt“.

Nun war Marx allerdings selbst kein Erfinder eines radikal Neuen. Stattdessen fand er überall etwas, was er gut gebrauchen konnte.

Gibt es irgendetwas, was Marx völlig neu entdeckte oder erfand? Was fällt Ihnen ein? Entfremdung? Übernahm Marx von Ludwig Feuerbach! Der nämlich hatte der Welt erklärt, wie die Menschen sich von sich selbst entfremdeten. Sie verlagerten ihre guten Eigenschaften aus sich heraus, schufen daraus dann ein Subjekt namens Gott, beugten daraufhin vor diesem die Knie und unterwarfen sich schließlich einer Religion.

Tja, und in denselben vier Schritten entfremdet bei Marx der neue Gott, die kapitalistische Lohnarbeit, den Menschen von sich selbst. Wer etwas herstellt, schafft ein Produkt. In ihm ist das Gute, Schöpferische aus dem Menschen heraus verlagert. Im Kapitalismus nennt man das Produkt Ware und macht aus ihm einen Fetisch.

Die Ware ist verkäuflich und damit schnell das Eigene eines anderen. Schon ist der Arbeiter sein Schöpfertum los, wie der Mensch bei Feuerbach seine guten Eigenschaften. Der Fetisch regiert die Welt und unterwirft sich alles, und der Arbeitermensch verliert Leib und Seele an den Kapitalisten und dessen Warengesellschaft. Und statt Frieden auf Erden zu stiften, tyrannisiert die Warenreligion die Menschen und hetzt sie als Konkurrenten gegeneinander auf.

Doch nicht mal die Idee, die „Entfremdung“ von der Philosophie in die Ökonomie zu übertragen, stammt von Marx, sondern von seinem Förderer Moses Hess. Von dem übernimmt er auch die berühmte Marx’sche Geldtheorie und die Gedankenfigur von Bau und Überbau.

Dass Religion das Opium des Volkes sei, erdichtet der Marquis de Sade, und Marx hat es von seinem Kumpel Bruno Bauer. Den Begriff Ausbeutung findet er bei den englischen Frühsozialisten William Godwin und William Thompson. Deren Schriften entdeckt er in der Bibliothek, als er 1845 mit Friedrich Engels nach Manchester reist, um dort zum ersten Mal lebende Proletarier und tote Nationalökonomen zu studieren.

Die Diktatur des Proletariats stammt übrigens vom unermüdlichen Rebellen Louis-Auguste Blanqui. Von der künftigen Massenverelendung durch den Kapitalismus liest Marx bei seinem geschmähten französischen Konkurrenten Pierre-Joseph Proudhon.

Dort hört er auch von der berühmten Theorie vom Mehrwert, den der Kapitalist einstreicht, indem er seine Arbeiter unterbezahlt. Proudhon spricht vom valeur ajoutée, ist aber auch nicht selbst drauf gekommen. Im Original heißt der Mehrwert surplus value und stammt ebenfalls vom großen Anarchisten Godwin.

Der Mensch kommt zu sich selbst

Und dass die Geschichte dialektisch fortschreitet und dabei zu einem idealen Endzustand führt, hat Marx bekanntlich von Hegel. Wo der den Geist zu sich selbst kommen lässt, lässt Marx den Menschen zu sich selbst kommen in einer endlich menschengerechten Gesellschaft.

Das Ende der Geschichte ist dadurch natürlich nicht ganz das Gleiche. Für Hegel ist es der preußische Beamtenstaat Friedrich Wilhelms III. und liegt in seiner Gegenwart. Für Marx ist es die künftige klassenlose Gesellschaft – von der schon seine französischen Vorgänger Henri de Saint-Simon und Charles Fourier träumen. Und in dieser feinen Gesellschaft dürfen wir alle, wie Fourier sagt, Jäger, Hirten und Fischer sein, ohne es ewig bleiben zu müssen. Marx hat später noch eine vierte Profession hinzugefügt – den Kritiker. Na also, immerhin!

Dieser Text ist entnommen aus dem Handelsblatt Magazin N°8/2018. Das komplette Handelsblatt Magazin als PDF downloaden – oder gedruckt mit dem Handelsblatt vom 7. Dezember 2018 am Kiosk erwerben.

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