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Kolumne: Wein und Wahrheit Wie das Wein-Jahr 2020 wirklich war

Die Chef-Sommelière Stefanie Hehn aus dem Hamburger „The Fontenay“ erklärt den Einfluss von Trump, Corona und Klimawandel auf den aktuellen Jahrgang.
12.12.2020 - 11:40 Uhr Kommentieren
Viele Weingläser blieben im Jahr 2020 leer – vor allem in den gastronomischen Betrieben. Quelle: imago images/Kirchner-Media
Kein Bedarf

Viele Weingläser blieben im Jahr 2020 leer – vor allem in den gastronomischen Betrieben.

(Foto: imago images/Kirchner-Media)

Das Jahr 2020 ist jetzt schon Geschichte. Und natürlich dominiert dabei in jedem Rückblick das alles überlagernde Thema Corona. Dabei gibt es ja wirklich auch andere, eigentlich schönere Themen – und Fragen, die bislang noch gar nicht beantwortet werden konnten. Zum Beispiel: Wie ist 2020 denn ausgefallen, wenn es um den Weinjahrgang geht?

Da müssen wir wie immer auf der Südhalbkugel anfangen mit Australien, Neuseeland, Südafrika und Südamerika, wo ja schon im Frühjahr geerntet wurde. In den meisten Regionen war eine gute bis sehr gute Qualität zu verzeichnen – bei geringeren Mengen. Interessanterweise hat überhaupt nur Neuseeland auch die Quantität steigern können, während viele andere Länder Einbußen von bis zu 20 Prozent zu verzeichnen hatten.

Der globale Hauptgrund ist sicher der Klimawandel und die damit einhergehende wachsende Trockenheit vielerorts. Überhaupt war es die Häufung extremer Wetterlagen, die für Ausfälle sorgte – in Europa zum Beispiel auch der verstärkt auftretende Hagel und Frost. Der wettertechnische Normalfall kommt immer seltener vor. Die Winzer klagen entweder über Starkregen oder Dürre.

Als dann auch noch Corona ausbrach, waren gerade die Weinregionen auf der Südhalbkugel mitten in der Ernte und mussten schnell überlegen, wie sie ihre Leute überhaupt einteilen. Aber es traf natürlich auch den Norden: Ich habe jüngst zum Beispiel mit der jungen Winzerin Eva Fricke gesprochen, die in Eltville im Rheingau ein schönes Weingut betreibt und an deren Geschichte man viel über die momentane Situation ablesen kann.

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    Bei ihr begann 2020 mit ausreichend Niederschlägen und warmen Tagen und Nächten, was früh auf einen „Superjahrgang“ hindeutete. Dann kamen extreme Temperaturen bis hin zu Hitzeschocks für die Reben. Im Oktober dann folgten wieder starke Regenfälle. Das erste Mal in ihrer Karriere erlebte Eva Fricke „noch einen Öchsleanstieg nach derart starkem Regen“. Das Ergebnis seien bei ihr „unglaublich saftige und frische Weine“. Das ist die eine Seite.

    Stefanie Hehn ist Chef-Sommelière im Hamburger Luxushotel The Fontenay. Quelle: The Fontenay
    Die Kolumnistin

    Stefanie Hehn ist Chef-Sommelière im Hamburger Luxushotel The Fontenay.

    (Foto: The Fontenay)

    Die andere betrifft die branchenweit zu beobachtenden Umwälzungen: Eva Fricke leitet ihren Betrieb allein und nicht mit langer Familientradition und entsprechend durchfinanzierter Langfriststrategie. Der erste Lockdown im Frühjahr sorgte bei ihr wie bei vielen anderen zu einem fast völligen Auftragsausfall aus der so wichtigen Gastronomie. Schnell musste sie sich auf die neue Klientel privater Konsumenten einstellen.

    Seither habe sie „eine positive Entwicklung erlebt, die vergangenen Monate waren besser als im Vorjahr“. Doch dafür hat Eva Fricke auch einen extremen Crash durchgemacht, konnte sich aber eben auch von manchen alten Partnerschaften und Strukturen lösen und ist „nun breiter aufgestellt als zuvor“. Dazu kam erfreulicherweise, dass gleich drei ihrer Weine vom Kritiker-Star Robert Parker die Bestnote 100 erhielten.

    So gleicht das Leben vieler Winzer derzeit einer Achterbahnfahrt. Und nicht alle werden so viel Glück haben wie Eva Fricke. Es wird für viele in der Branche noch schwer werden. Ich rechne zum Beispiel unter den kleineren Weinhändlern im nächsten Jahr noch mit vielen Insolvenzen. Da erleben wir eine gigantische Marktverschiebung. Und dann kamen sogar noch Einflussfaktoren wie Donald Trump dazu.

    Zölle machen der Weinszene zu schaffen

    Der scheidende US-Präsident hat ja nicht nur die Zölle auf Auto-Importe erhöht. Der ganze Luxusmarkt mit Produkten aus Europa musste leiden: Es ging um Mode, Schmuck, Parfüm… Allein in der französischen Weinindustrie sollen rund 100.000 Jobs bedroht sein wegen der ebenfalls erhöhten Zölle auf Weine. Und auch China hat ja im Zuge dieses beginnenden Handelskriegs seine Zölle erhöht. Das macht auch der Weinszene schwer zu schaffen, der Corona-bedingt gerade alle wichtigen Branchentreffen abhandengekommen sind. Das sollte man nicht unterschätzen.

    Ich selbst war im Januar in London zum letzten Mal bei einer größeren Weinmesse. Damals war meine größte Sorge noch der bevorstehende Brexit. Muss man sich mal vorstellen: Was das noch für eine sorglose Zeit war! Im Februar kamen die Zölle. Im März wurde dann schon die Pro Wein in Düsseldorf abgesagt – die wichtigste Weinmesse der Welt. Solche Treffen sind wahnsinnig wichtig für Produzenten, Händler, Abnehmer. Wir konnten eigentlich nicht mal den 2019er-Jahrgang verkosten, was wiederum den ganzen Markt beeinflusst. Seither planen und fahren wir quasi alle etwas blind.

    Man spart zwar vielleicht eine teure Reise. Doch digitale Tastings werden der Magie und Sinnlichkeit des Weins dann doch nicht gerecht. Quelle: AFP/Getty Images
    Tasting daheim

    Man spart zwar vielleicht eine teure Reise. Doch digitale Tastings werden der Magie und Sinnlichkeit des Weins dann doch nicht gerecht.

    (Foto: AFP/Getty Images)

    Was bedeutet das nun alles für den Kunden – und die Preise? Ich könnte mir vorstellen, dass die Preise ein Stück nach oben gehen. Immerhin ist die Qualität wie schon erwähnt trotz all der Probleme einwandfrei, nur das Angebot wird zurückgehen. Andererseits kann es natürlich auch sein, dass die Nachfrage angesichts der wirtschaftlichen Turbulenzen ebenfalls erodieren wird. Auch die Topgastronomie wird noch schwer von den Folgen der Krise erschüttert. Und viele Verbraucher werden sich ebenfalls fragen: Soll und kann ich mir diese Flasche echt leisten?

    Wir alle blicken da momentan in eine Glaskugel. Und dazu kommt, dass der 2020er womöglich viel später in den Verkauf kommt – einfach weil der Großteil des Marktes bislang noch damit beschäftigt ist, 2019 kennen zu lernen. Auch die Pro Wein 2021 wurde bereits abgesagt. Deshalb gibt es neuerdings ja auch immer mehr digitale Tastings.

    Digitale Tastings mit Vor- und Nachteilen

    Deren Vorteil ist, dass man nicht erst eine teure Reise planen muss, sondern ganz bequem vom Schreibtisch aus daran teilnehmen kann. Womöglich wird das zu kleinen und sehr hochwertigen Weinproben führen, wenn die Winzer und Weinhändler ihr Budget künftig nicht mehr für teure Messen ausgeben können.

    Ich persönlich habe trotzdem noch Probleme mit dieser Art der Verkostung, auch wenn es sicher für unsere Klimabilanz besser ist, nicht mehr so viel Zeit im Auto oder Flugzeug zu verbringen wie früher. Die Tastings vor dem Bildschirm zu Hause sind irgendwie unpersönlich und werden interessanterweise der Magie und Sinnlichkeit des Weins doch nicht gerecht.

    Nicht nur der Mensch braucht eben Wein. Auch der Wein braucht Mensch.

    Mehr: Kolumne Wein und Wahrheit (21): Sechs Tipps für fünf Genuss-Trips nach dem Lockdown

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