Microsoft-Gründer im Interview So sieht Bill Gates die Zukunft der Menschheit

Der Microsoft-Gründer erklärt, wieso er einen Großteil seines Vermögens spendet – und wie er Angela Merkel zu mehr Entwicklungshilfe bewegen will.
Kommentieren
„Wir werden als Gesellschaft besser.“ Quelle: Daniel Berman/Redux/laif
Bill Gates

„Wir werden als Gesellschaft besser.“

(Foto: Daniel Berman/Redux/laif)

LagosMänner schleppen Nähmaschinen auf dem Kopf, kanariengelbe Motor-Rikschas drängeln sich durch den Stau, Kinder betteln an den Autofenstern. Die Luft riecht nach verbranntem Plastik. „Okobi, okobi!“, rufen die Menschen Ausländern hinterher: weißer Mann, weißer Mann. Willkommen in Lagos, der mit geschätzt 20 Millionen Einwohnern größten Stadt Nigerias und zugleich einer der gewaltigsten Metropolen-Molochs der Welt. Hier lebt man nicht. Hier überlebt man.

Mit baumhohen, weißen Mauern riegelt sich das Edelhotel The George vom Chaos ab. Hinter den grauen Metalltoren offenbart sich eine völlig andere Welt. Grüne Wiesen, Blumen und Palmen, Sonnenlicht reflektiert sich im Pool. In der Marmorlobby begrüßen sich nigerianische Geschäftsmänner in langen Gewändern und Anzugträger aus Europa oder Amerika, gerade schlendert eine Delegation von Uniformierten herein. Militär, Wirtschaft, Politik – hier zerfließt alles zu einer bisweilen toxischen Melange.

Es sind Welten, die Bill Gates nur zu gut kennt. Der Microsoft-Gründer und aktuell zweitreichste Mann der Welt reist immer wieder nach Afrika, wo seine milliardenschwere Stiftung Hunderte von Hilfsprojekten betreut. Einerseits sieht er dann Menschen in bitterster Armut, andererseits trifft er Regierungschefs und Potentaten, Demagogen und Demokraten, Manager und manchmal auch andere Milliardäre.

Hier in Lagos ist es Aliko Dangote, der reichste Mann Afrikas, Herrscher über einen riesigen Mischkonzern und Vater einer Tochter, zu dessen Hochzeit Gates eingeladen ist.

Natürlich wird er dem Brautpaar seine Aufwartung machen. Im Gegenzug erhofft er sich, dass Dangote ihm hilft, Afrika endlich etwas weniger elend in die Zukunft blicken zu lassen. Man wird demütig angesichts der Herausforderungen. Auch ein Mann wie Bill Gates.

Herr Gates, Sie waren oft in Afrika und im Mittleren Osten unterwegs. Überall flackern Krisen und Kriege auf. Wie erleben Sie den Kontinent?
Es gibt heute weniger Gewalt in Afrika als jemals zuvor. Selbst mit dem Bürgerkrieg im Süd-Sudan oder mit Boko Haram in Nigeria: Derzeit sterben in Afrika jährlich weniger Menschen durch Gewalt als jemals zuvor. Kaum zu glauben, finden Sie nicht?

In der Tat. Der Eindruck in den Weltmedien ist ein anderer...
...dabei ist die Erklärung recht simpel: Die Gewalt geht zwar zurück, aber noch rascher sinkt unsere Toleranzschwelle für Missstände. Ich bin optimistisch für Afrika. Viele Dinge, die den Kontinent zurückgehalten haben, wie mangelnde Ernährung, hohe Kindersterblichkeit oder die schlechte landwirtschaftliche Produktivität verbessern sich dank Wissenschaft und Innovationen.

Die Menschen befinden sich zwar auf einem sehr niedrigen Wohlstandsniveau, sind aber gesünder und leben im Schnitt mittlerweile deutlich länger.

Was meinen Sie mit Innovationen?
Wir nutzen beispielsweise Satellitenaufnahmen und andere Technik, um die Bevölkerung zu zählen. Die Resultate zeigte ich dem Präsidenten vom Tschad, Idriss Déby: Wie sich die Siedlungen im Grenzgebiet mit Nigeria verändert haben, wo die Kinder und Erwachsenen leben, auf welchen Inseln vom Tschadsee sie sind.

Niemand wusste, wie viele Menschen dort wirklich zu finden sind – bis wir kamen. Erstaunlicherweise sind es mehr als angenommen. All diese Informationen sind sehr hilfreich, um am Ende zum Beispiel Kinderlähmung zu bekämpfen oder ein grundlegendes Gesundheitswesen aufzubauen.

Ihre Arbeit ist nicht nur aus humanitären Gründen wichtig. Armut treibt die Menschen zur Flucht Richtung Europa. Immer mehr Menschen aus Afrika kommen dabei auch nach Deutschland.
Die Argumente für ein stabiles Afrika sind vielfältig. Auch Länder wie die USA haben einen Nutzen, wenn Seuchen vor Ort gestoppt werden können und nicht über den Atlantik gelangen. Es müssen keine US-Soldaten geschickt werden, um politische Instabilität in einer Region zu bekämpfen. Diese Gründe stechen auch bei der derzeitigen US-Regierung mit ihrer „America first“-Einstellung.

Was haben Sie Donald Trump noch gesagt, als Sie ihn vor einigen Monaten getroffen haben?
Ich sagte ihm: „Selbst wenn es in erster Linie nur um Amerika geht, reicht die derzeitige Entwicklungshilfe nicht aus.“ Selbst wenn man sich überhaupt nicht um die Todesfälle in Afrika schert, zahlt sich die Hilfe trotzdem aus.

Regierungen in Ländern wie Deutschland müssen Sie weniger für solche Art Realpolitik begeistern, oder?
Glücklicherweise ist das bei der Großen Koalition in Berlin wirklich eine andere Sache. Humanitäre Argumente werden dort gehört. Aber es wird ebenso verstanden, dass gute Entwicklungsarbeit auch den Migrationsdruck auf Europa oder die Ausbreitung von Seuchen verringert.

Vieles, was wir wollen wie etwa landwirtschaftliche Forschung, nutzt Europa sehr direkt. Unser größtes Einzelinvestment in ein Unternehmen ist CureVac aus Deutschland, das neue Krankheiten mit schnellen und kostengünstigen Impfungen bekämpfen hilft. Die Entwicklung neuer Impfstoffe dauert heute zwei Jahre.

Mit der Technik von CureVac könnten wir den Zeitraum auf einen Monat verkürzen. Wir sind noch nicht so weit, aber es sieht vielversprechend aus. Ein anderer Bereich ist die Forschungskooperation. Gerade haben wir mit dem Forschungsministerium eine deutsch-afrikanische „Grand Challenges“-Partnerschaft begonnen. Auch die nutzt beiden Seiten.

Wenn Sie in Berlin bei der Regierung vorsprechen, wie gehen Sie da vor?
Ich vertrete keine politische Position, aber ich kann nach Deutschland gehen und sagen: „Schauen Sie, ich gebe Milliarden Dollar in Afrika aus, in Partnerschaft mit Ihrer Entwicklungshilfe. Ich kann garantieren, dass wir das meiste aus dem Geld machen.“

Wie gut verstehen Sie sich mit Angela Merkel?
Mit Merkel kann man sehr gut zusammenarbeiten. Als ich ihr vor Jahren sagte, Deutschland müsse mit seiner Entwicklungshilfe auf 0,7 Prozent seines Bruttoinlandsprodukts kommen, da antwortete sie, das gehe in den nächsten Jahren leider nicht. Sie ist da sehr ehrlich.

Mittlerweile verändert sich ja auch die deutsche Sicht auf das Thema.
Fast jedes Jahr steigerte Deutschland die Hilfe, sie lag 2016 tatsächlich bei 0,7 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Es ist großartig, dass Kontinuität herrscht und Bundesentwicklungsminister Gerd Müller so lange im Amt ist. Müller ist sehr smart und macht einen guten Job. Wie bei allen Kabinettsposten gibt es einen Nutzen, wenn die gleichen Personen die Arbeit weiterführen. Auch wir denken langfristig. Darum haben wir im Oktober ein neues Europa-Büro in Berlin eröffnet.

Sie prophezeien, dass Malaria in ein paar Jahrzehnten komplett verschwinden wird. Oder dass es 2035 so gut wie keine armen Länder mehr gibt. Woher nehmen Sie diesen Optimismus?
Die Zahlen legen das nahe. Als wir unsere Stiftung vor 18 Jahren ins Leben gerufen haben, starben beispielsweise jedes Jahr zehn Millionen Kinder, die jünger als fünf Jahre alt waren. Jetzt liegt dieser Wert unter fünf Millionen. Das haben wir nicht allein auf die Beine gestellt, aber die Stiftung hat sich sehr um Impfungen gekümmert, was sich als wichtigster Faktor herausstellt. Man kann darauf sehr stolz sein. Fünf Millionen Menschen werden jedes Jahr gerettet.

Entwicklungshilfe-Kritiker wie Donald Trump könnten sagen: „Läuft also doch. Warum noch groß helfen?“
So sehr man sich über die Fortschritte freuen kann, so bestürzt muss man weiter darüber sein, dass immer noch fünf Millionen Kleinkinder jedes Jahr sterben. Diese Zahl wollen wir bis 2035 nochmals halbieren. Das ist eine echte Herausforderung. Im Norden von Nigeria etwa bekommen nur 23 Prozent der Kinder ihre Impfungen. Das ist eine sehr, sehr niedrige Rate. Äthiopien liegt bei 80 Prozent, Senegal oder Tansania bei 85 Prozent – dabei sind diese Länder viel ärmer als Nigeria.

Es wird kaum jemand laut sagen, weil es so zynisch klingt, aber insgeheim denken sich in der entwickelten Welt doch etliche: Hat Afrika nicht eh schon zu viele Einwohner? Führt Entwicklungshilfe nicht vor allem dazu, dass die Geburtenrate dort weiter steigt?
In der Tat eine sehr wichtige Frage! In den ersten Jahren der Stiftung haben wir uns viel damit auseinandergesetzt. Wir waren uns nicht sicher, was überhaupt zu tun war. Genau aus dem Grund: „Hey, Afrika braucht doch nicht mehr Kinder.“ Aber man muss es andersrum sehen: Wenn man die Kindersterblichkeitsrate senkt, bekommen die Eltern weniger Kinder.

Es gibt kein Land der Erde, wo die Kinder alle gesund sind und die Geburtenrate zugleich hoch ist. Jedes Land mit einem guten Gesundheitssystem verzeichnet höchstens noch moderates Bevölkerungswachstum.

Können Sie das etwas genauer erklären?
Eltern wollen in Afrika mit einer Wahrscheinlichkeit von 90 Prozent sicherstellen, zwei Kinder bis ins Erwachsenenalter bringen zu können. Um das aber zu erreichen, müssen sie fünf bis sechs Kinder bekommen. Das gleicht einer Rentenversicherung. Und in jedem Land der Welt hat sich herausgestellt: Wenn die Kindersterblichkeit sinkt, geht das Bevölkerungswachstum runter.

In Niger gibt es das höchste Bevölkerungswachstum in der Welt. Die Frauen dort bekommen sechs Kinder – im Durchschnitt! Im Norden von Nigeria sind es fünf, der Landesdurchschnitt liegt bei 4,8. Im Tschad sieht es ähnlich aus.

Sie selbst reisen regelmäßig in diese ärmsten Regionen. Warum tun Sie sich das an?
Man muss sich das ansehen, man muss zupacken. Ich besuche Kliniken, schaue, was für Geräte da zum Einsatz kommen. Dann sehe ich all diese Frauen, vielleicht 18 oder 19 Jahre alt, die schon zwei Kinder mit sich herumtragen. Ich spreche mit den Bauern, was für Saatgut sie verwenden, ob sie Düngemittel einsetzen, ob sie gute Ratschläge bekommen. Mit eigenen Augen kann ich die Bodenbeschaffenheit überprüfen.

Mit seiner Stiftung betreut Bill Gates Hunderte von Hilfsprojekten in Afrika. Quelle: action press
Straßenszene in Lagos

Mit seiner Stiftung betreut Bill Gates Hunderte von Hilfsprojekten in Afrika.

(Foto: action press)

Mit Verlaub: Als Nerd kann man Sie sich eher am Schreibtisch vorstellen als auf einem Acker.
Ich bin wirklich gut in Zahlen. Vieles von meinem Wissen habe ich auf diese sehr direkte Weise gesammelt. Ich schaue mir die Statistiken an. Aber vor Ort zu gehen und zu erfahren, dass die Medikamente ruiniert sind, weil der Kühlschrank nicht funktioniert – das sagt einem keine Excel-Tabelle.

Die Frau in diesem Fall war wütend, weil sie den ganzen weiten Weg gegangen ist und ihr deswegen nicht geholfen werden konnte. Die Statistik ist nicht das Gleiche wie ein Eindruck vor Ort, wenn ein Kind dort sitzt und erzählt.

Wie hat das Elend auf der Welt Sie persönlich verändert?
Früher habe ich Software programmiert, um sie dann zu managen. Heute weiß ich über die Ursachen von Durchfall Bescheid. Ich liebe Wissenschaft, die Möglichkeit des Scheiterns, Zahlen analysieren, Dinge anstoßen – vieles davon hat einiges gemeinsam mit meiner Arbeit bei Microsoft. Jetzt geht es um menschliche Krankheiten, aber es geht weiter um Wissen, sich um Trends kümmern, darum, neueste Technologie zu nutzen.

Landwirtschaft ist der extremste Fall. Ich wusste schon immer etwas über Biologie, als ich bei Microsoft arbeitete. Beispielsweise, wie die DNA funktioniert, weil die ja eine Art Software-Code ist. Heute weiß ich viel mehr über das Immunsystem, über Feldfrüchte, die Geschichte von Mais, seine vielen verschiedenen Arten und andere Dinge mehr. Ich bin kein Experte, aber ich verstehe heute in vielen Feldern eher, wovon die Rede ist.

Wenn Sie einen Wunsch frei hätten. Welcher wäre es?
Ich würde vor allem ein Leiden heilen wollen: Mangelernährung. Sie ist ein ganz leiser Fluch. Im Norden von Nigeria überleben 85 Prozent der Kinder, aber sie überleben nicht gesund. Die Mehrheit dieser Kinder hat ein fehlentwickeltes Hirn, der Körper ist nicht voll leistungsfähig.

Am einfachsten zu messen ist der Körper, die Kinder in solchen Krisenregionen sind schlicht zu klein. Das hemmt die Fähigkeit zu lernen und etwas im Leben erreichen zu wollen. Wenn wir Mangelernährung abschaffen könnten, dann würden wir der Menschheit gewaltig helfen.

Mit 13 Jahren lernte Bill Gates das Programmieren. Mit 20 Jahren brach er sein Jurastudium in Harvard ab. 1975 gründete er mit dem jüngst verstorbenen Paul Allen Microsoft. Der Rest ist Geschichte: Das Unternehmen dominierte lange den PC-Markt und ist heute mit einer Marktkapitalisierung von über 800 Milliarden Dollar einer der wertvollsten Konzerne der Welt. Gates trat 2000 als Vorstandschef zurück, blieb aber bis 2014 Chairman. 1996 gehörten ihm 45 Prozent der Aktien, heute hält der 62-Jährige nur noch rund ein Prozent. Quelle: Corbis via Getty Images
Bill Gates – zur Person

Mit 13 Jahren lernte Bill Gates das Programmieren. Mit 20 Jahren brach er sein Jurastudium in Harvard ab. 1975 gründete er mit dem jüngst verstorbenen Paul Allen Microsoft. Der Rest ist Geschichte: Das Unternehmen dominierte lange den PC-Markt und ist heute mit einer Marktkapitalisierung von über 800 Milliarden Dollar einer der wertvollsten Konzerne der Welt. Gates trat 2000 als Vorstandschef zurück, blieb aber bis 2014 Chairman. 1996 gehörten ihm 45 Prozent der Aktien, heute hält der 62-Jährige nur noch rund ein Prozent.

(Foto: Corbis via Getty Images)

Die westliche Welt hat ganz andere Probleme – etwa Gleichberechtigung. Wie erleben Sie die Enthüllungen der #MeToo-Debatte?
#MeToo ist eine fantastische Sache und das beste Beispiel dafür, dass auch unsere Gesellschaft sich noch verbessert. Es gab viele Harvey Weinsteins in Hollywood, seit dort die ersten Filme produziert wurden. Das war seit den Zwanzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts eine übliche Sache in Hollywood. Das wir jetzt darüber reden, bedeutet: Wir legen höhere Maßstäbe an.

Dass Frauen sich melden und über Misshandlung berichten, und dass es eine Bereitschaft in der Gesellschaft gibt, ihnen zuzuhören und ihnen Mut zuzusprechen, das alles zeigt: Die Welt verbessert sich. Ja, wir sind aufgebracht und angeekelt, aber insgesamt hebt die Debatte das Niveau.

Wo legen wir sonst noch höhere Maßstäbe an?
Wenn jemand in den Fünfzigerjahren seinen Kindern den Hintern versohlte, hätte man gefragt: „Kann ich helfen?“ Heute ist man entsetzt: Wie kann man ein Kind schlagen? Behandeln wir Homosexuelle heute besser als vor 30 Jahren? Auf jeden Fall. Stellen Sie sich vor, wie es als junger Mensch damals war, sich seinen Eltern und Freunden zu offenbaren – und wie es heute ist.

Es ist immer noch nicht einfach, aber im Vergleich zu den Sechzigern – da hätten viele es nicht einmal gewagt, sich zu offenbaren. Das war furchtbar. Und da kann ich nur sagen: Wir werden als Gesellschaft besser.

Und das gilt in jeder Hinsicht?
Sicher gibt es Herausforderungen. Nehmen Sie die Klimaerwärmung oder die schon erwähnte Mangelernährung! Ja, ich bin ein Optimist, aber weil ich die Fakten kenne, nicht, weil ich in die Wolken schaue. Bei jeder Krankheit haben wir Fortschritte gemacht, in der Heilung, dem Verständnis der menschlichen Biologie, dem Immunsystem.

Was lässt Sie nachts vielleicht dennoch nicht gut schlafen?
Schlimme Dinge können passieren, global auftretende Seuchen zum Beispiel. Derlei bereitet mir die meiste Sorge – auch wenn ich dann doch mal wie ein Pessimist klingen mag, wenn ich das sage. Die Wahrscheinlichkeit solcher Ereignisse ist nicht sehr hoch, sie liegt aber auch nicht bei null Prozent. Und wir sind darauf nicht vorbereitet.

Ebola etwa war nicht sehr ansteckend, aber trotzdem ein Desaster. Eine Pandemie ist fast gleichzusetzen mit Bio-Terrorismus, der mir tatsächlich die größten Sorgen bereitet.

„Es gibt heute weniger Gewalt in Afrika als jemals zuvor.“ Quelle: Gates Archive via Getty Images
Bill Gates mit nigerianischen Politikern

„Es gibt heute weniger Gewalt in Afrika als jemals zuvor.“

(Foto: Gates Archive via Getty Images)

Was erwarten Sie sich vom Thema künstliche Intelligenz? Viele Menschen haben ja auch die Sorge, dass die ihnen ihre Arbeit wegzunehmen droht.
Als die Menschheit früher auf dem Feld arbeiten musste, haben alle kaum genug zu essen bekommen. Und Traktoren galten als große Bedrohung. Heute verschwenden wir keinen Gedanken mehr daran. Ich habe kein einziges Mal in meinem Leben auf einem Bauernhof gearbeitet oder einen Samen gesetzt. Dabei drehte sich früher alles darum. Damals konnte sich niemand vorstellen, dass es eines Tages Handpfleger, Psychologen, Analysten gibt. Der Fortschritt macht vieles möglich.

Traktoren sind bislang eher zugkräftig als intelligent
Künstliche Intelligenz ist nichts anderes als eine Form höherer Produktivität. Mit ihr kann man alle heutigen Güter und Dienstleistungen mit weniger Arbeitsaufwand herstellen oder anbieten. Das führt üblicherweise dazu, dass sich die Nachfrage nach ihnen erhöht. Zugleich erlaubt uns die Technik, viel weniger arbeiten zu müssen.

Die Idee, dass es im Leben nur um Arbeit geht, wird hinfällig. Die Bedeutung und der Sinn des Lebens werden sich ändern. Es geht um mehr als nur darum zu arbeiten. Das wird sehr interessant und verzwickt zugleich werden. Und dieser Wandel wird uns in den nächsten 50 bis 60 Jahren beschäftigen.

Elon Musk warnt eindringlich vor den Gefahren künstlicher Intelligenz, die uns Menschen dominieren und gar den Dritten Weltkrieg auslösen könnte. Was denken Sie?
Drei Menschen warnen am lautesten vor künstlicher Intelligenz: Der kürzlich verstorbene Stephen Hawking, Elon Musk und ich selbst. Im Zentrum steht das Kontrollproblem. Musk ist extremer als ich. Die Frage, die er sich stellt, lautet: Werden Menschen noch die Software kontrollieren? Aber darum geht es erst mal gar nicht.

Sondern?
Es steht vielmehr die Frage im Raum, welche Menschen diese künstlichen Intelligenzen kontrollieren. Oder welche Unternehmen, welche Länder? Erst viel später wird es eventuell um die Frage gehen, ob überhaupt der Mensch noch kontrolliert.

Wie dringlich ist die Sache?
Wir müssen uns dem Problem widmen. Es ist nicht ganz so wichtig wie der Kampf gegen globale Erwärmung, aber fast. Seit dem Zweiten Weltkrieg lag die am weitesten fortgeschrittene Technik in den Händen der US-Regierung. Raketen, Medizin, Internet. Jetzt gibt es eine Technologie, die nicht mehr von ihr kontrolliert wird.

Sondern eher von China?
Oder einem Unternehmen. Chinesische Unternehmen erscheinen mir bei der Sache jedenfalls am interessantesten.

In einem durch die Gates-Stiftung finanzierten Labor werden Sprösslinge der afrikanischen Nutzpflanze Maniok untersucht. Quelle: AFP/Getty Images
Forscherin

In einem durch die Gates-Stiftung finanzierten Labor werden Sprösslinge der afrikanischen Nutzpflanze Maniok untersucht.

(Foto: AFP/Getty Images)

Welche Rolle spielt Religion für Sie?
Alle Religionen wollen, dass Babys gesund sind und überleben. Alle wollen menschliches Leiden mildern. Wir sind bei der Stiftung nicht mit einer speziellen Religion verbunden, aber die ganze Sache ist ein spirituelles und moralisches Unterfangen.

Glauben Sie an Gott?
Ich glaube an eine höhere Gewalt. Ich bin nicht der Beste, um bei religiösen Fragen ins Detail zu gehen. Aber die Ansicht, man sollte an ein höheres Wesen glauben, die teile ich.

Sie sind einer der reichsten Menschen der Welt. Warum spenden Sie mittlerweile so viel von Ihrem Vermögen?
Aus spirituellen Gründen, aus Humanismus. Ich will das menschliche Leben verbessern. Außerdem macht es Spaß. Es ist eine Arbeit, die eine Bedeutung hat, verstehen Sie? Ich liebe es, mich jeden Tag damit auseinanderzusetzen. Und ich kann das gemeinsam mit meiner Frau Melinda machen.

Wir haben so viel Geld, das wir mit einem Bruchteil davon für unsere Kinder sorgen können. Was für eine andere Wahl haben wir? Das Geld ausgeben? Nun, wir haben alles, was wir brauchen. Ich kann nur einen Anzug tragen. Ich habe mehr als genug.

Herr Gates, vielen Dank für das Interview.

Dieser Text ist entnommen aus dem Handelsblatt Magazin N°7/2018. Das komplette Handelsblatt Magazin als PDF downloaden – oder gedruckt mit dem Handelsblatt vom 9. November 2018 am Kiosk erwerben.

Startseite

Mehr zu: Microsoft-Gründer im Interview - So sieht Bill Gates die Zukunft der Menschheit

0 Kommentare zu "Microsoft-Gründer im Interview: So sieht Bill Gates die Zukunft der Menschheit"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%