Fabrikarbeit

In der modernen Arbeitswelt ist Monotonie in Verruf geraten.

(Foto: Reuters)

Moderne Arbeitswelt Abwechslung im Job? Bitte nicht! Ein Loblied auf die Monotonie

Eintönige Arbeit ist verpönt. Dabei ist sie besser als ihr Ruf – wie unsere Autorin in zwei Kurzzeitjobs herausgefunden hat.
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LüdenscheidManchmal singt Thorsten* bei der Arbeit. Im Kopf ist er dann in einer anderen Welt, summt zufällige Melodien. Thorsten ist Fabrikarbeiter bei der Firma Schriever in Lüdenscheid im Sauerland. Sein Job: Schrauben säubern und versandfertig machen. Dafür steht er an einer Maschine und drückt etwa alle drei Minuten auf knapp ein Dutzend Knöpfe.

Wenn Thorsten zwischendurch ein paar Schraubenkisten mit dem Gabelstapler holt, ist das Abwechslung für ihn. Ansonsten ist der Arbeitsalltag des Mittvierzigers vor allem eins: eintönig. Trotzdem wirkt er glücklich, wenn er so singt und summt. Warum? Das will ich herausfinden.

Ich habe Thorsten kennengelernt, als ich mich selbst in Monotonie geübt habe. Statt als Redakteurin zu recherchieren, zu telefonieren und zu schreiben, habe ich in weniger abwechslungsreichen Jobs mit mehr Routineaufgaben gearbeitet. Zwei Tage lang in der sauerländischen Fabrik als Thorstens Kollegin, und zwei weitere Tage als Lektorin vor der Veröffentlichung eines Romans. Den ganzen Tag lang Schrauben säubern und auf Rechtschreib- und Grammatikfehler achten. Was macht das mit mir?

Bevor ich mich an die Arbeit mache, spreche ich mit jemandem, der sich auskennt in Sachen Monotonie. Der Philosoph und Medienwissenschaftler Norbert Bolz hat sich sein ganzes Leben lang intellektuell mit dem Phänomen beschäftigt. Bolz bestätigt meinen Eindruck, dass monoton keineswegs langweilig bedeutet und schon gar nicht unnütz. „Monoton ist eigentlich der größte Teil des Lebens“, sagt er. „Und das ist gut so. Sonst wären wir gnadenlos überfordert von der Welt.“

Auch eine Umfrage der Techniker Krankenkasse hat bereits im Jahr 2011 ergeben, dass Multitasking-Jobs psychologisch belastender sein können als monotone Tätigkeiten. So haben 52 Prozent der damals befragten Erwerbstätigen Termindruck oder Hetze als belastend bezeichnet. Mehr als ein Drittel fühlte sich mit der permanenten Erreichbarkeit oder dem Informationsüberfluss in ihrer Firma überfordert. Im Vergleich sahen nur 15 Prozent eine Belastung in monotonen Arbeiten.

Multitasking-Jobs können psychologisch belastender sein als monotone Tätigkeiten. Quelle: Ikon Images/Getty Images
Monotonie

Multitasking-Jobs können psychologisch belastender sein als monotone Tätigkeiten.

(Foto: Ikon Images/Getty Images)

Beim Schraubenhersteller Schriever arbeite ich zwei Tage lang in einer Halle nicht fern der Autobahn 45. Nebenan: andere Industriefirmen, Fabrik- und Lagerhallen. In Schrievers Halle stehen rund 50 dunkelgrüne Maschinen auf roten Fliesen, die einen Höllenlärm produzieren. Die Luft ist dick und riecht nach Öl.

Meine Aufgabe ist schön monoton, so wie ich es mir gewünscht habe. Zwei Tage lang muss ich an ein und derselben Maschine auf ein und denselben Knopf drücken. Von morgens bis abends. Immer und immer wieder. Der rote Knopf an der sogenannten Schleuder. Dort werden die öligen Schrauben auf mein Knopfkommando hineingeschüttet und gereinigt. Die sauberen Schrauben kommen in eine Kiste. Etikett drauf, ab in die Versandhalle, die nächste Schraubenkiste.

Wer braucht schon eine Pause?

Bei Schriever werden die Schrauben endlos produziert, so wirkt es. Eine Kiste von den vielen, die ich auf einem Wagen vor mir herschiebe, kann mehr als 100.000 Schrauben enthalten. Doch die scheinbare Endlosigkeit spornt mich an. Einfach machen, nicht nachdenken.

Philosoph Bolz sieht das ähnlich: „Monotonie ist so etwas wie eine Grundbedingung dafür, dass wir überhaupt aktiv werden können. Wir brauchen Monotonie, um die Energie zu haben, mal etwas Neues oder Außergewöhnliches auszuprobieren.“

Vor allem aber steigert Monotonie die Effizienz. Das merke ich selbst. Nach kurzer Zeit entwickele ich ein System, mit dem ich schneller arbeite. Die Maschine, an der ich stehe, kann drei Kisten gleichzeitig verarbeiten. Eine wird in den Kessel geschüttet und geschleudert, die zweite wartet in der Mitte, und die dritte wird weiter auf das Fließband geschickt.

Also habe ich die Wartezeit der zweiten Kiste ausgenutzt, um die nächsten Schrauben zu holen. Das System schafft Freiräume in meinem Hirn, um über andere Dinge nachzudenken. Beispielsweise formuliere ich im Kopf schon die ersten Passagen dieses Artikels.

Ein paar Stunden später schaue ich mich in der Fabrik um. Alle anderen sind weg. Ein Kollege kommt zu mir und fragt: „Willst du nicht auch mit uns Pause machen?“ Wieso Pause, denke ich. Ich bin gerade mittendrin.

Weil ich weiß, dass Pausenzeiten in einer Fabrik heilig sind, gehe ich trotzdem mit. Beim Mittag‧essen unterhalte ich mich mit Manuel. Er trägt seine schwarze Basecap mit dem Schirm nach hinten und grinst viel. Ich erkläre mein Monotonie-Experiment, und Manuel fragt sofort: „Warum monoton?“

Seine Arbeit sei nicht eintönig, „mal sind es große Schrauben, mal kleine“. Und dann lacht er laut. Er weiß, was die Gesellschaft meint, wenn sie sagt, Fabrikarbeit sei monoton. Klar sehe er immer nur Schrauben, trotzdem findet er seine Aufgaben abwechslungsreich. Er muss nicht nur darauf achten, dass die Schrauben das richtige Gewinde bekommen, er muss auch das Werkzeug dafür beschaffen. Dazu wacht er gleichzeitig über mehrere Maschinen.

Bei der Arbeit merke ich schnell, was Manuel meint. Auch wenn ich mich immer wieder wiederhole, muss ich aufpassen, keinen Fehler zu machen. Zum Beispiel könnte ich versehentlich bereits geschleuderte Schrauben noch einmal in die Maschine schieben. So etwas Ähnliches ist Thorsten mal passiert, dem singenden Arbeiter. „Das war eine Katastrophe!“, sagt er heute.

Thorsten und Manuel haben Jobs, von denen wir als Gesellschaft abhängig sind. Nicht nur, weil wir ohne Schrauben deutlich schlechter leben würden, sondern auch weil wir gleichförmige Arbeit brauchen, jeder einzelne von uns. Über Jahrhunderte haben Menschen monotone Arbeit verrichtet – freiwillig.

Stricken, Häkeln, Musik hören, Computer spielen, Malen, Joggen. Nicht umsonst suchen wir uns Hobbys, bei denen wir nach einem anstrengenden Arbeitstag nicht mehr viel nachdenken müssen, Yoga und Gartenarbeit sind nur ein paar Beispiele für diesen kognitiven Urlaub. Und doch sind heute Kreativität und Abwechslung die schönen Töchter der Arbeitswelt, so scheint es. Und die Monotonie? Ist das ungeliebte Aschenputtel.

Freiraum für den Geist

Mein Eindruck, dass Monotonie besser ist als ihr Ruf, findet sich auch in wissenschaftlichen Studien wieder. Zum Beispiel in der von Jesper Isaksen. Man könnte sagen, der promovierte Arbeitspsychologe ist internationaler Monotonie-Experte. 2001 hat er eine Doktorarbeit über „Constructing Meaning Despite the Drudgery of Repetitive Work“ geschrieben.

Die ungelenke deutsche Übersetzung wäre: „Den Sinn in monotoner Arbeit finden – trotz Schinderei.“ Isaksen sagt: „Jeder, der einen gering qualifizierten Job ausübt, hat noch mentale Kapazität übrig, um über andere Dinge nachzudenken.“ Die wichtige Frage sei: Wie nutzen wir diesen geistigen Freiraum, um uns weiterzuentwickeln?

Auch an der Schraubenschleuder musste ich mich zwar konzentrieren, aber ich hatte den Kopf frei für anderes. Meine Arbeit war körperlich anstrengend. Doch es gibt auch monotone geistige Tätigkeiten, die sich nicht in Fabriken abspielen, sondern an Schreibtischen. Wie viel Kapazität zum Denken habe ich da noch übrig?

Petra Schmidt ist Lektorin. Sie streicht nicht nur Rechtschreibfehler heraus, sondern verbessert auch Ausdruck, Satzbau, Sinn und Logik und gibt Autoren Formulierungstipps. Einmal im Jahr trifft Schmidt Autoren auf der Leipziger Buchmesse. Die meiste Zeit aber verbringt sie am Schreibtisch.

Wenn ein Roman schlecht geschrieben sei, sagt Schmidt, brauche sie länger mit dem Lesen. Sei ein Buch hingegen besonders spannend, merke sie gar nicht, wie die Zeit vergehe. Manchmal komme dann ihr Mann in ihr Heimbüro und frage: „Willst du nicht mal eine Pause machen?“ Schmidt sagt – mit ein bisschen Stolz in der Stimme: „Mein Job ist sehr kreativ, ich bekomme immer wieder neue Ideen. Und ich weiß oft nicht, wie der Tag zu Ende geht. Das ist spannend.“

Schmidt gibt mir ein unveröffentlichtes Manuskript eines freien Autors und erklärt mir, wie das Lektorieren funktioniert. Ich muss sehr viel lesen an den zwei Tagen. Buchstabe für Buchstabe, damit sich kein Rechtschreibfehler einschleicht – und Satz für Satz, damit sich kein Protagonist in dem einen Absatz eine Jacke anzieht und dann im nächsten im T-Shirt dasteht.

Als ich morgens um 8 Uhr vor dem Computer sitze, habe ich den Geruch meines Kaffees in der Nase. Das Koffein werde ich brauchen, denke ich. Lesen kann ganz schön ermüdend sein. Dann, der erste Satz – ein Kommafehler. Und noch einer. Und noch einer. Auf 66 Seiten – der immer gleiche Kommafehler. So schwer kann das doch nicht sein, denke ich. Doch ich will nicht schimpfen: Der Fehler hält mich wach. Er ist Demotivation und Motivation zugleich.

Um 11.12 Uhr greife ich das erste Mal zu meinem Handy und öffne Facebook. Die Monotonie hat meine Motivationskurve in ein tiefes Tal geschickt. Wer seine eigene Chefin ist und monotone Arbeit verrichtet, muss natürlich viel Selbstdisziplin mitbringen – oder sie sich aneignen. In der Fabrik kam die Disziplin von außen, der Takt der Maschinen gab sie mir vor. Beim Lektorieren zu Hause muss sie von innen kommen.

Monoton ist eigentlich der größte Teil des Lebens. Und das ist gut so. Sonst wären wir gnadenlos überfordert. Norbert Bolz, Philosoph und Medienwissenschaftler

Aber die Monotonie schenkt mir später am Tag sehr viel Konzentration. Ich habe das Gefühl, voll dabei zu sein, den Roman selbst mitzuerleben, so konzentriert bin ich. Ich lese weiter und weiter, Satz für Satz, Absatz für Absatz, Seite für Seite, Kapitel für Kapitel. Bei monotonen Tätigkeiten hangelt sich der Mensch immer von einem Zwischenerfolg zum nächsten, so meine Erfahrung.

Monotonie macht uns Menschen auch ausgeglichener. Denn es gibt wenig Unerwartbares. Keine To-do-Listen, keine Meetings und keine Calls, die uns aus dem Konzept bringen. Nur exakt eine Aufgabe. Das ist ebenso ungewohnt wie angenehm.

Monotone Arbeit hat ihren eigenen Reiz

Jeder von uns sollte das mal versuchen. Zum Beispiel können wir unsere gesammelten Visitenkarten ins digitale Telefonbuch übertragen. Das Abtippen von zig Namen und Nummern kann ganz schön lange dauern. Deswegen gibt es natürlich Apps dafür, die die Visitenkarten per Foto-Erkennung abspeichern. Doch der Reiz liegt darin, diese monotone Arbeit bewusst selbst zu machen und sie nicht an technische Helfer auszulagern.

Wie positiv oder negativ wir monotone Arbeit bewerten, hängt nicht zuletzt auch von unserem Umfeld ab. So zumindest die These von Psychologe und Monotonie-Experte Isaksen. Während der Recherche für seine Arbeit hatte er einen Tellerwäscher getroffen. Der Tellerwäscher hatte den bedeutungslosesten Job in seiner Firma, auch finanziell. Das übertrug sich auf sein Selbstbild: Er dachte, er würde nie einen anderen, einen besseren Job finden.

Forscher Isaksen hatte aber noch eine weitere Tellerwäscherin kennen gelernt, ebenfalls in der niedrigsten Position einer Catering-Firma. Sie war hochmotiviert – weil sie dazugehörte. Sie fühlte sich bereichert durch die Arbeit und den regelmäßigen Kontakt und Austausch mit Kollegen. „Man kann nicht per Definition sagen, dass monotone Jobs keine Bedeutung haben“, erläutert Isaksen. „Bedeutung ist etwas, das wir Menschen den Dingen geben.“

Das erklärt auch, warum monotone Jobs gesellschaftlich einen schlechteren Ruf genießen als zum Beispiel ein Triathlon oder ein Marathon – der Inbegriff von stundenlanger, körperlich anstrengender Monotonie. Statistisch gesehen läuft nur jeder 600. Deutsche einen Marathon. Unter den Dax- und MDax-Chefs ist es jeder zehnte. Unsere Gesellschaft und diejenigen, die besonders viel darin leisten, bestimmen also mit, welche Art von Monotonie gerade langweilig und welche en vouge ist.

Bei allem Lob auf die Monotonie: Gerade bei repetitiven Tätigkeiten ist es laut Forscher Isaksen besonders schwer, für sich eine Bedeutung zu finden. Das gesellschaftliche Ansehen allein ist dabei nicht entscheidend, auch der Arbeitgeber trägt seinen Teil zum Wohlbefinden bei. Und das Gehalt spielt eine Rolle, wenn auch eine niedrigere, als wir gemeinhin denken. Isaksen betont: „Die Arbeiter müssen fühlen: ‚Was ich hier jeden Tag tue, hat einen Sinn, eine Bestimmung.‘“

Auch wenn es bei mir nur für jeweils zwei Tage war – ich hatte das Gefühl, mein Job hatte einen Sinn. Wer will schon ölverschmierte Schrauben kaufen? Und Petra Schmidt? Will meine Verbesserungsvorschläge an den Autor weitergeben. Wenn es nach mir ginge, könnte ich mich ruhig öfter in Monotonie üben.

*Name geändert

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