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Placebo-Effekt Wenn im Kopf großes Kino entsteht

Mehr Wie, weniger Was: Freundlichkeit und aktives Zuhören sind die Geheimwaffen in jedem Gespräch.
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Werden sie subjektiv als angenehm oder gar schön wahrgenommen, können sie eine Art Schutzraum bieten. (Foto: Lauren Peng on Unsplash)
Macht der Wörter

Werden sie subjektiv als angenehm oder gar schön wahrgenommen, können sie eine Art Schutzraum bieten.

(Foto: Lauren Peng on Unsplash)

Hamburg Fliederbeersuppe. Liebesfülle. Zypressenhain. Es gibt Situationen, da können subjektiv als angenehm oder gar schön wahrgenommene Wörter eine Art Schutzraum bieten: vor der sich immer mal wieder bahnbrechenden Ohnmacht, das Leben nicht länger so gestalten und planen zu können, dass alles irgendwie gut wird.

Passend dazu kann im Kopf großes Kino entstehen. Dies wiederum entfaltet im Idealfall ein fantastisches Eigenleben – und somit genügend Macht, in einen Bewusstseinszustand der vollkommenen Ruhe zu gelangen. Solche imaginativen Momente haben das Zeug, sich intensiv, meditativ, bestenfalls kurativ gegen Ungewissheiten zu stemmen.

Willkommen im Reich des mentalen Gesundheitstrainings; der Wirkmacht innerer Bilder und starker Wörter; des Willens, der Berge versetzt – und damit auch des Placeboeffekts, einem der faszinierendsten Forschungsfelder für die Medizin der Zukunft. Auch wenn dieses Phänomen von Kritikern immer noch ähnlich geschmäht wird wie die Homöopathie und Masernimpfung, so ist es doch längst gesellschaftsfähig geworden und im medizinischen beziehungsweise psychologischen Wissen angekommen. Ob es dort auch so genutzt wird, dass es im besten Sinne funktioniert, ist ein großes Thema.

Doch zunächst zurück auf null. Fast jedem sind Placebos und die daran gekoppelten Effekte ein Begriff: meist als Synonym für „eingebildeten Nutzen“, wenn „richtige Medizin“ durch „Leergut“ ersetzt wird – aus welchem ethisch vertretbaren Grund auch immer, in Medikamentenstudien etwa. Platon hat das Ganze als „legitimierte Lüge“ bezeichnet.

So wird das heute nicht mehr gesehen, jedenfalls nicht grundsätzlich. Wissenschaftlich wird der Placeboeffekt als Zusatznutzen verstanden, der jede Therapie optimieren kann. Nachgewiesen wurde das zunächst bei Schmerzen. Als 2011 erstmals gezeigt werden konnte, dass Schmerz den gleichen Abschnitt im Gehirn aktiviert wie Einsamkeit, schloss sich ein Kreis. Seither lässt sich besser erklären, warum ängstliche und depressive Menschen anders auf Schmerzen reagieren, zum sozialen Rückzug neigen und tendenziell mehr Schmerzmittel einnehmen.

Von seiner besten Seite kann der Placeboeffekt sich zeigen, wenn im Gespräch auf Ängstigendes verzichtet wird.
Alles schwingt

Von seiner besten Seite kann der Placeboeffekt sich zeigen, wenn im Gespräch auf Ängstigendes verzichtet wird.

Jenes Hirnareal regelt nicht die Wahrnehmung von Schmerz, sondern die emotionale Reaktion darauf. Die Studienautoren schrieben seinerzeit: „Wenn man die Dinge so betrachtet, leuchtet es unmittelbar ein, dass Verständnis, Mitgefühl und Unterstützung
körperliche Beschwerden lindern können.“ Nun ja, seelische auch. Mit anderen Worten: Reden hilft und ist direkt an die Stimmung zwischen Arzt/Therapeut und Patient/Klient gekoppelt. Freundlichkeit spielt eine große Rolle.

Was nach Binse klingt, kann in Zeiten gewaltiger Kommunikationsdefizite auch in der Medizin nicht genug betont werden. Die Ökonomisierung der Gesundheitsberufe allgemein ist zumindest mitverantwortlich für fürchterliche Versäumnisse und folgenintensive Fehler im Bereich der schlecht vergüteten „sprechenden Medizin“.

Dabei ist das ausführliche Gespräch die Basis für den Erfolg einer Behandlung. „Ich gehe sogar so weit zu sagen, dass aktives Zuhören die Medizin der Zukunft sein wird, sonst wird keine Medizin mehr sein“, formuliert es Professor Gian Domenico Borasio, Leiter der Palliative Care-Abteilung am Universitätsspital Lausanne, in der TV-Dokumentation „Sterben verboten? Wie Hightech-Medizin den Tod verändert“ (2017).

Aktives Zuhören – die ärztliche Urtugend – ist die Voraussetzung für eine vertrauensvolle Beziehung zwischen Behandlern und „Leid-Tragenden“. Was ihnen helfen kann bei der Entlastung, sollte sich auch mit ihren Überzeugungen treffen. Zu dem Zweck sollte man sie aber erst mal erreichen – und ihre Erlebnis- und Gefühlswelten erfassen: ihre Persönlichkeitsstrukturen, Defizite und Ressourcen erkennen und wahrnehmen, wie sie mit der Krankheit, mit Sorgen, Nöten und Befürchtungen umgehen.

Danach kommt die verständliche Vermittlung von Informationen, das Darstellen therapeutischer Möglichkeiten und der erwartbare Nutzen. Für die Privatdozentin Dr. Regine Klinger ist dieses Vorgehen von unschätzbarem Wert: „Damit macht man sich die Erwartungen zunutze, die Patienten an Mediziner, Methoden und Medikamente haben, um die Compliance und damit die Behandlungsergebnisse zu beeinflussen“, hat die ärztliche Psychotherapeutin am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf auf einer Pressekonferenz des jährlich stattfindenden Deutschen Schmerzkongresses gesagt.

Komplexe Mechanismen

Viele Arbeiten haben inzwischen untersucht, wie der Placeboeffekt auf Gehirn und Psyche und letztlich auf den gesamten Organismus wirkt. Es handelt sich um komplexe Mechanismen mit einem hochaktiven Endorphinsystem. Verschiedenste Botenstoffe
fluten den Körper und lösen vielfältige Reaktionen aus: beruhigen, triggern gute Gefühle und stillen eben auch Schmerz.

Von seiner besten Seite kann der Placeboeffekt sich zeigen, wenn im diagnostischen Gespräch auf Ängstigendes verzichtet wird und die Maßnahmen positiv, aber dennoch realitätsnah erörtert werden. Im Rahmen gezielter ganzheitlicher Ansätze hat er dann ein zusätzlich erhebliches Potenzial, die Selbstheilungskräfte zu mobilisieren und bestimmte Hirnaktivitäten zu verändern.

Das wirkt sich gleichsam auf die Bereiche der Verhaltensänderungen aus und maximiert die Wahrscheinlichkeit, dass einmal getroffene Vereinbarungen ein- und beibehalten werden. „In manchen Fällen können diese Prozesse eine größere Rolle für die Genesung spielen als die Therapie selbst – als das Pharmakon oder gar eine Operation“, ergänzte Klinger in der Konferenz. „Über solche feinen Wechselwirkungen sollten sich Behandelnde bewusst sein und ihre eigene Rolle als Mediator ernst nehmen.“

Denn es geht auch anders, ganz anders. Der Schatten des Placeboeffekts ist der Noceboeffekt. Und der gilt als Katastrophe. Falsche Botschaften falsch rübergebracht steigern die Frustration beim Patienten, die Bereitschaft, eine Therapie anzunehmen, sinkt
gegen null. Verstärkt werden solche Effekte durch Ärzte/Therapeuten mit schlechtem Ruf, fehlender Empathie, manipulativer Ideologie, Mangel an Zeit und Interesse.

Negative Erwartungshaltung

Weitere Handicaps seitens eines Patienten sind mangelnde Motivation, Misstrauen in die Kompetenz des Gegenübers, Ideologien und eine insgesamt negative Erwartungshaltung. „Noceboeffekte führen dazu, dass eine wirksame Behandlung nicht besser hilft als Zuckerwatte“, hat der Psychiater, Psycho- und Schmerztherapeut Dr. Claus Derra aus Bad Mergentheim auf demselben Kongress festgestellt.

Einmal mehr: Es kommt immer auf das Wie an, weniger aufs Was. Das passt, denn in der Kunst der Sprechens sollen ja nur 15 Prozent der Wörter wirksam sein. Wichtiger ist der Tonfall (35 Prozent) und wie das Gesagte über die nonverbalen Signale der Mimik und Gestik begleitet werden (50 Prozent). „Man kann nicht nicht kommunizieren“, hatte bereits der Großmeister der Kommunikationsforschung, Paul Watzlawik, im kalifornischen Palo Alto in den 1990er-Jahren postuliert. Weniger reden wäre gut, zu viel heiße Logorrhoe, „Sprechdurchfall“.

Doch selbst damit nicht genug. Zu guter Letzt hängt jegliches, noch so empathisch vermittelte Heilsversprechen von der Bereitschaft ab, sich beeinflussen zu lassen. Hier hat die Forschung die „Externalisierer“ und „Internalisierer“ ausgemacht: Je weniger
Eigenverantwortung Menschen für sich und ihre Gesundheit übernehmen, umso stärker lassen sie sich von außen leiten und reagieren auf Placebos – sie externalisieren.

Der andere Typus ist der Ansicht, dass er sich selbst am besten helfen kann und reagiert auf Placebos eher gering. Auch nicht auf all die schönen Wörter.

Mehr: Teurer Wein ist besser: Warum der Placeboeffekt auch im Marketing eine Rolle spielt.

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