Buntes, poppiges Interieur

Minimalismus ist anders – Münchener Prunk erst recht.

(Foto: Lovelace_web_Paulaner)

Rath checkt ein: „Lovelace München“ Übernachten im einstigen Vorstandsbüro

Im einstigen Gebäude der Hypo-Vereinsbank hat das weltweit erste Pop-up-Hotel eröffnet – ein einmaliges disruptives Konzept. Aber funktioniert das in der besten Lage Münchens?
  • Carsten K. Rath
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Dass auch die ewig gleichen Player am Hotelmarkt irgendwann Konkurrenz von disruptiven Konzepten bekommen? Liegt nahe. Bisher fand diese Revolution eher auf dem Buchungsmarkt statt, und die Übernachtungshoheit der großen Ketten blieb unangetastet.

Diese Lücke aber entdeckten 2017 in Gregor Wöltje und Michi Kern zwei smarte Entrepreneure. Sie eröffneten als erstes Pop-up-Hotel der Welt das „Lovelace“ in München. Und zwar nicht irgendwo, sondern in Triple-A-Lage im Herzen der Altstadt, direkt hinter dem Bayerischen Hof am Promenadenplatz, im ehemaligen Gebäude der Hypo-Vereinsbank.

Wöltje und Kern waren die lachenden Dritten bei einem Disput zwischen zwei Granden der Grandhotellerie – Alexandra Schörghuber und Innegrit Volkhardt. Die Konkurrentinnen haben zwei Dinge gemeinsam: ihre Liebe zur Hotellerie sowie das enorme Erbe, das sie jeweils angetreten haben.

Die eine als Chefin der Schörghuber Immobiliengruppe von ihrem Schwiegervater, die andere als geschäftsführende Gesellschafterin des Bayerischen Hofs von ihrem Mann.

Die schwere Bausubstanz kontrastiert ein nur als ironisch zu bezeichnender Einrichtungsstil. Quelle: Steve Herud
Durchdachte Disruption

Die schwere Bausubstanz kontrastiert ein nur als ironisch zu bezeichnender Einrichtungsstil.

(Foto: Steve Herud)

Alexandra Schörghuber, heißt es, habe dann über eine ihrer Gesellschaften das ehemalige Gebäude der Hypo-Vereinsbank in Triple-A-Lage direkt hinter dem Bayerischen Hof mit weiteren anschließenden Gebäuden erworben. Das musste Innegrit Volkhardt stören – Konkurrenz direkt vor der Haustür. Aus informierten Kreisen verlautete, dass für das Gebäude bereits ein Managementvertrag mit der Rosewood-Gruppe existieren soll – Grund zur Sorge für den Bayerischen Hof.

Denn Rosewood ist weltweit bekannt für hervorragende Servicestandards, einzigartige Hardware, besonders große Zimmer – also exzellente Grandhotellerie. So begann ein Rechtsstreit zwischen den beiden Grandes Dames. Bis der beendet ist, hätte das Juwel mitten in der Altstadt brachgelegen.

Hier kamen nun Wöltje und sein Geschäftspartner, der Gastronom Kern, ins Spiel, die sich das Gebäude mit einem zeitlich begrenzten Pachtvertrag bis 2019 sicherten.

Gelegen am Promenadenplatz, sind viele Sehenswürdigkeiten und die Kulturstätten buchstäblich nur einen Katzensprung entfernt. Quelle: Lisa Miletic
Toplage in München

Gelegen am Promenadenplatz, sind viele Sehenswürdigkeiten und die Kulturstätten buchstäblich nur einen Katzensprung entfernt.

(Foto: Lisa Miletic)

Aus Sicht von Alexandra Schörghuber im doppelten Sinne ein cleverer Zug: Sie verdient eine gute Pacht mit einer Immobilie, die sonst leer gestanden hätte. Und sie erschließt die Lage in direkter Nachbarschaft der Konkurrenz mit einem Hotelbetrieb, der schon mal für Schlagzeilen sorgt.

So begünstigte der Kampf zweier Giganten ein disruptives Geschäftsmodell. Bleibt die Frage: Hat ein solches Konzept heute überhaupt schon das Potenzial, die großen Player zu ärgern? Wird das ungewöhnliche Hotel im Epizentrum der Münchener Elite angenommen? Und wie steht es um die Qualität?

Im Vorgarten der Aristokratie

Es gibt kein Hotel in München, das das Lovelace nicht um seine Lage beneiden würde: Der Promenadenplatz im Herzen der Altstadt ist ein Epizentrum der Münchener Society. Viele der zentralen Sehenswürdigkeiten und wichtigsten Kulturstätten sind buchstäblich nur einen Katzensprung entfernt.

Nordöstlich liegen der Hofgarten und die Bayerische Staatskanzlei. Zur Isar geht es entlang der Maximilianstraße, rund um den Promenadenplatz befinden sich die wichtigsten Spielstätten der Film- und Theaterszene sowie die angesagten Adressen des Münchener Nachtlebens; von all den Premium-Shoppingoptionen und Toprestaurants der Altstadt ganz zu schweigen.

Während der Münchener Filmfestspiele oder des Oktoberfests erzielt das Lovelace Durchschnittsraten von 350 Euro pro Nacht, sonst etwa 200 Euro. Und an Society-Events mangelt es München das ganze Jahr über wahrlich nicht.

Aber ist ein Pop-up-Hotel von Nicht-Hoteliers inmitten der besten Hotels der Stadt diesen Preis überhaupt wert? Das Lovelace-Team mit seinem gemischten Background aus Gastronomie, Kunst, Mode, Nachhaltigkeit, Design, Fitness und Musik hat sich von dieser Frage zum Glück nicht hemmen lassen, als es das Konzept für das Lovelace entwickelte.

Ironische Einrichtung

Von außen sieht das Lovelace aus, wie ein Grandhotel eben aussieht. Das Gebäude der einstigen Bayerischen Staatsbank, direkt neben dem Eingang der Fünf Höfe, ist von derselben klassischen Eleganz wie der Bayerische Hof gegenüber. Der Name Lovelace ist eine Anspielung auf die englische Mathematikerin Ada Lovelace aus dem 19. Jahrhundert. Die Tochter von Lord Byron legte mit ihrer Arbeit nicht weniger als den Grundstein für spätere Programmiersprachen und wird von manchen als die erste Programmiererin der Welt betrachtet. Eine Disruptorin ihrer Zeit also.

Genau wie Lovelaces Vita überrascht der erste Blick in die Lobby des Hotels. Der schwere Marmor des Original-Treppenhauses und das gläserne Atrium, das wie der Großteil des Gebäudes 2004 eingebaut wurde, werden mit dem maximalen Kontrastprogramm konterkariert – ja, die Einrichtung ist nur als ironisch zu beschreiben.

Hier ist alles Pop, bunt, Hightech: Graffiti-Kunst, überdimensionale Neonschriftzüge, knallige Designermöbel. Schwarze Tapeten mit floralen Mustern, die sich Oscar Wilde auf einem Opiumtrip ausgedacht zu haben scheint. Knallrote Akzente, minimalistische Sitzecken wie aus einem Bistro, ein integrierter Pop-up-Store mit Kunstbüchern. Minimalismus ist anders – Münchener Prunk erst recht.

Wohnen im einstigen Vorstandsbüro

Das Lovelace verfügt nur über 30 Zimmer, darunter fünf Suiten und ein Apartment. Mein Zimmer mit der Nummer 104 ist das ehemalige Büro des Vorstandsvorsitzenden der Hypo-Vereinsbank, Albrecht Schmidt. Ein halbrundes Eckzimmer mit feinstem Parkett, bodentiefen Fenstern und einer schätzungsweise viereinhalb Meter hohen Decke. Die reduziert. Vor allem das Bett und die Wäsche von Mühldörfer sind großartig.

Im einstigen Büro des Vorstandschefs der Hypovereinsbank ist die Einrichtung reduziert, aber hochwertig. Quelle: Steve Herud
Das Zimmer 104

Im einstigen Büro des Vorstandschefs der Hypovereinsbank ist die Einrichtung reduziert, aber hochwertig.

(Foto: Steve Herud)

Im obersten Stockwerk gibt es nicht nur eine Bar und die wunderschönen Putten des alten Gebäudes zu bewundern, sondern auch – einen Boxstall. Der Pächter hat die Räumlichkeit an den Boxtrainer untervermietet. Man könnte das als absurd abtun. Oder man erkennt es als cooles Feature. So ticken junge Entrepreneure: Keine Synergie ist zu abwegig. Im Boxstall sind alle Kurse ausgebucht.

Fehlt es dem Lovelace, vor allem gemessen an den Preisen, an klassischen Ausstattungsmerkmalen eines Grandhotels? Klar. Fine Dining und einen Spa sucht man hier vergebens. Der Aufwand hätte für anderthalb Jahre Betriebsdauer einfach keinen Sinn gemacht. Brandwände, Bäder und andere Einbauten zu installieren war aufwendig genug, wie mir Gregor Wöltje berichtet, der eigentlich Architekt ist.

Aber mal ehrlich: Wir sind in der Altstadt von München. Hier verhungert keiner ohne Not. Eher wird es langweilig in all dem Überfluss – aber nicht im Lovelace. Statt eines Spas gibt es einen Barbershop.

Klassische Ausstattungsmerkmalen eines Grand Hotels wie Fine Dining oder Spa sucht man im Lovelace vergebens. Quelle: Steve Herud
Cooler Barbershop statt Spa

Klassische Ausstattungsmerkmalen eines Grand Hotels wie Fine Dining oder Spa sucht man im Lovelace vergebens.

(Foto: Steve Herud)

Und für Abwechslung sorgen Pop-up-Stores und ein tägliches Kulturprogramm von Konzerten über Lesungen bis Ausstellungen und viele Firmenevents. Das Lovelace versteht sich eben nicht als Hotel, sondern als Happening; die Events tragen massiv zum Umsatz bei.

Für das 21. Jahrhundert angemessener Service

Die Macher des Lovelace haben erkannt, dass die Hotelkonzepte der Zukunft sich vor allem über ihren Service definieren werden. Pop-up-Hotels sind per definitionem vergänglich. Das ist nicht unbedingt ein Nachteil der Idee: Was ist ein Hotelaufenthalt, wenn nicht eine Momentaufnahme im Leben der Gäste?

Die Hardware kommt angesichts der Vergänglichkeit nicht ohne Improvisation und Kompromisse aus. Hier könnte ein Nachteil gegenüber den etablierten Hotels mit Topausstattung liegen. Doch dieser mögliche Nachteil lässt sich gerade im digitalen Zeitalter mit innovativem Service ausgleichen.

Genau der bestimmt die Qualität der Momentaufnahme Hotelaufenthalt – würden nur mehr Hotels das erkennen.

In diesem entscheidenden Punkt macht jedenfalls das Lovelace alles richtig. Rezeptionist Mike begrüßt mich wie einen verlorenen Freund. Sofort springt er hinter dem Tresen hervor, sofort ist sein Arm auf meiner Schulter, sofort Kontakt.

„Wir haben uns schon auf Sie gefreut!“, strahlt er mich gut gelaunt an. „Darf ich Sie erst mal durchs Haus führen? Das müssen Sie gesehen haben. Und dann bringe ich Sie gleich auf Ihr Zimmer.“

Kein kompliziertes bürokratisches Prozedere. Kein „Zimmernummer?“-Terror. Kein Durchreichen von Mitarbeiter zu Mitarbeiter. Mike macht alles selbst. Mike kümmert sich um mich.

„Die Mitarbeiter sind ultrawichtig“, sagt Wöltje. „Die Idee allein rechtfertigt den Umsatz nicht.“

Liebe Grandhoteliers: Kümmert euch um eure Mitarbeiter. Denn sie kümmern sich um eure Gäste. Wer einmal so begrüßt und betreut wurde wie im Lovelace, der hat keinen Bock mehr auf meterhohe Tresen und schlecht gelaunte Rezeptionisten, die am Bildschirm kleben.

Nach dem Check-in gehe ich in die Bar – und dort empfängt mich Rebecca, die Gastro-Leiterin des Hauses. Sie braucht, ähnlich wie Mike, ungefähr 0,5 Sekunden, um Gastfreundschaft auf Augenhöhe aufzubauen. Rebecca schenkt mir erst mal ein Glas Wein ein – aufs Haus –, setzt sich zu mir und bringt mich ins Plaudern. Eine echte Gastgeberin. So etwas ist mir schon lange nicht mehr in einem Fünf-Sterne-Hotel passiert.

Neben dieser Bar in der Lobby gibt es im oberen Stockwerk eine großzügige Event-Bar, in der es sich auch mit 500 Gästen ausschweifend feiern lässt. Zu ihr gehört auch eine angeschlossene kleine Rooftop-Bar über den Dächern der Altstadt.

Für dieses Hotel sind keine Tiere gestorben

Eine Enttäuschung ist leider der Frühstücksservice. Die etwas rustikal agierende russische junge Dame, die hier an diesem Tag regiert, passt so gar nicht zur charmanten, herzlichen Art des restlichen Teams.

Eine Aushilfe? Auf meine Frage, ob ich Eier bestellen könne, weist sie mich moralinsauer zurecht: Das sei hier ein veganes Hotel, und damit müsse ich mich schon arrangieren. Das kann man auch anders sagen.

Ganz Unrecht hat sie allerdings nicht: Wer hier eincheckt, kann und sollte vorher wissen, dass er für seine Haxn woanders einkehren muss. Und die veganen Gerichte im Lovelace, nicht nur beim Frühstück, sind exzellent. Luxus ist eine Frage der Wahlfreiheit.

Die werden die Gäste auch in der Hotellerie in Zukunft verstärkt haben.

Dass das weltweit erste Pop-up-Hotel nicht in New York oder Singapur steht, sondern in München, ist für mich ein begrüßenswertes Zeichen, auch wenn es manchen Hotelier nervös machen wird. Ich freue mich auf das neue Grandhotel, das in diesem Haus entstehen wird, genauso wie auf den nächsten Pop-up-Disruptor. Konkurrenz belebt das Geschäft.

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