Saint-Tropez

Im Herbst kehrt Ruhe ins mondäne Fischerdorf ein – bis auf das letzte Oktoberwochenende.

(Foto: hemis.fr/Getty Images)

Saint-Tropez Wenn im exklusivsten Fischerdorf der Welt der Ausverkauf beginnt

Die Grande Braderie ist das Schlussverkauf-Spektakel von Saint-Tropez. Da wühlen auch elegante Damen in Körben mit reduzierter Spitzenunterwäsche.
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Saint-TropezDer Herbst in Saint-Tropez kann sich sehen lassen. Die Temperaturen sind spätsommerlich, goldenes Licht scheint auf die Blätter der Platanen, das Meer hat angenehme 23 Grad. Die Massen an Touristen, die je nach Budget die Campingplätze und Ferienhäuser in den Sommermonaten belagern, ist weg. Doch noch einmal lockt ein großes Spektakel ins exklusivste Fischerdorf der Welt: der Schlussverkauf Grande Branderie am letzten Oktoberwochenende.

Nach der traditionsreichen Regatta Voiles de Saint-Tropez, zu der sich die schönsten klassischen Yachten und die modernsten High-tech-Racer Anfang Oktober versammelten, hatten Gastronomen und Einzelhändler des Ortes zwei Wochen Zeit für eine Verschnaufpause, bevor der letzte Großevent des Herbstes stattfindet.

Schon bald kündigten Plakate und Flaggen die Braderie an. Beim großen Schlussverkauf räumen die exklusiven Boutiquen des Ortes ihre Läger vor den weniger einträglichen Wintermonaten. Traditionell findet der Schlussverkauf am zweiten Wochenende der französischen Herbstferien statt, für viele deutsche Touristen ist das Wochenende vor dem neuen Buß- und Bettag und Allerheiligen der perfekte Termin, um sich noch einmal ein verlängertes Wochenende an einem der schönsten Plätze des Mittelmeers zu gönnen.

Die Aussicht, hochwertige Textilien für einen Schnäppchenpreis zu ergattern, lockt jedes Jahr an den vier Ausverkaufstagen mehrere zehntausend Besucher in den Ort, diesmal ab dem 26. Oktober. Der Stau auf der Küstenstraße D98 – in den Sommermonaten berühmt-berüchtigt – beginnt spätestens bei dem großen Kreisverkehr, der die einzige Straße entlang des Küstenortes mit den Orten Cogolin, Grimaud und Sainte-Maxime verbindet.

Wer nicht früh genug unterwegs ist, wird – endlich am Ziel angekommen – mit der unschönen Leuchtschrift „complet“ am großen Parkplatz am Hafen empfangen. Und wer auf einen Parkplatz und die damit verbundenen Gebühren verzichten möchte und im Bus anreist, steht meist im selben Stau.

Im Herbst kehrt Ruhe ins mondäne Fischerdorf ein – bis auf das letzte Oktoberwochenende. Quelle: hemis.fr/Getty Images
Saint-Tropez

Im Herbst kehrt Ruhe ins mondäne Fischerdorf ein – bis auf das letzte Oktoberwochenende.

(Foto: hemis.fr/Getty Images)

Cleverer ist es, von den umliegenden Hafenstädten Sainte-Maxime, Port Grimaud, Port Cogolin oder auch Hyeres mit der Fähre anzureisen. Die Bateaux Vert bieten für das Spektakel Sonderfahrten an. Wer es nicht so weit hat, fährt ansonsten mit dem Rad oder dem Motorroller an den im Stau stehenden Blechkarossen vorbei.

Der innere Bereich des Ortes ist für die Braderie durch Polizisten abgeriegelt wie für ein großes Konzert. Der Besucherstrom wird durch Ein- und Ausgänge in Bahnen gelenkt, eine Taschen- und Tütenkontrolle wird von den Besuchern als notwendige Sicherheitsmaßnahme akzeptiert.

Ist die Einlasskontrolle geschafft, bietet sich dem Besucher ein Bild, das so gar nicht zu Saint Tropez passen will. Vor nahezu allen Geschäften der schmalen Straßen und engen Gassen sind Tapeziertische und Kleiderstangen aufgebaut, von denen aus die Schnäppchen direkt verkauft werden. Eine gigantische Open Air-Einkaufswelt, deren Anziehungskraft weder durch einen Regenschauer noch durch den zuweilen sehr heftig stürmenden Mistral getrübt wird.

Die Aussicht auf Schnäppchen lockt jedes Jahr mehrere zehntausend Besucher nach Saint-Tropez. Quelle: Bruhns
Braderie

Die Aussicht auf Schnäppchen lockt jedes Jahr mehrere zehntausend Besucher nach Saint-Tropez.

(Foto: Bruhns)

Bei so viel vermeintlichen Schnäppchen wühlen auch elegant gekleidete Damen in großen Körben mit reduzierter Spitzenunterwäsche, probieren auf der Straße ein paar Sandalen an oder nehmen kurz entschlossen von der angesagten, locker sitzenden, mit Mohairwolle verfeinerten Strickjacke zwei Stück mit.

Weiter geht es im Inneren der Geschäfte, durch die sich in diesen vier tollen Tagen Menschentrauben schieben. Vor den Stores besonders angesagter Marken, zum Beispiel dem französischen Modelabel Ba&sh in der Rue Général Allard, bilden sich regelmäßig lange Schlangen, immer nur eine bestimmte Anzahl von Personen wird zugleich in das Geschäft eingelassen.

Die französische, vom Chic der Modehauptstadt inspirierte Kollektion verspricht ihren Trägerinnen auch im Büro einen lässigen, modischen Look – Grund genug für viele Frauen, sich bei der Braderie mit neuen Stücken, zum Teil auch aus der aktuellen Herbst/Winterkollektion, die ebenfalls um rund 20 Prozent reduziert angeboten wird, einzudecken.

Große Pappkartons mit italienischer Aufschrift beweisen bei North Sails (Rue Gambetta und aktuell mit einem Pop Up Store am Hafen), der lässigen Sportswear- und Segelmarke, dass zur Braderie auch Restposten und Produktionsüberschüsse aus den Boutiquen der angrenzenden Regionen nach Saint-Tropez gebracht werden.

War der Ursprung der Braderie vor allem der Wunsch der Stadtväter, den Einzelhändlern vor Beginn der Wintersaison noch einmal zu einem satten Umsatzplus zu verhelfen, kalkulieren viele Boutiquen und Franchisenehmer inzwischen die Braderie in ihre Warenbestellung fest mit ein. Wer bei dem italienischen Label Bocci (ebenfalls Rue Général Allard) ein paar neue Herrenhemden sucht, freut sich nicht nur über den günstigen Preis pro Hemd für 40 Euro (und drei für 100 Euro), sondern auch über die große Auswahl verschiedener Designs und Größen.

Fast wie auf dem Flohmarkt mutet die Atmosphäre in der Rue Gambetta vor dem Geschäft der französischen Kinder-Nobelmarke Tartine et chocolat an. Nur, dass die entzückenden kleinen Kleidchen keine Vorbesitzerin hatten, sondern als Neuware aus großen Wäschekörben, ursprünglich mal nach Größen sortiert, direkt vor der Ladentür verkauft werden.

Kaum eine Frau schafft es, wenn sie denn die Tür zur Filiale von Make up forever am Quai Gabriel Péri erreicht hat, den kleinen Laden ohne zumindest eine Kleinigkeit für die eigene Schönheit wieder zu verlassen. Die Verkäuferinnen – sonst bemüht, jede Kundin individuell zu beraten – können in dieser Ausnahmesituation nur noch durch Präsenz glänzen. Und schaffen es zumindest, einige Kunden davor zu bewahren, im Shoppingrausch die Tester anstelle der neuwertigen Ware zu kaufen.

Nicht selten wird die Beute in großen Shoppern der Luxusmarke Louis Vuitton verstaut. Plagiate der angesagten Lederwaren sieht man hier auf der Straße selten. Doch wer hofft, bei der Braderie das ersehnte Luxus-Bag ein bisschen günstiger zu bekommen, irrt. Die echten Nobelmarken Gucci, Louis Vuitton und vor allem Hermès beteiligen sich nicht an der Braderie. Ein dezentes Schild an der Eingangstür verrät: „Non Braderie“. Nicht selten haben die exklusiven Geschäfte an den Tagen einfach geschlossen.

Vom Schieben, Drängeln, Anprobieren und in der Kassenschlange stehen müde lohnt es sich, den Ort und das beeindruckende Konsumverhalten westeuropäischer Schnäppchenjäger aus einem gemütlichen Café heraus noch einmal eingehend zu betrachten.

Besser als an einem der berühmten roten Tischchen bei Bäcker Senequier am Quai Jean Jaurès sitzt man nirgends. Bei einem Getränk mit Blick auf die tütenbepackten Powershopper gewinnt man wieder den nötigen Abstand. Alternativ bietet - gerade in den Nachmittagsstunden – der Balkon der Bar des Hotel Sube am Quai Suffren einen phantastischen Ausblick auf den Hafen und den Rummel in den umliegenden Straßen.

Nicht bestätigt wurde bisher das Gerücht, das einige Geschäfte bereits einen Tag vor Beginn der Braderie an Stammkunden und Ortsansässige einige reduzierte Teile verkaufen. Bestätigt ist dagegen, dass die Stunde der ultimativen Schnäppchenjäger am Montagnachmittag, dem letzten Verkaufstag der Braderie, schlägt. Denn keiner der Händler möchte auch nur ein Teil mehr als nötig zurück ins Lager räumen. Also gibt es noch einmal die allerletzten, radikalen Preisnachlässe.

Winterliche Ruhe kehrt ein

Sind die letzten Tische abgeräumt, kehrt in dem kleinen Ort tatsächlich so etwas wie winterliche Ruhe ein. In den Monaten November bis Februar haben einige Boutiquen ganz geschlossen, andere öffnen nur tageweise oder für wenige Stunden am Tag.

Wer dann den kleinen Küstenort besucht, kann sich wieder an der mediterranen Lebensart und dem besonderen, entspannten Savoir Vivre erfreuen. Und bei einem Glas Rosé auf dem immer etwas staubigen Marktplatz Place de Lices den Petanque-Spieler bei ihrer täglichen Partie zusehen, die sich von dem ganzen Rummel so gar nicht beeindrucken lassen.

Die diesjährige Grande Braderie Saint-Tropez findet vom 26. bis 29. Oktober statt, die Geschäfte haben täglich von 9 bis 19 Uhr geöffnet. www.sainttropeztourisme.com/fr/les-evenements/26102018-0000-grande-braderie-des-commercants/

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