Karin und Stefan Reinhartshausen

Sie ist Herrin der Finanzen, er der Herr des Weins auf Schloss Reinhartshausen.

(Foto:  Schloss Reinhartshausen)

Serie: Die Weinmacher Wie die Lergenmüllers Schloss Reinhartshausen aus dem Dornröschenschlaf erweckten

Das traditionelle Weingut im Rheingau lag am Boden. Winzer Stefan Lergenmüller kaufte es und modernisierte behutsam – vor allem den Wein.
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EltvilleEin Schloss zu besitzen, diesen Traum haben viele Menschen. Doch nur wenige können ihn sich erfüllen. Wenn zu dem Schloss noch einige Weinberge in bester Lage, ein Park und die größte Insel im Rhein gehören, dann ist das ja fast schon als unverschämt zu bezeichnendes Glück. Oder einfach eine gute Gelegenheit. Eine zu gute Gelegenheit, um sie verstreichen zu lassen, sagt Stefan Lergenmüller.

Der 53-Jährige ist Schlossherr auf dem Weingut Reinhartshausen in Eltville im Rheingau, direkt am Rhein und an der Grenze zwischen Rheinland-Pfalz und Hessen gelegen. Seit 1337 wird hier Wein angebaut. Seit 2013 hat hier, auf dem größten privaten Weingut der Region, die Familie Lergenmüller das Sagen.

Die Lergenmüllers sind Pfälzer, durch und durch. Das angestammte Familienweingut liegt in Hainfeld, zwischen Landau und Neustadt an der Weinstraße, und ist seit 1538 auf Burgundersorten und Rotwein spezialisiert. Gemeinsam mit Schloss Reinhartshausen und dem „Boutique“-Weingut Sankt Annaberg gehört der Familie die wohl größte Anbaufläche in Privatbesitz in Deutschland. Man kennt sich aus mit Wein.

Stefan Lergenmüller setzt im Rheingau traditionell auf Riesling. Dort sind gut 78 Prozent aller Anbauflächen dieser Rebsorte gewidmet, deutschlandweit ist dieser „Weiße“ mit einem Anteil von rund 23 Prozent die meistangebaute Sorte. Winzer fahren in der Regel gut damit: Deutscher Riesling ist international hoch angesehen, in vielen Spitzenlagen werden die traditionsreichen Trauben gezogen.

So auch auf und um das Schloss Reinhartshausen herum. Doch wer in das noch weiter wachsende Geschäft mit dem Riesling einsteigen will, der kann nicht allein mit gutem Wein punkten. Die Qualität muss exzellent sein, oder er muss eine außergewöhnliche Geschichte erzählen können. Im besten Fall beides.

Seit 1337 wird hier Wein angebaut, seit 2013 haben die Lergenmüllers das Sagen. Quelle:  Schloss Reinhartshausen
Schloss Reinhartshausen

Seit 1337 wird hier Wein angebaut, seit 2013 haben die Lergenmüllers das Sagen.

(Foto:  Schloss Reinhartshausen)

Ein Qualitätsmerkmal hierzulande ist die Mitgliedschaft im Verband Deutscher Prädikats- und Qualitätsweingüter (VdP). Schloss Reinhartshausen war damals Gründungsmitglied, doch die Mitgliedschaft ist mit der Übernahme erloschen. „Das Thema ist für mich abgeschlossen“, sagt Lergenmüller. „Wir gehen heute unseren eigenen Weg und das gelingt uns auch ohne Mitgliedschaft.“

Vor dem Kauf war das uralte Weingut mit seinen 80 Hektar Anbaufläche, alten Rebstöcken und Brunnenlagen im Besitz einer Interessengemeinschaft, die aber an der Rentabilität verzweifelte. Interessenten für die Filetstücke gab es reichlich, verkauft werden sollte jedoch alles in eine Hand.

Die Lergenmüllers erfuhren eher zufällig davon, dass das Gut zu erwerben sei. Stefan Lergemüller sagt, dass letztlich sein Gesamtkonzept den Ausschlag zu seinen Gunsten gegeben hätte. Das und, wie sich in der Branche erzählt wird, ein Geldbetrag im erheblich zweistelligen Millionenbereich. Für den Winzer, der in Geisenheim Weinbau studierte und unter anderem in Südafrika sein Wissen und seine Kunst verfeinerte, stand die Möglichkeit im Vordergrund, Schloss Reinhartshausen neues Leben einzuhauchen.

„Als Winzer ist es das höchste, was man erreichen kann“, sagt Stefan Lergenmüller, „es ist ein faszinierender Betrieb.“ Aber es war kein einfacher. 2013 war der internationale Ruf des Weinguts im sprichwörtlichen Keller, dem Vernehmen nach wurden die Erzeugnisse mehr im Fass und weniger in Flaschen verkauft.

Als passionierter Winzer, so Stefan Lergenmüller, überlegt man da nicht. Aus betriebswirtschaftlicher Sicht schon eher. „Wir kommen ganz gut über die Runden, aber das Weingut ist kein Investment im klassischen Sinne“, erklärt der Schlossherr. Herrin der Finanzen ist Karin Lergenmüller, seine Ehefrau, promovierte Betriebswirtin und Professorin für Marketing und Allgemeine BWL an der Hochschule Rhein-Main. Ihr Job ist es, die Ideen ihres Mannes in realwirtschaftliche Bahnen zu lenken.

Denn Schloss Reinhartshausen ist ein zweigeteiltes Weingut: Es gibt klassische Lagen auf dem Festland, hinzu kommt die Insel Mariannenaue mit der Besinnung auf die historischen Rebsorten wie der rote Riesling und der Adelfränkisch, der dort neu gepflanzt wurde. Dort haben der sogenannte gemischte Satz, verschiedenen Rebsorten nebeneinander gepflanzt, und der wilde Hopfen eine neue Heimat gefunden.

Stefan Lergenmüllers Leidenschaft für sein Projekt zeigt sich in vielen Details. Und in vielen Ideen. Nach fünf Jahren auf dem Schloss, das mehr einem Gutshof ähnelt als Neuschwanstein, kennt er beinahe jeden Winkel, jeden Stein. Nur umgedreht hat er nicht jeden, ganz bewusst. Viele Mitarbeiter, darunter der Kellermeister, wurden übernommen. Die Familie schaute sich an, was vorhanden ist und modernisierte behutsam. Das galt zuerst für den Kern des Guts: den Wein.

Der Ertrag auf Schloss Reinhartshausen läge knapp unter der Hälfte der maximal möglichen 50 Hektoliter pro Hektar – deswegen werden jedes Jahr lediglich rund 500.000 bis 600.000 Flaschen dort abgefüllt.

Die Preise liegen im mittleren und oberen Preissegment an. Wer möchte, kann hier für eine Jahrgangsflasche auch dreistellige Beträge investieren. Da sind die Raritäten aus der mit übernommenen Schatzkammer, deren Kaufpreis Stefans Bruder Jürgen Lergenmüller einmal mit 6,5 Millionen Euro angab, noch nicht einmal mit einbegriffen.

Blick auf die Exportmärkte

„Man braucht eine gewisse Größe, um all die Kosten zu decken, gerade weil wir viele Aushilfskräfte haben, die wir auch gut bezahlen möchten“, sagt Lergenmüller, wenn er auf den gesamten Familienbesitz angesprochen wird. Im internationalen Vergleich sei man sehr klein, aber „ein gewisses Volumen ist wichtig, damit wir gerade die Exportmärkte immer bedienen können.“

50 Prozent seiner Erzeugnisse gehen ins Ausland, dafür reist Stefan Lergenmüller auch selbst rund um die Welt, zuletzt verstärkt nach Asien, wo der Absatzmarkt für Wein, nun, zu Größe reift. „Wir haben ein Interesse, unser Weingut global aufzustellen und haben auch große Erfolge im Ausland“, sagt der Gutsbesitzer. Das sind in erster Linie die asiatischen Märkte, aber auch Skandinavien, USA, Kanada und zunehmend die Benelux-Staaten.

Die Reinhartshausen-Flaschen werden mit einem markanten, preußisch-blauen Etikett versehen, das auch auf dem chinesischen Markt Tradition vermitteln soll. Aber wie soll ein Chinese verstehen, was beispielsweise auf dem Etikett steht: 2015 Hattenheimer Wisselbrunnen Riesling Trocken, Erste Lage, Schloss Reinhartshausen?

„In China weiß jeder Weinliebhaber innerhalb kurzer Zeit per Internet, dass dieser Wein aus einer sehr kleinen und begehrten Einzellage stammt. Und er weiß, wie viele Flaschen von dieser Lage produziert werden und kennt den durchschnittlichen Preis dieser Weine“, erläutert Lergenmüller seine Verkaufserfahrungen im Reich der Mitte.

Hier haben historische Rebsorten wie roter Riesling und Adelfränkisch eine neue Heimat gefunden. Quelle:  Schloss Reinhartshausen
Insel Mariannenaue

Hier haben historische Rebsorten wie roter Riesling und Adelfränkisch eine neue Heimat gefunden.

(Foto:  Schloss Reinhartshausen)

Der hohe Exportanteil hilft den Lergenmüllers auch, dass sie nicht den klassischen Verkaufsweg über die Discounter gehen müssen. Denn der Lebensmitteleinzelhandel hat zusammen mit den Discountern einen Marktanteil beim Volumen von rund 75 Prozent; jede vierte Flasche wird bei Aldi verkauft. Die Supermärkte wollten natürlich auch ihre Regalen mit bekannten Namen füllen, so Lergenmüller, „aber darauf sind wir glücklicherweise nicht angewiesen.“

Was dem Winzer mit seinem Faible für Kreationen und Details auch in die Hände spielt, ist der Gesellschaftstrend zu bewusstem Genuss und Regionalität. Inzwischen ist es Kunden bei vielen Nahrungsmitteln und Getränken wichtig, deren Herkunft nachvollziehen zu können. Ein Credo, das sich das Weingut auf die Fahne, oder vielmehr die Website schreibt: „Je enger die Herkunft eines Weines gefasst ist, desto höher seine Qualität.“

Die Familie Lergenmüller spürt nach eigenem Bekunden ein steigendes Interesse an hochwertigen Weinen und den besonderen Riesling-Lagen. Wo früher einfache, fruchtige Weine getrunken wurden, fragen Kunden heute nach Herkunft, Produktion und komplexem Geschmack. Im alten Gasthaus des Schlosses entsteht auch deswegen derzeit eine Verkostungs-Location, die den Wein erlebbar und zum Erlebnis machen soll. „Wir werden im November dieses Jahres eine Vinothek mit angeschlossener Weinbar unter der Leitung eines sehr bekannten Sommeliers eröffnen, um gerade diese Genusswelt einem breiten Publikum zu öffnen.“

Nicht ganz so breit öffnet sich die Mariannenaue, die Insel im Rhein, nur mit dem Boot zu erreichen und ein Naturschutzgebiet. Ein paar alte Gemäuer stehen dort, die derzeit als Wohnraum renoviert werden. Wer vom Strand weiter Richtung anderes Ufer schwimmt, überquert schon die Landesgrenze. Umgekehrt machen das immer wieder Wildschweine, die auf dem Vogelparadies auf Beute aus sind und aus Schutzgründen bejagt werden müssen. Resultat sind Bratwürste aus eigener Herstellung.

Kräutergarten für den hauseigenen Gin

Auf der Insel experimentiert Stefan Lergenmüller nicht nur mit einigen historischen Rebsorten. Auch ein Wildkräutergarten für den hauseigenen Gin ist hier angelegt. Hochwasser hat im vergangenen Jahr wilden Hopfen angeschwemmt, aus dem ein Bier wurde. Bei jedem Erzeugnis schwingt mit: Es ist nicht aus einer Laune heraus entstanden. Und es ist tief auf Schloss Reinhartshausen verwurzelt.

Zu jeder Ecke seines Kellers, zu jedem Fass, jedem Jahrgang, jedem Edelschimmel, jeder Geschmacksnote vermag der Winzer etwas zu sagen. Bisher, sagt Lergenmüller, haben seine Frau und er sich gegen einen finanzstarken Partner für den Ausbau entschieden. Für einzelne Projekte außerhalb des Kerngeschäfts, der Brennerei oder den Gebäuden, sei so etwas aber durchaus denkbar. Er lässt jedoch auch durchblicken, dass er gut damit fährt, seine eigenen Entscheidungen zu treffen.

Unbemerkt geblieben ist die Entwicklung des Gutes in der Weinszene nicht. Der „Weinguide“ des Gourmet-Standardwerks Gault & Millau kürte Stefan Lergenmüller Ende 2017 zum „Aufsteiger des Jahres“. Aus einem „Dornröschenschlaf“ habe er Schloss Reinhartshausen erweckt, heißt es dort. „Mit Pfälzer Ruhe steuerte er selbstbewusst und mit jungem Team das Flaggschiff der Rheingauer Weinkultur in nur fünf Jahren aus der Schlagseite“, heißt es in der Begründung der Experten-Jury.

Den Kaufpreis gab Stefan Lergenmüllers Bruder Jürgen einmal mit 6,5 Millionen Euro an.
Raritäten in der Schatzkammer

Den Kaufpreis gab Stefan Lergenmüllers Bruder Jürgen einmal mit 6,5 Millionen Euro an.

Sie schwärmt von „strahlenden Rieslingen“, vor allem aber von einer „Gesamtvision für das Gut, geprägt von Exzellenz, Weltoffenheit, Nachhaltigkeit und Gastfreundschaft.“ Der Winzer vermerkt das Lob, aber er prahlt nicht damit. Er schwärmt für seinen Betrieb, für seine Weine, für seine Familie und sein Team.

Nur für sich selbst lässt er lieber Taten sprechen. „Nicht arbeitsscheu“, charakterisiert er sich selbst. Das Abenteuer Schloss Reinhartshausen scheint ihn jedoch langfristig zu binden. „Ich bin jetzt nicht mehr 18 Jahre alt“, antwortet Lergenmüller vielsagend auf die Frage, ob er noch einmal ein Weingut kaufen würde. „Man kann das nicht ausschließen, aber im Moment fühlen wir uns im Rheingau zu Hause. Wir wollen hierbleiben.“

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