Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke

Serie „Genusslust“ Singapore Sling: Ein Damen-Drink wird zum Cocktail-Klassiker

Bevor Corona die Welt zum Stillstand brachte: Auf ein Glas in der Long Bar des legendären Raffles Hotels, wo ein pfiffiger Barkeeper einen Kult erschuf.
29.03.2020 - 10:09 Uhr Kommentieren
Hier wurde vor über hundert Jahren der Cocktail-Klassiker Singapore Sling kreiert. (Foto: Michael F. Basche)
Die Long Bar im Raffles

Hier wurde vor über hundert Jahren der Cocktail-Klassiker Singapore Sling kreiert.

(Foto: Michael F. Basche)

Singapur Das hat was von einem Paralleluniversum: Vandalismus wird mit dem Rohrstock bestraft, Kaugummis sind nahezu verboten, die Trottoirs erscheinen klinisch sauber, lässiger Umgang mit Abfall zieht hohe Bußgelder nach sich. Hier aber – nur ein paar Meter Luftlinie von der Straße entfernt – gehört es zum guten Ton, Erdnüsse aus der Schale zu pellen und letztere ebenso kleinteilig wie großzügig auf dem Fußboden zu verteilen.

Weit vor der Tür lädt ein Jutesack voller Peanuts erstmals zu großzügiger Selbstbedienung ein, es knirscht bereits vernehmlich unter den Schuhsohlen: Auf ein Glas in einer der berühmtesten „Kneipen“ der Welt, bevor Corona ebendiese zum Stillstand bringt. In der Long Bar des Raffles Hotels in Singapur, wo vor über hundert Jahren der Cocktail-Klassiker Singapore Sling kreiert wurde.

Das Objekt des begehrlichen Besuchs wird in einem hohen Tulpenglas serviert, auf dem sich ein Paar im Vintage-Look zuprostet, ist knallig pink und hat eine dünne weiße Schaumkrone, schmeckt süßlich und macht die Lippen klebrig. Der Legende nach hat Barkeeper Ngiam Tong Boon den Drink 1915 erfunden. Als Angebot des Raffles für durstige Damen.

Die Long Bar war damals schon ein beliebtes „Watering Hole“, ein Wasserloch für pichelnde Plantagenbesitzer, die aus Malaysias Kautschuk- und Palmöl-Pflanzungen in Singapur einfielen, bei Whisky, Gin oder Rum unter der Raffles-Veranda an der Bras Basah Road saßen und den lustwandelnden Ladies hinterherschauten. Für die wiederum galt der Genuss von Alkohol in der Öffentlichkeit als unschicklich, die Etikette ließ allenfalls Fruchtsaft und Tee zu.

Top-Jobs des Tages

Jetzt die besten Jobs finden und
per E-Mail benachrichtigt werden.

Standort erkennen

    Also ersann der pfiffige Ngiam eine Melange aus Gin, Cherry Brandy, Cointreau und Bénédictine. Vermischt mit Ananas- sowie Limettensaft. Dazu kräftige Dashes von Grenadine und Angostura Bitter für die feminine Farbgebung. Obendrauf Ananas und Maraschino-Kirsche. Kurz, eine hochprozentige Angelegenheit in der Optik unschuldiger Fruchtigkeit, die zum Kult wurde und den Legendenstatus der Long Bar begründete.

    Überall im Insel- und Stadtstaat Singapur schütteln die Barkeeper den Sling sozusagen aus dem Handgelenk, der streng genommen eher ein kalter Punsch ist. Doch nur in der Long Bar hat es diesen Touch von Authentizität, wenngleich die Schlange am Eingang belegt, dass das zweigeschossige Etablissement mit dem 13 Meter langen Tresen längst kein Hort gepflegter Trinkkultur mehr ist. Sondern ein Touristen-Hotspot, der auf dem Sightseeing-Programm steht wie Merlion, das Fabelwesen aus Löwenkopf und Fischkörper am Rand der Marina Bay, Wahrzeichen von Singha Pura (Sanskrit), der Löwen-Stadt. Einst im Ballsaal des Raffles platziert, wanderte die Long Bar im Zug diverser Renovierungen an ihren heutigen Standort in den ersten Stock der Raffles Arkaden, wo sie für die Laufkundschaft halt mühelos von der North Bridge Road aus zu erreichen ist.

    Wer‘s weniger öffentlich mag, der muss im Raffles einchecken. Gästen des Luxushotel zuvorderst steht die Writers Bar offen, in der sich Dichterfürsten wie Joseph Conrad, Hermann Hesse, Somerset Maugham, Noël Coward oder Rudyard Kipling von der Muse des Müßiggangs küssen ließen.

    Der „Dschungelbuch“-Autor verewigte die Herberge auch in seinen Reiseerzählungen „From Sea To Sea“ (1899). Allerdings nur bedingt schmeichelhaft. Es sei „ein Platz, wo das Essen exzellent und die Zimmer mies sind“, schrieb Kipling über das 1887 von dem armenischen Bruder-Quartett Sarkies als Bungalow mit zehn Übernachtungsräumen gegründete Raffles. Benannt ist es nach Singapurs Gründer, dem britischen Staatsmann und Forscher Sir Thomas Stamford Raffles.

    Heute dürfte selbst Kipling mehr als zufrieden sein. Nach der letzten millionenschweren Renovierung präsentiert sich die Nummer eins der Hotelkette Raffles International als Oase inmitten Singapurs Geschäftigkeit. Mit perlweißen Arkaden, tropischen Gartenanlagen, exquisiten Niederlassungen des Shopping-Who‘s Who und Restaurant-Dependancen von kulinarischen Künstlern wie Alain Ducasse oder Jereme Leung. Derweil rauscht draußen der Lärm der Großstadt eher entrückt vorbei.

    Auch heute noch gibt es die Nüsse kostenlos zum Drink dazu. (Foto: Michael F. Basche)
    Cocktail mit Erdnüssen

    Auch heute noch gibt es die Nüsse kostenlos zum Drink dazu.

    (Foto: Michael F. Basche)

    Einen kurzen Fußmarsch entfernt, feiert abends die Stuttgarter Automanufaktur Porsche den Launch ihres Elektro-Renners Taycan für Singapurs kaufkräftige Klientel. Vor der farbgewaltig illuminierten Silhouette des Kolosses Marina Bay Sands. Unter einer Kuppel von 250 Drohnen, die als Lichtpunkte im Nachthimmel schweben. Samt Vorstellung der Design-Kooperation mit Lucasfilm für den letzten Streifen der Star-Wars-Saga. Inklusive Aufmarsch imperialer Sturmtruppen und sonstiger Figuren des Sternenkriegs.

    Eifrig beklatscht überdies von 60 treuen Porsche-Piloten, die für ein paar Tage aus aller Welt eingeflogen sind, um im Sentosa Golf Club auf der gleichnamigen Freizeitinsel vor Singapur ein Turnier des Porsche Golf Circle auszutragen. Hier das Raffles Hotel als splendider Kokon kolonialer Herrlichkeit, dort globalisierte Freizeitkultur und der Aufbruch in ferne Galaxien – deutlicher kann ein Kontrast kaum sein. Wie gesagt: Es hat was von einem Paralleluniversum.

    Zum Schluss wäre noch das Rätsel der Erdnussschalen aufzulösen: Anfang des 20. Jahrhunderts kosteten die Peanuts genau das. Deswegen wurden sie in der Long Bar unentgeltlich angeboten. Und die Gäste angehalten, das Drumherum einfach fallen zu lassen. Denn es half beim Auskehren der Bar, weil der Staub auf dem Holzboden durch die Schalen gebunden und somit vom Besen nicht aufgewirbelt wurde. Die Reinigungsmethode mag sich geändert haben, die Tradition aber bleibt erhalten.

    In der Serie „Genusslust“ erzählt unser Autor Michael F. Basche von genießerischen Erlebnissen mannigfacher Art, die – bei entsprechender Gelegenheit – alle eines gemeinsam haben: Zur Nachahmung empfohlen. Und wenn es in Zeiten von Corona erstmal auch nur Phantasietrips sind …

    Mehr: „Genusslust“: Schlemmen in Schottland – Zum Lunch bei Prinz Charles

    Startseite
    Mehr zu: Serie „Genusslust“ - Singapore Sling: Ein Damen-Drink wird zum Cocktail-Klassiker
    0 Kommentare zu "Serie „Genusslust“: Singapore Sling: Ein Damen-Drink wird zum Cocktail-Klassiker"

    Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

    Zur Startseite
    -0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%