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Serie: Hofglück Warum guter Honig so viel mit glücklichen Bienen zu tun hat

Die Biene als Hochleistungsnutztier oder gleich „Beyond Honey“? Unvorstellbar für einen Imker aus dem Weimarer Land, der von den Tieren viel lernt.
29.02.2020 - 12:02 Uhr Kommentieren
Der frühere Elektro-Ingenieur und Berufsschullehrer hält rund 40 Bienenvölker. (Foto: Spa & GolfResort Weimarer Land)
Horst Kämpfer

Der frühere Elektro-Ingenieur und Berufsschullehrer hält rund 40 Bienenvölker.

(Foto: Spa & GolfResort Weimarer Land)

Saalborn Frühlingsalarm Mitte Februar. 14 Grad, die Sonne über dem Weimarer Land gaukelt den winterdösigen Bienen schon wieder seit Tagen vor: Auf, auf, Frühjahrsputz. Behausung – die Beute genannt – säubern, zum Reinigungsflug durchstarten, Autos verschmieren. Mal sehen, ob in der Lindenstadt Blankenhain an der Thüringer Porzellanstraße schon was zu holen ist.

Vielleicht auch in den alten Buchen- und Fichtenwäldern rund um Saalborn, einem knapp 300-Seelen-Ort mit einer Kirche aus dem 12. Jahrhundert und einer Eibe, die als größte Thüringens gilt. Oder auf den sanft hügeligen Streuobstwiesen des Spa & GolfResorts Weimarer Land. Am besten aber gleich hier, im direkt angrenzenden Habitat von Regina und Horst Kämpfer, hinter deren Gartenzaun einst Goethe wanderte.

„Ich hab schon Bananenstauden bestellt“, scherzt der Elektro-Ingenieur und Berufsschullehrer im hochaktiven Unruhestand. Er zeigt auf die sprießenden Winterlinge und Gänseblümchen, die sich anschicken, auf seinem ausgedehnten Grundstück einen leuchtenden Blütenteppich auszurollen. Doch wirklich witzig findet er das Hin und Her des Wetters nicht.

Zusammen mit seinem Sohn Mathias hält er im Sommer plusminus 40 Bienenvölker á 70.000 bis 150.000 Tieren. Mit dem Wissen und der Erfahrung aus inzwischen 20 Jahren artgerechter Haltung und Zucht in einer Umgebung jenseits von Stress und intensiver Landwirtschaft kann der 68-Jährige viel erzählen darüber, wie ein vor Jahrmillionen angeschobenes Ökosystem zwischen Blühpflanzen und den effizientesten Bestäubern der Welt zerstört wird – wie die Klimafalle mit Jahren ohne richtigen Winter die Zyklen verschiebt, inzwischen um fast vier Wochen.

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    Ein ernstes Thema. Bei aller Faszination für das Universum der Biene mit nahezu 500 Arten eine Gratwanderung, die den Hobby-Imker umtreibt. „Die milden Tage seit Januar und eine viel zu früh erwachende Natur bewirken, dass die Arbeiterinnen ihr neu angelegtes Nest für die Nachkommen vorzeitig auflösen, weil sie an den frischen Nektar der Blüten wollen. Es gibt aber noch keinen.“

    „Ihr Leben bleibt ein Wunder, ein Geheimnis.“ (Foto: Spa & GolfResort Weimarer Land)
    Bienen bei der Arbeit

    „Ihr Leben bleibt ein Wunder, ein Geheimnis.“

    (Foto: Spa & GolfResort Weimarer Land)

    Stattdessen: knackige Nacht- und Spätfröste. Ein fataler Kreislauf, den Bienen und Brut am Ende nicht überleben, weil die einen sich tot daran arbeiten, die anderen zu wärmen, füttern, schützen. Die es schaffen, sind schwach und anfällig für Viren und Varroa Destructor – eine zwei Millimeter winzige flügelfressende Milbe, die Maja und ihren mehr oder minder wilden Schwestern das Leben zur Hölle macht. Der Parasit gilt als bedeutsamster Bienenschädling, importiert im Zuge der Globalisierung, nachdem der Mensch die asiatische mit der europäischen Biene gekreuzt hatte.

    Als Honigproduzent ist ein solches Volk ein Totalausfall, es muss sich zunächst erholen. Für den wirtschaftlichen Erfolg des Imkers hat es vorerst keine Bedeutung. „Das nehmen wir in Kauf, denn sein Wert für die Bestäubung in der Natur bleibt ja erhalten. Wir versuchen einfach, es weiterleben zu lassen, damit es sich im nächsten Jahr stabilisiert“, sagt Regina Kämpfer, Zahntechnikerin a.D. Sie sichert die Qualität bei der Verarbeitung des Honigs und weiß: Man imkert nur mit großer Sachkenntnis und dem Herzen gut.

    Letzteres ist für die Berufsimkerei jetzt nicht so hilfreich. Der Job des Berufsimkers ist es, die Vielflieger gewinnbringend einzusetzen. Längst sind auch sie Hochleistungsnutztiere mit nur einem Ziel: Ertrag. Maximaler Ertrag. Die Lust der Leute weltweit auf den Energiespender ist riesig, vor allem die der Deutschen.

    Für sie wird jedes vierte Glas importiert, laut Deutschem Imkerbund vor allem aus Mexiko, Argentinien, Rumänien, da hierzulande gerade 20 Prozent des Bedarfs hergestellt werden. Ein Grund: 95 Prozent der 150.000 Imker sind Freizeitimker. Ein anderer: Die Beschäftigung mit Bienen und ihren Produkten ist arbeitsintensiv, zeit-, kosten- und wissensaufwendig.

    Familie Kämpfer hat fleißige und faule Tiere und damit einen Ertrag, der pendelt: zwischen 30 und 35 Kilogramm von einem Volk und 80 und 100 Kilogramm von einem anderen. Macht 2.000 bis 3.000 Gläser und 30 Waben in 40 mal 20 Zentimeter großen Holzrahmen, die binnen eines halben Jahres ausverkauft sind. „Unsere Bienen führen ein Leben, das wir nur beeinflussen, wenn es ihrer Gesundheit dient. Die Idee ist: Sie sollen autark sein und ihre Ruhe haben“, betont der Experte.

    Dann skizziert er grob, was das Bienensterben und Blütenmassaker noch befeuert: Monokulturen, Äcker voller Insektizide, Virenkrankheiten wie die amerikanische Faulbrut, gegen deren Sporen nur Verbrennen des Volks hilft. Und verstört damit, wie sich der Mensch einen perfekt organisierten, kommunikationsstarken und ursprünglich von ihm unabhängigen Superorganismus untertan gemacht hat. Den Profit im Sinn.

    Zum Beispiel, indem er der Königin einen Flügel stutzt, um den Schwarmtrieb zu unterdrücken. Kräftige Völker nutzen den frühsommerlichen Überfluss an Nektar und Pollen, um auszuschwärmen, an Bäumen in Trauben abzuhängen, sich zu teilen, vermehren und neue Behausungen zu erkunden. Werden die gefunden, sind sie weg. Heißt für den Imker: Verluste bei Hofstaat und Honigmengen, zumal das Schwärmen in die Erntezeit im Mai, Juni fällt.

    Oder er schickt die Königin per Post um die Welt zu sogenannten Kürstationen, wo mittels künstlicher Befruchtung mit Spermien besonders guter Drohnen die nächsten Generationen größer, schöner, besser werden sollen. Das funktioniert so lange, bis aus friedfertigen Exemplaren hochaggressive werden. Ursache unklar, vermutlich Stressspuren im Genpool. Kämpfer: „Wir hier lassen selbst bei der Vermehrung der Natur freien Lauf.“

    Die Steigerung des Wahnsinns findet sich in den USA, wo es den klassischen Imker fast nicht mehr gibt. In Riesenanlagen mit 50.000 bis 100.000 Völkern ähnelt seine Arbeit der von Masttierhaltern. Da werden Bienenkisten auf Sattelzügen durchs Land gekarrt, um sich für Bestäubungsleistungen bezahlen zu lassen – was die Tiere nicht überstehen würden, wären sie nicht mit Zuckerlösung, Pollen und Medikamenten vollgepumpt.

    In einem schonenden Verfahren werden die Waben vom Wachs befreit. (Foto: Spa & GolfResort Weimarer Land)
    Entdeckelung

    In einem schonenden Verfahren werden die Waben vom Wachs befreit.

    (Foto: Spa & GolfResort Weimarer Land)

    Apropos Zuckerlösung. Es gibt Honig, der nie eine Biene gesehen hat, „Beyond Honey“ sozusagen. Der geht so: Honig besteht wie Zuckersirup auch aus Glukose und Fruktose. Man nehme etwas Hokuspokus und schon sieht Sirup aus wie Honig. Ein halbierter Fake ist Honig gestreckt mit dem Zuckerzeug. Und Honig aus Nicht-EU-Ländern ist zumindest nicht kontrolliert. „Wenn Gier keine Grenzen mehr kennt, läuft etwas schief“, sinniert der Herr der friedlichen Bienen. Er hat für die Zucht immer nach „Freundlichkeit“ ausgelesen.

    Was hätte Goethe wohl gesagt? Vielleicht das: „Es muss von Herzen kommen, was auf Herzen wirken soll“. Passt, wir kriegen gerade noch die Kurve weg von der totalen Entzauberung der Imkeridylle – um tief ins Kämpfer-Biotop einzutauchen. Hier, 20 Autominuten südlich von Weimar, spiegelt der Honig die vielfältige Vegetation in einem Bienenflugradius von zwölf bis 15 Kilometern, kostbare Naturreinheit, gesunde Bedingungen. Obendrein kommt die Energie einer malerischen Landschaft in die Wabe.

    Und eben Warmherzigkeit. Regina und Horst Kämpfer sind seit 1971 ein Paar und seit 25 Jahren in Saalborn verwurzelt. Die Atmosphäre in ihrem lauschigen Einfamilienhaus, das bis 1981 ein Hühnerhof war, ist geprägt von einer innigen Dynamik, die zwischen beiden herrscht. Kann das an der kongenialen Ergänzung von Wissenschaft (er) und Intuition (sie) liegen?

    Zustimmendes Lachen. „Im Sinne der Insekten funktioniert der tägliche Lernprozess nur so, weil der kurze Draht zum Austausch nötig ist“, sagt er. Sie: „Ich verstehe vieles im Kosmos der Bienen nicht. Wieso, weshalb, warum – ihr Leben bleibt ein Wunder, ein Geheimnis für mich.“

    Das ist es für ihn auch, als seine Karriere als Imker 1998 mit zwei Völkern startet. Zwei Jahrzehnte später, inklusive krankenhausreifer Stiche, intensiver Fortbildungen im Weimarer Bienenmuseum, unzähliger Zuchterfahrungen, Imkerlegenden und Expertentipps, kann er sagen: „Meine Lebensqualität hat um ein Mehrhundertfaches zugenommen. Wer sich um Bienen kümmert, hat plötzlich zu tun mit genauem Hingucken: Wie sehen Landschaften aus, wie werden Lebensmittel erzeugt, all die Dinge.“

    Was der Mann mit der tiefenentspannten Ausstrahlung aber eigentlich lernt, ist das Runterfahren, in ruhiges Fahrwasser kommen, allemal nach 16-Stunden-Tagen, die er auch heute noch absolviert. „Die Bienen disziplinieren, sie lassen sich ja selbst nicht hetzen. Wenn ich mich mit ihnen beschäftige, muss ich alles andere ausblenden.“ Therapeutisch wirkende Stunden bei Wesen, die zum Spiegel der Gesellschaft geworden sind. Was zeigt sich? „Wir haben fünf nach Zwölf.“

    Wo die Nahrungskette mit Respekt beginnt: Unsere Autorin besucht ausgewählte Erzeuger, die mit Lust auf Handwerk und mit hochqualitativen Produkten einer konsequent ethischen Kulinarik den Weg ebnen.

    Mehr: Die Antwort auf Tomatenketchup kommt aus dem Alten Land.

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