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SIHH in Genf Die milliardenschwere Uhren-Industrie macht wieder glänzende Geschäfte

Die Krise der Uhrenhersteller ist vergessen. Ohne Politiker wie Donald Trump würden sich die Luxusmarken allerdings noch wohler fühlen.
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Die Marke verkauft neben Füllern und Leder-Accessoires auch immer mehr wertvolle Uhren. Quelle: picture alliance/KEYSTONE
Präsentation am Montblanc-Stand

Die Marke verkauft neben Füllern und Leder-Accessoires auch immer mehr wertvolle Uhren.

(Foto: picture alliance/KEYSTONE)

GenfDer wichtigste Mitarbeiter der Schweizer Uhrenindustrie ist weder Ingenieur noch Designer. Es ist ein übergewichtiger Amerikaner im Rentenalter mit einer fast manischen Social-Media-Begeisterung. Wenn Donald Trump nachts via Twitter mal wieder die Welt durchschüttelt, können sie in den Manufakturen in Genf, Le Brassus oder Schaffhausen ihre Wirtschaftsprognosen gleich wieder in den Kamin werfen.

Denn Geld – und Luxus aller Art hat damit ja nicht unwesentlich zu tun – ähnelt einem scheuen Reh. Es verschwindet sofort ins Unterholz, wenn ein bolleriger Senior mit dem Charme einer Schrotflinte auf die Lichtung der globalen Politik bricht.

In einer Welt, in der ein einziger Tweet reiche, alles zu verändern, wage er keine Prognose mehr, lacht Nicolas Baretzki, Chef von Montblanc, das zum Schweizer Luxusgüterkonzern Richemont gehört.

Und der wiederum ist der Haupttreiber des Salon International de la Haute Horlogerie (SIHH), einer Art Leistungsschau der Uhrenbranche, die gerade wieder in Genf stattfand.

Rund ein Drittel der dort vertretenen 35 Edelmarken gehört zu Richemont – von Montblanc, das neben Füllern und Ledertaschen eben auch immer mehr kostbare Uhren produziert, über IWC, Piaget oder Jaeger-LeCoultre bis zu Vacheron Constantin, Cartier und Roger Dubuis. Insofern sind die Richemont-Zahlen auch ein Fieberthermometer der gesamten Luxusbranche.

Und offenbar geht es dem Patienten, der in den vergangenen Jahren unter Einbrüchen in China und weltweiter Terrorangst litt, durchaus wieder gut, versicherte Richemont-Finanzchef Burkhart Grund am Rande des SIHH. Sein Konzern wächst in allen Weltregionen – bis auf Europa, wo eben nicht nur Trump, sondern auch Brexit-Sorgen und französische Gelbwesten-Proteste auf Stimmung und damit Konsum drücken.

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„Das Einzige, was man heute planen muss: mehr als einen Plan zu haben“, sagt Wilhelm Schmid, Chef der deutschen Prestigefirma A. Lange & Söhne, die ebenfalls zu Richemont gehört. Zwar zögen jetzt „bei vielen Marken die Geschäfte wieder an“, beobachtet Martin Frei, Co-Gründer, Miteigentümer und Chefdesigner der Schweizer Manufaktur Uhrwerk.

„Andererseits weiß man nie, wie lange das gutgeht. Dafür sorgt schon Donald Trump. Es ist schlimm, was die Welt mit diesem Mann derzeit durchmacht.“

Die Branche ist gut aufgestellt

Und Jean-Claude Biver, eine Art Pate der Schweizer Uhrenindustrie, mahnt: „Der schlimmste Feind für den Luxus ist die Unsicherheit. Sie provoziert die Leute zum Sparen. Diese Unsicherheit herrscht derzeit überall – in der Politik, an den Börsen, in den Unternehmen.“ Bis vergangenes Jahr hat Biver die Uhrenmarken des LVMH-Konzerns gesteuert: Zenith, Hublot und TAG Heuer.

Den Job musste der 69-Jährige zwar aus gesundheitlichen Gründen abgeben, aber schon um den Konkurrenten Richemont zu ärgern, kam er im Guerillastil wieder nach Genf, wo er seine Neuheiten dann nicht auf dem SIHH präsentierte, sondern im Kempinski unten in der Stadt.

Biver ist optimistisch: „Die Branche ist finanziell und industriell sehr gut aufgestellt.“ Das gilt auch für Platzhirsch Richemont, der gemeinsam mit der Swatch Group (Tissot, Omega, Breguet) für die Hälfte des Umsatzes der Schweizer Uhrenindustrie steht. Im wichtigen Weihnachtsquartal setzte der Konzern aus Bellevue 3,92 Milliarden Euro um – ein Plus von 25 Prozent, das indes auch Zukäufen geschuldet war.

Man hatte zuletzt den E-Commerce-Luxusspezialisten Yoox Net-a-Porter und die Uhrenplattform Watchfinder übernommen, womit man bereits mitten im verminten Gelände der ganzen Uhrenbranche ist: Wie soll man umgehen mit dem E-Commerce? Lohnen eigene Stores mehr als klassische Juwelierketten und Konzessionäre? Und wie lässt sich der digital blühende Grau- und Gebrauchtmarkt endlich domestizieren?

Um solche Fragen geht’s in der Welt der Marken-Chefs. Aber auf dem SIHH soll es ja auch um den Kunden gehen, der immer noch eher männlich, weiß und keine 30 mehr ist. Technikfreaks bekamen angesichts von Vacheron Constantins „Twin Beat“ zum Beispiel glasige Augen. Das Ding hat eine Art Schaltung, die eine sensationell lange Gangreserve von 65 Tagen möglich macht. Kostenpunkt: 217.000 Euro.

Aufwendige, aber eben auch kostspielige Hightech ist ohnehin en vogue. Allerorten fanden sich in Genf Ewige Kalender, Mondphasen, Minutenrepetitionen oder Tourbillons. Jaeger-LeCoultre hatte sogar zum Brexit die passende Uhr, die für etwa 950.000 Euro die Big-Ben-Melodie bimmeln kann.

Ihr Wachstum verdankt die Branche den teureren Modellen. Quelle: picture alliance/KEYSTONE
Zeit-Arbeit in Genf

Ihr Wachstum verdankt die Branche den teureren Modellen.

(Foto: picture alliance/KEYSTONE)

Und Richemont-Marke Roger Dubuis setzt gegen allen Nachhaltigkeits-Zeitgeist volles Rohr auf Hochgeschwindigkeits-Kooperationen mit Lamborghini und eine Uhr namens „Excalibur One-Off“ für über eine Million. Gibt’s nur einmal und ist schon verkauft.

Darf’s noch etwas mehr sein? Die Mini-Manufaktur Urwerk überraschte auf dem SIHH mit einem Zeitmesser fürs Handgelenk, der von einer mitgelieferten Atomuhr auf Trab gehalten wird und mit rund drei Millionen Euro zu Buche schlägt. Selbst für Dax-Konzernchefs oder Hidden Champions aus dem deutschen Mittelstand dürfte die Luft da allmählich dünn werden. Aber offenbar existiert global gesehen durchaus ein Markt für solche Zeitmesser.

Daneben gibt es auch Marken, die lieber mit Events punkten wollen als mit technischen Sensationen. IWC lockte mit einer Weltkriegs-„Spitfire“ in den eigens erbauten Messe-Hangar, der „den Spirit der vierziger Jahre atmet“, was man sich nicht allzu genau vorstellen möchte.

Dekoriert wurde die Uhr-Aufführung der neuen Pilotenuhren mit allerlei Models und „Markenbotschaftern“, Bradley Cooper abwärts. Da muss sich sogar Panerai strecken, das seine Sportuhren zum Komplettpreis von bis zu 40.000 Euro inklusive mehrtägigen Workshops mit Ultratieftaucher oder echten italienischen Militär-Kampfschwimmern anbietet.

Optimistisch ins aktuelle Jahr

Wer’s in der Industrie nicht allzu bunt treiben will, klettert in die Firmenarchive und legt sogenannte Heritage-Kollektionen auf wie Montblanc. Nostalgie geht immer. Auch andere setzen eher auf Ästhetik als Event und wollen einfach schön aussehen wie etwa Hermès, dessen Uhrenmanufaktur sich der modischen DNA des Pariser Hauses ebenso verpflichtet fühlt wie der in diesem Fall überwiegend weiblichen Kundschaft.

„Für dieses Jahr bin ich durchaus optimistisch für die Industrie als Ganzes, auch wenn die Welt instabil geworden ist“, sagte Hermès-Uhren-Chef Laurent Dordet.

Wenn man sich die Entwicklung der vergangenen 20 Jahre anschaue, „verdankt die Branche 100 Prozent ihres Wachstums den wertvolleren Uhrenkategorien, also jenen über 4000 Euro“, so Dordet. Die Rechnung vieler Branchenmanager: Kunden, die nur tausend Euro für eine Uhr ausgeben können, tragen die dann auch zehn Jahre.

Wer sich einfach mal eine für 50.000 leistet, ist zudem für immer neue Sondermodelle und Limited Editions empfänglich. Neben den Extrempreisen fällt auf, wie fast alle Unternehmen damit Sammler anlocken wollen. Etwa jene Cartier-Uhr, durch deren Zifferblatt 650 Diamanten rieseln und dabei für einen Augenblick das Antlitz von Cartiers Haustier, dem Panther, bilden. Kostenpunkt: 220.000 Euro.

Derweil startet die bislang eher für echte (und vermögende) Kerle gegründete französische Erfolgsmarke Richard Mille eine Ladys-Kollektion, die farblich aussieht wie eine fröhliche Mischung aus Haribo-Laden und Abba-Kostümverleih und preislich bei 126.000 Euro beginnt.

Die meisten Genfer Schätze werden wohl eher nicht auf dem Bielefelder IHK-Ball ausgeführt, sondern in Schanghai, Miami oder bei Milliardärs-Hochzeiten in Neu-Delhi, wo man mit dem Thema Reichtum unbefangener umgeht.

Es gibt deutsche Topmanager, die selbst ihre geliebte Audemars Piguet nur fernab des Büros tragen. Das Familienunternehmen aus Le Brassus vereinte auf der SIHH dieses Jahr alles, was Thema war: Mut zu hohen Preisen, Innovationsfreude, angstfreien Umgang mit Themen wie E-Commerce und großes Erbe: Audemars Piguet stellte eine komplett neue Kollektion namens „Code 11.59“ mit insgesamt 13 Modellen vor – und ertrug tapfer den ersten Shitstorm, der angesichts des neuen Designs über die Firma hinwegfegte.

Viel Feind, viel Ehr, das sei schon 1972 so gewesen, als man die längst legendäre „Royal Oak“ startete, sagte Olivier Audemars, Repräsentant der beiden Gründerfamilien. Auch er macht sich weniger Sorgen um sein Geschäft als wegen der Volten eines Donald Trump, der ja eher die Zukunft des Planeten bedrohe als nur ein paar Uhrenmanufakturen.

Audemars Piguet wird den SIHH übrigens nächstes Jahr ebenso verlassen wie Richard Mille. Und auch die andere Branchenmesse, die Baselworld im März, erlebt einen Aderlass. Zuletzt verabschiedete sich dort die Swatch Group. Ab nächstem Jahr wollen die beiden deshalb zeitlich zusammenrücken, um Kunden aus dem Ausland wenigstens nicht zwei Schweiz-Reisen zuzumuten.

Ende April 2020 geht’s für Uhrenfreunde erst nach Genf, dann direkt weiter nach Basel. Ob das die beiden Messen auf Dauer rettet? Die Zeit wird’s richten – wie fast alles in diesem Geschäft.

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1 Kommentar zu "SIHH in Genf: Die milliardenschwere Uhren-Industrie macht wieder glänzende Geschäfte"

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  • übergewichtiger Amerikaner im Rentenalter: Was wollen Sie als Journalist dadurch mittelen? bzw Was sagt das ueber Sie aus?

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