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Stilfrage Warum Rucksäcke nur auf den Berggipfel gehören

Sie zerstören den Sitz jedes Anzugs, malträtieren Mitmenschen und den eigenen Rücken. Dennoch sind Rucksäcke beliebt. Dabei gibt es bessere Alternativen.
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Vor allem im öffentlichen Nahverkehr ist ein Rucksack für Stil-Experte Berhard Roetzel ein No-Go. Quelle: Bruce Mars on Unsplash
Mann mit Rucksack

Vor allem im öffentlichen Nahverkehr ist ein Rucksack für Stil-Experte Berhard Roetzel ein No-Go.

(Foto: Bruce Mars on Unsplash)

Düsseldorf Jeder, der mindestens gelegentlich den öffentlichen Nahverkehr nutzt, kennt sie: Rucksäcke sind überall – zu sehen und zu spüren. An Schultern hängend, Jacken und Revers verzerrend, werden sie bei jeder Bewegung für die Umstehenden zur potentiellen Quelle für unfreiwilligen Körperkontakt.

Auf Fernstrecken versetzen riesige Exemplare ihre Träger beim Auf- und Absetzten in derart bedrohliches Schwanken, dass man sich unweigerlich fragt, was an so einem Ungetüm praktischer sein soll als an einem Koffer. In den passt schließlich genauso viel hinein, man hat ihn immer im Blick und nicht nur fürs stilistische Gleichgewicht ist gesorgt.

Wer einen Sitzplatz am Gang ergattert hat, ist an jeder Haltestelle auf Augenhöhe mit der Gefahr. Die äußere Lehne wird zur Sperrzone, wenn Passagiere mit Rucksack vorbeiziehen und diesen vor allem in Kurven gegen Arme und Schultern der bereits Sitzenden drücken. Dreht sich ein Rucksackträger im Gang oder versucht, anderen Platz zu machen, kommt einem sein Gepäck ganz besonders nahe.

Die höfliche Bitte, seinen Rucksack bitte aus dem eigenen Gesicht zu nehmen, versetzt dessen Träger meist in Erstaunen. Der Vorschlag, das Himalaya-taugliche Modell angesichts der beengten Platzverhältnisse morgens um halb neun in der Regionalbahn voller Pendler doch einfach mal kurz abzunehmen, löst dann völliges Entsetzen aus. Abnehmen? Meinen Rucksack? Unvorstellbar.

Auch Bernhard Roetzel, Autor von Stil-Ratgebern für Herrenmode (unter anderem der in 19 Sprachen übersetzte Klassiker „Der Gentleman“), beobachtet dieses Phänomen auf seinen vielen Reisen: „Ein Rucksack im öffentlichen Nahverkehr ist rücksichtslos. Dieses Accessoire braucht Weite, keine Enge.“ Allzu dogmatisch fällt das Urteil des Experten dann aber doch nicht aus: „Wie bei den meisten Stil-Fragen kommt es auf die Situation an. Beim Wandern, beim Fahrradfahren, auf der Jagd oder auf dem Weg zum Sport ist ein Rucksack sinnvoll.“

„Was haben die alle dabei?“

Doch gerade der Anblick von Männern mit Anzug und Rucksack im Berufsverkehr werfe für ihn Fragen auf: „Was haben die alle dabei? Wir leben doch heute so digital, Smartphone und Geldkarten passen auch in die Taschen des Anzugs – dafür sind sie ja da.“

Müsse etwa ein Anwalt dicke Akten und Gesetzestexte mit zu Gericht nehmen, seien ein Trolley oder ein Pilotenkoffer viel praktischer. Der schwere Inhalt muss nur geschoben werden, der Koffer selbst kann in der vollbesetzten Bahn platzsparend neben den Füßen platziert werden. So wie die klassische Aktentasche, die sich dank ihres meist festen Bodens auch noch als äußerst stabil erweist.

Effizient und praktisch, so mag es der deutsche Modekonsument eigentlich am liebsten. Nicht so, wenn es um den Rucksack geht. Dass in den meisten Modellen Unterlagen zerknittert werden, wird ebenso ignoriert wie die Tatsache, dass man noch nicht einmal an die obligatorische Wasserflasche herankommt, ohne sich die Schulter auszukugeln oder das heißgeliebte Accessoire doch einmal kurz abzusetzen. Und das im Sommer, wenn es unter den Nylon-Trägern und am gesamten Rücken ganz schön schweißtreibend zugehen muss.

Dass man Taschendieben mit dem Transport des Hab und Guts auf dem Rücken gerade in vollen Bahnen die wohl schönste nonverbale Einladung zum beherzten Zugreifen ausspricht und im schlechtesten Fall die Begeisterung für Rucksäcke auch noch mit Haltungsschäden und Rückenschmerzen bezahlt – Einwände wie diese werden resolut beiseite gewischt und der Brustgurt lieber noch ein bisschen fester geschnürt. Der Rucksack vereint Generationen, Geschlechter und Gehaltsklassen: Schulkinder tragen ihn ebenso wie rüstige Senioren, Mütter und Väter, Nachwuchs-Banker und Lehrer, Manager und Maler.

Doch wie hochwertig und luxuriös das jeweilige Modell auch verarbeitet sein mag: Spätestens wenn Schulterpolster im Spiel sind, wird es schwierig mit der Eleganz. Frauen in umwerfenden Business-Kostümen ruinieren den Sitz ihrer Outfits ebenso wie Männer den ihres Sakkos.

Das Revers verrutscht unter der Last, unterhalb des Rucksacks stehen Jacken ab, rutschen Säume hoch. „Die Träger verzerren den Sitz, aber eben davon lebt ja ein Anzug“, so Bernhard Roetzel: „Schulterpolster und Rucksack funktionieren einfach nicht zusammen.“

Zudem komme der Rucksack aus dem Sportbereich und sei in der Geschäftswelt unpassend. Aber gelten nicht auch Turnschuhe und Kapuzenpulli zum Sakko mittlerweile als akzeptierter Stilbruch? Der Mode-Experte zögert nicht lange mit seiner Antwort: „Man kann vieles als originell oder als Stilbruch bezeichnen. Besser sieht es dadurch aber auch nicht aus.“

Wie gut, dass es genug Alternativen gibt, die nicht nur praktisch, sondern auch höchst ansehnlich sind:

1. Aktentaschen

Praktisch – und inzwischen auch nicht mehr spießig. Quelle: Bottega Veneta
„Nero Intrecciato Calf Briefcase“ von Bottega Veneta

Praktisch – und inzwischen auch nicht mehr spießig.

(Foto: Bottega Veneta)

Aktentaschen bieten genug Platz für Unterlagen, Frühstück, Laptop und sind auch noch platzsparend: „Die klassischen Varianten haben einen festen Boden, damit man sie auch abstellen kann,“ so Bernhard Roetzel. Wer zu Fuß unterwegs ist, hat immerhin eine Hand frei und der Anzug sitzt auch noch perfekt.

Dass Aktentaschen nicht nur praktisch sind, sondern auch längst nicht mehr spießig anmuten, beweisen zahlreiche Beispiele. Auch das „Nero Intrecciato Calf Briefcase“ der italienischen Marke Bottega Veneta zeigt, wie schön selbst Profanes verstaut werden kann. (Kalbsleder, ca. 2500 Euro)

2. Trägertaschen

Schönes schön verstauen. Quelle: Blumbag
„Gents Affair“ von Blumbag

Schönes schön verstauen.

(Foto: Blumbag)

Wer sich die Option offenhalten möchte, zwischendurch beide Hände frei zu haben, findet in Taschen mit abnehmbarem Schulterträgern die ideale Lösung. Nicht ganz so förmlich wie die traditionelle Aktentasche, eignen sich Modelle wie die „Gents Affair“ des Münchner Labels Blumbag sowohl für private als auch für geschäftliche Anlässe. Sogar ein Laptop passt in die Tasche aus Kalbsleder, zahlreiche Innentaschen bieten Raum für Smartphone, Stifte und andere Schätze.

Blumbag-Gründerin Eva-Maria Blum findet, dass Schönes auch schön verstaut werden sollte: „Man würde ja auch keinen guten Rotwein aus einem Plastikbecher trinken.“ (945 Euro)

3. Trolleys

Wer möchte, kann seinen Trolley farblich auf das Outfit abstimmen. Quelle: Rimowa
„Essential Cabin“ von Rimowa

Wer möchte, kann seinen Trolley farblich auf das Outfit abstimmen.

(Foto: Rimowa)

Auf dem Weg zu Lesungen greift Bernhard Roetzel gerne zum Trolley: „Darin lassen sich wunderbar Bücher verstauen, ohne schwer tragen zu müssen.“ Dass durch das bequeme Schieben der Anzug genau so akkurat sitzt, wie er soll, dürfte den Stil-Experten zusätzlich freuen.

Auch farblich lassen sich Trolleys auf Details wie Einstecktuch oder Krawatte abstimmen: Die aus Polycarbonat gefertigten Modelle der „Essential Cabin“-Reihe von Rimowa etwa sind nicht nur in dezentem Grau, sondern auch in leuchtendem Korallen-Rot, hellem Zitronen-Gelb oder sattem Gras-Grün zu haben. (500 Euro)

4. Pilotenkoffer

Die Schienen werden bei Bedarf auch zum Kleiderhaken. Quelle: Bric's
Pilotenkoffer von Bric's

Die Schienen werden bei Bedarf auch zum Kleiderhaken.

(Foto: Bric's)

Für kleineres Gepäck eignet sich der niedrigere Pilotenkoffer, der sich ebenfalls ganz ohne hängende Schultern schieben lässt. Seine langen Schienen lassen sich auch noch spontan zum Kleiderhaken umfunktionieren, wenn es im Sakko mal zu warm wird.

Das aus Rindsleder gefertigte Modell von Bric’s aus Italien kommt in klassischem Schwarz, mit abgerundeten Ecken und mit Fächern für Notebook und Smartphone daher (849 Euro). Die kastanienbraune Variante der englischen Marke Maxwell Scott bietet mit prägnant-kantiger Form auch genug Platz für ganze Aktenordner. (966 Euro).

Mehr: Regeln für den Dresscode gibt es genug – vom Jackett bis zu den Schuhen. Aber für das perfekte Outfit braucht es noch ein weiteres Element.

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