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Chilly Gonzales

Ein Leben am, um und mit dem Piano.

Chilly Gonzales im Interview „Ich bin wie ein Kind, das sein Lieblingsspielzeug auseinandernimmt“

Chilly Gonzales ist Kunstfigur, Klaviervirtuose und Grammy-Preisträger. Im Interview spricht er über die Kunst des Entertainments und Kapitalismus.
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Chilly Gonzales empfängt in einem Hotel am Kölner Hauptbahnhof. Der 46-jährige Musiker, unter dem Namen Jason Charles Beck im kanadischen Montreal geboren, lebt seit gut 20 Jahren in Europa. Die Musik-Koryphäe zog es nach Berlin, Paris und vor einigen Jahren in die Rheinmetropole. Die Kunstfigur Chilly Gonzales wurde 1998 in Berlin geboren. Seither hat sie ihren Stil von Elektro und Rap in Richtung Klaviermusik, mal Jazz, mal Klassik, mal irgendetwas jenseits davon, evolutioniert. Markenzeichen: Morgenmantel und Hausschuhe als Bühnenoutfit.

Die Mitwirkung an Daft Punks Erfolgsalbum „Random Access Memory“ bescherte ihm den begehrtesten Musikpreis der Welt. „Ich habe einen Grammy für ein 44-sekündiges Klaviersolo zwischen zwei Songs erhalten“, beschrieb es Gonzales einmal selbst. Ein etwas längeres Solo brachte ihm vor einigen Jahren einen Weltrekord: 27 Stunden spielte der Pianist am Stück.

Gerade wurde das Album „Solo Piano III“ veröffentlicht, am 20. September startet die Dokumentation „Shut up and play the piano” in den deutschen Kinos. Im Sommer hat der studierte Jazz-Pianist begonnen, seine Erfahrungen als Entertainer in einer Art offenen Musikschule, dem „Gonzervatory“ in Intensivkursen an Musiker weiterzugeben.

Das Gespräch startet mit einem Geständnis: Ich gebe zu, dass Gonzales' Single „Let’s groove again“ mein womöglich erster illegaler Internet-Download war. „Dann schulden Sie mir 99 Cent“, antwortet der Musiker lakonisch. Und dann folgt ein langes Gespräch über musikalische Anfänge, die Musikindustrie bis hin zu Rachefantasien des Kapitalismus. 

Chilly Gonzales, „Solo Piano III” ist ein akustisches, fast klassisches Album, auf dem nur Sie und Ihr Flügel zu hören sind. Vor 20 Jahren klang Ihre Musik noch rudimentär anders.
„Let’s groove again“ war meine erste richtige Veröffentlichung. Es gab zwar zuvor schon eine 12“ mit dem Namen „OP“, Original Prankster. Das war stark elektronische Musik. Und gleich nachdem ich es veröffentlicht hatte, wurde mir klar, dass diese Upbeat-Sachen nicht wirklich meins sind. „Gonzales uber alles“ wurde dann ein verträumteres, elektronischeres Album. Ich stand unter dem Einfluss meines Umzugs nach Berlin und dachte, „wow, Elektro, das ist so groß hier!“

Berlin hat Sie sehr inspiriert?
Berlin ist zu 100 Prozent die Geburtsstätte der Figur Chilly Gonzales. Dort kam mir die Idee, in mir selbst eine Facette zu finden, die ich überspitzen, aus der ich eine sehr authentische Fantasiefigur formen konnte.

Warum die Abkehr vom damaligen Stil?
Es ist wie ein Fenster zu einer anderen Version von Gonzales, die hätte existieren können. Ich habe es in eine andere Richtung gesteuert, ich wollte, dass sich meine Musik romantischer und emotionaler, sentimentaler anfühlt. All die Sachen, die Leute heute von meinen Platten kennen.

„Shut up and play the piano” beschäftigt sich viel mit Ihren Anfängen in Deutschland. Was verbinden Sie heute mit dieser Zeit?
Den Moment, an dem ich mich einfach frei fühlte, als Kanadier plötzlich in einem anderen Land, mit einer anderen Kultur. Für mich bedeutet Berlin eine Menge Nostalgie. Es war der Startpunkt für mein Projekt und der Ort, an dem ich die Möglichkeit bekam, eine Fantasie wirklich zu leben. Das ist ein sehr starkes und verführerisches Gefühl.

Sie haben über mehr Emotionalität in Ihrer Musik gesprochen. Ist sie heute persönlicher als früher?
Ich habe einfach ein größeres Interesse am Piano entwickelt. Das hat so viel Zeit und Energie aufgebraucht, dass ich nicht mehr die gleiche Leidenschaft für elektronische Musik aufbringen konnte. Wenn ich heute elektronische Musik mache, dann, weil ich mit jemanden zusammenarbeite, wie Boyz Noise.

Das Piano steht beim Albumtitel im Mittelpunkt. In Ihrem Schaffen auch?
Alles beginnt für mich am Piano. Und dann wird es ein Rap-Song, oder wird eine Zusammenarbeit und manchmal wird es nichts anderes. Ich hatte zuletzt das Gefühl, dass das, was ich komponiert habe, sich weigerte, das Piano zu verlassen. Und dann wurde mir klar: Was ich hier gerade schreibe, startet vielleicht „Solo Piano III“. 

Das klingt ein bisschen wie von der Muse geküsst.
Ich folge meinen Ideen wohin sie mich führen. Ich versuche, nicht zu viel darüber nachzudenken, es nicht zu sehr zu kontrollieren. Ich warte, bis sich mir etwas enthüllt, und dann reagiere ich. Es erweckt den Anschein von Passivität. Man wartet auf eine Art Botschaft. 

Haben Sie so eine Botschaft auch empfangen, als es um die Dokumentation ging?
Meine Einwilligung war eine Reaktion auf den Enthusiasmus von Regisseur Philip Jedicke. Ich habe mein Interesse geäußert, aber auch deutlich gemacht: Es müssen zwei, drei Sachen garantiert sein, damit ich das mit dir mache. Ich wollte nur bei einem Projekt mitmachen, hinter dem ich voll stehen kann.

Die Kunstfigur hilft, nicht zu viel Privates in die Öffentlichkeit zu mischen. Morgenmantel und Hausschuhe sind Teil der Illusion.
Der Mann hinter dem Morgenmantel

Die Kunstfigur hilft, nicht zu viel Privates in die Öffentlichkeit zu mischen. Morgenmantel und Hausschuhe sind Teil der Illusion.

Das hat offenbar geklappt.
Es war sie so oft: Wenn man Leuten die Kontrolle überlässt, müssen sie gar keinen Gebrauch davon machen. Sie war für mich eine Art letztes Mittel, falls mir etwas wirklich missfällt. Es ist Philip Jedickes Film und ich bin stolz auf ihn. Die Dokumentation erzählt meine Geschichte und gibt mir ein Gefühl von Abgeschlossenheit, das Gefühl, dass ich mich von hier an weiterbewegen kann.

Was haben Sie im Rückblick über sich gelernt?
Ich habe mich als Mensch verändert, also verändert sich auch das, was ich in meiner Musik ausdrücke. Es war immer viel von mir, es waren viele persönliche Gefühle in meinen Liedern. Bei geschriebenen Texten mehr als in der Instrumentalmusik, dort ist es abstrakter. Wenn ich mir heute mit etwas Distanz die Texte anhöre, die ich vor sieben Jahren verfasst habe, empfinde ich manchmal Mitleid mit mir selbst. Es wirkt manchmal wie ein Hilfeschrei. Alle Kunst ist persönlich, andernfalls erreicht es nicht die Leute.

Musik ist immer auch ein Spannungsfeld von Kunst und Kommerz. Wie definieren Sie Kunst?
Wenn Menschen für sich sind, sind sie Künstler. Man lernt Dinge über sich, wenn man sie ausprobiert und das macht man, wenn man allein ist. Ein anderer Prozess ist es, das anderen Menschen zu vermitteln. In dem Moment wird es Entertainment, oder, wenn Sie den Begriff nutzen möchten, Pop. Entertainment schließt für mich Kunst ein, aber Kunst nicht Entertainment.

Haben Sie das schon erlebt, Künstler sein, ohne Entertainer zu sein?
2016 habe ich ein Sabbatjahr genommen, allein für mich Stücke geschrieben und vielleicht zwei Konzerte gegeben. In der Zeit war ich nur Künstler. Es gab keine Brücke, die ich hätte überqueren müssen. Ich war ausschließlich auf meiner Seite. Wenn ich die Bühne betrete, ich die Brücke zur Öffentlichkeit überquere, dann verschwindet die Kunst nicht, sie muss einen anderen Aggregatzustand annehmen. Wie Wasser zu Eis oder Gas wird. 

Und das Wasser verdampft nicht spurlos?
Selbst die kommerziellsten Mainstream-Künstler, egal ob Musiker, Filmemacher oder Designer, bleiben Künstler. Selbst wenn ihre Kunst nicht nach unserem Geschmack ist. Ich sehe keinen Unterschied in der Qualität, sondern in der Form. Kunst ist, was passiert, wenn man allein ist, Entertainment ist das, was mit Menschen passiert. Kunst ist wie Masturbation, Entertainment ist wie Sex.

Hilft die Persönlichkeit Chilly Gonzales dabei, sich auf Ihre Seite der Brücke zurückziehen zu können?
Auf der Bühne kann ich diese Fantasiefigur ausleben, ich kann ich selbst sein, ohne viel von meinem Privatleben preiszugeben. Meine Privatsphäre ist mir wichtig, man findet nichts zu meinem Liebes- oder Familienleben. In meinen Liedern habe ich hier und da etwas einfließen lassen; ich rede über das Aufwachsen in einem sehr kapitalistischen Umfeld.

Wer ist Gonzales dann – und warum?
Ich lebe auf der Bühne die Fantasie, ein musikalisches Genie zu sein. Im echten Leben denke ich nicht, dass ich eins bin. Auf der Bühne sage ich es, die Leute applaudieren, und ich lebe es in diesen paar Stunden. Ich genieße das. Menschen können sich mit mir identifizieren und es fühlt sich an, als würden sie mich kennen – ohne, dass ich viel von einem wirklichen Leben preisgeben muss. Das ist der Trick, durch den wir uns überlebensgroßen Ikonen wie David Bowie, Prince und Madonna verbunden fühlen.

Besetzen Sie das negativ?
Ich mag es, wenn Entertainer ein bisschen überlebensgroß sind. Solange sie ehrlich in ihren Fantasien sind, ist es eine authentische Performance, egal, hinter welcher Maske oder welchem Kostüm sie stecken.

Sie sprechen über Ikonen auf der Bühne. Das sind heute auch zusehends Unternehmensgrößen, die Steve Jobs, Tim Cooks, Elon Musks und Jeff Bezos dieser Welt. Wie viel Popstar steckt im Manager?
Wenn man eine emotionale Bindung zu dem herstellt, was man produziert, erreicht es eine größere Zielgruppe. In der Musik ist das relativ einfach, weil ich über das, was ich auf der Bühne mache die volle Kontrolle habe. Ich stelle es mir deutlich schwieriger vor, eine emotionale Verbindung zu einer technischen Innovation aufzubauen. Und ein Produkt zu vermarkten, zu dem man keine emotionale Bindung hat.

Wo ist die Verbindung zu Ihrem, nun, Job?
Es ist Entertainment. Man bettet das Produkt, die Idee in einen Kontext und fügt eine Geschichte hinzu, um die Chance zu erhöhen, dass es tiefer reicht und Wurzeln schlägt. Auf der Bühne versuche ich auch, eine Verbindung mit dem Publikum herzustellen. Und dann das Scheinwerferlicht so hell wie irgend möglich auf die Musik zu richten. Denn die Musik ist das Ding.

Ihr musikalisches Können ist unbestritten. Ihr Bühnenauftritt ist sehr von Ironie durchzogen. Nehmen Sie Ihre eigene Musik ernst?
Es beschäftigt mich sehr, was Leute empfinden, wenn sie meine Musik hören. Ich habe eine Studie über Publikumspsychologie erstellt, habe im Rückblick analysiert, was auf der Bühne funktioniert und nicht funktioniert – und warum. Es ist eine echte Wissenschaft. Doch Teil des Entertainments ist es, alles leicht aussehen zu lassen.

Wie viel Arbeit steckt denn bei Ihnen dahinter, es leicht aussehen zu lassen?
Ich habe vier Mitarbeiter, wir besprechen uns täglich. Ich springe nicht einfach in einen Bademantel und das war’s dann. Ein Konzert bereite ich den ganzen Tag vor. Aber das sollte das Publikum nicht sehen.

Also geht es, anders als in manchen Wirtschaftszweigen, nicht um Leistungsschau?
Manchmal machen Künstler großes Gewese um ihren Schaffensprozess. Was hat man davon, wenn jemand sagt: „Ich habe jeden Tag einen Song aufgenommen und jetzt ein Album mit 365 Titeln“? Das ist nicht die Art, Leute zum Träumen zu bringen. Die Erschaffung reicht als Grund nicht aus. Mach erstmal einen guten Song, und dann reden wir weiter. 365 Mal Scheiße ist immer noch Scheiße.

In Unternehmervokabeln fortgedacht: Wie wichtig sind für Sie Forschung und Entwicklung?
Ich erarbeite viele Ideen mit meinen Freunden aus der Branche, meine musikalische Familie, wie ich sie nenne. Wir sitzen quasi alle im Verwaltungsrat der Unternehmen des jeweils anderen. Wir klopfen neue Projekte und Entwicklungen ab. Es ist fantastisch, sich auf diese Leute verlassen zu können.

Dennoch kann nicht jede Idee aus diesem inneren Zirkel kommen.
Etwa einmal im Jahr treffe ich mich mit Leuten, die ich musikalisch bewundere und in einer viel höheren Sphäre unterwegs sind als ich. Thomas Bangalter von Daft Punk ist da ein gutes Beispiel. Ich hole mir Ideen und lasse mir von Menschen, die mir weit voraus sind ihre Sichtweisen auf meine Arbeit geben. Ich mag, wenn diese Menschen mich herausfordern. Wenn ich höre: „Du bist nah dran an einem neuen Album, aber es fehlt noch etwas“, dann vertraue ich darauf, dass sie mehr wissen als ich. Und dann heißt es: Fuck, ich muss zurück ins Studio.

Selbst nach zwei Jahrzehnten im Geschäft folgen Sie nicht einfach ihrem Bauchgefühl?
Es gibt die richtige Zeit, um allein in der Blase zu sitzen und die richtige Zeit, um Meinungen von außerhalb dieser Blase einzuholen. Einerseits ist es ein Prozess von extremer Subjektivität und Passivität, dem Gefühl, dass man selbst Gefäß und Werkzeug der Musik ist und sie sich von selbst schreibt. Dann tritt man aus der Blase heraus und versucht, seine Musik so zu hören wie ein Fan. Das ist ein idealer Moment, um andere Leute in den Prozess einzubeziehen.

Hilft Ihnen Ihr ausgeprägter musiktheoretischer Hintergrund dabei?
Dieser Hintergrund spielt für mich eigentlich nur insofern eine Rolle, dass ich dadurch ein bisschen zum Spätzünder wurde. Ich habe lange gebraucht, um meine eigene musikalische Stimme zu finden. Wenn man tief in der Musiktheorie steckt, dann sieht ein Teil von einem die Musik wie Mathematik. Darin kann man sich verlieren.

Geht es da wieder um Masturbation?
Bei manchen Jazzmusikern wirkt es, als wollten sie nur beweisen, wie gut sie an ihrem Instrument sind. Wenn ich so ein Konzert verfolge, wird mir ein bisschen übel. Wenn ich Hunger auf emotionale Nahrung habe, kann ich intellektuelle Kost nicht verdauen. Noch schlimmer ist, wenn es nur eine Zurschaustellung von Ego ist.

Und wo steht Chilly Gonzales dort?
Es trifft mich so hart, weil ich beinahe diese Art Musiker geworden wäre. Bis in meine frühen 20er war es für mich nur wichtig, den Leuten zu beweisen, wie gut ich bin. Inzwischen interessiert mich das gar nicht mehr. Mich interessiert, Menschen etwas fühlen zu lassen. Das ist eine Lektion, die viele ausgebildete Musiker lernen müssen.

Wo liegt das Problem?
Sie vergessen, dass es bei Musik um das Leben geht und nicht um Musik selbst. Ich sehe klassische Pianisten, die täglich neun Stunden üben, schlafen gehen und dann wieder neun Stunden üben. Ich möchte ihnen sagen, dass ihre Musik besser wäre, wenn sie nur zwei Stunden am Tag üben und sich dafür abends betrinken und mal etwas erleben.

Das war bei Ihnen auch so?
Ich brauchte eine Weile, um zu begreifen, dass Musiktheorie eine gute Sache ist. Aber in der eigentlichen Musik sollte sie unsichtbar bleiben. Die Leute sollen etwas spüren.

Wie nutzen sie das theoretische Wissen heute?
Ich zerlege Lieder nicht mehr in ihre Einzelbestandteile, während ich sie das erste Mal höre. Manchmal denke ich mir: Ich mag den Song, ich schau ihn mir mal unter dem Mikroskop an.

Also entscheidet wieder das Gefühl.
Für das 1Live-Format „Pop Music Masterclass“ schaue ich mir regelmäßig Songs genauer an. Sie fragten mich einmal, ob ich das mit „Happy“ von Pharell Williams analysieren könnte, schließlich war es ein riesiger Hit. Ich konnte nur sagen: Ich mag das Lied nicht – es hat keinen Sinn, es unter das Mikroskop zu legen.

Der Musiker über seine Arbeit, seine Kunstfigur und Geld. Quelle: Alexandre Isard
Chilly Conzales

Der Musiker über seine Arbeit, seine Kunstfigur und Geld.

(Foto: Alexandre Isard)

Was macht das mit Ihnen in der Komposition?
Ich suche beim Komponieren nicht nach dem Ton, der sechs Noten über dem vorigen liegt. Es ist mehr: Ich mag diesen Wechsel, was ist passiert? Ich bin da wie ein Kind, das sein Lieblingsspielzeug auseinandernimmt, weil es mehr darüber wissen will.

Apropos Lieblingsspielzeug: Sie haben vor einigen Monaten in Paris erstmals das „Gonzervatory“ veranstaltet, ein Workshop für Musiker aus aller Welt.
Es hat meine Erwartungen übertroffen, ich bin schon jetzt süchtig danach. Das nächste „Gonzervatory“ möchten wir 2019 in Köln veranstalten. Ich kann etwas wittern. Ich denke, wenn ich noch vier oder fünf Jahre am Stück daran arbeite, kann ich eine Methode entwickeln, mit der jeder Musiker lernen kann, eine Verbindung mit dem Publikum aufzubauen. Das gilt bisher als angeborenes Talent und nicht als lehrbar.

Wie sah das in der Praxis aus?
Ich hatte einen Rapper aus Houston, einen Saxophonisten aus der Ukraine, einen Songwriter aus Argentinien. Ich habe es geliebt. Wir haben in kürzester Zeit und unter viel Druck eine musikalische Familie erzeugen können. Das ist die Voraussetzung, sich auf der Bühne sicher zu fühlen, sich gehen zu lassen. Ich habe Lektionen, die ich in über 20 Jahren gelernt habe, in eine Woche gequetscht. Viele von den Menschen, mit denen ich dieses Wissen erlangt habe, Peaches, Jarvis Cocker, Socalled, kamen ins Gonzervatory und haben über die Erfahrungen geredet.

Und die sahen wie aus?
Wir konnten über extreme Auftritte sprechen, darüber wie ich das Publikum schockieren und überraschen kann. Provokation ist immer ein Mittel, die Zuschauer aufzurütteln und aufmerksam zu machen. Das beherrscht Peaches ganz großartig.

Sie haben von Hip-Hop einst als „Kapitalistische Rachefantasie“ gesprochen.
Das hängt mit der afroamerikanischen Musikgeschichte zusammen. Wenn man sich die frühe Blues-Musik anhört, wird dort viel über Züge gesungen. Züge, die sie an einen besseren Ort, in ein besseres Leben bringen. Rapper haben dieses Bild durch Autos ersetzt. Das Motiv bleibt gleich: Es ist eine Flucht, ein Ausbruch.

Aus dem System?
Der Kapitalismus war lange Sinnbild für das, was ihnen verwehrt worden ist, ein Symbol der Diskriminierung. Als Rap selbst zum Geschäft wurde, ermöglichte er es den Musikern, die gesellschaftliche Fluchtfantasie umzusetzen – und die Geschichte dieser Flucht wurde zum Gegenstand des Rap. Rap startete als Gesellschaftskritik, als Kritik am Kapitalismus.

Heute sind Rapper oft ziemlich vermögend.
Mit dem Aufstieg einiger Rap-Stars kam es zur Umarmung des Kapitalismus. Das ist eine schwierige, aber echte Geschichte. Rapper sind in ihrer Musik immer noch nah an Blues- und Jazz-Künstlern. Aber sie hatten andere Hebel, den Kapitalismus zu ihrem eigenen Vorteil auszunutzen. Jay-Z, P. Diddy, Master P, alles Beispiele von Rappern, die zu Geschäftsleuten geworden sind. Die Idee, in sich selbst zu investieren und unabhängig arbeiten zu können, hat mich sehr inspiriert.

Inwiefern?
Es erinnert mich ein wenig daran, wie ich aufgewachsen bin. Mein Vater war ein armer jüdischer Mann aus Algier, er musste sich in Montreal alles hart erarbeiten. Wenn ich Titel von Rap-Alben wie „Get Rich or Die Tryin‘“ höre, kann ich meinen Vater darin erkennen. Ich musste mich nicht von unten hocharbeiten. Ich bin kein Rapper, ich bin nicht self-made, ich bin praktisch der Sohn eines Rappers. Ich bin mehr Jaden Smith als Will Smith.

Ist das ihre Sicht des Kapitalismus: Mit ethischem Verhalten kann er zu Gutem führen?
Im eigenen Umfeld auf jeden Fall. Ich weiß aber nicht, ob es im System etwas bewirkt. Es gibt eine Menge kleiner und bescheidener Unternehmen und Start-ups. Ich sage nicht, dass mein kleines Unternehmen Jahr für Jahr wachsen und wie ein Hai alles auffressen muss. Mein Vater hat das noch anders gesehen. Ich bin schon mit dem Gefühl von Sicherheit aufgewachsen. 

Sie leben seit 20 Jahren mal mehr, mal weniger in Deutschland, kennen den Blick von außen und von innen. Wie sehr hat sich dieses Land seither verändert?
Ich reise viel und lebe daher ein bisschen in einer Blase. Ich weiß nicht, ob ich Veränderung beurteilen kann. Die Dinge, die ich an Deutschland liebe, sind da, seit ich 1998 hier angekommen bin – immer noch. Ich schätze sehr die humanistische Art, in der sich die Menschen hier zuhören. Es ist anders und besser als in vielen anderen Ländern, in denen ich gelebt habe. Ich lebe hier, weil ich direkte Kommunikation mag. Ich schätze das Gefühl, in einer postnationalistischen Gesellschaft zu leben. Auch wenn es sicher Tendenzen gibt, die das bedrohen. Im Kern sind diese Werte jedoch intakt. Gerade hier in Köln sind die besten Eigenschaften stark ausgeprägt.

Chilly Gonzales, wir danken für das Interview. 

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