Österreichs dunkle Seiten Ein „Tatort“ zwischen Sado-Maso und Castingshows

Das Jury-Mitglied einer Castingshow wird tot in Sado-Maso-Fesseln aufgefunden. Der Ton ist gesetzt: Der neue „Tatort“ aus Österreich will die Schattenseiten des Showlebens beleuchten – bleibt dabei aber konventionell.
Die Schauspieler Adele Neuhauser als Bibi Fellner und Harald Krassnitzer als Moritz Eisner am Set des ARD-Tatortes „Sternschnuppe“: „Ich bin mehr für Liebe als für Sportübungen.“ Quelle: dpa
Tatort „Sternschnuppe“

Die Schauspieler Adele Neuhauser als Bibi Fellner und Harald Krassnitzer als Moritz Eisner am Set des ARD-Tatortes „Sternschnuppe“: „Ich bin mehr für Liebe als für Sportübungen.“

(Foto: dpa)

WienEgal, wie gut oder schlecht ein Liedtext ist, er gehört auf keinen Fall in die Luftröhre eines Musikproduzenten. Denn daran ist in „Sternschnuppe“, dem neuen „Tatort“ aus Österreich, der vielfach gehasste und gefürchtete Udo Hausberger (Peter Karolyi) erstickt. Als Anhänger der Sado-Maso-Szene hängt er gefesselt und nackt im Wellnessraum seiner Wiener Villa. Ein Tod ohne Orgasmus.

Wohl auch ein Leben ohne Werte: Denn das Opfer war obendrein Jury-Mitglied einer Castingshow im Privat-TV. Laut Drehbuch (Uli Brée) ermitteln Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) und Majorin Bibi Fellner (Adele Neuhauser) damit in der strukturell perfiden Welt der falschen Gefühle und des Pseudo-Glanzes.

So geht es also in „Sternschnuppe“ (Sonntag, 7. Februar, 20.15 Uhr, ARD) nicht allein um die Mördersuche, sondern titelgemäß ums Verglühen. Ums Verglühen von Hoffnungen und Leidenschaften, um kometenhaften Aufstieg und die ewig gültige Frage: „Was ist, wenn die Show vorbei ist?“ Von der großen Karriere als Sänger träumt der junge Aris Graf (Rafael Haider) – und singt dabei in der Castingshow „Sing your Song“ just den Text, der in Papierform den Exitus des Produzenten verursacht hat. Doch es ist gar nicht sein Song. Vielmehr wurde er von Vera Sailer (Sabrina Rupp) geschrieben. Die war einst sogar eine der Gewinnerin der Show, fiel danach aber bei ihrem Produzenten Hausberger in Ungnade.

Das Tatort-Jahr
Erfurt-Aus
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Das Jahr 2015 begann im „Tatort“-Kosmos mit einem Knall. Am 7. Januar verkündete der MDR, dass sich das junge Erfurter Trio nach zwei Folgen auflöse. Zwei Hauptdarsteller, Friedrich Mücke und Alina Levshin, stiegen aus. Die beiden Krimis („Kalter Engel“, „Der Maulwurf“) waren bei der Kritik durchgefallen. Das MDR-Team Weimar – Nora Tschirner und Christian Ulmen – läuft aber weiter.

Ulrich Tukur
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Nach dem Grimme-Preis-ausgezeichneten Western-Krimi „Im Schmerz geboren“ (2014) mit Leichenrekord sahen viele auch im Folgekrimi „Wer bin ich?“ (27.12.) – mit Ulrich Tukur als Felix Murot – den experimentierfreudigsten „Tatort“ des Jahres. In dem selbstbezüglichen „„Tatort“-im-„Tatort““-„Tatort“ wirkte auch Martin Wuttke mit, dessen Leipzig-„Tatort“ im April endete. Und genau darüber redet er auch in dem vielschichtigen Film.

Drei neue Teams 2015
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Im März startete in Berlin das RBB-Duo Meret Becker (als Nina Rubin) und Mark Waschke (als Robert Karow). Die Geschichte des rätselhaften und wohl schwulen, zumindest bisexuellen Karow wird bis zum vierten Fall Ende 2016 erzählt. Im April lief erfolgreich der erste Franken-„Tatort“ mit Dagmar Manzel (als Paula Ringelhahn) und Fabian Hinrichs (als Felix Voss) vom BR. Im Mai legten dann in Frankfurt Margarita Broich (als Anna Janneke) und Wolfram Koch (als Paul Brix) los - Gastrollen hatten die beiden neuen Frankfurt-Stars im anderen HR-„Tatort“ bei Tukur Ende Dezember.

Horizontales Erzählen
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Es scheint im ARD-Sonntagskrimi – auch beim „Polizeiruf 110“ – den Trend zu geben, nicht mehr klassisch in sich geschlossen (vertikal) erzählen zu wollen, sondern über mehrere Folgen hinweg (horizontal). Besonders ausgeprägt ist das bei Berlin, aber auch in Dortmund und Hamburg. Das orientiert sich am Prinzip gefeierter US-Serien, kann aber beim „Tatort“, wo die Fortsetzung Monate auf sich warten lässt, überfordernd bis unpassend wirken.

Quoten-Auf-und-Ab
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Die Schweizer Episode „Schutzlos“ hatte am sehr heißen 5. Juli mit wenig mehr als sechs Millionen Zuschauern die schwächste Einschaltquote seit fünf Jahren. Das Team aus Münster erreichte dafür mit „Schwanensee“ (8.11.) und fast 14 Millionen Zuschauern die beste „Tatort“-Quote seit 1992.

Gleiche Themen
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Ähnliche Storys gibt es immer wieder. Auffällig waren 2015 beispielsweise Drogendealer und Flüchtlinge aus Afrika – in Luzern („Schutzlos“, 5.7.) und Dortmund („Kollaps“, 18.10.).

Gleiche Schauspieler
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Oft kehrten 2015 Gesichter in Nebenrollen wieder. Uwe Bohm etwa tauchte im Februar zwei Wochen hintereinander auf: am Bodensee und in Leipzig (8. und 15.2.), Emily Cox (in der Mitte sitzend) war sogar dreimal vertreten: Dortmund (11.1.), Frankfurt (17.5.), Wien (7.6.).

Jetzt ist Vera ein selbstmordgefährdeter Sozialfall. Was Künstlerin und Produzenten noch so alles miteinander verbunden hat, enthüllt die versteckte Kamera im Wellnessbereich – vulgo: dem Tatort. Und statt akribischer kriminalistischer Puzzle-Arbeit führt ein genauso zulässiger intuitiver Geistesblitz Majorin Fellner zum Motiv.

In der insgesamt eher konventionell gestrickten Geschichte ist das mal kecke, mal etwas bemüht wirkende Hin und Her zwischen Krassnitzer und Neuhauser das Salz in der Suppe. In ihrem 14. Fall stellen die beiden fest, dass sie den Zeitpunkt für eine gemeinsame Affäre verpasst haben und sinnieren über Sex-Praktiken. „Ich bin mehr für Liebe als für Sportübungen“, meint Fellner alias Neuhauser. So lassen sich beide auf Zufallsbekanntschaften oder Verdächtige ein, Neuhauser wird gar beim Vorspiel mit ihrem Lover gestört. Die optische Dosierung der Liebesszene – Küsse, offene Bluse, sichtbarer BH – hat aus Neuhausers Sicht genau gepasst: „Fellner ist keine vertrocknete Person“, sagte sie darüber.

Wie im richtigen Beziehungs-, Affären- und Aufreißleben spielen diesmal Fahrzeuge eine bezeichnende Rolle. Unter dem Motto: „Sage mir, welches Auto du fährst, und ich sage dir, wie du im Bett bist“, fährt Majorin Fellner einen schwarzen Pontiac Firebird, der Probleme beim Anlassen hat. Da wirkt das Drehbuch reichlich uncharmant.

  • dpa
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