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Whisky In dieser Bar steht der bekannteste gefälschte Whisky der Welt

Ein Hotel in St. Moritz beherbergt die weltweit größte Whisky-Sammlung. Ein Glas der teuersten Flasche kostet 10.000 Franken. Dabei ist sie eine Fälschung.
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In den Glasvitrinen dieser Bar stehen 2.500 verschiedene Whisky-Sorten.
Hotelbar Waldhaus am See

In den Glasvitrinen dieser Bar stehen 2.500 verschiedene Whisky-Sorten.

St. Moritz Gianni Amme hat beide Daumen nach oben gestreckt. „Good?“, fragt der Barkeeper mit einem breiten Lächeln. Er schaut in die Gesichter der acht Chinesen, die heute Abend an seiner Bar sitzen. „Good“, antworten die Besucher aus Shanghai und nicken, „very good“. Die Asiaten reisen gerade durch Europa, erzählen sie Amme in gebrochenem Englisch, extra wegen der Whisky-Bar seien sie nach St. Moritz gekommen.

Dass die Chinesen einen so weiten Weg für einen kleinen Schluck Whisky auf sich nehmen, ist bemerkenswert. Schließlich hat einer ihrer Landsleute in der Bar einen gefälschten Whisky getrunken. Sommer 2017: Wei Zhang aus Peking bezahlt 9999 Franken (umgerechnet etwa 9000 Euro) – für ein einziges Glas. Der Single-Malt-Macallan-Whisky, auf dessen Etikett stand Jahrgang 1878, war eigentlich unverkäuflich. Schließlich hatte das Edelgetränk schon 25 Jahre im Regal gelagert. Flaschenwert: rund 50.000 Franken, allerdings nur vor dem Entkorken.

Doch Wei Zahng quengelte bei Amme – so lange, bis er Hotelchef Sandro Bernasconi aus dem Büro holte. Der wiederrum rief seinen Vater Claudio an. Der Seniorchef erteilte seinen Segen, der Junior durfte den Macallan aufmachen. Der chinesische Gast trank den Whisky ganz langsam, erinnert sich der Hotelchef, der auch an dem edlen Tropfen nippte. „Er schmeckte wirklich super.“ 400 bis 500 Mal klickte das Objektiv der Kamera damals. Eine der Fotografien war Tage später in fast allen Zeitungen der Welt abgedruckt.

2500 Flaschen aus 40 Ländern – so groß ist die Auswahl nirgends

So hatte die Bar des Hotels „Waldhaus am See“ wieder einen Superlativ mehr. Jahre früher war sie als Ort mit der größten Whiskey-Auswahl ins Guinness-Buch der Rekorde eingegangen. Wo zuvor die schiere Fülle von 2500 Flaschen aus 40 Ländern Aufsehen erregte, war es nun der Preis. Liebhaber zahlen hier oben im Engadin zwischen sechs und 10.000 Franken für ein Glas mit zwei Zentilitern. Manche der angebotenen Whiskys lohnen da eher zur Wertanlage als für eine durchzechte Nacht. Vorausgesetzt, der Inhalt ist echt.

Dass es bei dem überteuerten Macallan nicht der Fall war, konnten selbst die Hotelinhaber nicht wissen, wie sie stets versichern. Experten hatten Verdacht geschöpft, als sie ein Bild des Macallan sahen. Eine Messung bestätigte: Der Whiskey ist 100 Jahre jünger als angenommen, das Etikett war gefälscht. Vom ersten Schock erholt, flog der Hotelchef nach Peking, um Wei Zahng bei einem Abendessen sein Geld zurückzugeben. Zwar ärgert sich Bernasconi, auf eine Fälschung hereingefallen zu sein. Er sagt aber auch: Die ganze Aktion „war die beste Werbung für unsere Bar“.

Barkeeper Gianni Amme (l.) und Hotelchef Sandro Bernasconi mit dem gefälschten Whisky. Ein Glas von ihm kostet 10.000 Franken. Quelle: Michael Scheppe/Handelsblatt
Teuerste Whisky-Fälschung der Welt

Barkeeper Gianni Amme (l.) und Hotelchef Sandro Bernasconi mit dem gefälschten Whisky. Ein Glas von ihm kostet 10.000 Franken.

(Foto: Michael Scheppe/Handelsblatt)

Durch die Medienberichte hat auch die chinesische Reisegruppe vom Whisky-Paradies in St. Moritz erfahren. In einer Vitrine ist die gefälschte Flasche zusammen mit der Kopie eines Schweizer Zeitungsartikels noch heute ausgestellt. Einige Meter weiter tummelt sich ein Teil der asiatischen Reisegruppe neben den acht Lederhockern, die vor dem Tresen angebracht sind.

In ihrem Rücken: eine gläserne Vitrine, entlang der gesamten Wand. Eine Flasche Whisky reiht sich an die andere, sorgfältig sortiert nach Alphabet und Sorten. Raritäten aus der gesamten Welt stehen hier, vor allem klassische Single Malts aus Schottland. Der Tresen und der nebenstehende Raum mit vier Tischen sind mit hellem Buchenholz verkleidet. Hier wirkt es wie in einem Landgasthaus, nicht wie im Luxushotel. Wer würde da an Betrug denken wollen?

Für den bekanntesten gefälschten Whisky der Welt verlangt das Hotel mittlerweile noch einen Franken mehr als für das vermeintliche Original. Und niemand, so scheint es, nimmt es den Bernasconis mehr übel – auch wenn der ein oder andere Bar-Gast noch über die Geschichte witzelt. Doch selbst bei den Superreichen in St. Moritz war bislang niemand bereit, den einen Franken zusätzlich zu den 9999 zu berappen.

Geld scheint hier allerdings für die wenigsten Gäste eine Rolle zu spielen: Wo schon Prinz Albert von Monaco am Whisky-Glas genippt hat, hebt nun einer der asiatischen Besucher sein Glas vom Tresen und kippt den 60 Franken teuren Inhalt auf zwei Schluck in sich hinein. „Very good!“ Die Besucher aus Fernost machen Selfies mit dem Barkeeper, später wird er von der Reisegruppe 1000 Franken kassieren.

„Das schmeckt ja wirklich nach Speck“

Die Chinesen sind längst abgereist, da sitzt eine junge Schweizerin auf dem Barhocker. Für sie muss es nicht so teuer sein. „Ich möchte einen Whisky, der mich glücklich macht.“ Mehr als 20 Franken solle er nicht kosten. Amme lacht. Er greift in das Regal über sich, holt einen schottischen Ballechin hervor. „Isst du gerne Speck?“ Falsch getippt, die Schweizerin ist Vegetarierin. Den Whisky lässt sie sich trotzdem einschenken.

Amme stellt die Flasche mit dem grün-weißen Etikett neben das Gläschen – wie bei jedem Gast. Erstmal riechen, dann einen kleinen Schluck trinken, rät der Barkeeper. „Das schmeckt ja wirklich nach Speck“, sagt die 28-Jährige. Sie hält das Glas ungläubig gegen das Licht. „Das ist spannend.“ Amme nickt zufrieden.

Der Barkeeper – auf seiner Krawatte sind Whiskygläser und -brennereien aufgemalt – kennt seine Sammlung. Er betrachtet sich selbst als „Wegweiser“, um den Gästen die Welt der Whiskys näher zu bringen. Seit drei Jahren arbeitet der gebürtige Rheinländer in der weltgrößten Whiskybar, zuvor war er zehn Jahre lang Koch in einem Schweizer Restaurant. Über viele Jahre mochte Amme keinen Whisky, erst als er sich hinter den Tresen stellte, probierte er die Gläschen. Seitdem hat er über 1000 verschiedene Sorten verkostet.

Der 31-Jährige sitzt vor einem Computerbildschirm hinter der Rezeption. Seine rechte Hand hat Amme auf der Maus, mit der linken stützt er sein Kinn ab. Neben der Tastatur steht die Flasche, die ein Gast gestern geleert hat. Dieselbe gibt es allerdings nicht mehr, deshalb sucht er nach einer Alternative. „Dieser Bowmore ist zu teuer“, murmelt der Bar-Chef vor sich hin, während er durch den Whisky-Shop scrollt.

Allein in diesem Jahr hat Amme schon Whisky-Flaschen für einen sechsstelligen Franken-Betrag eingekauft. Für ihn ist das ein Spagat: Ist der Whisky zu teuer, könnte die Flasche im Regal verstauben. Und wenn es zu eintönig ist, langweilt es die Whiskyfans aus aller Welt. Um die neuesten Trends zu kennen, reiste Amme dieses Jahr schon zwei Mal in schottische Destillerien. Ein seltener Whisky, der dort gebrannt wurde, erzielte jüngst bei einer Auktion von Sotheby’s einen Preis von 1,45 Millionen Pfund (rund 1,7 Millionen Euro).

Seit drei Jahren arbeitet der gebürtige Rheinländer in der weltgrößten Whiskybar. Quelle: Michael Scheppe/Handelsblatt
Barkeeper Gianni Amme

Seit drei Jahren arbeitet der gebürtige Rheinländer in der weltgrößten Whiskybar.

(Foto: Michael Scheppe/Handelsblatt)

Im Restaurant klimpert das Geschirr. Während des Abendessens sitzt heute niemand an der Bar. Amme nutzt die ruhigere Zeit vor der Hauptsaison zur Inspektion. In der Zigarren-Lounge neben dem Tresen riecht es nach kalter Asche. Der Barkeeper steht hier auf einer kleinen Leiter und räumt eine Vitrine aus. Jede Flasche sprüht er mit reinem Alkohol ein. Bevor er die gereinigten zurückräumt, beugt er sich Flasche für Flasche herab, mustert mit zugekniffenen Augen den Füllstand und erfasst ihn in einer Excel-Tabelle. 2500 Mal wird das so über mehrere Wochen gehen.

Dass die Whisky-Auswahl so groß ist, ist dem früheren Hotelchef Claudio Bernasconi zu verdanken. Weil die Banken dem damals 20-Jährigen einen Kredit für ein eigenes Restaurant verweigerten, ging er auf Weltreise, um Erfahrung zu sammeln. Nicht in Schottland oder Irland, so zumindest will es der Gründungsmythos der weltgrößten Whiskybar, entdeckte er seine künftige Sammelleidenschaft, sondern in Indien. Dort putzte er sich die Zähne nicht mit verkeimtem Leitungswasser, er probierte es mit Whisky – und kam auf den Geschmack.

Hochzeitswhisky von Prinz Charles und Lady Di lagert im Keller

1983 pachtete Bernasconi das heutige „Waldhaus am See“. Doch die gute Lage des Drei-Sterne-Hotels am St. Moritz See mit Blick auf den noblen Skiort allein reichte ihm nicht. Mitte der 90er-Jahre bot er schon 1000 verschiedene Whisky-Sorten an. Der Durchbruch gelang ihm, weil ein großer Sammler am Gardasee gestorben war. Bernasconi kaufte der Witwe mehr als 1000 Flaschen aus dem Nachlass ab. Seit 1999 steht der „Devil‘s Place“ im Guinness-Buch der Rekorde.

Der Name der Bar steht in großen Lettern an der Wand neben dem Aufzug. Amme fährt zwei Etagen nach unten. Beobachtet von einer Überwachungskamera schaltet er die Alarmanlage aus, identifiziert sich mit einem Chip, schließt eine graue Stahltüre auf. Umgeben von dicken Wänden, in einem ehemaligen Atomschutzbunker, lagern hier Vorräte. Er geht vorbei an Glasvitrinen, in denen besonders wertvolle Whiskeys zusätzlich gesichert sind – etwa ein Macallan, der anlässlich der Hochzeit von Prinz Charles und Lady Di abgefüllt wurde.

Mancher Whisky dient dem Hotelchef auch als Wertanlage. Quelle: Michael Scheppe/Handelsblatt
Sandro Bernasconi

Mancher Whisky dient dem Hotelchef auch als Wertanlage.

(Foto: Michael Scheppe/Handelsblatt)

In einen anderen geheimen Kellerraum hat der Bar-Chef keinen Zugang. Dort lagern die privaten Whisky-Sammlungen der Familie Bernasconi. Diese Flaschen dienen nicht dem Genuss, sondern dem Kapitalwachstum. Geld in Whisky anzulegen, das mag ein Nischeninvestment sein – allerdings ein lohnenswertes: Der Wert der 1000 teuersten Whiskeys ist seit Anfang 2009 um über 900 Prozent gestiegen, zeigt ein schottischer Branchenindex.

Bei diesen Zahlen mag man Hotelchef Sandro Bernasconi verstehen. Er sagt: „Bei einigen Whiskey ist es einfach viel zu schade, sie zu trinken.“ Er empfiehlt seinen Gästen deshalb, drei Flaschen zu kaufen – „eine zum Aufbewahren, eine zum Tauschen und eine zum Trinken.“ Zu dieser Devise mag er seit seinem Gang ins chinesische Canossa erst recht stehen.

Mehr: Die Schotten trinken schon seit Jahrhunderten Whisky. Inzwischen wird auch in Deutschland immer mehr von der Spirituose produziert.

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