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Der Wirtschaftsbeschleuniger So unberechenbar sind Unternehmen

Erfolg kann bis ins Detail berechnet werden, versprechen Bücher. Doch in der Praxis verhalten sich Unternehmen so unberechenbar wie Billardkugeln.
27.07.2018 - 11:07 Uhr Kommentieren
Der studierte Physiker Vince Ebert ist Kabarettist, Vortragsredner und Bestsellerautor. Mit seinem Bühnenprogramm „Zukunft is the Future“ ist er deutschlandweit auf Tournee.
Der Autor

Der studierte Physiker Vince Ebert ist Kabarettist, Vortragsredner und Bestsellerautor. Mit seinem Bühnenprogramm „Zukunft is the Future“ ist er deutschlandweit auf Tournee.

Angenommen, Sie stoßen eine Billardkugel und wollen den Bahnverlauf auf dem Billardtisch berechnen. Nach dem ersten Stoß ist das einfach: Einfallswinkel gleich Ausfallswinkel – Sie erinnern sich sicher dunkel an ihren Physikunterricht. Nach dem zweiten Kontakt der Kugel mit der Bande oder einer anderen Kugel wird ihre Berechnung schon etwas komplizierter, lässt sich aber auch noch bewerkstelligen.

Da jedoch der zurückgelegte Weg der Kugel länger und ihre Bahn aufgrund der Richtungsänderung komplizierter wird, muss man – um eine korrekte Voraussage zu erstellen – die Anfangsbedingungen präziser einbeziehen. Wo genau lag die Kugel? An welcher Stelle trifft der Queue sie? Gibt es auf dem Billardtisch kleinere Unebenheiten? Und so weiter und so weiter.

Der Mathematiker Michael Berry kam zu dem Ergebnis, dass Sie zur korrekten Berechnung des Weges, den die Kugel nach dem neunten Stoß nehmen wird, bereits die Anziehungskraft der Kellnerin, die neben dem Tisch vorbeigeht, berücksichtigen müssen. Und wenn Sie den 56. Stoß berechnen wollen, müssen Sie jedes einzelne Atom in unserem Universum in Ihre Rechnung miteinbeziehen. Selbst ein Elektron, das in zehn Milliarden Lichtjahren auf einem Quasar vor sich hindümpelt, beeinflusst die Bahn Ihrer Billardkugel.

Was hat nun dieses Beispiel mit Ökonomie zu tun? Ziemlich viel. Die Modelle und Gleichungen der Mikro- und Makroökonomie, die man in einem klassischen BWL-Studium lernt, basieren nämlich ursprünglich auf einem exakt berechenbaren, physikalischen Weltbild.

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    Noch vor rund 300 Jahren war die Wissenschaft der Auffassung, man könne den Verlauf eines jeden Systems mit Hilfe der newtonschen Bewegungsgesetze eindeutig vorausberechnen, sofern alle Einflussgrößen und Anfangsbedingungen des Systems bekannt sind.

    Der Mathematiker Pierre-Simon Laplace bezeichnete übrigens eine solche allwissende Rechenmaschine als „Laplacescher Dämon“. Doch allein das Billard-Beispiel zeigt, dass dieser Dämon in Wirklichkeit ein zahnloser Tiger ist.

    Dennoch gibt es immer noch Führungskräfte, die an ihn glauben und die Zukunft des Unternehmens für grundsätzlich berechenbar halten. In den achtziger Jahren kam das Buch „Auf der Suche nach Spitzenleistungen“ auf den Markt, eines der erfolgreichsten und prägendsten Managementbücher bis zum heutigen Tag. Geschrieben haben es Thomas J. Peters und Robert H. Waterman, zwei McKinsey-Berater.

    Ihre Grundthese: Wirtschaftlicher Erfolg ist – mit den richtigen Managementtools – grundsätzlich planbar. Und als „Beweis“ wurden dann im Buch eine Reihe von Erfolgsunternehmen vorgestellt – von denen heute gerade die Hälfte noch auf dem Markt ist. Der Rest ist pleitegegangen oder wurde aufgekauft.

    Ökonomische Systeme sind deswegen so schlecht voraussagbar, weil – wie beim Billard - buchstäblich alles mit allem verbunden ist. Manchmal gelingt es in der Physik, einen speziellen Effekt, ein bestimmtes Molekül von der Außenwelt vollständig zu isolieren. Nur dadurch hat man eine Chance, das Verhalten in seiner reinen Form zu messen und eindeutig vorherzusagen.

    Genau das ist in ökonomischen Systemen aber nie möglich. Man kann ein Unternehmen, eine Abteilung oder eine simple Managemententscheidung nicht mal eben einfach in eine Petrischale legen und mit Stickstoff herunterkühlen, um zu untersuchen, wo genau das Problem liegt. Menschen, Märkte und Produkte interagieren immer und überall auf vielfältigste Weise miteinander. Das Zauberwort heißt Komplexität.

    Genau das war der Denkfehler von Thomas J. Peters und Robert H. Waterman. Sie haben ein komplexes mit einem komplizierten System verwechselt. Ein Flugzeug z.B. ist ziemlich kompliziert, aber man kann es präzise steuern. Ein Unternehmen jedoch ist komplex. Und komplexe Systeme verhalten sich unberechenbar.

    Der Laplacesche Dämon ist übrigens von Douglas Adams in seinem Buch „Per Anhalter durch die Galaxis“ parodiert worden. Der Supercomputer „Deep Thought“ rechnete fünf Millionen Jahre, um die große Antwort auf das Leben, das Universum und den ganzen Rest zu berechnen. Und er kam auf „42“. Aber wie lautete nochmal die Frage?

    Vince Ebert ist Diplom-Physiker und Kabarettist. In seinen Bühnenprogrammen, Vorträgen und Büchern vermittelt er naturwissenschaftliche Themen mit den Gesetzen des Humors in deutscher und seit Neuestem auch in englischer Sprache. Mehr Infos und alle Termine unter www.vince-ebert.de

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