Der Wirtschaftsbeschleuniger Warum die Globalisierung ein Segen ist

Kaum ein Thema wird so kontrovers diskutiert wie die Globalisierung. Sie mag eine komplexe Herausforderung sein. Doch diese lohnt sich.
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Der studierte Physiker Vince Ebert ist Kabarettist, Vortragsredner und Bestsellerautor. Mit seinem Bühnenprogramm „Zukunft is the Future“ ist er deutschlandweit auf Tournee.
Der Autor

Der studierte Physiker Vince Ebert ist Kabarettist, Vortragsredner und Bestsellerautor. Mit seinem Bühnenprogramm „Zukunft is the Future“ ist er deutschlandweit auf Tournee.

Wir leben in einem Land, in dem Meinungs- und Religionsfreiheit hoch angesehen werden. Auch auf unsere Presse- und Reisefreiheit sind wir stolz. Beim Recht, freien Handel zu betreiben, sind wir jedoch skeptisch. In bestimmten Teilen hat die Globalisierung keinen besonders guten Ruf.

Bei meinem Onkel Heinz zum Beispiel. Heinz ist 60 Jahre alt, Kfz-Mechaniker und Gewerkschaftsmitglied. Seit ich denken kann, ärgert er sich grün, wählt rot, ist abends blau und arbeitet nebenbei schwarz. Ein bunter Hund. Dreimal im Jahr streift er sich eine Mülltüte über, stellt sich vor die Tore seines Arbeitgebers und ruft mit seinen Genossen Parolen, die man leider nicht verstehen kann, weil die Trillerpfeifen so laut sind.

Als Heinz 1974 seine Lehre begann, war die Welt noch klar und einfach. Es gab zwei Weltmächte, zwei Fernsehprogramme und zwei große Volksparteien. Gut und Böse waren eindeutig unterscheidbar. Und wir sind alle mit realen Bedrohungen aufgewachsen: Kalter Krieg, Nato-Doppelbeschluss, Apfelshampoo. Jeden Morgen ging Onkel Heinz stolz durchs Werkstor und montierte Hutablagen in Autos, deren Modellnamen an Meerestiere und Schweizer Urlaubsorte erinnerten.

Als fertiger Geselle verdiente er sechs Mark in der Stunde, hatte 20 Tage Urlaub im Jahr und träumte von einem orangefarbenen Sportcoupé aus hauseigener Produktion. Natürlich mit Fuchsschwanz, Lufthutze und Rallyestreifen. Heinz war zufrieden. Heute hat er ein eigenes Häuschen, sitzt unkündbar im Betriebsrat, fährt heimlich Daimler-Benz und ärgert sich über die Globalisierung.  

Ein bisschen kann ich ihn sogar verstehen. Denn Globalisierung bedeutet, dass ein Rüsselsheimer Facharbeiter seinen Job verliert, damit in Neu Delhi drei neue entstehen können. Das ist zwar toll für die Inder, aber meinem Onkel macht das Angst.

Doch auch, wenn es zweifellos Globalisierungsverlierer gibt, ist die Gesamtentwicklung positiv. Seit der freie Handel große Teile der Welt erfasst hat, haben sich mehr Menschen von Armut befreit als jemals zuvor in der Geschichte. In den letzten 50 Jahren sank der Anteil der Menschen, die in den Entwicklungsländern nicht genug zu essen hatten, von 45 auf 18 Prozent. Im gleichen Zeitraum stieg die weltweite Lebenserwartung von 35 auf 67 Jahre.

Meinem Onkel sind die positiven globalen Entwicklungen wurscht. Stattdessen fürchtet er, dass die Hutablage demnächst in einem Werk in Bangalore eingebaut wird. Dabei hat der Inder zu Hüten überhaupt keinen Bezug. Jeder weiß doch, dass Turbane in den Erste-Hilfe-Kasten gehören.

Die freie Marktwirtschaft macht ihm Angst, weil sie seinem Arbeitgeber mehr Freiheiten gibt, als er ertragen kann. Deswegen findet er auch den Gedanken an staatliche Regulierungen so charmant. Doch wenn man versucht hat, Wettbewerb und Konkurrenz zu unterdrücken, ist man damit ziemlich oft gegen die Wand gefahren. Wenn Sie in der DDR in einen Eisenwarenladen gegangen sind, haben Sie keine Nägel bekommen. Da gab’s auch keinen Hammer. Von einer Sichel ganz zu schweigen. Das einzige, was die hatten, war: „Geöffnet“. Und auch nur, weil es noch nicht mal Schlösser gab.

Die meisten Menschen glauben dennoch: Je komplizierter eine Gesellschaft ist, desto weniger dürfe man sie sich selbst überlassen. Das heißt, umso mehr muss sie gelenkt, geplant, reguliert und konstruiert werden. Das ist ein großer Trugschluss. Aus der Physik weiß man, dass sich nur die allereinfachsten Systeme sinnvoll regulieren lassen. Je komplexer ein System wird, umso kontraproduktiver erweist sich eine bewusste Steuerung.

Ein Beispiel: Die holländischen Gemeinde Drachten hatte mit einer sehr hohen Verkehrsbelastung zu kämpfen. Deswegen versuchte man, den Verkehr durch immer mehr Ampelanlagen und Schilder besser in den Griff zu bekommen. Mit katastrophalen Folgen.

Bis der städtische Verkehrsplaner auf eine vollkommen verrückte Idee kam: Er ließ praktisch über Nacht alle Ampeln und Schilder abbauen! Mit dem paradoxen Ergebnis, dass nach kurzer Eingewöhnungsphase der Verkehr plötzlich wieder geflossen ist. Die Autofahrer achteten nicht mehr auf starre Regeln, sondern auf die anderen Verkehrsteilnehmer.

Manchmal ist es besser, nichts zu tun, als das falsche. Auch wenn das mein Onkel Heinz partout nicht einsehen will. Insgeheim sehnt er sich nach einer DDR-light, in der es keine Arbeitslosigkeit gibt, kein Outsourcing und vor allem keine asiatischen Reisschüsseln mit serienmäßiger Sitzheizung und affiger Einparkhilfe. Jedes Mal, wenn er auf seinem Samsung-Flachbildschirm die neueste Toyota-Werbung sieht, schaltet er demonstrativ auf Arte.

Freie Marktwirtschaft und Globalisierung garantiert uns Wohlstand, Kiwis für 29 Cent und die Chance, dass ein indischer Arbeiter sich aus eigener Kraft von Armut befreien kann. Und irgendwann kann er sich vielleicht sogar ein orangefarbenes Sportcoupé aus hauseigener Produktion leisten. Mit Fuchsschwanz, Lufthutze und Rallyestreifen. Turban-Ablage inklusive.

Natürlich wird der freie Markt nie perfekt funktionieren, aber er funktioniert immer noch besser als die meisten staatlichen Lenkungen. Wem vertrauen Sie mehr? Ebay oder unserem Rentensystem? Wo ist es sicherer? In Ihrem Garten oder im Stadtpark? Wo ist es sauberer? Auf öffentlichen Toiletten oder in Ihrem Badezimmer? Sollten Sie ein männlicher Single sein, vergessen Sie die letzte Frage.

Vince Ebert ist Diplom-Physiker und Kabarettist. In seinen Bühnenprogrammen, Vorträgen und Büchern vermittelt er naturwissenschaftliche Themen mit den Gesetzen des Humors. Mehr Infos und alle Termine unter www.vince-ebert.de. 

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